Cinephiler Gossip. Ganz unerwartet endet der Film mit einer Widmung für die Tochter des Regisseurs, die - das behauptet die Widmung - vor gut zehn Jahren von ihrer Mutter, der portugiesischen Regisseurin Teresa Villaverde, entführt wurde. Wikipedia ist auch nicht viel glaubwürdiger, da gibt es zwar mehr Einzelheiten, aber keine Quellenangaben, noch mehr (auch zum Film) gibt es auf Jon Josts Blog und in einer Presseerklärung. Vor Imagens de uma cidade perdida hatte ich keinen Film von Jost gesehen, von Villaverde kenne ich noch immer nichts. Imagens... ist ein Lissabonporträt und ziemlich toll.
Gedreht hat Jost 1996/97, als er in der Stadt lebte, wegen der Villaverde "und anderer privater Schwierigkeiten (J.J. im Publikumsgespräch) hat er sich erst kurz vor dem Festival an den Schnitt gewagt. Gedreht ist der Film mit einer der ersten digitalen Kameras, die frei erhältlich waren. Imagens de uma cidade perdida sieht unglaublich gut aus, durchaus auch im Vergleich mit den heutigen Stadarts digitaler Kinoproduktionen. Jost scheint die neue Technik auf Anhieb beherrscht zu haben, manche Einstellungen sehen so aus, wie ich mir farbige Lav-Diaz-Filme vorstelle, die Farbe hat nichts Exaltiertes, fügt keine Vitalität hinzu, sie liegt eher wie etwas Anästhesierendes über den Dingen. Oft sind die Kompositionen leicht dezentriert, einige Bilder sind so aufgenommen, das die räumliche Orientierung schwer fällt (vor allem eines, in einem Straßencafe, das sich auf sonbderbare Weise zur Stadt öffnet.
Das Körnige des alten Zelluloid (genauer: des 16mm-Materials, mit dem Jost bis Mitte der 90er vorwiegend gearbeitet hatte) ist nicht vollständig verschwunden - wie im hässlichen HD-Look der Gegenwart - sondern transformiert in eine etwas andere, gröbere, härtere, aber deswegen nicht unbedingt weniger schöne Art von Textur, die sanft zwischen Betrachter und Süjet tritt.
Die meisten Einstellungen sind statisch und dauern verhältnismäßig lang. Meistens enge, steile Gassen, gepflasterte Plätze, Menschen und kleine Menschengruppen in der Lissaboner Altstadt. Keine feste Montagestruktur, aber manche Pattern kehren wieder: Ansicht einer Straße / Schnitt auf ein anderes Motiv / Ansicht der Straße aus einer etwas verschobenen Perspektive. Gelegentlich setzt sich die Kamera in Bewegung, meistens passiv. Abgesperrt ist sowieso nichts, Jost schneidet aber auch nicht die Reaktionen von Passanten, die die Kamera entdecken, weg. Dadurch schreibt sich die Produktionsrealität unaufdringlich in den Film selbst ein. Das Biografische bleibt, bis auf einen kurzen Moment, draußen. Sparsam eingesetzt dazu portugiesische Musik und Literaturzitate (u.a. Fernando Pessoa). Zwei längere Szenen zeigen, wie ein Kopfsteinpflaster festgeklopft wird, das ist vielleicht auch ein Bild, das sich der Film von seiner eigenen Herstellung macht, wie Sounds & Images geordnet und festgezurrt werden. Ein sehr angenehmer, in keiner Hinsicht aufdringlicher Film ist Imagens de uma cidade perdida. Von Jost möchte ich jetzt mehr sehen. Von Teresa Villaverde natürlich auch.
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Tuesday, February 01, 2011
Tuesday, November 02, 2010
Viennale 2010: Mistérios de Lisboa, Raoul Ruiz, 2010
Man möchte eigentlich Camilo Castelo Brancos literarische Vorlage lesen nach diesem Film, ein Epos aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, leider scheint es weder deutsche, noch englische Übersetzungen zu geben. Der Film kommuniziert nicht, wie viel von ihm in Brancos Werk angelegt ist, ob sich all die Intrigen, Betrügereien, Lügengeschichten schon bereits dort zu der sonderbar ursprungslosen Ursprungserzählung der Moderne fügen, die sie bei Ruiz geworden ist. Oder ob der Roman lediglich eine gut funktionierende Geschichtenmaschine war, die eher zufällig mit Chiffren der Moderne (französische Revolution, Amerika) angereichert wurde.
Der ungeheuer elegant inszenierte Film (dessen Grundbewegung der laterate tracking shot ist) zumindest konstruiert eine Welt, in der die Individuen nicht mehr identisch mit sich selbst und das heißt auch: nicht mehr identisch mit der sozialen Konfiguration, in die sie hineingeboren wurden, sind. Das Individuum wird zum Herr (seltener: zur Herrin) über die eigene Biografie. Aussehen, Namen, gesellschaftlicher Rang sind nicht mehr Natur, sondern werden Verhandlungsmasse. Verkleidung und Adoption sind die grundlegenden Motive, die den Film antreiben. Im Zentrum steht ein Junge, der im Gegensatz zu seinen Schulkameraden nur einen Vornamen trägt und deswegen gehänselt wird: In den Zusatznamen ist die Genealogie enthalten und damit für das jeweilige Gegenüber verfügbar. Ein Mensch mit nur einem Namen muss entweder Kind eines Niemand sein oder es muss eine Verschwörung gegen die Identität vorliegen. Letzteres ist in Mistérios de Lisboa der Fall, die Aufdeckung der einen Verschwörung führt allerdings nie weiter als zu einer neuen Verschwörung hinter der Verschwörung. So oder so entzieht sich ein Mensch ohne Zusatznamen den Kategorisierungen der Gesellschaft. In diesem Kind im Zentrum des Films, dessen Genealogie eine einzige Verschwörung ist, wird der Film zur Ursprungserzählung einer gesellschaftlichen Formation, die alle sozialen und biologischen Gegebenheiten in Potentiale verwandelt. Ursprungslos ist diese Ursprungserzählung, weil die Hauptfigur selbst fast nie handelndes Subjekt ist, sondern ein passiver Kristallisationspunkt bleibt, um den herum sich Geschichte um Geschichte, Betrug um Betrug anlagert. Die Hauptfigur selbst erlebt die Modernisierung als multiples Melodram, als ein ewiges "zu spät".
Der ungeheuer elegant inszenierte Film (dessen Grundbewegung der laterate tracking shot ist) zumindest konstruiert eine Welt, in der die Individuen nicht mehr identisch mit sich selbst und das heißt auch: nicht mehr identisch mit der sozialen Konfiguration, in die sie hineingeboren wurden, sind. Das Individuum wird zum Herr (seltener: zur Herrin) über die eigene Biografie. Aussehen, Namen, gesellschaftlicher Rang sind nicht mehr Natur, sondern werden Verhandlungsmasse. Verkleidung und Adoption sind die grundlegenden Motive, die den Film antreiben. Im Zentrum steht ein Junge, der im Gegensatz zu seinen Schulkameraden nur einen Vornamen trägt und deswegen gehänselt wird: In den Zusatznamen ist die Genealogie enthalten und damit für das jeweilige Gegenüber verfügbar. Ein Mensch mit nur einem Namen muss entweder Kind eines Niemand sein oder es muss eine Verschwörung gegen die Identität vorliegen. Letzteres ist in Mistérios de Lisboa der Fall, die Aufdeckung der einen Verschwörung führt allerdings nie weiter als zu einer neuen Verschwörung hinter der Verschwörung. So oder so entzieht sich ein Mensch ohne Zusatznamen den Kategorisierungen der Gesellschaft. In diesem Kind im Zentrum des Films, dessen Genealogie eine einzige Verschwörung ist, wird der Film zur Ursprungserzählung einer gesellschaftlichen Formation, die alle sozialen und biologischen Gegebenheiten in Potentiale verwandelt. Ursprungslos ist diese Ursprungserzählung, weil die Hauptfigur selbst fast nie handelndes Subjekt ist, sondern ein passiver Kristallisationspunkt bleibt, um den herum sich Geschichte um Geschichte, Betrug um Betrug anlagert. Die Hauptfigur selbst erlebt die Modernisierung als multiples Melodram, als ein ewiges "zu spät".
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