Tuesday, May 25, 2010

Cheers 1.1 - 2.12

"Come over here, will You?" "Let's talk about it in the back room!" "You were standing right over there!" In keiner Serie ist es wichtiger, wer wo steht, wer neben / gegenüber / hinter wem, wer mit wem wohin geht, wie Personen sich im Raum verteilen. Natürlich ist es so, dass diese Serie gerade deshalb ein so interessantes räumliches Regime hat, weil ihre gesamte erste Staffel in einer einzigen Kneipe spielt (allerdings: nicht in einem einzigen Setting, Billard- und Arbeitszimmer sind völlig neue Welten; toll sind auch die eigentlich komplett widersinnigen "establishing shots" der Frontseite des Gebäudes, die gar nichts etablieren, weil es keinerlei räumliche Kontinuität zwischen Innen und Außen gibt). Zuerst muss man aber doch bewundern, wie die Creators das damals hinbekommen haben: So flüssige Geschichten, so kunstvolle Rededuelle, eine so gediegene Comedy-Feinmechanik auf so engem Raum. Eine Selbstbeschränkung, die außerdem nicht ständig selbstreferentiell werden muss. Es ist, als käme sie der Serie natürlich. Ganz im Ernst setzt Cheers die Kneipe als eigene Welt und vertraut darauf, dass sie das her gibt.
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Die Serie schreit geradezu nach einer Lektüre mit Stanley Cavell. Das beginnt schon beim (großartigen!) Titellied, das ja nicht so geht: "You wanna go where people are all the same"; sondern so: "You wanna go where people know, people are all the same". Der gesamte Titelsong ist eben nicht einfach nur nostalgisch, sondern er bricht seine Nostalgie sowie die der Bilder, unter die er gelegt ist, reflexiv, schon in der Wahl der zweiten Person Singular. Eine stromlinienförmig durchindividualisierte Gesellschaft wird zur Selbstbefragung aufgefordert. Und die Serie agiert die Selbstbefragung in jeder einzelnen Folge aus. Nicht nur, weil der soziale Fokus breit ist (und mehr Arbeitsrealität steckt da drin als so ziemlich in allem, was derzeit auf den Networks unterwegs ist; eine Geschichte des sozialen Realismus im amerikanischer Mainstream-Popkultur der Achtziger Jahre wäre noch zu schreiben: Cheers, John Hughes, Private Dancer, She Works Hard for Her Money), sondern vor allem, weil alle Figuren, die Haupt- wie die Nebencharaktere, ihre Subjektivität ausführlich versprachlichen und verräumlichen müssen.
Die langen, erstaunlich langen Dialogszenen von Sam und Diane (auch so etwas gibt es heute kaum noch, wenn nicht gar nicht mehr) sind dann natürlich die Fortschreibungen der Romkom-Routinen, die Cavell so großartig in Pursuit of Happiness analysiert (ohne, dass die Serie deswegen ahistorisch wird, die Machtverhältnisse - beziehungsweise das Ausmaß der jeweiligen Selbstreflexivität der beiden Geschlechtsvertreter - sind grundsätzlich verschieden von denen zu Zeiten Hepburn / Grant). Nicht nur Fortschreibungen, sondern Intensivierungen. Das Serienformat und insbesondere die Sitcom mit ihrem zumindest auf der Mikroebene fast vollständigen Verzicht auf Dramaturgien außer denen der Pointe ist ideal für diese Form des philosophischen Gesprächs. In jeder Folge eine neue Arie, in neuen Variationen, mit immer neuen Nuancen. Subject for further research, to be sure...

6 comments:

Anonymous said...

Ich habe nie von dieser Serie gehört. Aber in Deutschland hieß sie wohl laut imdb "Prost Helmut!". Auf jeden Fall merken. Und: "eine Geschichte des sozialen Realismus im amerikanischer Mainstream-Popkultur der Achtziger Jahre wäre noch zu schreiben: Cheers, John Hughes, Private Dancer, She Works Hard for Her Money)" Ja!

Lukas Foerster said...

Prost Helmut... oh je, ja, das habe ich auch vor ein paar Tagen herausgefunden. Aber davon bitte nicht abschrecken lassen!

Bert said...

cheers hat nicht von ungefähr zu frasier geführt, wo die motherless children der amerikanischen hochkultur durch tausend junggesellenmaschinen gejagt werden. romcom wird melodram, populismus die große versuchung, dessen scheitern die serie zu ihrem brillanten prinzip macht. bert

goncourt said...

Cheers hieß, wenn ich mich richtig erinnere, auch in Deutschland Cheers (Vorabendserie im ZDF), an Prost Helmut kann ich mich nicht erinnern.

Eine weitere — großartige — Serie mit Ted Danson, diesmal nicht als Barman, sondern als Bargast, war Becker.

Lukas Foerster said...

"Prost Helmut" hieß die Serie wohl nur kurz, ausgerechnet RTL ist mit Cheers später scheinbar besser umgegangen. An mir ist das damals trotzdem völlig vorbei gegangen.

Anonymous said...

Hallo.
Ich mochte mit Ihrer Website somedirtylaundry.blogspot.com Links tauschen