Friday, October 13, 2017

Treppen und Sitzgelegenheiten

Ein Treppenexzess sondergleichen, in Dallas 2.04, "Bypass". Genauer gesagt eine Trias: Frauen, Treppen, Alkohol. Zunächst vor dem Anwesen, dessen Herrin Sue Ellen bald zu werden glaubt. Der wehende Wind. Das Whiskeyglas rückt ins Zentrum der Einstellung, wie um das Bild zu kalibrieren. Frustrationssuff und Wohlstandspsychose, aber schon auch Stilbewußtsein.







Die Bilder malt eine andere Frau: Pamela. Ihre Fantasie ist weniger konkret, aber letztlich genauso vulgär.










Eigentlich im Gegenteil. Sue Ellens Tanzschritte auf der Treppe sind ehrlicher Ausdruck von Lebensfreude und von einem hedonistischen Körpergefühl, das sie selbst andernorts kaum ausleben kann (sicher nicht in der Ehe mit J.R.), das Pamela aber vermutlich nicht einmal vom Hörensagen kennt.









Wenn es zur Konfrontation mit Pamela kommt, verengt sich das Bild, ein zweites Geländer taucht auf, sodass man den Eindruck hat, dass es überall nur noch Treppen, Treppen und nochmal Treppen gibt. Die Treppen verlieren ihren erotischen Reiz und werden zum Gefängnis. Und dann taucht auch noch die Schwiegermutter auf.








Ein weiterer Blickwechsel, diesmal Pamela und die Schwiegermutter, die der Treppe eine gewisse Alltäglichkeit zurückgibt. Pamela, die von allen Figuren der Serie am wenigsten weiß, was sie will, schaut ihr verträumt hinterher.





Monday, October 09, 2017

The Lady Hermit, Ho Meng Hua, 1972

Hinreißend ist, zumindest zunächst, das Verhältnis der beiden Hauptfiguren zueinander, die Art, wie sich die jungen Tsui Peng (Shih Szu), die Kampfsportlerin werden will, an die Fersen der Großmeisterin Yu Ling / Lady Hermit (Cheng Pei-Pei) heftet, die sie als einzige für sie taugliche Lehrerin identifiziert hat. Zum Beispiel: wie sie gar nicht bemerkt, dass die Lady Hermit bereits inkognito in ihr Leben getreten ist, als bescheidene, gebrechliche Dienstmagd. Oder auch, wie die beiden dann zum ersten Mal gemeinsam kämpfen, gleich auf Anhieb harmonisch vereint in einer Scope-Komposition. Lady Hermit ist in dieser Phase des Films noch immer eine prekäre Präsenz, sie wirbelt ein paar Minuten lang durchs Bild und verschwindet wieder. Ein wenig später huscht sie, in einer formal herausragend konstruierten Sequenz, durchs Gebälk eines weitläufigen Gebäudes, während sich unten Ärger anbahnt, wie eine Fledermaus hängt sie an der Decke, widersetzt sich dabei der Schwerkraft auf eine Art, die man gar nicht so genau nachvollziehen kann. Anschließend schwebt sie für ein zweites, ausführlicheres Gefecht zu Boden, es ist die schönste Kampfszene des Films, die weiß verschleierte Lady Hermit huscht rotierend durch ein nächtliches Tableau, eine blutig-sanfte Bewegung, punktiert durch stillgestellte Körpertreffer.

Noch immer allerdings ist Lady Hermit nur Retterin, nicht Lehrerin der stur ihr auf den Fersen bleibdenden Tsui Peng. Damit die beiden endgültig zueinander finden, bedarf es eines Showwoman-Maneuvers: Tsui Peng überholt die zu Fuß das Weite suchende Lady Hermit zunächst auf dem Dach einer Postkutsche, und materialisiert sich anschließend im Staub knieend vor ihr. Über Cheng Pei-Peis Gesicht huscht ein kurzes, anerkennendes Lächeln, die Sache ist entschieden. Die anschließende Ausbildungsbeziehung zeichnet sich zum einen durch eine außergewöhnliche, überbordende Emotionalität aus - die beiden fallen sich mehrmals weinend um den Hals; andererseits dadurch, dass die Lehrerin eine Katze in den Trainingsplan integriert.

Schade, dass das eh nicht allzu überzeugende Drehbuch es für nötig befindet, das wunderbare Miteinander der beiden Frauen im letzten Filmdrittel in eine Dreiecks-Eifersuchtsbeziehung zu überführen.

Thursday, October 05, 2017

The Boxer's Omen, Kuei Chi Hung, 1983

Der Film beginnt mit einem uktraharten Kickbox-Fight, ein Schlagabtausch ohne jede Zurückhaltung, es gibt da eine tolle, recht lange Einstellung, auf halber Körperhöhe durch den Ring schwebend, wie als ob es auf er Welt nichts mehr gibt als die beiden Körper und die Schläge, die sie sich einander zufügen.

Dass das angedeutete Box-Drama mit dem wahnwitzigen Geisterfilm, der The Boxer's Omen in erster Linie ist, nicht das Geringste zu tun hat, das habe ich erst mit der Zeit verstanden. Allerhöchstens geht es um eine ungefähre Äquivalenz des Rabiaten: Wo am Anfang Fäuste fliegen, wird nachher in knallbunten Eingeweiden gewühlt. Alles gut ausgeleuchtet und primärfarbig angemalt. Auch eine Sexszene wenig später ist wenn nicht rabiat, so doch ähnlich bodenständig zeigefreudig: pralle Frauenbrüste, die sich exakt konturiert an die Fensterscheibe pressen. Aber es gibt, was diese Attraktionen angeht, ein unbedingtes Ungleichgewicht. Denn es ist keineswegs so, dass der buddhistische Budenzauber, in den die Hauptfigur alsbald Hals über Kopf verwickelt ist, auch nur irgendwie sich instrumentalisieren lässt für einen Kampfsportfilm mit generischem Racheplot. Oder gar für eine Liebesgeschichte. (Wobei der Sex später sozusagen zombifiziert wiederauftaucht, als weibliches, knapp bekleidetes Sexmonster und als penetrierende Laserstrahlen)

Nein, sobald es dem Film gelungen ist, seinen Helden aus dem halbwegs sicheren Hongkong nach Thailand und dort in einen Tempel zu locken, kennt er kein Halten mehr. Er fängt sich eine transkulturelle Besessenheit ein, von der er sich nicht mehr erholt. Es setzt sich eine (in filmsprachlicher Hinsicht von einer durchaus analytisch gedachten Montage betriebene) Transformationsmaschine in Gang, die wirklich alles in sich einverleibt, in sich hinein frisst, verwandelt wieder ausspuckt, dann in eine Krokodilleiche einschnürt, aus der sich wenig später wiederum andere Monstren erheben. Alles verwandelt sie in ihr Material, auch zum Beispiel Schrift, vor allem jedoch organisches Leben. Menschen wie Tiere sind erst einmal nur sich potentiell bewegende Dinge, die aus Haut, Farbe, Skelett, Eingeweiden und Flüssigkeit bestehen. Warum also nicht diese Elemente einzeln isolieren und neu zusammensetzen? Wieder und wieder? Die lustigen Neuschöpfungen können dann per putziger Stop-Motion-Technik durch eine Studiokulisse gehetzt werden, die wunderbarerweise stets gut ausgeleuchtet ist. Denn das ist vielleicht das wahnsinnigste an diesem Wahnsinnsfilm: Dass das eine gut ausgestattete Shaw-Produktion ist, die darauf achtet, das noch die größten Unfassbarkeiten sauber und effizient in Szene gesetzt werden.