Wednesday, January 31, 2024

eigengewicht

das leere wasserglas, das, aufrecht, auf die oberfläche eines ansonsten unbewegten wasserbeckens platziert und dann losgelassen wird:  es sinkt ein, schnellt wieder nach oben, kippt anschließend zur seite, sodass eine bestimmte menge an wasser ins innere des glases gelangt. ist die menge zu groß, sinkt das glas zum boden des beckens, und zwar schnell. ist sie zu klein, bleibt die schieflage bestehen. nur eine mittlere menge sorgt dafür, dass das glas, nachdem das erhöhte eigengewicht die schieflage korrigiert hat, aufrecht im becken "in der schwebe" bleibt, stabilisiert durch die differenz seines eigenen wasserpegels zu dem des beckens. was mich daran interessiert: es handelt sich nicht um einen kontinuierlichen prozess, sondern um eine ereigniskaskade, die vom experimentator, gegeben er ist ein mensch, kaum zu kontrollieren ist. kleine differenzen in der durchführung resultieren in riesigen unterschieden im in sich dann stabilen ergebnis.

Thursday, December 14, 2023

tommy

in der häme über gottschalk artikuliert sich auch deutscher selbsthass. denn sein publikum wusste stets, dass gottschalk, seinem erfolg zum trotz, nicht deutsch genug war fürs deutsche fernsehen. sein sehnsuchtsort war und blieb amerika, die amerikanische kulturindustrie. die alltäglichkeit, die beiläufigkeit ihres glamours, die abwesenheit alles staatstragendenden. anders als sein nachfolger raab und sein nachnachfolger böhmermann verstand gottschalk fernsehen als alltagsbegleitung, als alltagsglamourisierung, nicht als eventproduktionsschmiede. nur schmidt war ihm, eine weile lang, nah im deutschen fernsehen, doch wo der immer etwas zu sehr um seinen ruf beim feuilleton und um den anschluss an die hochkultur bemüht war, blieb gottschalks problem die überidentifikation mit den etablierten formaten des mainstreams: die große samstagabendshow. auch im jeweiligen abschiednehmen treten die beiden entertainerschicksale auseinander. schmidts ende ist tragisch, gottschalks eine farce.

Wednesday, December 13, 2023

Es ist laut

Es ist laut, man möchte alles, bloß nicht mitlärmen. Dennoch, eine kleine Perfidie, die nicht komplett untergehen sollte: Der unsägliche Slogan "Free Palestine from German Guilt", der anlässliche einer Demonstration vor der israelischen Botschaft Schlagzeilen machte, war bereits auf der Documenta 15 präsent. Deren Mitkuratoren Reza Afisina und Iswanto Hartono setzten ihre Social-Media-likes dann allerdings nicht unter die Bilder dieser Demonstration, sondern unter ein Video der Neukölner Jubelparty am 7. Oktober, in deren Verlauf auf der Straße zu Ehren des Judenmords Süßigkeiten verteilt wurden. Man sollte die gesamtgesellschaftliche Relevanz des Kunstszene nicht überschätzen. Gleichwohl zeigt sich auch in solchen kleinen Verschiebungen, wie Verrohung unter den medialen Bedingungen der Gegenwart perpetuiert wird.

Thursday, November 30, 2023

Keine Essayfilme, keine Videoessays

Keine Essayfilme mehr, weil der Essayfilm von einer Ordnung der Bilder ausgeht, die keine Geltung mehr hat. Von einer Gemeinschaft der Bilder, die im ordnenden Zugriff des Subjekts sich als ein Diskurs entfaltet, der auf die Relevanz und Selbstidentität jedes einzelnen Bildes zurückverweist. Einer Selbstidentität, die dann wiederum vom selbstidentischen Subjekt beglaubigt wird. Damit ist der Zirkelschluss vollendet. Die Bilder kommunizieren im Essayfilm nicht als Bilder miteinander, sondern als Stellvertreter ihrer ihnen oktroyierten kognitiven Essenz. Der Essayfilm ist das Bilderbuch des alten Europas. In Wien ist die Welt noch in Ordnung, denke ich mir, wenn ich einen Essayfilm sehe. Aber die Welt ist nicht Wien.

Keine Videoessays mehr, weil der Videoessay statt das Bild das Ich überhöht. Den kritischen Zugriff durch das transzendentale Subjekt ersetzt er durch etwas Schlechteres, die stets bloß affirmierende Blindheit des Affekts. Das Bild wird zum Signum einer narzisstischen Verletzlichkeit, die technische Vermittlung ignoriert und dem Kitsch Tür und Tor öffnet. Die Bilder sollen wieder uns selbst gehören, spricht sein Fantasma, nicht der Macht. Eben in seiner vermeintlichen Bescheidenheit entmächtigt der Videoessay das Bild. Dass das Bild ein Rätsel sein könnte, dessen Lösung außerhalb meines Blicks liegt: diesen Gedanken kann der Videoessay nicht denken.

Wednesday, November 29, 2023

Kaufe Zahngold (auch mit Zähnen)


Dominik Grafs Mein Falke (Buch: Beate Langmaack) ist ein schöner Film, der weiß, dass wir alle nur mit ein wenig Zivilisation angereicherte Biomasse sind; und dass das letztlich gar nicht so schlimm ist. Ich hoffe, dass seine aktuelle, mit Hanne begonnene und bereits letztes Jahr mit Gesicht der Erinnerung fortgeführte (Fernseh-)Werkphase der kleinformatigen, weiblich zentrierten, dramaturgisch wenig zugespitzten Gegenwartsdurchmessungen noch eine Weile weiterläuft.

Tuesday, October 31, 2023

Ein Buch: Schloss Gripsholm von Kurt Tucholsky

Ein Buch fürs an einem Tag durchlesen, ein Buch nach menschlichem Maß, ein Buch, das zu meiner Hand passt, wenn ich es halte. Gekauft habe ich es in Bamberg, in einer gut sortierten Buchhandlung, die Titelgrafik passt weder zu Stil noch zu Handlung, aber das alles dominierende Rot des Sonnenschirms gefällt mir. Schön auch, wie unneurotisch eine Erzählung sein kann, die 1931 in Deutschland verfasst ist und hier und da unter "Erotica" geführt wird. Was aber hatte Tucholsky gegen Wiener?



Friday, October 27, 2023

Füsun Onur

schöne ausstellung im museum ludwig, läuft noch eine weile. kunst, die einen einlädt, zeit mit ihr zu verbringen und erst einmal gar nicht mal so viel mehr will. die abstrakteren arbeiten, die eher den raum, in dem sie sich befinden, kennzeichnen, als auf etwas außer sich zu verweisen, machen einem das mit-ihnen-sein am leichtesten, aber auch die konkreteren, referentiellen öffnen sich nach und nach, ohne dass sich deshalb eine ehrfurchtsgebietende aura reinstallieren würde. die holzleisten, die im ludwig die einzelnen arbeiten umgrenzen, werden zur schwelle, die man überschreiten kann oder auch nicht.

Sunday, September 10, 2023

Ein Buch: Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze von Wilhelm Genazino

Genazinos letzter Roman. Nicht um einen Abschluss bemüht; warum sollte er auch. Vielleicht nicht mehr gar so sorgfältig redigiert, denke ich bisweilen, aber das ist vermutlich bösartig, ich finde mich da immer noch mehr wieder als überall sonst. Die Covergestaltung der dtv-Taschenbuchausgabe ist nicht ideal, weil sie einen groß-, statt kleinbürgerlichen Modus der melancholischen Einsamkeit aufruft.



Wednesday, July 26, 2023

Geruch der Gesellschaft

 

Niklas Luhmann, Das Recht der Gesellschaft, Fußnote 71. Plötzlich weht, ich traue meinen Augen kaum, nicht nur ein Geruch, sondern gar die Erinnerung an einen Geruch durch die ansonsten gemäß der Begrifflichkeiten von sich wechselseitig beobachtenden gesellschaftlichen Subsystemen konstruierten Hallen der Systemfunktionalität. Das ist eine Rekonstruktion wert: Das biologische System Niklas Luhmann wird, vermutlich irgendwann zwischen 1949 und 1953 während der Referendarausbildung in Lüneburg, von Duftmolekülen irritiert und gibt diese Irritation, intern verarbeitet, an das psychische System Niklas Luhmann weiter. Hier löst die Irritation kognitive Prozesse höherer Ordnung aus und verknüpft sich mit weiteren Sinneseindrücken: die gefetteten Stiefel der Grundbesitzer und gar die ländliche Umgebung verbinden sich mit der Geruchsimpression zu einer komplexen semantischen Struktur, die die Erinnerungsfunktion des psychischen Systems Niklas Luhmann im Anschluss zu vergessen vergisst. Und die noch viele Jahre später dazu in der Lage ist, die Kommunikation des Wissenschaftssystem zu irritieren. Heute wiederum, da das psychiche wie das biologische System Niklas Luhmann erloschen sind, schlägt sich diese Kaskade lediglich in der Tatsache nieder, dass ein soziologischer Klassiker momenthaft die Systemreferenz wechselt.

Wednesday, May 31, 2023

Ente unter Flamingos

Was schwimmst Du unter den Flamingos, Ente? Die großen rosa Vögel wollen nicht Dein Gutes. Mit ihren langen Hälsen und mächtigen Schnäbeln attackieren sie Dich wieder und wieder und Du kannst Dich nicht wehren. Hilflos streckst Du einmal Deinen eigenen Hals in ihre Richtung, wie um sie nachzuahmen, aber Du erreichst kaum die Hälfte ihrer langen, dünnen Beine. Du pickst nach oben, sie picken nach unten. Sie haben die Übersicht, Du schwimmst hilflos gegen ihre Beine. Dein Schnabel ist friedlich und genügsam, ihrer aggressiv und neugierig. An all dem wirst Du nichts ändern können.

 

Ist es wirklich die Nahrungssuche, die Dich hierher treibst, einsame Ente? Nicht weit entfernt schwimmen Deine Artsgenossen in einem weitaus größeren Teich, einem Teich ohne Flamingos. Aber es gibt auch Wiesen, gleich nebenan, die Du für Dich alleine hättest. Dich aber hat es zu den rosa Vögeln verschlagen. Warum nur? Was schwimmst Du unter den Flamingos, Ente?

 

 

(Der Schnabel der Ente: In seiner "natürlichen" und ja auch ikonischen Stellung ist er nicht exponiert, zur Welt hin orientiert, sondern ruht auf der Entenbrust. Er ist kein Werkzeug, sondern Teil einer Gesamtheit.)