Der Einführungsvortrag, den ich am 03.11. im Kino Arsenal zu zwei Filmen Hong Sang-soos gehalten habe:
Guten
Abend. Zuerst vielen Dank an Sulgi Lie und das Kino Arsenal für die
Einladung für eine kurze Filmeinführung am zweiten Tag der
Retrospektive der Filme Hong Sang-soos. Heute sind zwei Filme aus dem
Frühwerk Hongs zu sehen. The
Power of Kangwon Province
von
1998 haben Sie vielleicht gerade gesehen, wenn nicht, kann ich Ihnen
nur sehr ans Herz legen, sich die Wiederholung am 14.11. anzusehen;
der Film ist, glaube ich, einer der schönsten in der Reihe. Jetzt
läuft Virgin
Stripped Bare by Her Bachelors
aus dem Jahr 2000; ich werde mich in meiner knappen Einführung auf
beide Filme beziehen, die auch diejenigen Filme sind, mit denen sich
Hong als einer der sichtbarsten Regisseure des südkoreanischen Kinos
auf den internationalen Festivals etablierte. Virgin
Stripped Bare By Her Bachelors
zum
Beispiel war sein erster von inzwischen mehreren Filmen, der nach Cannes
eingeladen wurde. Beide Filme sind durchaus kompliziert aufgebaute
Erzählexperimente. Über den Inhalt möchte ich vorab nicht viel
sagen – es geht ohnehin um dieselben Themen, auch um dieselbe Art
von Figuren, wie in allen anderen Filmen der Reihe. Auch über die
erzählerischen Experimente selbst will ich nicht sprechen, weil ich
sonst Gefahr laufen würde, Ihnen den Spaß an diesen
außergewöhnlichen Filmen ein wenig zu nehmen. Es lohnt sich jedenfalls, genau hinzusehen.
Es
ist ohnehin nicht einfach, über einzelne Filme Hong Sang-soos zu
sprechen, ohne sich immer gleich auf alle anderen mitzubeziehen. Es
ist schwer zu sagen, ob es etwas gibt, das The
Power of Kangwon Province
und
Virgin
Stripped Bare By Her Bachelors
einerseits
miteinander verbindet, andererseits aber von den anderen Filmen der
Reihe absondert. Wenn man doch noch ein Moment bei der Erzählung
bleibt, könnte man zum Beispiel feststellen, dass beide Filme in
zwei Teile getrennt sind, die sich in einer nicht leicht zu
durchschauenden Spiegelstruktur gegenüber stehen – aber dasselbe
gilt für eine ganze Reihe anderer Filme, die Sie in den nächsten
Wochen hier sehen können. Vielleicht am ehesten fällt in den beiden
Filmen des heutigen Abends eine melancholische bis geradezu
depressive Grundstimmung auf; zumindest ging es mir beim
Wiederansehen so. Die Filme erzählen mit ziemlicher
Ausschließlichkeit von scheiternden, beziehungsweise schon
gescheiterten Liebesbeziehungen, vor allem der erste Film, The
Power of Kangwon Province,
macht nichts anderes, als die Nachwirkungen einer Beziehung zu
registrieren, die Wunden, die hilflosen Therapieversuche.
Vielleicht
verbindet die Filme auch eine gewisse formale Strenge, ein
Formenspiel, das eher reduktiv-minimalistisch als spielerisch ist: im
ersten Film des heutigen abends findet sich zum Beispiel keine
einzige Kamerabewegung, der zweite ist in wunderschönem, aber auch
hartem schwarz-weiß fotografiert.
Man
kann, glaube ich, wenn man sich in den nächsten Wochen die Filme
nacheinander ansieht, feststellen, dass einige Motive, oder auch
szenische Anordnungen, die in den frühen Filmen noch vorrangig
melancholisch flektiert werden, in den späteren eher humoristisch
aufgelöst werden. Das heißt nicht, dass sich nicht auch in den
Filmen des heutigen Abends in die hoffnungslos verfahrenen
Situationen Ironie und Witz einschleichen würden. In Virgin
Stripped Bare By Her Bachelors
lohnt
es sich zum Beispiel, nach Federballspielern Ausschau zu halten, oder
darauf zu achten, was in entscheidenden Situationen mit Löffeln und Gabeln passiert.
Eine
weitere Gemeinsamkeit: Beide Filme beginnen mit einer Reise.
Beziehungsweise: mit einem verhinderten Treffen während einer Reise.
In The
Power of Kangwong Province
verfehlt
sich ein Paar in einem Zug, auf dem Weg zu einem Urlaubsort, an dem
der Großteil des Films spielt. In Virgin
Stripped Bare By Her Bachelors
wartet
ein Mann in einem Hotel auf seine Geliebte, die es sich anders
überlegt zu haben scheint. Der Film entfaltet sich dann über
Rückblenden – oder zumindest über Sequenzen, die auf den ersten
Blick nach Rückblenden aussehen.
Davon
ausgehend eine etwas allgemeinere Überlegung: Das Motiv der Reise,
vor allem das Motiv der verhinderten oder missglückten Reise ist
vielleicht nicht der schlechteste Einstieg in das Werk Hongs. Vor
allem, wenn man sich ansieht, was die Reise sonst im Kino oder auch
in der Literatur bedeuten kann. Im Kino kann man da zum Beispiel an
zahllose Roadmovies oder an viele Abenteuerfilme denken. Eine Reise
in einem Hong-Film aber ist nie: eine Lockerungsübung, nie auch ein
genuines adventure, nie geht es um die Konfrontation mit dem
Unbekannten, nie auch nur um eine Prüfung, die die Reise dem
Reisenden selbst stellt.
Nur
ein Beispiel: In The
Power of Kangwon Province
stehen
die beiden Protagonisten gelegentlich vor wunderschöner Bergkulisse,
in regelrechten Postkartenpanoramen. Und beschäftigen sich dort doch
nur mit genau denselben verfahrenen Frauengeschichten, die sie auch
zu hause durchleiden. Obwohl in Hong-Filmen viel und gerne gereist
wird, sind sie in mancher Hinsicht regelrechte Anti-Roadmovies und
Anti-Abenteuerfilme. Es geht bei den Reisen in Hongs Kino aber auch
nicht darum, glaube ich zumindest, in der Tradition eines
modernistischen Kinos die touristische Distanz als ein Bild für
Selbstentfremdung zu nehmen – man könnte bei obiger Beschreibung ja zum Beispiel an Rossellinis
Viaggio
in Italia denken.
Diese modernistischen Reisen mögen den jeweiligen Reisenden keine
neuen Erfahrungsformen ermöglichen, aber sie behalten die
Fremderfahrung als nach Innen gefaltete bei und sie behalten auch ein
Moment der Offenbarung, zumindest für das Publikum. Die spezielle
Form der Reise in Hongs Filmen dagegen schließt das Neue, die
Fremderfahrung – oder vielleicht überhaupt: Erfahrung - auf viel
gründlichere Art aus. Und zwar, weil sich im Reisemotiv, glaube ich,
einige Strukturmerkmale der Filme und ihrer Protagonisten
artikulieren.
Was
es in den Filmen nie gibt, ist der sichere Hafen, von dem der
Abenteuerfilm meist seinen Ausgang nimmt und zu dem so manches road
movie zumindest untergründig hinzuführen scheint: keine Familien
gibt es vor allem, nicht einmal als Handlungshorizont, erst recht
gibt es keine Heimat in einem starken Sinne. Insofern setzt sich eine
Reise bei Hong nie in einen Gegensatz zum Alltag. Die Reise ist
gewissermaßen ein nicht hintergehbarer Grundzustand, aber eben
gerade nicht im Sinne eines emphatischen „on the road“, eher im
Sinne einer ewig insistierenden „same difference“. Die Welt des
Hong-Kinos ist von Anfang an zentrumslos, ihre Bewohner entwurzelt,
dabei aber eher slacker als drifter, ihr Bewegungsmodus ist nicht das
freie Sichtreibenlassen, sondern die Wiederholung - und der
Aufschub.
Aus
den neurotischen Kreisläufen der Selbstwiederholung, die eben nicht
nur die Filme, sondern auch die Leben der Protagonisten prägen, gibt
es keinen Ausweg und schon gar keinen, den man auf einer Landkarte
finden könnte. Es geht, vor allem vielleicht für die Männer in den
Hong-Filmen, stets um eine manische, narzisstische Serialisierung des
eigenen Lebens, als dessen notwendiges Variationsmoment dann mal ein
Partnerwechsel herhalten muss, mal ein Ortswechsel. Wenn die Männer verreisen, dann führt Hong sie oft zu Orten, die sie von früher
kennen, wie auch die Frauen, die sie kennenlernen wieder und wieder nichts sind als Variationen der Frauen, die sie gerade verlassen haben. Oft aber planen sie auch lediglich, eine Reise anzutreten -
der Film kommt ihnen dann dazwischen, als Verzögerung, sozusagen. In
Virgin
Stripped Bare by Her Bachelors
möchte
Jae-hun mit Su-jeong unbedingt zur Insel Jeju – ob die beiden an
diesem Sehnsuchtsort auch tatsächlich ankommen, das werden Sie
gleich herausfinden können. Und damit wünsche ich uns allen eine
schöne Projektion. Vielen Dank.