Friday, April 04, 2008

Awesome: Jumper, Doug Liman, 2008

Dass das Hollywoodkino immer dann am besten sei, wenn es ganz bei sich selbst bleibe und jede Konfrontation mit ihm Fremden vermeide, ist natürlich Blödsinn. Dennoch: Jumper zeigt, dass zumindest das Blockbusterkino immer noch gut am meisten freude bereitet, wenn es sich von fehlgeleiteten Ambitionen und Comic-Franchises fernhält. Die Einleitung / Rekrutierung / Hintergrundgeschichte, die in so mancher Marvelverfilmung einen ganzen Film beansprucht, wird auf den Vorspann und die Titelsequenz reduziert. Jumper basiert zwar auf einem Science-Fiction Roman, gibt sich aber nicht die geringste Mühe damit, einen franchisegeeigneten Pseudomythos zu synthetisieren. Schaut man sich einen geradlinigen, awesome Hollywoodfilm wie Jumper an, merkt man erst, wie öde diese erfundenen Mythen sind: Viel zu viel Energie wird auf Bilder und Filmminuten verschwendet, die weder im Film noch im Diskurs über die Welt aufgehen (ganz sonderbar nebenbei bekerkt die Szene, in der Christensen im Fernsehen den Hurrikan Cathrina anschaut), sondern nur auf Paratexte und Plastikspielzeug verweisen.
Vielleicht sind es tatsächlich Filme wie Jumper, die man gegen den postmodernen Blockbuster in Stellung bringen kann. Filme wie Jumper oder wie letztes Jahr der sträflich unterschätzte (und im Gegensatz zu Jumper leider auch gnadenlos gefloppte) Next sind nämlich viel mehr als Superman Returns, Batman Begins & Co: Awesome. Weil sie gar nichts anderes sein wollen. Und wie, wenn nicht durch ihre awesomeness sollte sich diese Filmform rechtfertigen?
Man täusche sich nicht: So awesome die Trailer zu Ironman und Speed Racer auch aussehen, in beiden Filmen wird man zwischen der awesomeness jede Menge ödes Fanboyfutter in Form von erfundenen Mythen und gefakter Welthaltigkeit ertragen müssen (zugegeben, es gibt auch Blockbuster wie War of the Worlds oder Transformers, bei denen ab und an trotz ähnlicher Ambitionen ein wenig echte Welthaltigkeit durchschimmert --- aber diese Filme sind ja eben auch awesome).
In Jumper dagegen flippt Hayden Christensen bereits in den ersten Minuten zwischen der ägyptischen Sphinx, einem Hochhaus in New York sowie einem Traumstrand hin und her. Und er hört bis zum Ende der äußerst ökonomisch verplanten 89 Minuten nicht auf, genau das zu tun. Sicherlich drängt sich die Dreiaktstruktur manchmal vehement ins Bild und Hollywood kann es nicht lassen, selbst dem schauspielerisch völlig unbegabten Christensen ein wenig Charakterentwicklung zu verpassen. Das resultiert dann in rührend hilflosen Szenen, in denen der Jumper seiner Angebeteten wirr gestikulierend eben gerade nicht erzählen möchte, zu was für tollen Sachen er fähig ist. Aber vielleicht sind ein paar basale Drehbuchregeln nicht der allerschlechteste Weg, durchgeknallte awesomeness mit dem irgendwie doch nötigen Weltbezug zu versehen. Wenn etwas in dem Film ärgerlich ist, dann ist es gerade nicht die putzige Liebesgeschichte und der heruntergekommene Vater (den zum waschechten Alkoholiker zu machen sich Jumper denn doch nicht traut), sondern wenn überhaupt die Auftritte von Diane Lane und Jamie Bell (mit nervigem Akzent). Diese beiden treiben den Film dann doch manchmal in die Nähe der Comicbookverfilmungen: Plötzlich reicht es nicht mehr, dass Christensen ein Jumper IST, es muss auch noch etwas BEDEUTEN. Und ein Sequel muss auch dabei herausspringen können --- Jumper kann natürlich trotz allem nicht verleugnen, dass er ein Film aus dem Jahr 2008 ist.
Jumper ist in mancher Hinsicht das knallbunte Pendant zu John McTiernans düsterem Rollerball-Remake. Auch letzterer hatte kein Interesse an Weltbildung, sondern beschränkte sich auf Fleisch und stumpfen Kunststoff: The dark side of awesome. Und auch Rollerball handelte Rekrutierung / Hintergrundgeschichte ausschließlich im Prolog ab.
McTiernan hatte große Probleme mit seinem Studio, Liman zwar wohl eher weniger. Dennoch bietet sich die These an: Der Blockbuster ist dann besonders interessant, wenn er in die Hände eines auteurs fällt, aber vor dem Final Cut vom Studio radikal zerfleischt wird. Übrig bleibt die awesomeness des Regisseurs (denn die prägt sich direkt in die Bilder ein anstatt in irgendwelche Nebenkriegsschauplätze), nicht aber seine Künstlersubjektivität.
Wo allerdings McTiernan, oder möglicherweise erst der Studioeingriff, der ihm angetan wurde, die Blockbusterform eventuell tatsächlich mit dem Ziel übersteigert, sie kaputt zu machen oder wenigstens zu erschüttern, hegt Jumper solche Ambitionen nicht ein bisschen. Liman dekonstruiert das continuity system quasi nebenbei. Die absurden Stopptricks und match cuts über mehrere Kontinente hinweg innerhalb einer einzigen Actionsequenz machen natürlich nur das offensichtlich, was in James-Bond Filmen seit Jahrzehnten angelegt ist. Aber was folgt daraus? Sicherlich nicht der Kollaps einer Filmform, die schon fast 100 Jahre alt ist...
Man wirft dem Hollywoodkino seit jeher vor, dass sein idealtypischer Zuschauer höchstens sieben Jahre alt ist. Aber vielleicht muss man Hollywood das gar nicht vorwerfen. Vielleicht haben Siebenjährige einfach den besseren Filmgeschmack. Siebenjährige verlangen von einem Film nur, dass er awesome ist. Wenn sie acht, neun, zehn Jahre alt werden, fangen sie an, Comics zu kaufen. Dann nimmt das Unheil seinen Lauf.
(Link: Daniel Kothenschulte fand den Film wohl auch awesome)