Andreas Stichmann, Eine Liebe in Pjöngjang. Ein bisschen schamlos ist das Buch, aber das ist ja erst einmal nichts Schlechtes. Schamlos darin, wie Andreas Stichmann dieses sonderbare und schon auch sonderbar brutale Nordkorea in erster Linie und quasi ausschließlich als etwas benutzt, das sich literarisch ausbeuten lässt. Weil die hermetische Abgeschlossenheit des Landes eine Fallhöhe herstellt zwischen einer, über die wir viel zu wissen meinen, nur weil sie aus Deutschland kommt; und einer, über die wir gar nichts zu wissen können glauben, nur weil sie, eben, aus Nordkorea kommt. Es kann kein Gleichgewicht geben zwischen den Frauen, nicht in einer Liebesbeziehung und auch nicht literarisch, wir wissen das und Stichmann spielt mit unserem Wissen. Die Perspektive Stichmanns und seiner deutschen Hauptfigur fallen nicht ganz, aber weitgehend in eins, wenn dagegen gelegentlich die Koreanerin ins Zentrum rückt, bleibt die Distanz zu ihr unüberlesbar. Insgesamt bleibt das Buch bewusst eine Fantasie über Korea, was besonders dann deutlich wird, wenn als Buch im Buch das Gegenstück auftaucht: eine koreanische Fantasie über Deutschland. Die wird als so abenteuerlich und jenseitig beschrieben, dass Stichmanns Buch, so stark es phasenweise ist, mit der Imago dieses anderen Buches nicht ganz mithalten kann, vor allem am Ende nicht, wenn die Liebesgeschichte einem etwas zu final anmutenden Ende zugeführt wird. Vielleicht aber ist selbst noch diese Enttäuschung angesichts der Tatsache, dass wir das aufregende Buch im Buch nie werden lesen können, Teil des Spiels, das Stichmann spielt.
Christine Nössler, Morgen ohne gestern. Nicht das erste Buch im Sample, das umso schwächer wird, je mehr sich die Dinge klären. In diesem Fall kommt verschärfend hinzu, dass das Buch lange mit dem verlockenden Gedanken zu spielen scheint, dass sich die Dinge womöglich gar nicht klären werden. Dass also die Hauptfigur, Christine, das Gedächtnis, das sie verloren hat, schlicht überhaupt nicht wiedererlangen wird. Dass sie dauerhaft leben müssen wird mit dem Missverhältnis zwischen dem Leben, das sie in der Gegenwart lebt und dem, welches sie einst geführt hat - wie man ihr erzählt. Dass diesen Erzählungen nicht zu trauen ist, kann man sich beim Lesen recht schnell zusammenreimen, manchmal wird die meist nüchtern-lustige Sprache da gar ein bisschen plump und jemandem huscht eine Idee übers Gesicht oder Ähnliches, bevor er zu lügen beginnt. Es bleibt einem freilich eine Weile die Hoffnung, dass die Pointe in der Unsicherheit bestehen wird, die die Hauptfigur und mit ihr auch wir am Ende des Buches auszuhalten gezwungen sein werden. Und nicht in der Enttarnung der Vergangenheit, der Wiederganzwerdung der Erinnerung, der Entlarvung der Lügner und Lügnerinnen. Aber nun ja, eben auf Letzteres läuft das Buch hinaus und wenn man das einmal weiß, verleidet einem (mir) das auch rückwirkend den Lesespaß. So ist das mit der Erinnerung, sie schlägt gern Haken, wenn man sie lässt.
Enis Maci, Pascal Richmann, Pando. Als Gefangener meiner Vorurteile fühle ich mich mal wieder voll bestätigt nach einer Kurzrecherche über die Autoren: Wenn ich in Gedanken den Studiengang Kreatives Schreiben, den ich nie besucht habe, mit dem Regietheater der Gegenwart, dem ich ausschließlich gefiltert durch größtenteils öde Zeitungsbesprechungen begegne, multipliziere, kommt ziemlich genau diese Art gespreizt formlose, mir schon nach ein paar Seiten aber sowas von gegen den Strich gehende Bescheidwisserprosa heraus. Was in den Vorurteilen nicht aufgeht ist am ehesten noch die Liebesgeschichte, da leuchtet mir das forciert Präsentische am Text gelegentlich ein. Ansonsten: Was nicht bei drei auf den Bäumen ist, wird in dieses Buch gepackt und breitbeinig halbreflektiert, Multikrisen und Identitätskram, Kultur- und Zeitgeschichte der unbedingt global gedachten Art, schnoddrige Alltagsbeobachtungen, Theorieversatzstücke diverser Provenienz... Dieses und jenes kommt vor und dann auch noch Jürgen Elsässer und Nan Goldin. Eine besondere Vorliebe haben Maci und Richmann für ad-hoc-Zeitstrahlen, die einzelne Lebenslinien auf- und dann gleich wieder zusammenfalten. Der Kitt, der's (eher nicht) zusammenhält, ist linker Defätismus, immerhin ohne nostalgische Sehnsucht nach Kollektiven, aber letztlich ist am Schlamassel doch meistens irgendwie die westliche Moderne Schuld. Als Gegenwartsdiagnose kommt, vielleicht, etwas in der Art heraus: Alles hängt mit allem zusammen, meint man, aber gleichzeitig kollabiert alles in Gleichzeitigkeit, weshalb Kausalitäten nicht mehr so recht greifen. Kann schon sein, aber ich komme da eh nur drauf, weil ich das so ähnlich, nur viel schlüssiger, bei Luhmann gelesen habe... und überhaupt, was genau wäre dann die Aufgabe von Literatur? Das einfach abbilden? Was soll ich sagen, ist halt schlicht nichts für mich, das Buch. Alles Wissen ist Halbwissen, es kommt nicht drauf an, wieviel man davon hat, sondern was man draus macht.
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