Thursday, July 30, 2026

Gegenwartsliteratur, ein Sample (28)

Peter Stamm, In einer dunkelblauen Stunde. Ein Buch über einen ungefilmten Film, dessen Bilder gleichwohl, eben als ungefilmte, gleich mehrere Leben verändern, eine gegenwärtige Beziehung beenden, eine andere, vergangene, sichtbar werden lassen, eine dritte, zukünftige, zumindest als Utopie greifbar werden lassen... Das sollte alles durchaus mein Ding sein, und elegant geschrieben ist es auch noch. Reflektiert, spielerisch, immer wieder Haken schlagend, in angenehmer Distanz von aller autofiktionaler Schwere... und trotzdem, was will man machen, nur halb mein Ding. Ganz mitgehen kann ich nur im ersten Teil, der Komödie einer Filmemacherin auf Abwegen, immer unentschlossener ein Filmprojekt verfolgend, das sich auf einmal schrecklich einengend und vorformatiert anfühlt im Vergleich mit dem erotischen Möglichkeits- und Erinnerungsraum, den sie zu erkundigen beginnt, während der Lebens- und Filmemacherpartner möglicherweise seine Assistentin in deren Hotelzimmer vögelt. Ganz nebenbei bringt Stamm dabei auch die ästhetischen Fallstricke eines "künstlerischen" Dokumentarfilmschaffens auf den Punkt: steht am Anfang keine konzeptuell schlüssige filmische Idee, sondern lediglich ein vages inhaltliches Interesse, ist die Gefahr groß, dass am Ende Bilder herauskommen, die auch dem Thema nicht gerecht werden. Es wäre vermutlich unfair, dem Buch vorzuwerfen, dass es nach dem famosen ersten Teil in dieselbe Falle geht. Aber tatsächlich gelingt es Stamm schon nach dem ersten Zeitsprung nicht mehr, seine - immer noch filigrane - metafiktionale Anordnung in griffige Zustände (innere wie äußere) zu übersetzen. Die Vergangenheit der verpassten Chancen nimmt Überhand, sie erdrückt die Gegenwart zwar nicht, aber entwertet sie.

Andreas Pflüger, Kälter. Die Suche nach einem guten aktuellen deutschen Mainstream-Thriller geht weiter. Pflüger ist, zugegeben, schon eine andere Liga als Endres, Fitzek und Konsorten, das zeigt bereits der Anfang auf Amrum: eine schön spezifische Provinz-Welt, in die dann wuchtig Gewalt fast schon im Blockbusterformat hineinkracht. Dass Heldin Lucy gleichzeitig die toughste und die rührseligste von allen sein soll, klappt freilich von Anfang an nicht so richtig, ihre Amrum-Idylle ist brauchbar als sentimentale Fassade, hinter der Machtpolitik und Gewaltgeschichte zum Vorschein kommen, als emotionaler Anker jedoch taugt sie kaum, weil Lucy stets allzu routiniert umschaltet zwischen eiskalter Profi und nah am Wasser. Es fehlt eine Vermittlung zwischen beidem - Lucy ist stets nur gleichzeitig toughe und gebeutelte Hauptfigur, keine eigenständige Erzählstimme. Später dann mehr Blockbuster-Setpieces, die für sich selbst teils gut funktionieren - sehr gut sogar: ein ziemlich exzessives Gemetzel in einem israelischen Hotel; die aber letztlich in Serie geschaltete Attraktionen bleiben, retardierende Elemente vor der von Anfang an feststehenden finalen Konfrontation. Es entsteht keine Welt um Lucy herum, es entsteht auch keine Welt in ihr. Sie wird mitsamt der sie umgebenden, recht statischen (letztlich wissen doch immer alle wo alle anderen gerade sind) Agentenfiktion in die Realgeschichte geworfen, als Anker, der keinen oder zumindest zu wenig Halt findet. Dabei bin ich politisch voll und ganz bei Pflüger und Lucy, merke ich als spätgeborener Kalter Krieger schnell. Aber hilft nicht viel, die westliche Moderne darf nun einmal nicht unter Niveau verteidigt werden.

Jonas Lüscher, Kraft. Wozu der Aufwand? Längst nicht das einzige Buch im Sample, bei dem ich mir diese Frage stelle, und doch leuchtet mir in diesem Fall besonders wenig ein, warum sich Lüscher mit einigem stilistischen Aufwand und vermutlich auch auf der Basis von gar nicht mal wenig Rechercheaufwand ausgerechnet in diese müde Geschichte verbissen hat. Immerhin ist das mal ein Buch, könnte man einwenden, das sich in die Nähe aktueller Diskurse begibt. Die Silicon Valley Disruption und ihre thatcheristische Vorgeschichte. Freilich mit jeder Menge Netze und doppelten Böden. Shooting fish in a barrel, aber gleichzeitig von hinten durch die Brust ins Auge. An gleich drei Frauen lässt Lüscher seinen neoliberalen Vorkämpfer scheitern, und auch sonst demütigt er ihn mit ornamentaler Inbrunst. Ein Slapstick-Wassersportunfall ohne Badehose, das ist immerhin ganz lustig. Ein denkbar pathetischer Selbstmord, den ich weder der Figur noch dem Buch abnehme. Was bleibt? Nicht viel, die Leiden eines Nonkonformisten, der erkennen muss, dass er plötzlich gar kein Nonkonformist mehr ist, sondern Wegbereiter eines neuen und dann auch noch ganz besonders uncoolen Konformismus. Lebensstilkonflikte, die sich als politischer Dissenz tarnen und vielleicht auch umgekehrt.