Tuesday, February 14, 2017

King Drummer, Umetsugu Inoue, 1967

Thunderbolt trommelt, wo auch immer es etwas zu Trommeln gibt. Wenn irgendwo eine Blechbüchste herumsteht, wird getrommelt, im Gefängnis selbst noch trommelt er auf den Gitterstäben herum. Thunderbolt wird von einer Musikproduzentin entdeckt, die einen Nachfolger für einen anderen, abtrünnig gewordenen Spitzentrommler sucht. Dieser andere, Golden Arms Charlie, ist eher so der hinterhältige Trommler, wenn er hinter den Trommeln sitzt, grinst er verschmitzt und ein wenig verschlagen. Thunderbolt dagegen kennt beim Trommeln kein Kalkül, er trommelt frisch drauflos, bei seinem ersten Showauftritt trommelt er eine Tänzerin, deren Bewegungen er eigentlich nur flott untermalen soll, in eine Ekstase. Die Montage verschaltete seinen irren Blick, seinen Trommelschlag und ihren Körper zu einem Erregungszusammenhang, der den anwesenden Produzenten die Haare zu Berge stehen lässt.

In der Nacht vor dem großen Trommelduell hetzt Golden Arms Schläger auf Thunderbolt, die ihm eine Hand zertrümmern. Dann beginnt der Wettkampf. Auf einer Bühne sind zwei Podeste errichtet, auf denen jeweils ein Schlagzeugset steht, hinter denen dann jeweils ein Trommler sitzt. Abwechselnd geben sie eruptive Schlagzeugsoli zum besten. Gerade als es danach ausschaut, dass Thunderbolt verliert, gelingt ihm ein Coup: Seine kaputte Hand lässt den drumstick fallen, greift zum Mikrofon und stimmt eine beschwingte Melodie an: "I'm a jazz drummer, a crazy drummer. Forget your hatred, fight for your freedom". Golden Arms antwortet darauf mit einem noch verbisseneren Trommelgedonner, aber natürlich ist die Sache entschieden.

Daneben zwei, drei, vier locker skizzierte Melodramen. Thunderbolts Bruder ist Komponist, aber ihre Mutter hasst Musik, steht in der Küche und schimpft. "Musik ist nicht nutzlos" meint der Bruder verbissen. Lily Ho verführt Thunderbolt zunächst mit einem einzigen Blick übers Treppengeländer hinweg, glaubt dann aber, dass sie eine Nebenbuhlerin hat. Angela Yu schleppt Thunderbolt ebenfalls ab, haucht ihm dann aber am nächsten Morgen zu: zwischen uns ist nichts passiert, ich weiß, dass Du eine andere liebst, hier hast Du einen Orangensaft.

Thursday, February 09, 2017

The Hong Kong Tycoon, Tang Shu Shuen, 1979

Auf Youtube gefunden: der vierte und letzte Film von Tang Shu Shuen, die 1969 mit The Arch den ersten modernistischen Kunstfilm Hongkongs gedreht hatte; zehn Jahre später, als um sie herum gerade die Neue Welle losbricht, versucht sie mit einem reichlich sonderbaren satirischen Sozialdrama den Mainstream zu erobern. The Hongkong Tycoon beginnt als working-class-Slapstick-Farce um zwei tumbe Herumtreiber, die von Job zu Job stolpern - und endet, nachdem der tumbere der beiden durch eine Reihe glücklicher Fügungen (unter anderem einen neuen Vornamen - Henry - und Schuhen mit Absätzen, die ihn um fünf Zentimeter wachsen lassen) zum Millionär aufsteigt, als Yuppie-soap: der frisch gebackene Tycoon muss gleich mehrere Liebschaften jonglieren, das Geschäft (=die Korruption) läuft nebenbei mit.

Der Film durchquert eher als besetzt nicht nur mehrere Genres, sondern auch diverse Milieus und Stimmungen - Slacken am Strassenrand, Auseinandersetzungen mit den Eltern, die brav einen kleinen Laden betreiben, ein neugierig-unbeholfenes erstes Date auf einer Baustelle, später dann Golfspielen mit den Bossen, Eifersüchteleien im Bürobetrieb. Alles fein gearbeitete Miniaturen, die sich gegeneinander tendenziell abdichten. Es gibt eine Entwicklung, die sich durch das alles hindurch fortsetzt, aber sie ist eher etwas, das den Figuren (und dem Film) zustößt, als etwas, das sie (und der Film) anstoßen würden. Mehr als an seinem Plot scheint The Hong Kong Tycoon daran interessiert, Sammlungen anzulegen.

Saturday, February 04, 2017

West Chamber, Yueh Feng, 1965

Ein Film, der es sich nur ganz selten erlaubt, aus der Fassung zu geraten - einmal passiert das, wenn ein Kriegsherr vor dem Tor steht und eine Kamerafahrt gleich Dutzende wuselnde Statisten überfliegt, ein andermal, wenn eine der Hauptfiguren über eine Mauer zu klettern versucht; solch eine physikalische Überschreitung ist nicht vorgesehen in West Chamber.

Ein Film, der sich selbst fast durchweg in einen Innenhof einschließt. Dort jagen zu Beginn ein Gelehrter und eine Hofdame (beide gemäß der Huangmei-Tradition von Frauen verkörpert) tänzelnd Schmetterlingen hinterher, doch schon bald muss sich der Gelehrte in die Westliche Kammer zurückziehen, die Hofdame wohnt nebenan - nah genug, dass sie ihm etwas vorsingen kann, und doch unerreichbar. Dafür sorgt die Mutter der Dame, die dem Gelehrten ihre Tochter nicht zur Frau geben möchte, obwohl er eine Heldentat vollbringt. Stattdessen erklärt sie die beiden Liebenden kurzerhand zu Geschwistern. Sie hat die Definitionsmacht. Also zergehen beide bis kurz vor Schluss in unerfüllter Sehnsucht, gehen immer dieselben Schritte in immer denselben Räumen (nachvollzogen von immer denselben Kamerabewegungen), singen nich immer dieselben, aber auch nie so recht voneinander verschiedene Lieder. Und wenn nicht sie singen, singt ein Chor auf der Tonspur. Mindestens einmal greift eine der Figuren ein Lied des Chors auf, die Melodien sind allgegenwärtig, aber allgegenwärtig eben als Medium der Einschließung. Zum Medium der Liebe und letztlich der Befreiung werden einerseits Briefe, andererseits eine Dienerin, die wendig zwischen ihnen hin und her eilt, dabei nicht nur Briefe verteilt, sondern auch in ihrer körperlichen, mimischen wie gestischen Flexibilität die Liebeskommunikation aufspeichert, in Schwung hält.