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Wednesday, February 26, 2014

Berlinale 2014: Tokyo on eiyu / A Hero of Tokyo, Hiroshi Shimizu, 1935

Am Anfang eine Gruppe von Kindern, spielend vor einem Bahngleis und vor einigen jener großen Rohre mit ein, zwei, drei Metern Durchmesser, die in alten japanischen Filmen oft in der Gegend herumliegen (die in Ozus Tokyo no yado sind mir besonders deutlich in Erinnerung). Der Rahmen der Einstellung bleibt stehen, die Kinder verschwinden nach und nach aus ihr, durch Jump-Cuts. Ein Kind bleibt, weil es (wenn ich mich richtig erinnere), den ankommenden Zug in Empfang nehmen will. Schon zu Beginn gibt es eine sonderbare Spannung zwischen der offenen, ungerichteten Zeit der Spiele der Kinder und der formalen Serialisierung durch die kinderfressende Montage.

Es gründet sich dann eine neue Familie: Der Junge und dessen Vater, ein Witwer, dessen neue Frau, ebenfalls eine Witwe und deren Kinder aus der ersten Ehe, ein Junge und ein Mädchen. Der Vater haut dann bald ab, der Junge ist ab sofort der älteste Mann in der Familie. Die (neue) Mutter arbeitet in einer Bar; sagt sie, aber sie sagt es auf eine Art, die klar macht (aber nicht ihren Kindern; und offensichtlich auch nicht der Berlinale-Inhaltsangabe), dass sie eigentlich Prostituierte ist. Nur aus wenigen Räumen besteht die Welt des Films bis hier: Die Familienwohnung, die Schule, auch schon einmal die Bar, glaube ich (eine zentralperspektivisch zentrierte Einstellung, ausgerichtet auf die Theke, an der Seite hochgestellte Stühle). Formal ist der Film hochkontrolliert: die Szenen fügen sich in "metrische" Montagen, die Figuren ersetzen sich nach Umschnitten nicht selten exakt im Bild. Oder sie ersetzen sich ganz ohne Schnitt, in einer Einstellung: Eine tritt aus dem Bild, eine andere tritt auf ihren Platz, die Leinwand läßt Freiräume, die besetzt werden wollen, oder eben auch nicht. Die Kinder freilich füllen den filmischen Raum gleichzeitig auf eine vollkommen natürliche Art aus, mit ihrer Gestensprache (den beim Weinen vors Gesicht behobenen Händen etc). Aus der formalen Kontrolle folgt kein kontrollierender Zugriff auf die soziale Welt, eher scheint es darum zu gehen, den Mustern des Lebens nachzuspüren. Freilich: Wenn man das tut, kann man nur zu leicht auf die Idee kommen, der Musterbildung ein klein wenig nachzuhelfen.

Erst nach dem Zeitsprung, der die Kinder erwachsen werden lässt, zeigt sich ein Problem des (trotzdem faszinierenden und schon auch bezaubernden) Films: Die formalen Schließungen finden ihre Entsprechung in narrativen Schließungen. Als die Kinder schließlich doch erfahren, womit die Mutter ihre Erziehung bezahlt hat, geraten die beiden Jüngeren (also ihre eigenen) auf die schiefe Bahn: Der Sohn wird Gangster, die Tochter (eine verwegene, tolle Schauspielerin), weil die Familie ihres Bräutigams sie verstößt, wird ebenfalls Prostituierte; der Film setzt sich fort in neue, andere Räume, die mit derselben Souveränität erschlossen werden. Kanichi dagegen ergibt sich nicht dem drift, sondern ruft den restlichen Film zur Ordnung: die Mutter, die Geschwister, sogar den Vater (der in imperialistisch-kapitalistische Schweinereien verwickelt ist).

Am Ende hat der Held aus Tokyo gesiegt. Die letzte Szene ist die mit Abstand bizarrste des Films. steht wieder in seinem Kinderzimmer, mit dem Rücken zur Kamera. An die Wand hängt er eine (vorher schon irgendwann einmal eingeführte) Kinderzeichnung, ich nehme an, sie soll seinen Vater darstellen, zeigt aber tatsächlich nur eine mit unbeholfenen Linien skizziertes Strichmännchen. Die Kontrolle, die er seiner Familie und dem Film auferlegt hat, entpuppt sich mit einem Mal als Funktion einer dritten, einer narzisstisch-psychotischen Schließung im Innern der Hauptfigur. Dann stellt er sich vors Fenster und blickt nach Draußen. Die letzte Einstellung übernimmt seinen Blick; auch sie bleibt ambivalent. In ihm entkommt der Film doch noch einmal dem Familienroman und endet mit einer Alltagsszene: Ein Junge verteilt Zeitungen; allerdings setzen auch hier gleich wieder die Jump Cuts vom Anfang ein, der Junge wird von Haus zu Haus gebeamt, er wirft, zack zack, eine Zeitung nach der anderen, der Fluss des Lebens gleich wieder segmentiert, ökonomisiert.

Sunday, February 23, 2014

Berlinale 2014: Chiisai ouchi / The Little House von Yoji Yamada

Wie schon 2013 war auch 2014 der letzte aktuelle Film, den ich auf der Berlinale gesehen habe, ein neues Werk des japanischen Klassizisten Yoji Yamada. Anders als Tokyo Family ist The Little House nicht unbedingt ein Meisterwerk; aber doch ein schöner, kluger Erinnerungsfilm. Die Rahmungen (die am Ende auf interessante Art überhand nehmen), bezeichnen die inzwischen auseinandergebrochenen Familienbanden (eindrücklich vorgeführt in Tokyo Family) sehr beiläufig, ganz eigentlich erst im Kontrast mit der noch eng verbundenen Hausgemeinschaft der Rückblende.

Der Schließung der Hausgemeinschaft, um die es geht - eine junge Frau, die sich in ihrer Ehe unwohl fühlt, eine Affäre mit einem Kollegen ihres Mannes beginnt; der Mann, der nichts ahnend sich ausgerechnet für die Verheiratung des Liebhabers seiner Frau zuständig fühlt; schließlich die Erzählerin der Geschichte, die Großtante, die bei dem Ehepaar als Hausmädchen angestellt ist - entspricht die Schließung der melodramatischen Form. (Und demenstprechend laufen die in der Gegenwart angesiedelten Rahmungen ins Offene aus...) Die Erzählführung ist hochökonomisch; die Jugendzeit der Großtante im Norden Japans wird durch eine einzige Einstellung im meterhohen Schnee repräsentiert, fast unmittelbar danach wechselt der Film in das "kleine Haus", das er dann kaum noch einmal verlässt.

Nostalgisch ist wenig an der Rückblende, die sich als Erinnerung der uralten Großtante entfaltet, die allerdings, auch da sind die schachtelartigen Rahmungen sehr klug gewählt, gleichzeitig den ganzen Film über schon tot ist - fast scheint mir, dass alle Nostalgie auf den etwas außerweltlichen knallroten Glanz der Dachziegel des Hausdachs verschoben ist. Die Rückblende setzt ein während der frühen Phasen des Pazifikkriegs und endet (zumindest fast) mit der Bombardierung Tokyos, die wiederum in einer einzigen Einstellung repräsentiert wird; in einer ziemlich sonderbaren Einstellung, genauer gesagt, in der dieser sonst ganz besonders deutlich (nämlich durchaus im Sinn eines Aufrufens von klassischen Frauenmelodramen; zum Beispiel der Filme Mikio Naruses) am klassischen japanischen Erzählkino orientierte Film plötzlich für einen kurzen Moment in ein modernistisches Register zu wechseln scheint.

Nostalgisch ist wenig an dem Film, weil die Großtante in ihrer Erinnerung nicht die Vergangenheit (und damit den Militarismus) verklärt, sondern ihre höchstpersönlichen Erfahrungen gegen die Geschichte setzt. Der Großneffe, der der innerdiegetische Adressat der Erzählung (aber vielleicht der Co-Autor der Rückblende?) ist, wirft ihr genau das einmal vor: Du kannst nicht über Deine Jugend als eine glückliche Zeit sprechen, wenn parallel dazu die Gesellschaft faschistisch wurde und brutale Vernichtungskriege in China geführt wurden. Die Rückblende allerdings ist klüger, sowohl als die Nostalgie der Großtante, als auch als der Vorwurf des Großneffen: In ihr werden die Rituale und Alltagskonventionen des japanischen Faschismus, die "Banzai!"-Rufe, das Japanfahnenschwenken, das Marschliedergegröhle nicht etwa verborgen; sie nehmen im Gegenteil viel Platz ein im Film, werden aber konfrontiert mit Gesten der Intimität, die mit ihnen absolut unvereinbar sind - weil sie sich jeder Verallgemeinerung und Vergemeinschaftung entziehen: ein Kniff in den Oberarm, ein verstohlener Blick, eine gestreifte Berührung im Vorbeigehen. Und im Zentrum ein Begehren, das noch nicht einmal in solchen Gesten sich entäußern kann, weil es sich selbst nicht erkennt.

Saturday, February 22, 2014

Berlinale 2014: A Dream of Iron von Kelvin Kyung Kun Park

Ein Film, mit dem ich erst nicht allzu viel anfangen konnte, der aber seither nicht so recht Ruhe geben will in meinem Gedächtnis. Von Kelvin Kyung Kun Park hatte ich schon einmal einen Film gesehen, im Jahr 2011, ebenfalls im Forum, der komischerweise einen sehr ähnlichen Titel trägt: Cheonggyecheon Medley - A Dream of Iron. Da ging es um ein Stadtviertel in Seoul, das durch eine Vielzahl kleiner Elektroläden und vor allem Werkstätten geprägt ist. Oder war, es scheint da große Umstrukturierungsmaßnahmen gegeben zu haben, ich erinnere mich an eine eindrückliche Sequenz gegen Ende des Films, in der den chaotischen, ölverschmierten, schweißtreibenden selfmade-Technologien ein steriles, von kaltem Licht durchflutetes Bürogebäude entgegengestellt wurde. Besonders subtil war das, wie auch der Rest des Films, nicht; aber manchmal ist halt auch die Welt nicht besonders subtil. Dass Cheonggyecheon Medley - A Dream of Iron einen interessanten Aspekt der Welt zu fassen bekommt, war mir ein Jahr später noch einmal klar geworden: Kim Ki-duks fürchterlicher Pieta spielt über weite Strecken in demselben Stadtviertel, aber fast dieselben Bilder, die bei Park noch auf Erfahrungswerte verweisen, gerinnen bei Kim zu fadem Kunsthandwerk. Cheonggyecheon ist in Pieta nicht mehr als Folge historischer Veränderungen heruntergekommen, sondern einfach nur verkommen, ein perfektes Setting für grenzfaschistoide Mythenbildnerei.

Aber jetzt der neue Film; dessen Gegenstand bleibt viel opaker. Es geht um Schwerindustrie in einem allgemeineren Sinne, die Maschinenbilder (die den Großteild es Films ausmachen), scheinen vor allem in einem koreanischen Hafenareal gefilmt zu sein. Deutlich stärker als der eher klassisch dokumentarisch ausgerichtete ältere Film (der allerdings auch schon einen Brief enthielt, an den verstorbenen Großvater des Regisseurs) ist der neue A Dream of Iron essayistisch überformt: durch einen Liebesbrief (allerdings im Angesicht des Verlusts der/s Geliebten geschrieben); durch eine historische Passage, die sich mitantiken Höhlenmalereien, aber auch mit Streiks von Hafenarbeitern beschäftigt; schließlich, das bleibt insgesamt am unklarsten, durch Aufnahmen von buddhistischen Ritualen und gigantischen Walen, die mit den Maschinenbildern parallel geschaltet werden. Man könnte das so beschreiben, dass das maschinell Erhabene auf diese Weise um ein religiös und um ein natürlich Erhabenes ergänzt wird. Wie sich das in den restlichen Film fügen soll, ist mir aber nicht ganz klar geworden (dieser sonst eher ärgerliche Text weißt darauf hin, dass der Film ursprünglich als 3-Kanal-Videoinstallation konzipiert war und auch schon so aufgeführt wurde; vielleicht ergibt das Montagekonzept da tatsächlich mehr Sinn).

Der Gedanke aber, die eindrucksvollen, überwältigenden Maschinenbilder, die Park filmt, die etwas obsessives an sich haben, gerade weil sie sich nicht für den Wertschöpfungsprozess selbst interessieren, sondern für die Unwahrscheinlichkeit, die darin besteht, dass solche gigantischen künstlichen Strukturen überhaupt existieren, dass sie sich dann auch noch bewegen und manipulieren lassen; der Gedanke, diese Bilder mit den Höhlenmalereien in Verbindung zu bringen, interessiert mich rückblickend mehr, als er mir im Kino eingeleuchtet hat. Die wilden, gefährlichen, riesigen Tiere wurden, meint der voice over, erst an die Wand gemalt, symbolisch gebannt (und dabei vermutlich ein wenig idealisiert, überzeichnet), nachdem sie erlegt worden waren. Und auch er, Park, kann diesen Film, diesen auf der Tonspur sich gleich mehrmals im Pathoslevel vergreifenden Maschinenporno nur deshalb drehen, er kann diese Maschinen nur deshalb (mit seiner eigenen, vielleicht auch schon ein wenig veralteten Bildmaschine) symbolisch bannen, weil die Maschinen keine echte Gefahr mehr darstellen.

In den 1980ern noch, zeigen Archivaufnahmen, ketteten sich Hafenarbeiter während eines Streiks an einen gigantomanischen Hafenkran (der tatsächlich den Namen "Goliath" trug...), an eines jener Geräte, die vor allem in den Jahren der rücksichtlosen Industrialisierung Südkoreas während der Diktatur Park Chung-hees vielen Menschen das Leben kosteten, besetzen. Nun haben natürlich die Arbeiter vielleicht in einzelnen Streiks gesiegt, die Kontrolle über die Goliaths haben sie nicht errungen; wenn die heute nicht mehr als Schreckensbild taugen, hat das ganz andere Gründe. Park kann seine Bilder nicht mehr in einem triumphalistischen Modus anfertigen; sein Film ist kein Film aus der Perspektive der Sieger, sondern ein zutiefst melancholischer Film, der mindestens soviel über das Verschwinden von historischer Handlungsmacht erzählt, wie über die Schönheit der Schwerindustrie.

Berlinale 2014: The Second Game von Corneliu Porumboiu

“Wenn das Spiel wenigstens im Jahr 1989 stattgefunden hätte, dann könnte man in ihm eine politische Bedeutung finden”, sagt Corneliu Porumboius Vater einmal (sinngemäß) in dem neuen, und in gewisser Weise radikalsten Film seines Sohns. “The Second Game” besteht ausschließlich aus einer Fernsehaufnahme eines Fußballspiels, eines Aufeinandertreffens der beiden rumänischen Topteams Dinamo und Steaua Bukarest, der Vater stand mit auf dem Platz, als Schiedsrichter. Das Spiel fand 1988 statt.

Die politische “Bedeutung” liegt so oder so auf der Hand und wird vom Voice-Over-Kommentar, einem Gespräch zwischen Vater und Sohn, in der Anfangsphase kurz expliziert: Dinamo war der Club der Geheimpolizei, Steaua der der Armee, die meisten anderen Ligateams waren nicht mehr als Satelliten dieser beiden Mannschaften, die damals zu den stärksten Europas gehörten (für Steaua steht der junge Hagi auf dem Platz, nachhaltig auf sich aufmerksam machen kann er nicht). Die beiden Staatsinstitutionen stehen sich kurz vor dem Ende des Staatssozialismus auf einem praktisch unbespielbaren Platz gegenüber, im dichten Schneetreiben. Das Spiel endet 0:0. Dazu die historische Differenz und die Vermittlung über das Medium VHS: Eine hoffnungslos verrauschte Videoaufzeichnung hat Corneliu Poruboiu ausgegraben, der Ball ist meist nur als eine gelbe Schliere zu erahnen.

Ein Detail der medialen Anordnung, das mich interessiert hat: Wenn der Vater fragt, ob sie das Tape zurückspulen können, um eine Szene noch einmal genauer unter die Lupe nehmen zu können (schon um den unbändigen Kontrollzwang der Schiedsrichter in Grenzen zu halten, sollte der Videobeweis auch weiterhin nicht eingeführt werden…), antwortet der Sohn stets “nein, das geht nicht.” Mag sein, dass der VHS-Player, der für das Experiment zur Verfügung stand, tatsächlich keinen funktionierenden Rücklaufknopf besitzt. Aber dann wäre eben schon die Wahl dieses speziellen Geräts eine ästhetische Entscheidung. Denn das Gespräch zwischen Vater und Sohn dreht sich nach der eher pflichtschuldig abgehandelten politdiskursiven Anfangsphase - und zwischen langen Phasen, in denen sich die beiden wenig zu sagen haben - vor allem um verschiedene Formen von Kontrolle. Ein Schiedsrichter kontrolliert ein Spiel, wie ein Filmregisseur einen Film kontrolliert - und in diesem Fall überlässt der Filmregisseur seinen Kontrollanteil dem rumänischen Fernsehen, das stets aus sozialistischer Obhutspflicht wegschneidet, wenn sich die Spieler auf dem Feld zanken.

Fokussiert wird das auf die Vorteilsregel, die 1988 noch eine absolute Entscheidung vom Schiedsrichter verlangte: Der einmal weiterlaufengelassene Vorteil kann nicht mehr zurückgenommen werden, wenn er sich dann doch nicht einstellt. Porumboius Vater entscheidet sich fast stets für den Vorteil, für den flüssigen Rhythmus, für die elegante mise-en-scene des Fußballspiels, damit allerdings auch gegen das zwar rabiate, aber manchmal auch notwendige Unterscheidungen vornehmende Regime des Schnitts. Wie eben auch in der einen Szene gegen Ende der zweiten Halbzeit, auf die das Spiel und auch der Film mit fast schon unheimlicher Konsequenz zuzulaufen scheinen.

Monday, February 17, 2014

Berlinale 2014, ratings (final)

new films

The Midnight After (Chan, Panorama) +++
Die geliebten Schwestern (Graf, Wettbewerb) +++
Le Beau danger (Frölke, Forum) +++
Snowpiercer (Bong, Forum) +++
L'enlèvement de Michel Houellebecq (Nicloux, Forum) +++
The Guests (Jacobs, Forum) +++
The Second Game (Porumboiu, Forum) +++
Aimer, boire et chanter (Resnais, Wettbewerb) +++

That Demon Within (Lam, Panorama) ++
Boyhood (Linklater, Wettbewerb) ++
The Little House (Yamada, Wettbewerb) ++
Love Is Strange (Sachs, Panorama) ++
Ice Poison (Midi Z., Panorama) ++
umsonst (Geene, Forum E.) ++
A Dream of Iron (Park, Forum) ++
Mario Wirz (von Praunheim, Panorama) ++
Nuoc (Minh, Panorama) ++
Orbitalna (Malaszczak, Forum E.) ++
American Hustle (Russell, Special) ++
Töchter (Speth, Forum) ++

Black Coal, Thin ICe (Diao, Wettbewerb) +
The Airstrip (Emigholz, Forum) +
Ich will mich nicht künstlich aufregen (Linz, Forum) +
Fluch der Medea (Okpako, Forum E.) +
Fieber (Mikesch, Panorama) +

Das große Museum (Holzhausen, Forum) +-
Der Samurai (Kleinert, Perspektive) +-
Und in der Mitte, da sind wir (Brameshuber, Forum) +-
23rd August 2008 (Mulvey et al, Forum E.) +-
Über-Ich und Du (Heisenberg, Panorama) +-
Kumiko, the Treasure Hunter (Zellner, Forum) +-
To Singapur With Love (Tan Pin Pin, Forum) +-
Stone Cloud (Nilthamrong, Forum E.) +-
The Honor Keeper (Singh, Forum) +-
Güeros (Ruizpalacios, Panorama) +-
Anderson (Hendel, Panorama) +-
The Third Side of the River (Murga, Wettbewerb) +-
Standing Aside, Watching (Servetas, Panorama) +-

The Forest Is Like the Mountain (Schmidt / Guillain, Forum) -
Joy of Man's Desiring (Cote, Forum) -
Forma (Sakamoto, Forum) -
Pierrot Lunaire (LaBruce, Forum E.) -
Everything That Rises Must Converge (Fast, Forum E.) -
10 Minutes (Lee, Forum) -
Wie aus der Ferne (Gal, Forum E.) -
The Grand Budapest Hotel (Anderson, Wettbewerb) -
Shadow Days (Zhao, Forum) -
Seaburners (Önel, Forum) -
The Rice Bomber (Li, Panorama) -

Butter on the Latch (Decker, Forum) --
Scrap Yard (Trebal, Forum) --
Zwischen Welten (Aladag, Wettbewerb) --
Behind the Sun (Al Qadiri, Forum E.) --
Jack (Berger, Wettbewerb) --
The Darkside (Thornton, Forum) --
She's Lost Control (Marquardt, Forum) --

Unfriend (Altarejos, Panorama) ---
Los Angeles (Harper, Forum) ---
At Home (Karanikolas, Forum) ---
Kreuzweg (Brüggemann, Wettbewerb) ---
Tape 13 (Stein, Perspektive) ---
Inferno (Bartana, Forum E.) ---

old films

The Dawn Patrol (Hawks, Retro) +++
Ugetsu Monogatari (Mizoguchi, Retro) +++
That Night's Wife (Ozu, Retro) +++
The Grapes of Wrath (Ford, Retro) +++
Late Autumn (Ozu, Classics) +++
The Naked City (Dassin, Retro) +++
Sunrise - A Song of Two Humans (Murnau, Retro) +++
The Docks of New York (Sternberg, Retro) +++
When It Rains, It Pours (Nakamura, Forum) +++
Yukinojo henge (Kinugasa, Retro) +++
Citizen Kane (Welles, Retro) +++
The Iron Mask (Dwan, Retro) +++
Stagecoach (Ford, Retro) +++
Shanghai Express (Sternberg, Retro) +++
Singing Lovebirds (Makino, Retro) +++
Humanity and Paper Balloons (Yamanaka, Retro) +++
Tsuruhachi and Tsurujiro (Naruse, Retro) +++
Dirnentragödie (Rahn, Retro) +++

Jujiro / Crossways (Kinugasa, Retro) ++
Rebel Without a Cause (Ray, Classics) ++
Air Force (Hawks, Retro) ++
Tokyo no eiyu (Shimizu, Retro) ++
La belle et la bete (Cocteau, Retro) ++
Flesh and the Devil (Brown, Retro) ++
The Shape of Night (Nakamura, Forum) ++
The Mark of Zorro (Niblo, Retro) ++
Unter der Laterne (Lamprecht, Retro) ++
Tender are the Feet (Wunna, Forum) ++
Le quai des brumes (Carne, Retro) ++
The Cheat (DeMille, Retro) ++

Home Sweet Home (Nakamura, Forum) +
Blind Justice (Christensen, Retro) +
BirdWatchers (Bechis, Native) +

The War at Sea from Hawaii to Malaya (Yamamoto, Retro) +-
Rashomon (Kurosawa, Retro) +-
Five Scouts (Tasaka, Retro) +-
Gashiram Kothwal (Kaul et al, Forum) +-
Das Licht des Herzens (Kotani, Retro) +-
Faust. Eine deutsche Volkssage (Murnau, Retro) +-

Das Cabinet des Dr. Caligari (Wiene, Classics) -

Sunday, February 16, 2014

Nollywood statt Weihepriesterei

“Ich mag das Unreine, manchmal sogar das Vulgäre”, meinte Ken Jacobs im Publikumsgespräch nach seinem großartigen 3D-Experimentalfilm “The Guests”, als Antwort auf den Vorwurf eines Zuschauers, er habe sein eigenes Konzept - die Stereoskopisierung eines uralten, einst von den Lumiere-Brüdern aufgenommenen Filmschnippsels - untergraben. Und zwar, weil einige kurze Passagen seines Films recht knallig eingefärbt sind, weil andere Passagen mit dem Radetzkymarsch unterlegt sind, weil er schließlich am Ende seines Films an die extrem zerdehnte Bearbeitung des Materials den Originalfilm in Normalgeschwindigkeit anhängt, was die Eigenzeit und den Eigenraum der vorherigen Bilder tatsächlich komplett zerstört (aber gut passt zu dem Gestus von Jacobs’ Gesamtwerk, das nicht an singulären, monumentalen Erfahrungsblöcken interessiert ist, sondern das sich selbst als einen ongoing process und als einen Beitrag zur Erforschung des Bewegungsbildes versteht). Der Fragesteller sehnte sich nach konzeptioneller Klarheit und sah die reine Lehre der Avantgarde an effektbewusste showmanship verraten.

Jacobs’ souveräne und kluge Antwort, seine offensive Affirmation des Unreinen und ein wenig Despektierlichen, hat mich an den Film erinnert, den ich direkt davor gesehen hatte: Richard Linklaters “Boyhood” ist ebenfalls kein Film, der frei ist von Kompromissen, von Zugeständnissen an gewisse Zielpublika und Regeldramaturgien, auch vielleicht nicht frei von Zugeständnissen Linklaters an den eigenen schlechten Geschmack (die Musikauswahl, gerade am Anfang…). Gleichzeitig ist “Boyhood” gerade deshalb ein lebendiger Film, und einer der schönsten im Wettbewerb, weil er vieles zulässt in den gut zweieinhalb Stunden, die er dauert - und weil Linklater viel zugelassen hat in den 12 Jahren, während derer er den Film peu à peu gedreht hat. Weil er vor allem die Veränderung, die die Zeit allen Menschen zufügt, von Anfang an zugelassen hat als integrativen Aspekt seines Films. (Das Gegenbeispiel eines Films, der gar nichts zulässt, wäre Brüggemanns “Kreuzweg”, aber damit soll es auch genug sein mit Nachtreten…).

Weiter hatte ich mir dann noch gedacht, dass ein offensives Umarmen der eigenen Unreinheit eine gute Idee sein könnte für die Berlinale insgesamt. Denn unrein ist die Berlinale von Anfang an: “The Guests” lief im Cubix am Alexanderplatz, auf den Nasen hatten die Zuschauer handelsübliche 3D-Brillen. In seinem Alltagsbetrieb werden im selben Saal Hollywood-Blockbuster vorgeführt, die dann auch noch durch das gleiche Accessoire hindurch betrachtet werden. Dass dieser Ort der reibungslosen, kommerziellen Auswertung von Bildern von Jacobs’ radikal verlangsamtem Eigensinn verunreinigt wird, ist erst einmal eine gute Sache. Und wenn dann umgekehrt der großzügige Experimentalfilmer die hybride Natur seines eigenen Films gegen Weihepriesterei verteidigt: umso besser.

Die reine Lehre der Cinephilie ist in Berlin vielleicht sowieso fehl am Platz: Die großen auteurs wird es auch in Zukunft eher nach Cannes ziehen, die Kathedralen der Avantgarde sind auf anderen, kleineren Festivals besser aufgehoben. Die Berlinale wird immer ein Festival der Kompromisse bleiben. Filme wie “The Guests” und “Boyhood”, auf seine Art auch mein Lieblingsfilm des diesjährigen Festivals (wenn man von der Retrospektive absieht), der popkulturgesättigter Polit-Horrorfilm “The Midnight After”, weisen statt dessen darauf hin, dass es unterschiedliche Arten von Kompromissen gibt. In ihrer gegenwärtigen Gestalt bevorzugt die Berlinale, nicht in jedem einzelnen Film natürlich, durchaus aber sektionsübergreifend im Mittel, den institutionalisierten Kompromiss, der im Mainstream des globalisierten Förderkinos seinen Platz hat.

Deshalb halte ich auch nichts von den andernorts erhobenen Forderungen nach weniger Filmen, nach mehr Konzentration: Im Zweifelsfall würden bei solchen Selbstbeschränkungen genau die falschen Filme wegfallen, übrig bliebe der Kompromiss des kleinsten gemeinsamen Nenners (Filme mit besonders vielen Fördererlogos im Ab-, bzw, das scheint ein neuer Trend zu sein, schon im Vorspann). Es würde für die Zukunft schon genügen, die Netze ganz im Gegenteil ein wenig weiter auszuwerfen, in Richtung idiosynkratischerer Formen des Kompromisses, die in den Untiefen des Populären ebenso lauern können wie in den weniger verbiesterten Winkeln der Avantgarde. Warum, zum Beispiel, nicht einfach einmal ein Nollywoodfilm auf der Berlinale? Oder, noch besser: Warum nicht einfach einmal 20 Nollywoodfilme auf der Berlinale?

Monday, February 03, 2014

Berlinale 2014: Recommendations / Warnings

new films

The Midnight After (Chan, Panorama) +++
Le Beau danger (Frölke, Forum) +++
Snowpiercer (Bong, Forum) +++
L'enlèvement de Michel Houellebecq (Nicloux, Forum) +++
The Second Game (Porumboiu, Forum) +++

Nuoc (Minh, Panorama) ++
Orbitalna (Malaszczak, Forum E.) ++
Töchter (Speth, Forum) ++

The Airstrip (Emigholz, Forum) +
Ich will mich nicht künstlich aufregen (Linz, Forum) +

Der Samurai (Kleinert, Perspektive) +-
23rd August 2008 (Mulvey et al, Forum E.) +-
Über-Ich und Du (Heisenberg, Panorama) +-
Kumiko, the Treasure Hunter (Zellner, Forum) +-
To Singapur With Love (Tan Pin Pin, Forum) +-
Stone Cloud (Nilthamrong, Forum E.) +-
Standing Aside, Watching (Servetas, Panorama) +-

The Forest Is Like the Mountain (Schmidt / Guillain, Forum) -
Joy of Man's Desiring (Cote, Forum) -
Forma (Sakamoto, Forum) -
Pierrot Lunaire (LaBruce, Forum E.) -
10 Minutes (Lee, Forum) -
Wie aus der Ferne (Gal, Forum E.) -
Shadow Days (Zhao, Forum) -
Seaburners (Önel, Forum) -
The Rice Bomber (Li, Panorama) -

Butter on the Latch (Decker, Forum) --
Scrap Yard (Trebal, Forum) --
Behind the Sun (Al Qadiri, Forum E.) --
The Darkside (Thornton, Forum) --
She's Lost Control (Marquardt, Forum) --

Unfriend (Altarejos, Panorama) ---
At Home (Karanikolas, Forum) ---
Tape 13 (Stein, Perspektive) ---
Inferno (Bartana, Forum E.) ---

old films

The Dawn Patrol (Hawks, Retro) +++
Ugetsu Monogatari (Mizoguchi, Retro) +++
That Night's Wife (Ozu, Retro) +++
The Grapes of Wrath (Ford, Retro) +++
Late Autumn (Ozu, Classics) +++
The Naked City (Dassin, Retro) +++
Sunrise - A Song of Two Humans (Murnau, Retro) +++
The Docks of New York (Sternberg, Retro) +++
When It Rains, It Pours (Nakamura, Forum) +++
Citizen Kane (Welles, Retro) +++
The Iron Mask (Dwan, Retro) +++
Stagecoach (Ford, Retro) +++
Shanghai Express (Sternberg, Retro) +++
Singing Lovebirds (Makino, Retro) +++
Humanity and Paper Balloons (Yamanaka, Retro) +++

Jujiro / Crossways (Kinugasa, Retro) ++
Rebel Without a Cause (Ray, Classics) ++
Air Force (Hawks, Retro) ++
La belle et la bete (Cocteau, Retro) ++
The Shape of Night (Nakamura, Forum) ++
The Mark of Zorro (Niblo, Retro) ++
Unter der Laterne (Lamprecht, Retro) ++
Le quai des brumes (Carne, Retro) ++
The Cheat (DeMille, Retro) ++

Home Sweet Home (Nakamura, Forum) +
Blind Justice (Christensen, Retro) +
BirdWatchers (Bechis, Native) +

The War at Sea from Hawaii to Malaya (Yamamoto, Retro) +-
Rashomon (Kurosawa, Retro) +-
Gashiram Kothwal (Kaul et al, Forum) +-
Faust. Eine deutsche Volkssage (Murnau, Retro) +-

Das Cabinet des Dr. Caligari (Wiene, Classics) -