Friday, January 23, 2026

Gegenwartsliteratur, ein Sample (21)

Schön ist die Nacht, Christian Baron. Differentieller Determinismus: Zwei Seins bestimmen zwei Bewusstseins, auf jeweils ein bisschen andere Weise, und dann, da hätte es interessant werden können, geraten die beiden Bewusstseins sich auch noch gegenseitig in die Quere, weil sie sich nicht auf eine gemeinsame Version des Seins einigen können. Aber jeder Ansatz erzählerischen Wagemuts wird flink wieder abgeschliffen zu ostentativ klassenbewusstem kitchen sink aus den Kaiserslauterner Siebzigern. Verdammt gut gemeint, verdammt ungelenk imaginiert. Als Versuch der Errettung proletarischer Lebenswelten hier und da nicht ganz ohne Wert und Wucht, aber was an Autofiktionalität, oral history und anderen Recherchebemühungen ins Buch reingesteckt worden sein mag, wäre in einem klassischer dokumentarisch orientierten Projekt beileibe besser aufgehoben gewesen. Am schönsten sind noch die Kneipenszenen und überhaupt die sumpfigeren Passagen. Die kommunistische Oma liest sich hingegen so schlecht ausgedacht, dass es sie womöglich tatsächlich gegeben hat. Der lotterlinke Bankangestellte beim Schnapstrinken mit den Putzfrauen in der Betriebskantine: da überlege ich dann doch kurz, meinem Vorsatz untreu zu werden und das Buch wegzulegen. Aber nein, das Leben ist kein Zuckerschlecken, ich halte durch.

Serverland, Josefine Rieks. Die Wiederkehr der Gegenwart als Retroutopie als Sturm im Wasserglas. Dass der digital slob unserer Gegenwart, von Memes über Kommentarfeldzüge bis Pornografie, erst einmal gründlich unlesbar gemacht werden muss, bevor er irgendwann, in ferner Zukunft, wieder neu, anders, erstmals richtig lesbar werden wird: das ist ein Gedanke, der mit einleuchtet. Auch bekommt mich die jugendliche Subkultur-Lagerfeuerromantik, die sich bei Rieks an die Relikte der Social-Media-Netzkultur heftet. Angenehm offen bleibt das zunächst, den ihrem Kontext enthobenen files in der Serverfarm entspricht ein ungerichtetes, (sich selbst) unklares Begehren, eine in Maßen fluide Sozialstruktur auch. Wobei: Nerd bleibt Nerd, und aus seiner Haut kann nicht nur der interessant passive Erzähler nicht raus. Die Konsolidierungsbewegung am Ende des ein bisschen unfertig wirkenden Buches scheint mir voreilig. Dass utopische Projekte nach Art des Imaginierten zum Scheitern verurteilt sind weiß ich eh. Den Erschütterungen nachzuspüren, die sie gleichwohl im Einzelnen und auch zwischen Einzelnen hervorrufen können, ist dennoch ein würdiges, von Rieks eher vorskizziertes als ausgeführtes Unterfangen.

Vier Äpfel, David Wagner. Ein Gang durch den Supermarkt und die Sinnschichten, die sich in ihm ablagern. Mikrologischer Universalismus, das Universum in der Nussschale und so weiter. Fein gedrechselt, sich selbst genug. Es stimmt sicher eh nicht, aber gelegentlich denke ich mir beim Lesen: Das hätte ich auch selbst schreiben können, so ähnlich zumindest. Es ist so ziemlich - wenn nicht überhaupt - das erste Buch im Sample, das mich so denken lässt. Wobei ich den Gedanken vermutlich ehrlicherweise umformulieren sollte: Das hätte ich auch selbst schreiben wollen, so ähnlich zumindest. Das nicht expansive, sondern auf engem Raum sich selbst ausdifferenzierende Denken dieses Buches entspricht mir, oder jedenfalls: leuchtet mir ein, auch das Taschenspielerhafte daran, etwa die Art und Weise, wie nebenbei eine Liebesgeschichte in die Warenwelt eindringt. Freilich denke ich zwischendurch auch immer wieder an Wilhelm Genazino. Der aus einer sehr ähnlich passiv-lakonischen Reflexivität dann doch ganz etwas anderes und viel mehr macht. Letztlich fehlt mir bei Wagner das, was ich selbst schreibend auch nie zustande bringen würde: der Sprung in die Fiktion.

Saturday, January 03, 2026

Gegenwartsliteratur, ein Sample (20)

Offene Blende, Antje Rávik Strubel. Eine Liebe blüht auf dem geteilten Boden der Fremdheit, in einem New York, das durchweg fremd, kalt und vermittlungsbedürftig bleibt. Gleich zwei Medien schiebt der Text, mit einigem rhetorischen Aufwand, zwischen die Stadt und die beiden Subjektiven, die einander im Text abwechseln: das Theater und die Fotografie. Das Sozial- und Körpermedium Theater ist das Interessantere wenngleich schon auch Opakere der beiden, die Fotopassagen langweilen mich schnell, es geht um Zufallsfunde, die Magie des Nichtintentionale, das darin doch wieder aufscheinende Punktum subjektiver Wahrheit und so weiter; das sind allesamt Gedanken, die ein paarmal zu oft gedacht und oft und tendenziell auch hier mit etwas zu viel Pathos ausformuliert worden sind. Auch, dass die beiden, die sich in New York treffen und lieben, eine Ostdeutsche und eine Westdeutsche sein müssen, ist mir schon wieder zu viel konzeptueller Überbau. Dabei ist die Liebesgeschichte an sich toll. "An sich", das heißt, immer dann, wenn sie sich vom Überbau emanzipiert und da nur noch zwei begehrende, jedoch meist eben doch erst einmal ein begehrender und ein begehrter Körper sind, ungleiche Energien, die sich meist schmerzhaft verfehlen, nur immer mal wieder kurz zusammenfinden, und sei es nur für ein paar kostbare, in sich verschlungene Sätze.

Die Rassistin, Jana Scheerer. Da weiß man plötzlich, was man an "Identitti" hat. Dabei sind die wenigen Stärken und in diesem Fall besonders vielen Schwächen in beiden Fällen ähnlich verteilt. Auch Scheerer hat ein gewisses Gespür für das Screwball-Potential der akademikschen Bubble (den Sound überhitzt-professioneller Email-Kommunikation, in dem sich eitle Selbstdarstellung mit Höflichkeitsfloskeln und political-correctness-Hohlformeln verbinden hat sie zum Beispiel gut drauf), in diesem Fall verbunden mit einer kräftigen Dosis Cringe Comedy beziehungsweise Körperkomik - der Shitstorm auf dem Handy vermischt sich zwischendurch mit gynäkologischen Befindlichkeiten, aber die entsprechende Szene ist letztlich und andererseits genauso lauwarm zusammenkonstruiert wie der zentrale "Rassismus"-"Skandal" - die Anführungszeichen passen hier unbedingt, da realer Rassismus beziehungsweise die Erregung darüber bei Scheerer wirklich komplett hinter einem ausgedachten Sturm im Wasserglas verschwinden. Am Ende bleibt die Frage: Bücher über geisteswissenschaftliche Institute - gibt es da auch gute?

Schlafgänger, Dorothee Elminger. Hm, weiß nicht, nicht meins leider. Eine Reihe von opaken Erzählstimmen parallel geschaltet, quasi ein Multimonolog, der Raum lässt für allerhand Echos und Wiederholungen, ohne sich auch nur annähernd für dialogische Formen zu öffnen; oder gar so etwas wie einen Raum des geteilten Handelns und Erlebens zu öffnen. Radikal vor allem in seiner Verweigerung einer Entwicklung und sei es hin zu (noch) mehr Enthropie. Das Masterthema aller Monologe sind Migrationsbewegungen, Grenzen und ihre Überschreitung. Ein wenig wie in einem der abstrakteren Claire-Denis-Filme, aber leider komplett ohne deren sinnliche Wucht. Eine der Erzählstimmen gehört einem Logistiker und mir scheint, dass das Buch auch im Ganzen etwas zu sehr im Bann seiner eigenen Logistik steht.