Ursula Krechel, Landgericht. Das Buch macht, was seine Hauptfigur macht: Es und sie arbeiten sich beide an einer historischen Ungerechtigkeit ab. An derselben: dem Umgang des demokratischen Nachkriegswestdeuschlands mit den überlebenden Verfolgten des Naziregimes, insbesondere mit Juden, die dem Holocaust entkommen sind. Konkret geht es um die ohnmächtige Wut des jüdischen Richters, der ein bisschen Karriere machen darf in der Nachkriegszeit, aber nur den Schatten der Karriere, die ihm ohne die NS-Judenverfolgung möglich gewesen wäre; und dessen Versuche, seinem Leid auf offiziellem Wege - es ist der einzige, den zu beschreiten er sich vorstellen kann - zumindest pro forma Anerkennung wiederfahren zu lassen, fast durchweg scheitern. Kann eine solche ohnmächtige Wut in der literarischen Bearbeitung in einen anderen, weniger ohnmächtigen Modus wechseln? Ich bin mir nicht sicher, und weiß auch nicht so recht, warum dieses fraglos elegant geschriebene Buch (von fern weckt es gelegentlich Erinnerungen an die Ästhetik des Widerstands) Romanform annehmen musste. Die "dokumentarischsten" Passagen, zum Beispiel über das Mainz der Nachkriegszeit, sind die stärksten im Buch, die fiktional durchgeformtesten, vor allem die lange Rückblende ins kubanische Exil, die schwächsten. Das Verhältnis von Recherche und Fiktion ist, scheint mir, überhaupt eines der größten Probleme im Sample. Fiktion ist nicht nur bei Krechel ein Mittel, das einem Recherchezusammenhang im Nachhinein aufgepropft wird und immer ein bisschen zu sehr Technik bleibt.
Joachim Bessing, Untitled. Verspätete Popliteratur, dachte ich zuerst, und das stimmt wahrscheinlich auch. Ermattete Popliteratur vielleicht sogar, aber auch: Popliteratur, die mit ihrer eigenen Ermattung kokettiert. Popmusik, Drogen, Mode und letztlich auch der gesamte zeitgeistige Digitalkommunikationskram werden freilich nur aufgerufen, um sie der alles verzehrenden Liebesgeschichte in den Rachen zu werfen. Einer amour fou, der die Hauptfigur ganz und gar nichts entgegenzusetzen hat, eine äußere Welt sowieso nicht, jede Handlung ist immer schon Ersatzhandlung, aber auch keine innere, so sehr sich das Buch auch in ein selbst zurück zu ziehen versucht. Es bleibt eine Introspektion ohne Objekt. Subjektverschlingende Liebe in Zeiten, in denen mit dem Subjekt womöglich von Anfang an nicht viel her ist. Das hat schon was, aber auch Längen.
Birgit Birnbacher, Wir ohne Wal. Ein Generationenporträt schreiben alle und das will das Buch offensichtlich in der Tat sein, wobei ich schon das Geburtsjahr der Autorin googlen muss, um herauszufinden, dass da mehr oder weniger meine eigene Generation porträtiert werden sollte. So spezifisch provinziell-linksbürgerlich die Welt des Buches in 1000 Details, so universell das Pathos eines immer nur halb gelebten Lebens, einer immer schon arrestierten Bewegung. Eine Reihe von Miniaturen jedenfalls, mal locker nebeneinander aufgestellt, mal mehr oder weniger elegant miteinander verknüpft. Anstrengend dran ist die serielle Subjektivierung: immer wieder sprachlich in eine neue Haut schlüpfen, bis zur nächsten bitter-melancholischen Einbisschen-Pointe. Ziemlich mechanisch fühlt sich das auf die Dauer an, das ostentative Bemühen, hier und da offene Enden herumstehen zu lassen, macht aus fragmentarischem Stimmungsschnitzkunsthandwerk noch keinen offenen Text.
Joachim Meyerhoff, Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke. Offenherzig und menschenfreundlich und geschmeidig geschrieben und doch nur halb mein Fall. Nämlich soweit es um die Großelternwelt geht, dieses abstruse, alkoholgetränkte Münchner Großbürgeruniversum, dem Meyerhoff schönerweise nicht autofiktional-analytisch, sondern retrospektiv einfühlend nähert; wie von selbst erweitert sich das autobiographische Material da zu einem altbundesrepublikanischen Fantasiestück, dem Imago einer streng geordneten, absolut unflexiblen und letztlich komplett irrationalen, aber gleichzeitig genuin eigensinnigen und deshalb unbedingt verteidigungswerten Gegenwelt. Was mir nur leider gar nicht taugt, ist die gesamte Schauspielschulenhälfte des Buches. Vermutlich liegt es schlicht an meiner nach wie vor virulenten Sprechtheaterallergie. Die sich, merke ich beim Lesen, keineswegs nur auf zeitgenössische Regietheater-Gespreiztheiten bezieht. Die altmodische Bretter-die-die-Welt-bedeuten-Romantik, die Meyerhoff in immer neuen/ollen Facetten aufleben lässt, geht mir mindestens genauso auf den Keks.
Ulrike Edschmid, Das Verschwinden des Philip S. Schwer beeindruckt hat mich vor inzwischen auch schon wieder einigen Jahren Philip Werner Saubers Der einsame Wanderer, ein Außenseiterfilm, wie er im Buche steht. Expressionistisch-esoterisch an jedem Zeitgeist vorbei gefilmt und doch vermutlich ein Film, wie er so streng und versponnen und absolutistisch nur Ende der 1960er Jahre in Westberlin gedreht werden konnte. Edschmid erzählt vom Regisseur des Films als einem gleichfalls einsamen Wanderer, der eine Zeitlang an ihrer, Edschmids, Seite wanderte; bis er schließlich andere, terroristische Wege ging. Edschmid macht sich Sauber nicht gleich, dessen Drang zum Absoluten erst in der Kunst und später in der Politik kontert sie mit einer Betonung des alltäglichen Fließen der Zeit und auch mit ihrer Aufmerksamkeit für die Fragilität sozialer Beziehungen. Tatsächlich ist gerade das Protokollarisch-Nüchterne am Buch nahegehend; aber ganz frei von Romantisierung und linksbewegtem Gesinnungskitsch ist diese Rückschau dann doch auch wieder nicht. Fast scheint es mir manchmal, als habe Sauber in Edschmids Augen lediglich eine falsche Lifestyle-Entscheidung getroffen. Aber das ist natürlich von meiner Seite auch wieder nur moralische Übergriffigkeit.
Ab sofort: endlich wieder andere Bücher lesen!
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