Frederic Jamesons These, dass die soziale Totalität moderner Gemeinschaften nur noch als Verschwörung dargestellt werden könne und dass deshalb Verschwörungsfilme eine gesellschaftliche Wahrheit gerade dann aussprächen, wenn ihre Plots besonders absurd daher kommen, erscheint angesichts des aktuellen Kinojahrs, in dem kaum ein größerer Actionfilm ohne Verschwörungstheorie auskommt, plausibler denn je. Gleichzeitig aber scheinen diese Filme selbst uninteressanter denn je, auch für eine Lektüre der Art Jamesons. Die Verschwörungsmechanik ist herabgesunken zu einer Drehbuchtrope der banalsten Art, zu einer voll konventionalisierten Form, in die man High-Concept-Formeln wie "Präsentation von Angelina Jolies aktueller Kleider- und Perückenkollektion" (daraus wurde der immerhin noch ganz coole Salt), "Rentner machen Krawall und klopfen dabei dumme Sprüche" (daraus wurde jüngst Schwentkes okay inszenierter aber leider furchtbar gescripteter Red) oder "80ies-Trash-TV-Revival" (daraus wurde die nun vollig unterirdische A-Team-Neuauflage) gießen kann, ohne dass sich die Verschwörung irgendwie zu dem verhalten müsste, womit sie da konfrontiert wird.
Die Verschwörungsfilme der Siebziger Jahre waren nicht einfach nur origineller, man spürt in ihnen vor allem auch immer ein wenig - wie auch immer ästhetisch sublimierte - Entrüstung über die realen Verschwörungen (Kennedy, Martin Luther King, Watergate, im weiteren Sinne auch Vietnam), zu denen sie sich auf komplexe Weise verhalten (das heißt eben auch und zuerst: sie haben eine Haltung). Unterhält das heutige Hollywood (oder sonst irgendwo... wobei ich de Palmas Redacted zB noch nicht gesehen habe) ein ähnliches Verhältnis zum Irakkrieg, den erfundenen Massenvernichtungswaffen, den Folterungen? Natürlich gibt es ein Verhältnis, die Verweise sind meist überdeutlich und nicht zu übersehen, aber selbst einem Film, dessen Verschwörung mit ihrem realen Vorbilder in eins fällt (Green Zone) kann ich sein liberales, gut gemeintes Programm nicht ganz abnehmen; zu routiniert greift da ein Verschwörungsrädchen ins andere, zu routiniert wird auch die Wandlung vom patriotisch-affirmativen zum patriotisch-kritischen Subjekt vollzogen (ok, das liegt vielleicht auch an Matt Damon, der kann und will halt nichts anderes sein als ein hochprofessioneller Routinier). Nicht umsonst ist in The Hurt Locker, dem besten Irakfilm, die Verschwörung radikal abwesend.
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Es mag das alles auch damit zusammenhängen, dass die Fallhöhe, die ein guter Verschwörungsplot braucht, schon in der Wirklichkeit nicht mehr gegeben ist, wenn der nominelle Chef-Verschwörer seine Untaten nur wenige Jahre später stolz publizieren und bei Oprah präsentieren kann. Wenn also der Skandal nicht mehr hinter der Lüge versteckt ist, sondern darin besteht, dass es der Lüge gar nicht mehr bedarf. Andererseits ist das vermutlich nichts neues. Siehe zum Beispiel die Tirade in Philip Roths I Married a Communist anlässlich Nixons Beerdingung.
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Thursday, November 11, 2010
Totality as Conspiracy: Overkill
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Saturday, May 01, 2010
Yes Minister, Season 1
Nach fünf Episoden kann ich mich doch zumindest ein wenig anfreunden mit der Serie. Der Minister ist nicht mehr immer und automatisch die traurige Pointe jedes Scherzes, er schlägt zurück und bringt eine etwas weniger lineare Machtdynamik in Gang. Und es wird auch tatsächlich ab und an echter demokratietheoretischer (aber eben immer nur: theoretischer) Diskurs geführt; nach den ersten drei Staffeln kam es mir schon so vor, als sei die Serie eine einzige - noch dazu, was die Sache besonders perfide machen würde, vom Staatsfernsehen produzierte - Veralberung des Repräsentationsgedankens bei gleichzeitiger Versicherung, dass eigentlich doch alles ganz ok sei so wie es ist. Dem ist glücklicherweise doch nicht so. Dennoch habe ich meine Probleme mit der Serie. Klar, auch weil ich nun mal ein The West Wing-Fan bin.
Im direkten Vergleich mit Sorkins Meisterwerk stört mich vor allem, dass Yes Minister nicht mit offenen Karten spielt, wenn es um konkrete politische Standpunkte geht. Sicherlich geht es der Serie auch darum, das "Ministry of Administrative Affairs" im Besonderen und die Regierungsorgane Großbritanniens im Allgemeinen als eine Struktur zu zeigen, deren Eigengesetzlichkeiten sie von den wirklichen Problemstellungen weitgehend isolieren. Aber dennoch müsste man doch irgendwie zeigen, wie das eine mit dem dem anderen eben durchaus etwas zu tun hat; wie die Isolationsmechanismen funktionieren, was auf der Strecke bleibt und was vielleicht auch nicht. Genau dieser Nexus, um den es in The West Wing fast in jeder einzelnen Folge geht, bleibt in Yes Minister völlig unterbestimmt. Und das hängt mit Sicherheit nicht nur, wahrscheinlich nicht einmal in erster Linie, mit den jeweils verschiedenen institutionellen Strukturen bzw den unterschiedlichen Definitionen von Öffentlichkeit in Großbritannien und den USA zusammen.
Nein, das sind zuerst ästhetische Entscheidungen der Serien selbst: Yes Minister blendet beispielsweise die Pressearbeit des Ministeriums völlig aus, ebenso wie alle anderen Strukturen, die mit der Außenwelt zwangsläufig in Kontakt bleiben. Es ist eine bewusste Entscheidung der Serie, politisches Handeln auf die visuellen Codes und sozialen Interaktionen der Geheimdiplomatie des 19. Jahrhunderts zu reduzieren.
Diese Konstruktion ist einerseits ein Problem an sich. Andererseits auch deshalb, weil sie es der Serie erlaubt, von den politischen Inhalten selbst zu abstrahieren. Die Serie macht es sich einfach: Für sie ist ein aufmüpfiger afrikanischer Putschist, der sich mit Affronts gegen die Briten, die ehemaligen Kolonialherren, profilieren will, genauso ein bloßes Verwaltungsproblem - beziehungsweise Spielmaterial im in seinem Innersten zutiefst undemokratischen Machtpoker - wie die Forderung nach "open government" oder der Kampf gegen einen europaweiten Personalausweis. Stellung muss nicht bezogen werden, nicht in der Serie und deshalb auch nicht im Publikum. Yes Minister mag in mancher Hinsicht ein realistischeres Bild der Tagespolitik in moderne, bürokratielastigen Demokratien zeichnen als The West Wing. Das Modell von Öffentlichkeit aber, das die Serie entwirft, ist dem Sorkinschen in jeder Hinsicht unterlegen.
Im direkten Vergleich mit Sorkins Meisterwerk stört mich vor allem, dass Yes Minister nicht mit offenen Karten spielt, wenn es um konkrete politische Standpunkte geht. Sicherlich geht es der Serie auch darum, das "Ministry of Administrative Affairs" im Besonderen und die Regierungsorgane Großbritanniens im Allgemeinen als eine Struktur zu zeigen, deren Eigengesetzlichkeiten sie von den wirklichen Problemstellungen weitgehend isolieren. Aber dennoch müsste man doch irgendwie zeigen, wie das eine mit dem dem anderen eben durchaus etwas zu tun hat; wie die Isolationsmechanismen funktionieren, was auf der Strecke bleibt und was vielleicht auch nicht. Genau dieser Nexus, um den es in The West Wing fast in jeder einzelnen Folge geht, bleibt in Yes Minister völlig unterbestimmt. Und das hängt mit Sicherheit nicht nur, wahrscheinlich nicht einmal in erster Linie, mit den jeweils verschiedenen institutionellen Strukturen bzw den unterschiedlichen Definitionen von Öffentlichkeit in Großbritannien und den USA zusammen.
Nein, das sind zuerst ästhetische Entscheidungen der Serien selbst: Yes Minister blendet beispielsweise die Pressearbeit des Ministeriums völlig aus, ebenso wie alle anderen Strukturen, die mit der Außenwelt zwangsläufig in Kontakt bleiben. Es ist eine bewusste Entscheidung der Serie, politisches Handeln auf die visuellen Codes und sozialen Interaktionen der Geheimdiplomatie des 19. Jahrhunderts zu reduzieren.
Diese Konstruktion ist einerseits ein Problem an sich. Andererseits auch deshalb, weil sie es der Serie erlaubt, von den politischen Inhalten selbst zu abstrahieren. Die Serie macht es sich einfach: Für sie ist ein aufmüpfiger afrikanischer Putschist, der sich mit Affronts gegen die Briten, die ehemaligen Kolonialherren, profilieren will, genauso ein bloßes Verwaltungsproblem - beziehungsweise Spielmaterial im in seinem Innersten zutiefst undemokratischen Machtpoker - wie die Forderung nach "open government" oder der Kampf gegen einen europaweiten Personalausweis. Stellung muss nicht bezogen werden, nicht in der Serie und deshalb auch nicht im Publikum. Yes Minister mag in mancher Hinsicht ein realistischeres Bild der Tagespolitik in moderne, bürokratielastigen Demokratien zeichnen als The West Wing. Das Modell von Öffentlichkeit aber, das die Serie entwirft, ist dem Sorkinschen in jeder Hinsicht unterlegen.
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Wednesday, April 28, 2010
Die dritte Achse fehlt
Ob hier, hier, hier oder natürlich hier; das eigene Versprechen wird nicht eingehalten. 360°-View müsste doch eigentlich heißen: freie Bewegung um alle drei Achsen des Kartesischen Koordinatensystems. Wirklich frei drehbar ist die Kamera aber stets nur um die y-Achse. Auf der x-Achse ist immer nach 180° Schluss. Man stößt schnell auf die entsprechenden Bilder: die Kamera rastet auf dem Himmel, beziehungsweise auf einem nicht mehr näher differenzierten Untergrund ein. Ein Überschlag ist nicht möglich. Und zwar wohl vor allem deshalb, weil die Drehung um die z-Achse (die es unter anderem ermöglichen würde, ein auf dem Kopf stehendes Bild wieder umzudrehen) ganz untersagt ist.
Natürlich ist das ein Interfaceproblem: Der Bildschirm, auf der die Maus die Kamera steuert, hat nur zwei Dimensionen, deshalb lassen sich über die direkte Eingabe auch nur zwei Bewegungsdimensionen kontrollieren. Aber dies ist sicherlich kein Problem, das sich nicht lösen lassen könnte, wenn der Wille dazu vorhanden wäre; etwa durch eine Kombination der Maus mit den Steuerpfeilen der Tastatur.
Die Beschränkung scheint mir eher Ausdruck einer ärgerlichen anthropomorphen Tendenz dieser Bildpraxis zu sein. Die 360°-View-Technologie der Gegenwart strebt eben gerade nicht nach einer Vertov'schen Transzendierung der Beschränkungen menschlicher Wahrnehmungsfähigkeit, sondern ganz im Gegenteil nach deren bloßer Verdopplung. Anders ausgedrückt: Die körperliche Anwesenheit ist nicht mehr notwendig, ihre Bedingungen aber werden technisch nachgestellt. Der Überschlag auf der y-Achse entspräche entweder einer artistischen Körperdrehung, oder aber einem Unfall, deshalb darf es nicht mehr geben, als den Blick des in den Nacken geworfenen Kopfes. Die z-Achse des körpergebundenen Blicks wird meist im Moment eines entweder kontrollierten (liegen) oder unkontrollierten (Sturz) Kontrollverlusts gebeugt, selbst der schräg gestellte Kopf ist eher Geste als neue, andere Blickrichtung. Und ist vor allem: schief, falsch, ungesund. Ich sehe das ähnlich wie Simon Rothöhler und Ekkehard Knörer: Die 360°-Technologien bereiten einem touristisch-totalitären Blickregime den Weg, das auf totale visuelle Durchdringung bei gleichzeitiger eigener Unsichtbarkeit aus ist. Hinzufügen würde ich nur noch, dass den anthropomorphen Kameras von street view und Konsorten gleichzeitig eine Ideologie des aufrechten Gangs eingeschrieben ist.
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(Geerbt hat die 360°-Bildtechnologie ihre Beschränkung vermutlich vom Computerspiel, hauptsächlich vom Ego-Shooter. Auch da war die z-Achse, wenn ich mich richtig erinnere, lange kaum flexibel steuerbar, selbst dann noch, als die ersten Spiele mit 3-D-Engines auf dem Markt waren. Zumindest bei einigen dieser Spiele war die dritte Achse, auf die innerhalb der Spielwelt nicht zugegriffen werden konnte, sogar ganz eindeutig negativ kodiert: Der entkörperlichte Cybertod wurde nicht nur durch eine rötliche Einfärbung des Bildraums gekennzeichnet, sondern auch durch dessen Eindrehung um die z-Achse.)
Natürlich ist das ein Interfaceproblem: Der Bildschirm, auf der die Maus die Kamera steuert, hat nur zwei Dimensionen, deshalb lassen sich über die direkte Eingabe auch nur zwei Bewegungsdimensionen kontrollieren. Aber dies ist sicherlich kein Problem, das sich nicht lösen lassen könnte, wenn der Wille dazu vorhanden wäre; etwa durch eine Kombination der Maus mit den Steuerpfeilen der Tastatur.
Die Beschränkung scheint mir eher Ausdruck einer ärgerlichen anthropomorphen Tendenz dieser Bildpraxis zu sein. Die 360°-View-Technologie der Gegenwart strebt eben gerade nicht nach einer Vertov'schen Transzendierung der Beschränkungen menschlicher Wahrnehmungsfähigkeit, sondern ganz im Gegenteil nach deren bloßer Verdopplung. Anders ausgedrückt: Die körperliche Anwesenheit ist nicht mehr notwendig, ihre Bedingungen aber werden technisch nachgestellt. Der Überschlag auf der y-Achse entspräche entweder einer artistischen Körperdrehung, oder aber einem Unfall, deshalb darf es nicht mehr geben, als den Blick des in den Nacken geworfenen Kopfes. Die z-Achse des körpergebundenen Blicks wird meist im Moment eines entweder kontrollierten (liegen) oder unkontrollierten (Sturz) Kontrollverlusts gebeugt, selbst der schräg gestellte Kopf ist eher Geste als neue, andere Blickrichtung. Und ist vor allem: schief, falsch, ungesund. Ich sehe das ähnlich wie Simon Rothöhler und Ekkehard Knörer: Die 360°-Technologien bereiten einem touristisch-totalitären Blickregime den Weg, das auf totale visuelle Durchdringung bei gleichzeitiger eigener Unsichtbarkeit aus ist. Hinzufügen würde ich nur noch, dass den anthropomorphen Kameras von street view und Konsorten gleichzeitig eine Ideologie des aufrechten Gangs eingeschrieben ist.
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(Geerbt hat die 360°-Bildtechnologie ihre Beschränkung vermutlich vom Computerspiel, hauptsächlich vom Ego-Shooter. Auch da war die z-Achse, wenn ich mich richtig erinnere, lange kaum flexibel steuerbar, selbst dann noch, als die ersten Spiele mit 3-D-Engines auf dem Markt waren. Zumindest bei einigen dieser Spiele war die dritte Achse, auf die innerhalb der Spielwelt nicht zugegriffen werden konnte, sogar ganz eindeutig negativ kodiert: Der entkörperlichte Cybertod wurde nicht nur durch eine rötliche Einfärbung des Bildraums gekennzeichnet, sondern auch durch dessen Eindrehung um die z-Achse.)
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Tuesday, March 23, 2010
Fame Is the Spur, Roy Boulting, 1947
Britische Großproduktion aus der unmittelbaren Nachkriegszeit, ein kritisches Politikerportrait aus links-sozialdemokratischer bis sozialistischer Perspektive, ein Dokument auch der im Nachkriegsengland aufscheinenden Möglichkeit, Parlamentarismus und Sozialrevolution zu verbinden.
Ein Arbeiterkind, das schon in seiner Kindheit nicht das richtige Verhältnis findet zum Rattenverkäufer, dem kapitalistischen Selm-made-man, der später erst sein Chef wird und dann sein Gönner. Fast schon expressionistische Schattenmalereien im Arbeiter-Ghetto. Dann der Eintritt in die Politik, an der Seite des unbeholfenen, ehrlichen Arbeiterführers, seine Reden im messianischen Stil, seine Verachtung für die späteren Weggefährten, die Klassenfeinde. Bald ist es ein schön ausgeleuchtetes Leben, aber das eigene Verhältnis zur Arbeiterschaft ist schnell nur noch als ein strikt hierarchisches denkbar. Und es ist durchaus die Frage, ob der Film als Ganzes da so viel anders denkt oder ob er sich nicht doch nur nach einem charakterlich integereren Anführer sehnt.
Ein großer Entwurf, ausgebreitet über mehrere Jahrzehnte. Die im feudalen Denken gefangenen Tories des 19. Jahrhunderts, Frauenrechtsbewegung in der eigenen Familie, erster Weltkrieg, Krankheit, Psychopathologien der Gesellschaft projiziert auf Psychopathologien des Individuums. Ein cautionary tale, gemünzt wohl vor allem auf Ramsay MacDonald, einen Labour-Präsidenten der Zwischenkriegszeit. Ob da außerhalb der MacDonald'schen Psyche noch etwas anderes falsch gelaufen sein könnte, danach wagt der Film dann doch nicht mehr so richtig zu fragen. Kein unproblematischer Film, aber einer voller Ideen und einer nicht immer zielgerichteten, nicht immer ökonomisch eingesetzten dramaturgischen Wucht. Und wenn am Ende die Geister der Vergangenheit ins herrschaftliche Anwesen eindringen, das hat schon was. Die Boultings sind, nach den vier Filmen, die ich von ihnen gesehen habe, zu urteilen, zu den herausragenden Protagonisten eines klassischen europäischen, am politischen Tagesdiskurs aktiv partizipierenden Qualitätskins zu zählen, das von der Filmgeschichte zu Unrecht und leider immer noch ziemlich nachhaltig diskreditiert wurde.
Ein Arbeiterkind, das schon in seiner Kindheit nicht das richtige Verhältnis findet zum Rattenverkäufer, dem kapitalistischen Selm-made-man, der später erst sein Chef wird und dann sein Gönner. Fast schon expressionistische Schattenmalereien im Arbeiter-Ghetto. Dann der Eintritt in die Politik, an der Seite des unbeholfenen, ehrlichen Arbeiterführers, seine Reden im messianischen Stil, seine Verachtung für die späteren Weggefährten, die Klassenfeinde. Bald ist es ein schön ausgeleuchtetes Leben, aber das eigene Verhältnis zur Arbeiterschaft ist schnell nur noch als ein strikt hierarchisches denkbar. Und es ist durchaus die Frage, ob der Film als Ganzes da so viel anders denkt oder ob er sich nicht doch nur nach einem charakterlich integereren Anführer sehnt.
Ein großer Entwurf, ausgebreitet über mehrere Jahrzehnte. Die im feudalen Denken gefangenen Tories des 19. Jahrhunderts, Frauenrechtsbewegung in der eigenen Familie, erster Weltkrieg, Krankheit, Psychopathologien der Gesellschaft projiziert auf Psychopathologien des Individuums. Ein cautionary tale, gemünzt wohl vor allem auf Ramsay MacDonald, einen Labour-Präsidenten der Zwischenkriegszeit. Ob da außerhalb der MacDonald'schen Psyche noch etwas anderes falsch gelaufen sein könnte, danach wagt der Film dann doch nicht mehr so richtig zu fragen. Kein unproblematischer Film, aber einer voller Ideen und einer nicht immer zielgerichteten, nicht immer ökonomisch eingesetzten dramaturgischen Wucht. Und wenn am Ende die Geister der Vergangenheit ins herrschaftliche Anwesen eindringen, das hat schon was. Die Boultings sind, nach den vier Filmen, die ich von ihnen gesehen habe, zu urteilen, zu den herausragenden Protagonisten eines klassischen europäischen, am politischen Tagesdiskurs aktiv partizipierenden Qualitätskins zu zählen, das von der Filmgeschichte zu Unrecht und leider immer noch ziemlich nachhaltig diskreditiert wurde.
Monday, April 21, 2008
O Logos, Where Art Thou
Ausnahmsweise einmal off topic, wobei soweit auch nicht, schließlich lässt sich das deutsche Diskursdefizit auch an "Daily Show" vs "RTL Samstag Nacht", dem bedingungslosen Privatismus noch des guten deutschen Autorenfilms oder auch der hießigen Nichtrezeption von The West Wing oder The Wire festmachen.
Nun aber der Flughafen Tempelhof. So sympathisch mir ja eigentlich jeder Schritt in Richtung direkte Demokratie ist, so in jeder Hinsicht unbefriedigend läuft das Ganze hier ab. Das Anliegen der Initiative lehne ich ohnehin ab, aber um die widerwärtige Springer-Kampagne oder cui bono? soll es hier gar nicht gehen.
Was wirklich ärgert, ist, dass ausgerechnet die Initiative, die das Volksbegehren in die Wege geleitet hat, eine argumentative Auseinandersetzung über das von ihr plazierte Thema nicht sucht. Und zwar nicht einmal im Ansatz, das heißt symbolisch, über die Werbeplakate der Kampagne. Denn während die Gegenseite zumindest zwei ihrer drei berlinweit plakatierten Slogans auf eine argumentative Grundlage stellt (auch wenn die noch so "verkürzt" und "populistisch" ist, wie sollte das denn sonst aussehen, vor allem bei einem solchen Gegner; unrühmliche Ausnahme ist "Ick fliege uff Berlin..."), ersetzt die City-Airport Tempelhof e.V. Argumente (oder selbst deren Schein) konsequent durch Befindlichkeit.
Denn es heißt nicht: "Hört auf Euren Verstand, nicht auf den Regierenden" (selbst das wäre noch prädiskursiv, würde jedoch zumindest die Möglichkeit / Notwendigkeit eines Diskurses postulieren), sondern "Hört auf Euer Herz, nicht auf den Regierenden". Ist das schon neoromantisch gewendeter Anarchismus oder immer noch der alte apolitische Stimmungsschmontz (der natürlich von Wahl zu Wahl neu aufgegossen wird, neu ist das alles beileibe nicht, aber gerade eine direktdemokratische Initiative hätte die Möglichkeit, trotz aller Fremdlenkung und dämlichem Anliegen daran wenigstens ein klein wenig etwas zu ändern), auf dessen Rückseite Pflüger gemeinnützige Projekte mit Grillplätzen gleichsetzt.
Ein anderes Plakat erinnert die Berlinern daran, dass sie ohnehin schon zu 76 % oder was weiß ich für den Flughafen sind und deshalb bitte auch dementsprechend abstimmen sollen. Wenn das ein Diskurs wäre (was nicht der Fall ist), wäre er so zirkulär, dass er sich eigentlich nur auf der Stelle dreht. Und die CDU infantilisiert in bester christdemokratischer Tradition das allerdämlichste Plakat zusammen: "Ich bin ein Berliner".
Auch wenn man auf medialer Ebene ein vergleichbares Diskursdefizit sehr schön besipielsweise auch in der Gegenüberstellung von Riefenstahl- und Capra-Propaganda wiederfinden kann, halte ich wenig von genealogischen Argumentationen, die beim "Erbe der Aufklärung" anfangen und dann meist ebenso vorhersehbar wie selbstgerecht-widerwärtig(-rassistisch) mit dem "wir Europäer" enden. Nein, auch die Tempelhof-Kampagne zeigt, dass es doch in erster Linie ganz konkrete Institutionen sind, die für solchen Blödsinn verantwortlich sind. Und ich schreibe hier auch weiterhin lieber über Film...
Nun aber der Flughafen Tempelhof. So sympathisch mir ja eigentlich jeder Schritt in Richtung direkte Demokratie ist, so in jeder Hinsicht unbefriedigend läuft das Ganze hier ab. Das Anliegen der Initiative lehne ich ohnehin ab, aber um die widerwärtige Springer-Kampagne oder cui bono? soll es hier gar nicht gehen.
Was wirklich ärgert, ist, dass ausgerechnet die Initiative, die das Volksbegehren in die Wege geleitet hat, eine argumentative Auseinandersetzung über das von ihr plazierte Thema nicht sucht. Und zwar nicht einmal im Ansatz, das heißt symbolisch, über die Werbeplakate der Kampagne. Denn während die Gegenseite zumindest zwei ihrer drei berlinweit plakatierten Slogans auf eine argumentative Grundlage stellt (auch wenn die noch so "verkürzt" und "populistisch" ist, wie sollte das denn sonst aussehen, vor allem bei einem solchen Gegner; unrühmliche Ausnahme ist "Ick fliege uff Berlin..."), ersetzt die City-Airport Tempelhof e.V. Argumente (oder selbst deren Schein) konsequent durch Befindlichkeit.
Denn es heißt nicht: "Hört auf Euren Verstand, nicht auf den Regierenden" (selbst das wäre noch prädiskursiv, würde jedoch zumindest die Möglichkeit / Notwendigkeit eines Diskurses postulieren), sondern "Hört auf Euer Herz, nicht auf den Regierenden". Ist das schon neoromantisch gewendeter Anarchismus oder immer noch der alte apolitische Stimmungsschmontz (der natürlich von Wahl zu Wahl neu aufgegossen wird, neu ist das alles beileibe nicht, aber gerade eine direktdemokratische Initiative hätte die Möglichkeit, trotz aller Fremdlenkung und dämlichem Anliegen daran wenigstens ein klein wenig etwas zu ändern), auf dessen Rückseite Pflüger gemeinnützige Projekte mit Grillplätzen gleichsetzt.
Ein anderes Plakat erinnert die Berlinern daran, dass sie ohnehin schon zu 76 % oder was weiß ich für den Flughafen sind und deshalb bitte auch dementsprechend abstimmen sollen. Wenn das ein Diskurs wäre (was nicht der Fall ist), wäre er so zirkulär, dass er sich eigentlich nur auf der Stelle dreht. Und die CDU infantilisiert in bester christdemokratischer Tradition das allerdämlichste Plakat zusammen: "Ich bin ein Berliner".
Auch wenn man auf medialer Ebene ein vergleichbares Diskursdefizit sehr schön besipielsweise auch in der Gegenüberstellung von Riefenstahl- und Capra-Propaganda wiederfinden kann, halte ich wenig von genealogischen Argumentationen, die beim "Erbe der Aufklärung" anfangen und dann meist ebenso vorhersehbar wie selbstgerecht-widerwärtig(-rassistisch) mit dem "wir Europäer" enden. Nein, auch die Tempelhof-Kampagne zeigt, dass es doch in erster Linie ganz konkrete Institutionen sind, die für solchen Blödsinn verantwortlich sind. Und ich schreibe hier auch weiterhin lieber über Film...
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