Nils-Momme Stockmann, Der Fuchs. Ein Buch, das viel will, wenn nicht gleich alles, das Große und das Kleine (aber schon vor allem das Große), das Abstrakte und das Konkrete (aber schon vor allem das Abstrakte), das Wuchtige und das Zarte (aber schon vor allem das Wuchtige). Eine Jugend im hohen deutschen Norden multipliziert mal entgrenzte Endzeitfantasie mal entgrenzte Misanthropie mal entgrenzte Metaphysik. Nie ganz berechenbar und vor allem deshalb überwiegt bis zum Ende die Faszination, die aber schon einige Hürden überwinden muss. Vor allem, nachdem im zweiten Hälfte die Grundierung in einer präzisen Erinnerungsfiktion wegbricht: Dieser eine Tag in diesem einen Sommer, ich und meine Kumpels vertreiben uns die Zeit, da hinten ist der Deich und hinter dem lauern die tumben Schläger. Werde ich vor ihnen wegrennen können? Solange Stockmann seinen Textfluss immer mal wieder auf diese Provinzminiatur herunterbremst, stimmt die Balance. Andererseits hat Stockmann gar kein Interesse an einer stimmigen Balance und das ist natürlich sein gutes Recht. Warum sich jedoch das, was den Text aus der Balance bringt, immer wieder und gegen Ende ziemlich penetrant nach pubertärem Fundamentalpessimismus anfühlen muss? Die Frage kann ich doch nicht so ganz beantworten.
In einer Nacht, woanders, Katerina Poladjan. Ein Sprachfluss, dem ich mich solange gerne anvertraue, bis ich zu ahnen beginne, wohin er fließt, in was für eine Erzählung er münden wird. Eine Frau kommuniziert beim Besuch der alten russischen Heimat mit ihrer zur Vergegenwärtigung drängenden Vergangenheit, spricht ihr altes Ich wie auch das alte Ich der Mutter immer wieder direkt an - während ihr gegenwärtiges, nach Deutschland emigriertes, ein braves Lehrerdasein fristendes Ich ihr zunehmend fremd wird. Das gegenwärtige Ich der Mutter wiederum ist nicht nur fremd, sondern außerdem dement und schlicht nicht mehr sinnvoll ansprechbar. Als von Anfang an strategischer Störfaktor im Erinnerungsstrom platziert wird Pjotr, ein Typ, der der Welt der Vergangenheit zu entspringen scheint, aber gleichzeitig auch in der Gegenwart stur präsent bleibt, sich einfach nicht wegquasseln lässt. Eine Weile ist er - Prinzip der Männlichkeit eher als ein realer Mann - ein interessanter Widerstand im Text. Bis, eben, der lange offen und im besten Sinne hilflos anmutende Bewusstseinsstrom begradigt wird und Pjotr plötzlich vor allem ein Plot Point ist. Und zwar ein ziemlich wichtiger. Am Ende wird - hilft ja auch nichts, das Elend zu verschweigen - doch wieder einmal nur ein Familientrauma aufgearbeitet worden sein.
Kangal, Anna Yeliz Schentke. Wieder mal keine Ahnung, was das Feuilleton in diesem Buch sieht. Woher kommt dieser unstillbare Appetit auf flott-eingängige Diskursliteratur? In diesem Fall würde ich selbst schlicht sagen: Medium verfehlt. Als ein dokumentarischer Magazinartikel, oder meinetwegen eine Artikelserie (dafür würde das Material eventuell schon knapp werden) wäre das vielleicht aufgegangen. Erfahrungsdichte, nicht diskursive Stimmigkeit, das wär's gewesen. Was bleibt, ist außerdem wieder einmal der Eindruck: Ein Grundübel der deutschen Gegenwartsliteratur ist ihre Fixierung auf Montagetechnik: multiperspektivisches Erzählen heißt oft und hier ganz besonders nicht, am Reichtum der Welt zu partizipieren; ganz im Gegenteil wird dieser Reichtum immer schon zugunsten eines antizipierten dramaturgischen Payoffs zurecht gestutzt. Allzu viel Energie wird darauf verwendet, sich Menschen narrativ und ideologisch zurecht zu legen. Die Folge davon ist, dass keine der drei Hauptfiguren sich von der Funktion, die die Montage ihr zuteilt, emanzipiert. Ansätze dazu gibt es höchstens sehr gelegentlich bei Ayla; die freilich von der Geschichte, in die Schentke sie zu involvieren will, kaum auch nur ernsthaft aktiviert wird.
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