Tuesday, November 25, 2008

Filmkritik im Internet - Versuch einer Positionsbestimmung

Im Nachhall einer Tagung am vergangenen Donnerstag im Berliner Filmhaus zur Filmkritik im Internet wird online - neben der leidigen Geldfrage - vor allem eine Opposition diskutiert, die ungefähr folgendermaßen aussieht: Auf der einen Seite stehen - hauptsächlich - Blogger, die persönlich / privatistisch und subjektiv über obskure Filme schreiben, auf der anderen - hauptsächlich - Onlinemagazine, die auf journalistischen Diskursregeln beharren, objektive Kriterien zu etablieren versuchen und ihre Themenwahl am Publikum und damit gleichzeitig am Markt orientieren. Hier findet zur Zeit eine exemplarische Diskussion statt.
Ich selber bin, wie viele andere, auf beiden Seiten des Grabens aktiv. Hier soll es nur um die erste der beiden Scheinalternativen gehen. "Dirty Laundry" ist ein Blog, und zwar eines, auf das obige Beschreibung, ob als Vorwurf oder nicht, ganz besonders gut zu passen scheint. Mein Verständnis von dem, was ich hier machen (oder eher: machen möchte), hat mit diesen Beschreibungen sehr wenig zu tun. Vor allem gegen zwei Begriffe möchte ich mich wehren: Gegen den des Persönlichen und den der Obskurität.

Nicht persönlich

Eine Opposition, auf die ich mich nicht erst einlassen möchte, ist die zwischen Subjektivität und Objektivität. Selbst wenn Objektivität in der Praxis der Filmkritik nicht, wie Ekkehard Knörer es völlig richtig formuliert, automatisch die Objektivität des Marktes wäre, wäre sie unter den Bedingungen des Internets zurückzuweisen. Manch einer mag argumentieren, dass "objektive" Verfahren wie Kanonbildung und ähnliche Hierarchisierungen historisch zumindest für die Textproduktion und den Diskursfluss produktiv waren. Im Internet aber hat jede Filmliste eine inhärente Tendenz zur Expansion ins Unendliche und jeder Film hat, genau wie jeder Gedanke zu einem Film, zunächst dieselben Startbedingungen. Jeder Film hat - soweit dort gelistet - genau eine Seite auf imdb, nicht mehr und nicht weniger. Objektive Filmkritik im Internet wird angesichts der wiki-Struktur des gesamten Netzes zum Anachronismus.
Mir scheint jedoch der subjektive Pol, an dem sich Filmkritik im Internet ausschließlich abspielen kann, unterdefiniert zu sein. Der Widerspruch, der mich interessiert, ist nicht der zwischen subjektiv und objektiv, sondern der zwischen idiosynkratisch und persönlich.
"Dirty Laundry" ist kein persönliches Blog. Wer meine Texte liest, weiß, was für Filme ich sehe, welche mir gefallen und welche nicht, manchmal weiß er/sie auch, was ich lese und allerhöchstens noch, was ich über bestimmte politische Fragen denke. Sicherlich nichts wird er/sie hier über meine Persönlichkeit lernen.
Im Internet kann man - abseits vom Geschäft - auf zwei Arten aktiv werden: idiosynkratisch oder persönlich. Persönlich sind von ihrem Wesen her Webcams, idiosynkratisch Weblogs (was nicht heißen soll, dass es keine idiosynkratischen Weblogs geben kann, "persönliche" Weblogs im Sinne von Internettagebüchern gibt es jede Menge). Webcams haben mich nie interessiert (ebensowenig wie Internettagebücher, Facebook und dieser ganze andere Blödsinn).
In meinem Blog schreibe ich nicht persönlich, sondern idiosynkratisch. Zwar beziehe ich mich, wenn ich über einen Film schreibe, auf eine konkrete sinnliche Erfahrung, doch in wiefern diese sich auf Kategorien des Persönlichen bezieht, das interessiert mich am wenigsten, wenn ich über sie schreibe. Die Idiosynkrasien meines Interesses an Film lösen sich von mir als Person ab und manifestieren sich als unpersönliche, idiosynkratische Schrift im Netz (insofern möchte ich auch dem Titel des zweiten Podiums der Tagung widersprechen: Das Wort ist, wenn es einem Gedanken dient, der es Wert ist, gedacht zu werden, durchaus genug). Lange Zeit habe ich hier sogar anonym gebloggt.
Das Internet ermöglicht keine Transzendierung / Transformation des Persönlichen, aber es ermöglicht eine Vertiefung, eine Emanzipation und - in Maßen - eine Autonomisierung von Idiosynkrasien. Meine Netzpersönlichkeit ist eines gerade nicht mehr: persönlich.
Gerade weil sich im Netz die Idiosynkrasien so leicht vom Persönlichen lösen, taugen sie zu mehr als zu bloßen Nischendiskursen. Zwar sind Idiosynkrasien von Natur aus eher tief als breit, aber im Netz erweitern sie sich, sind anschlussfähig für Querverbindungen aller Art.
(Noch etwas holprig alles, da muss ich irgendwann einen neuen Anlauf versuchen)

Nicht obskur

Leichter zurückweisen könnte ich den Vorwurf, ich schreibe hier über obskure Filme. Das stimmt schlicht und einfach nicht. Die wenigsten der Filme, die hier vorkommen sind obskur, es sei denn aus einer strikten Multiplexperspektive. Als Beispiele meine letzten Einträge. Pineapple Express geschenkt, der Text sollte eigentlich nicht hier veröffentlicht werden. Doch weiter zurück: Las doce sillas ist eines der Schlüsselwerke des kubanischen Kinos und in Deutschland auf DVD erhältlich (sogar wahlweise in der synchronisierten DEFA-Fassung); Lino Brocka ist der wichtigste Regisseur der philippinischen Filmgeschichte, Insiang ist vielleicht sein Meisterwerk und lief seinerzeit in Cannes im Wettbewerb. Eben dort feierte dieses Jahr Lucrecia Martels wundervoller La mujer sin cabeza Premiere - und wird in der englischsprachigen Blogosphäre seither intensiv diskutiert. Lav Diaz wird seit Jahren weltweit gefeiert und ist inzwischen Stammgast in Venedig. Und so weiter.
Ich schreibe hier äußerst selten über Filme, die mit gutem Recht als obskur bezeichnet werden könnten. Es gibt durchaus Blogs und Magazine, die das tun: Mitternachtskino, Esotica etc. Auch solche Projekte feiern nicht ihr Expertenwissen als Selbstzweck; Ihnen geht es gerade darum, die entsprechenden Filme der unverdienten Obskurität zu entreißen.
Ich schreibe hier hauptsächlich über Filme, die früher einmal auch in Deutschland durchaus konsens-, wenn nicht sogar kanonfähig waren / gewesen wären. (Dass meine Texte zu kryptisch sind, hat damit nichts zu tun, das ist zu Teilen meiner Nachlässigkeit geschuldet, die ich hoffentlich demnächst besser in den Griff bekomme; in diesem Text leider wieder nicht so recht.) Wenn die Auswahl der Filme, über die ich hier schreibe, obskur erscheint, so liegt das nicht an der Auswahl, sondern daran, dass hierzulande der Diskurs fehlt, in den ich sie liebend gerne einbetten würde.

5 comments:

Anonymous said...

ich denke, dies schliesst daran unmittelbar an:

http://jungle-world.com/artikel/2008/47/30468.html

mono.micha said...

"Wenn die Auswahl der Filme, über die ich hier schreibe, obskur erscheint, so liegt das nicht an der Auswahl, sondern daran, dass hierzulande der Diskurs fehlt, in den ich sie liebend gerne einbetten würde." - ein wunderbarer Satz in einem tollen Beitrag. Danke dafür!

Lukas Foerster said...

@mono.micha: danke, das freut mich.

Der Artikel in der Jungle World ist on point. Vielleicht sollte man dennoch ergänzen, dass das amerikanische Indiekino strukturelle Probleme ganz eigener Art hat. Unter "Independentkino" firmieren da schon seit langem ganz andere Filme als die im Text erwähnten. Die von Büsser genannten Regisseure sind in Amerika kaum weniger obskur als hier. Harmony Korines neuester Film ist neulich wieder sang- und klanglos untergegangen, ein so großartiger Regisseur wie Ramin Bahrani hat in Europa wahrscheinlich mehr Unterstützer als in seiner Heimat.

Klaus said...

Naja letztlich schreibst du ja selbst, dass es bei der Frage obskur/nich obskur auf das Referenzsystem ankommt. Und wenn man als solches den deutschsprachigen Diskurs nimmt, sind viele deiner vorgestellten Filme ganz schön obskur. Was ich nicht verstehe, ist, wieso du dich dagegen wehrst.

Lukas Foerster said...

Nun ja, da gerät man natürlich in einen Zirkelschluss, wenn man das rein relation definiert, das ist mir klar. Ich beziehe mich, wenn ich "nicht obskur" schreibe, tatsächlich auf ein anderes Referenzsystem als den "deutschsprachigen Diskurs", da ich glaube, dass der fürs Schreiben über Film nicht den besten Rahmen darstellt.
Ich gehe davon aus, dass es halbwegs objektive Bezugsgrößen tatsächlich gibt: Wie sind die Filme verfügbar (DVD, VHS etc)? Wie oft werden sie in Programmkinos / auf Filmfestivals etc gezeigt? Was für eine Rolle spielen sie in historischen / theoretischen Diskursen? Und so weiter.
Die meisten der Filme, über die ich hier schreibe, habe ich in Berlin im Kino gesehen. Der Rest ist - abgesehen von wenigen Ausnahmen - legal und meist recht kostengünstig auf DVD verfügbar.
Es gibt ja tatsächlich Filme, bei denen das nicht so ist. Die Filme, über die ich hier schreibe, sind also meist durchaus nicht unsichtbar und eben auch nicht obskur, man muss nicht auf den grey market oder ähnliches zurückgreifen, um sie sich ansehen zu können (nicht, dass solche Filme nichts Wert wären, aber das sind dann eben Filme die vielleicht tatsächlich mehr oder weniger obskur sind).
Es geht mir hier gar nicht darum, dass ich selber unbedingt in irgendeinen Mainstreamdiskurs rein will, aber mit einem Wort wie "obskur" delegiert man ganze Kinematografien (und in der Übertragung ganze Länder und Kontinente) in Nischen und in die Zuständigkeit einiger Experten, die getrennt gedacht werden von einem "allgemeineren Diskurs". Und deshalb möchte ich nicht meine Texte, aber die Filme, auf die sie sich beziehen, gegen diese Beschreibung verteidigen.