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Thursday, October 25, 2018

Konfetti 20: Pfeife

Otto Premingers The Man With the Golden Arm gilt als einer der ersten Filme, die Drogenmissbrauch offen thematisieren. Zumindest im Hollywoodstudiokino war das vorher nicht in dieser Form möglich und der Film selbst sorgte dafür, dass die Zensurregeln anschließend gelockert wurden. Die Hauptfigur Frankie Machine, ein heroinsüchtiger Kartenspieler, der von einer Karriere als Jazzmusiker träumt, wird von Frank Sinatra verkörpert, dessen gleichzeitig energetisches und fragiles Spiel im Zentrum des Films steht.

Durchaus zurecht. Und doch hat mich beim Wiedersehen eine andere Figur mehr interessiert: Frankies Frau Sophia, genannt Zosh, gespielt von Eleanor Parker. Die Figur ist dasjenige Element, das an dem in vieler Hinsicht erstaunlich realistisch anmutenden Film aus heutiger Sicht am Falschesten oder jedenfalls Fragwürdigsten wirkt, zumindest auf den ersten Blick. Sie verkörpert einen melodramatischen Exzess, der dem psychosozialmedizinischen Drama, das der Film in erster Linie ist, fremd bleibt: eine offensichtlich psychisch labile junge Frau, die vorgibt, nach einem Unfall ihre Beine nicht bewegen zu können, um Frankie, der sie nicht liebt, an sich zu binden.

Es liegt nahe, Parkers Figur zumindest teilweise metaphorisch zu lesen, als eine Verkörperung der Zwänge und Ängste (vor Veränderung, vor allem), die Frankie an die Droge binden. Auch, weil es eine andere, “gute” Frau gibt, die für die Hoffnung auf Gesundung steht: Eine von Kim Novak gespielte Nachbarin, bei der Frankie Unterschlupf findet, erst fürs Musizieren, später für den kalten Entzug. Parker hat beim impliziten Vergleich der beiden Frauen von Anfang an einen schlechten Stand. Bereits ihr Rollenname - Zosh Mashine - ist unvorteilhaft bis fast schon bizarr (Novaks Figur heißt dagegen wie ein harmloses, gutmütiges Buddy-Girlfriend: Molly Novotny).

Aber die beiden Frauen sind eben nicht, wie das in einem aktuellen, filmschulsmarten Film vielleicht der Fall wäre, tatsächlich psychische Projektionen. Sie bleiben gleichzeitig autonom gedachte Figuren einer fiktionalen Welt. Erst diese Dopplung verleiht ihnen Komplexität und, im Fall von Parker, Tragik. Letzteres, die Tragik, findet im Film eine sonderbare Verkörperung: in einer Pfeife, die Zosh um ihren Hals hängen hat. In erster Linie ist die Pfeife, auch das thematisiert Preminger offen, eine Rape-Whistle, ein letztes Hilfsmittel für eine im Rollstuhl sitzende und deshalb Vergewaltigern hilflos ausgelieferte Frau.

Als solche wird die Pfeife in The Man With the Golden Arm allerdings nicht eingesetzt, überhaupt hat sie im engeren Sinne keine narrative Funktion. Zosh sitzt fast den gesamten Film über hinter verschlossener Tür in ihrer Wohnung, manchmal gemeinsam mit Frankie, manchmal alleine. Sie sperrt die Welt aus, auf eine Pfeife ist sie dabei nicht angewiesen (erst recht nicht, weil sie ja eigentlich durchaus ihren Rollstuhl verlassen könnte). Dennoch bleibt die Kamera erstaunlich oft auf der Pfeife hängen und Zosh selbst greift immer wieder, wie unwillkürlich, zu dem Objekt, das sie um den Hals trägt. Aber nicht aus Angst; jedenfalls nicht aus Angst vor einer Vergewaltigung. Einmal bläst sie, im Verlauf einer Auseinandersetzung mit Frankie, in die Pfeife, aber halbherzig, es ertönt lediglich ein schwacher, jämmerlicher Ton. In diesem Moment ist für mich klar: Die Pfeife ist auch beides, materielles Objekt und Metapher. Sie ist nicht nur ein materielles Holfsmittel, sondern sie steht außerdem ein für Zoshs Wunsch, aus dem Korsett, das sie umgibt, auszubrechen; und zwar ist das ein Ausbruchswunsch auf zwei Ebenen, er richtet sich gleichzeitig gegen das Gefängnis, das sie sich selbst erbaut hat und gegen ein Drehbuch, das sie als Metapher missbraucht (und deshalb als Figur opfert).

Anders formuliert: Zosh sehnt sich nach einer Möglichkeit, sich Auszudrücken. Die Pfeife ist ein potentielles Medium dieses Ausdrucks, aber gleichzeitig unbrauchbar, weil sie keine Nuancen und Innerlichkeit darstellen kann, sondern lediglich einen einzigen, grellen Ton hervorbringt. Insofern ist sie letztlich doch nur ein weiteres Zeichen für die absolute Hilflosigkeit einer Frau, die nur funktional denken kann, weil sie, vom Drehbuch, nur funktional gedacht wird. Einmal bläst Zosh dann doch richtig, lauthals, in die Pfeife: Unmittelbar bevor sie sich vom Balkon stürzt und Selbstmord begeht.

Die Textreihe "Konfetti" entsteht im Rahmen des Siegfied-Kracauer-Stipendiums. Mehr Informationen hier.

Friday, June 19, 2015

Mein schönes kurzes Leben, Klaus Lemke, 1970








Körnige Aufnahmen von undurchsichtigen Städten, glasige Blicke durch verregnete Scheiben. 16mm-Material ins Schwarz-Weißfernsehen rübergekippt, dazu jede Menge Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz. All das ergibt: verrauschte Bilder, einen verrauschten Film.

In den Außenszenen tendieren die Bilder zu einem allumfassenden Schwarz: dunkle Silhouetten in dunklen Rahmen, drogen- und auch sonstwie verhangene Blicke aus kaum noch transparenten Autofenstern. Bei den Modeshoots, die dann ursprünglich, eher wie eine Falle denn wie ein Ausweg, im Film auftauchen, droht das Bild, drohen die Menschen, die in ihm arrangiert werden, dagegen von einem aggressiven Weiß aufgefressen zu werden. Der Wind oder irgendwas anderes pfeift fast durchgängig.

Langhaarige, räudige Männer und langhaarige, stylische Frauen. Einer der Männer und eine der Frauen verlieben sich, aber von Anfang an ist klar, dass das Chaos um die beiden herum und das Chaos in den beiden drin sie wieder verschlucken wird. (Irgendwo im Hintergrund lauert "Brummbär", der kürzere Haare trägt, dafür einen Vollbart und einen Wollpullover. Das ist der bad guy, der Drogen nicht nimmt, um das Leben durchlässig zu machen, sondern um andere hemmungslos im Aufzug fertig machen zu können.)

Anfangs sind die beiden in München (zumindest lassen die Autokennzeichen darauf schließen), später in Hamburg, anschließend steigen sie gelegentlich in ein Flugzeug und fliegen im Kreis, kommen jedenfalls an keinem identifizierbaren Ort an und befinden sich ein paar Einstellungen später wieder wie ganz selbstverständlich in Hamburg.

Von München nach Hamburg, aber eigentlich im permanenten Aufbruch begriffen: Auch deshalb könnte man Mein schönes kurzes Leben als einen Übergangsfilm in Lemkes Werk sehen. Noch gibt es einigen Schwabing-Chique und jede Menge Bilder, die direkt aus dem Genrekino kommen (Autoverfolgungsjagden vor allem), aber alles wirkt bereits deutlich ausgefranzter, schrundiger als vorher in Acapulco und Negresco. (Was für großartig kaputte Typen die ganze Zeit auftauche, wie aus dem Nichts, und dann auch wieder verschwinden. Ein Blonder namens Güni ist 10 Minuten lang unfassbar, danach verschwindet auch er, wahrscheinlich in einer benachbarten Dimension.)





















(Diese Bilder stammen tatsächlich alle aus dem Film. Und es gibt noch viel, viel mehr. Klaus Lemke ist eben doch der beste aller deutschen Regisseure.)

Vor allem ist Mein schönes kurzes Leben der erste Lemke-Film, der sich ganz von seinem Hauptdarsteller gefangen nehmen lässt. Michael Schwankhart ist ein sonderbarer Typ: Er agiert ganz und gar nicht "unbefangen", viele Dialogzeilen wirken hochgradig aufgesagt, aber dann gibt es andauernd großartige Momente von hingerockter Eleganz, wie zum Beispiel gleich am Anfang: Da steht er als Gigolo fast LA Plays Itself-mäßig am Straßenrand und isst ein ziemlich obszönes Brötchen. Als er dann von einer sagenhaften Porno-Blondine auserwählt wird, wirft den Brötchenrest mit einer gleichzeitig lässigen und eruptiven Bewegung weg unmittelbar bevor er ins Auto steigt. Eigentlich sitzt er schon halb drin. Jedenfalls bleibt er in seiner ersten und einzigen Filmrolle ein störrisches Geheimnis.

Auch für Claudia Littmann blieb es der einzige Auftritt als Schauspielerin - imdb verzeichnet nur noch einen credit als "herself" in einem kurzen Dokumentarfilm namens "Bräute der Revolution". Wenn sie redet, hört es sich stets an, als würde sie ganz für sich selbst sprechen, in einen ganz anderen Resonnanzraum hinein. Durch den Film bewegt sie sich ein wenig spöttisch, distanziert.

Laut Hamburger Abendblatt vom 14.07.1970 war Littmann "mit allem unzufrieden, fand die ganze Filmerei 'autoritär' und mithin 'unzumutbar'. Letzteres Prädikat gab man ihr für ihre Schauspielkünste umgehend zurück. Claudia Littmann sei eine so schlechte Schauspielerin, sagten die Produzenten, daß man sie nie wieder engagieren werde." Letzteres ist selbstverständlich Blödsinn.


Im Spiegel 29/1970 stand über sie und den Film zu lesen: "Claudia Littmann, 20 (1.), Revoluzzer-Tochter des Frankfurter Polizeipräsidenten Gerhard Littmann, geriet bei ihrer ersten Fernsehrolle in die Gesellschaft haschischrauchender Kommunarden. Das seit April letzten Jahres in München lebende Photomodell spielte neben dem Laien-Darsteller Michael Ungr, 19 (r.), den Hauptpart des 66-Minuten-Krimis "Mein schönes kurzes Leben", den Jungfilmer Klaus Lemke, 29 ("48 Stunden bis Acapulco"), nach einem eigenen Stoff für den Westdeutschen Rundfunk in München, Frankfurt, Hamburg und Maasholm (Kreis Flensburg) drehte. Ein großer Teil der rund 60 Mitspieler, die Regisseur Lemke in Münchner Kommunen angeheuert hatte, standen während der 46tägigen Dreharbeiten oft unter Drogeneinfluß, obwohl die Produktionsleitung sie vorher ausdrücklich davor gewarnt hatte. WDR-Trupps mußten mehrfach ausrücken, um die bezahlten Mitwirkenden zu suchen und vor die Kamera zu holen. Produktionsleiter Wolfgang Kötz. 51: "Ich habe schließlich beim Münchner Rauschgiftdezernat angefragt. Man sagte mir, daß gegen mich, wenn weiterhin bei den Dreharbeiten gehascht würde, ein Verfahren wegen Beihilfe zum Rauschgifthandel eingeleitet werden könnte." Nach Abschluß der Dreharbeiten wurde Hauptdarsteller Ungr auf dem Hamburger Flughafen festgenommen, nach dreiwöchiger Untersuchungshaft jedoch wegen Haftunfähigkeit entlassen. Anklage: Haschisch-Handel. Thema des TV-Films, der am 14. Juli um 21 Uhr gesendet werden soll: Rauschgifthandel."

Wie die meisten wirklich guten Filme dauert Mein schönes kurzes Leben nur eine gute Stunde und endet mit einem explodierenden Auto.