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Wednesday, October 10, 2012

in passing (u.a. American Eighties 23)

Falling in Love, Ulu Grosbard, 1984

Die erste Szene des Films, in der sich Robert de Niro und Meryl Streep kunstvoll verfehlen, ist toll und gleichzeitig doch noch das angestrengteste in diesem hochsouveränen Liebesfilm von erstaunlicher moralischer Ernsthaftigkeit. Es geht um eine Liebe, die zu spät kommt, die lange im Transitbereich bleibt (ein Melodram unter den Bedingungen des Pendler-Lebens) und die, als sie schließlich doch noch den Transitbereich verlässt, zwei Leben zerreißt. Und es geht um die Spuren, die die Liebe in den Gesichtern hinterlässt. Genauer gesagt hinterlässt sie die Spuren nur in Streeps Gesicht (unglaublich schöne Großaufnahmen!), de Niros Gesicht verliert sich eher (in einer tollen Busfahrtszene) in seinem eigenen Spiegelbild. Dabei hat de Niro eigentlich mehr zu verlieren, nämlich Jane Kaczmarek.

Shakedown, James Glickenhaus, 1988

Ein Eighties-New-York-Film to end all Eighties-New-York-Filme. Es gibt wohl kaum kein Achtziger-Jahre-sleaze-Epos, das nicht auf irgendeinem der allgegenwärtigen marquees der Innenstadtkinos, vor denen sich die atemberaubenden Verfolgungsjagden des Films abspielen, beworben wird. Die Art, wie der Film auf die mean streets blickt, ist fast schon wieder post-hysterisch: richtig viel Terror enthalten die Bilder nicht mehr, sie sind schon weitgehend abgedichtet gegen jene Erfahrungen, die zB in Exterminator vom selben Regisseur noch recht unverstellt Tema sind; man bewegt sich mit der Kamera durch die Großstadt wie durch einen etwas zu gruslig geratenen Vergnügungspark, der touristische Blick kulminiert einmal in einer zestörerischen Autofahrt durch eine Obdachlosensiedlung, die die Kuba-Sequenz aus Bad Boys 2 vorweg zu nehmen scheint. Gleichzeitig ist Shakedown Glickenhaus' nominell liberalster und technisch bester Film.

Melo, Alain Resnais, 1986

Einer der schönsten Filme, die ich dieses Jahr gesehen habe. Es kommt mir vor, als ginge es darum, eine Materialität von Gefühl zu destillieren, die in klassischen Melodramen eher Ahnung bleibt, als tatsächlich verwirklicht werden zu können, in postklassischen Melodramen negiert wird und erst in einem neoklassischen Melo (ohne -dram?) ganz zu sich selbst kommen kann.

Man Wanted, Benny Chan, 1995

Noch einmal ein Chan-Film im alten, intensiven Stil. Diesmal dominieren allerdings nicht mehr die Höhen, das Melodiöse des Kanto-Pop (kommt aber schon auch noch vor, keine Angst), sondern fiebrig-repetitive, perkussiv unterfütterte Klavieranschläge. Ein Cop, der sich undercover mit einem Gangsterboss angefreundet hat und nach einem halb missglückten Zugriff nicht vollständig zu Unrecht von seinem Boss verdächtigt wird, von der Unterwelt verunreinigt worden zu sein. Aber der Film stellt sich, das ist das Tolle, auf die Seite des Unreinen. Der Cop (Simon Yam in einer Wahnsinnsrolle) will die Frau des Gangsterbosses, verliert seine eigene Frau, wird unter Drogen gesetzt, sinkt immer tiefer in immer wildere Farbtiefen. Dazu immer wieder dasselbe treibende Klavier; dem entkommt niemand, trotz happy end.

Abbasso il zio, Marco Bellocchio 1961

Wie hier kommentiert: Bisheriges Highlight der Bellocchio-Filmschau ist für mich (neben I pugni in tasca) dieser frühe Kurzfilm über vier Jungs und zwei Friedhöfe. Bis zum travelling (nach knapp der Hälfte des Films) wusste ich nicht so recht, was ich da sehe: einen Dokumentarfilm über Bestattung und Erinnerungskultur, hatte ich vermutet. Die Kamerafahrt, die in einer flüssigen Bewegung nicht so sehr einem Jungen folgt (der verschwindet währenddessen mehrmals aus dem Bildraum), als dass sie von einer Bewegung erfasst wird, an der neben ihr und dem Jungen auch noch andere Menschen und vielleicht auch Gedanken, Erinnerungen und so weiter Teil haben, hat den Film für mich völlig verwandelt.

Thursday, September 13, 2012

Zwei Filme von Benny Chan

Als "großes, sprödes, schmerzliches Meisterwerk" bezeichnete jemand (mehr oder weniger) gerade auf facebook Ringo Lams Full Alert, den ich selber als leichte Enttäuschung in nicht mehr allzu klarer Erinnerung habe. Was Full Alert angeht, liege ich vermutlich falsch, diese Sequenz zumindest hat mich sofort wieder elektrisiert. Trotzdem bringt diese Beschreibung etwas auf den Punkt, was mich an einigen auch der besten neuen Hongkongfilme bei aller Bewunderung (es ist dann eben eher Bewunderung als Liebe) stört: gerade die ambitionierten und besseren Filme haben eine Tendenz zum steril meisterwerklerischen, zur spröden Coolness (es gibt natürlich Vorläufer, John Woo und Wong Kar-Wai vor allem). Zu seiner allergrößten Zeit hatte das Hongkongkino keine Probleme damit, sich im durch und durch Uncoolen regelrecht zu suhlen; oder, wie zum Beispiel Benny Chans eigentlich eher mittelmäßiger What a Hero!, direkt für die Uncoolness und gegen die sonnenbebrillte Sprödigkeit Partei zu ergreifen; in dem Fall heißt das: für die grellbunt gekleideten Dorftrottel, gegen die modebewussten, selbstverliebten City-Cops. Wenn man sich erinnert, wie sich Chow Yun Fat in Tiger on the Beat oder auch in den God of Gamblers-Filmen zum Affen gemacht hat - so etwas wäre in den Milkyway-Filmen (selbst in off-beat-Produktionen wie Running on Kharma) nie im Leben denkbar.

Hongkongmode 1992:




Die frühen Benny-Chan-Filme, die ich in den letzten Wochen, im Rahmen einer breiteren Wiederbegegnung mit dem Hongkongkino, gesehen habe, waren ein Fenster in eine andere Zeit. Vor allem zwei Filme, die er zwischen dem semi-Klassiker A Moment of Romance (1990) und dessen Sequel (1993) gedreht hatte haben eine Art von lowbrow-Wucht, die man heute höchstens noch in den immer liebloser heruntergekurbelten Wong-Jing-Filmen findet: eben jene Actionkomödie What a Hero! und noch mehr das exaltierte, umwerfende Stuntman-Melodram Son on the Run, das über weite Strecken ausschließlich aus Erregungsbildern besteht und in seinem Kern ein melancholischer Film über sein eigenes Produktionsumfeld ist - der finale stunt, ein Sprung von einem mehrstöckigen Haus, gedehnt über gefühlte zehn Minuten, sagt mehr aus über das Wesen des Kinos als zehn beliebige europäisch-modernistische Kinoreflektionsfilme. Ein Film aber auch, bei dem ein Darsteller offensichtlich die Regieanweisung erhalten hat: "Stecken Sie sich einen Finger in die Nase. Und zwar in jeder einzelnen Szene!" Ein Film, in dem zwischen fantastischen, dynamisch inszenierten set pieces auch schon einmal ein Kind in der Toilette stecken bleibt. Wie überhaupt Komik in beiden von jeglicher Subtilität fast schon maximal weit entfernten Filmen ausschließlich über Körperfunktionen vermittelt werden soll. Das nimmt, erst recht bei fehlenden Chinesischkenntnissen und mangelhafter Übersetzung dadaeske Formen an, ich zitiere aus dem Untertitel-file von What a Hero!:

343
00:18:15,761 --> 00:18:16,659
Where is Fat Boy?

344
00:18:23,135 --> 00:18:28,368
Fat boy found he had loose bowel
at 6:00 this morning

345
00:18:28,807 --> 00:18:30,707
So he called Hwa

346
00:18:30,742 --> 00:18:32,300
Hwa had loose bowel too

347
00:18:32,344 --> 00:18:34,335
So he called Wai

348
00:18:34,379 --> 00:18:35,971
Wai had loose bowel too

349
00:18:36,014 --> 00:18:39,211
So he asked them all to toilet

350
00:18:39,418 --> 00:18:43,286
They had loose bowel form 7 am to 5pm

Ich bin kein unbedingter Verteidiger von Fäkalhumor (obwohl ich das Wort - und Dennis Dugan - mag) und Benny Chan ist definitiv als Komödienregisseur um längen unbegabter denn als Melodramatiker oder gar als Actionregisseur; trotzdem ist dem Hongkongkino etwas verloren gegangen, als es beschlossen hat, sich unter den Vorzeichen der Coolness zu benehmen.

Monster-Melancholie:







So stellt sich das Hongkongkino einen "foreign movie director" vor:

Wednesday, July 25, 2012

A Moment of Romance, Benny Chan, 1990

Johnny To hin, Cheang Pou-Soi und Dante Lam her: was fehlt im gegenwärtigen Hongkongkino, das sind Synthie-Fanfaren schon über dem Logo der Produktionsfirma; das sind Neonlichter, die die Figuren umschmeicheln, die Paare zusammenführen, anstatt den Einzelnen von der Welt und der Stadt zu entfremden; das sind minutenlange Cantopopmontagen, die direkten Zugriff haben auf die Gefühlswelten aller Figuren; das sind Zeitlupen, die nichts Zerquältes an sich haben, die nichts mehr leisten wollen als ein wenig Intensivierung, die jubilatorisch sind, aber die dann auch wieder vorbei gehen, die dem, was folgt (und es folgt immer etwas) nicht im Weg stehen; das sind Tonlagen- und Genrewechsel im Minutentakt, die auf eine Reichtum an Referenz, auf Welthaltigkeit, auf ein Verlangen nach einer möglichst breiten Spannbreite an Erfahrung und Emotion zurückzuführen sind und nicht (ausschließlich) auf smart kalkulierte Mitnahmeeffekte oder postmodernes mashing; das sind Nebenfiguren wie der trottelige Gangster, der gleichzeitig Autos wäscht, die ganze Zeit aufs Maul bekommt und der dennoch einen Rest Würde behalten darf, weil er eben selbstverständlicher Teil dieser Welt ist; das sind liebevolle Schnitte wie der vom harmlosen Streich, den die Hauptfiguren eben dieser Nebenfigur spielen auf das komische, beknackte Spiel, das alle drei anschließend gemeinsam spielen und das darin zu bestehen scheint, dass sie sich Papierkugeln in den Mund werfen; das sind Bilder wie dieses:                                                  



oder wie dieses:


oder wie dieses:



das sind Filmenden wie dieses: