Saturday, January 03, 2026

Gegenwartsliteratur, ein Sample (20)

Offene Blende, Antje Rávik Strubel. Eine Liebe blüht auf dem geteilten Boden der Fremdheit, in einem New York, das durchweg fremd, kalt und vermittlungsbedürftig bleibt. Gleich zwei Medien schiebt der Text, mit einigem rhetorischen Aufwand, zwischen die Stadt und die beiden Subjektiven, die einander im Text abwechseln: das Theater und die Fotografie. Das Sozial- und Körpermedium Theater ist das Interessantere wenngleich schon auch Opakere der beiden, die Fotopassagen langweilen mich schnell, es geht um Zufallsfunde, die Magie des Nichtintentionale, das darin doch wieder aufscheinende Punktum subjektiver Wahrheit und so weiter; das sind allesamt Gedanken, die ein paarmal zu oft gedacht und oft und tendenziell auch hier mit etwas zu viel Pathos ausformuliert worden sind. Auch, dass die beiden, die sich in New York treffen und lieben, eine Ostdeutsche und eine Westdeutsche sein müssen, ist mir schon wieder zu viel konzeptueller Überbau. Dabei ist die Liebesgeschichte an sich toll. "An sich", das heißt, immer dann, wenn sie sich vom Überbau emanzipiert und da nur noch zwei begehrende, jedoch meist eben doch erst einmal ein begehrender und ein begehrter Körper sind, ungleiche Energien, die sich meist schmerzhaft verfehlen, nur immer mal wieder kurz zusammenfinden, und sei es nur für ein paar kostbare, in sich verschlungene Sätze.

Die Rassistin, Jana Scheerer. Da weiß man plötzlich, was man an "Identitti" hat. Dabei sind die wenigen Stärken und in diesem Fall besonders vielen Schwächen in beiden Fällen ähnlich verteilt. Auch Scheerer hat ein gewisses Gespür für das Screwball-Potential der akademikschen Bubble (den Sound überhitzt-professioneller Email-Kommunikation, in dem sich eitle Selbstdarstellung mit Höflichkeitsfloskeln und political-correctness-Hohlformeln verbinden hat sie zum Beispiel gut drauf), in diesem Fall verbunden mit einer kräftigen Dosis Cringe Comedy beziehungsweise Körperkomik - der Shitstorm auf dem Handy vermischt sich zwischendurch mit gynäkologischen Befindlichkeiten, aber die entsprechende Szene ist letztlich und andererseits genauso lauwarm zusammenkonstruiert wie der zentrale "Rassismus"-"Skandal" - die Anführungszeichen passen hier unbedingt, da realer Rassismus beziehungsweise die Erregung darüber bei Scheerer wirklich komplett hinter einem ausgedachten Sturm im Wasserglas verschwinden. Am Ende bleibt die Frage: Bücher über geisteswissenschaftliche Institute - gibt es da auch gute?

Schlafgänger, Dorothee Elminger. Hm, weiß nicht, nicht meins leider. Eine Reihe von opaken Erzählstimmen parallel geschaltet, quasi ein Multimonolog, der Raum lässt für allerhand Echos und Wiederholungen, ohne sich auch nur annähernd für dialogische Formen zu öffnen; oder gar so etwas wie einen Raum des geteilten Handelns und Erlebens zu öffnen. Radikal vor allem in seiner Verweigerung einer Entwicklung und sei es hin zu (noch) mehr Enthropie. Das Masterthema aller Monologe sind Migrationsbewegungen, Grenzen und ihre Überschreitung. Ein wenig wie in einem der abstrakteren Claire-Denis-Filme, aber leider komplett ohne deren sinnliche Wucht. Eine der Erzählstimmen gehört einem Logistiker und mir scheint, dass das Buch auch im Ganzen etwas zu sehr im Bann seiner eigenen Logistik steht.

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