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Saturday, February 14, 2026

Gegenwartsliteratur, ein Sample (22)

Wie man mit einem Mann unglücklich wird, Ruth Herzberg. Ein Formexperiment, als hypersexualisierte Lifestyle-Troll-Literatur getarnt. Protokoll einer Beziehung, die keine ist, sondern ein dysfunktionales Selbstgespräch, das ein Gegenüber nicht einmal mehr wirklich zu imaginieren versucht. "Toxisch" ist deshalb auch nicht die Beziehung, sondern das Selbstverhältnis, das gefangen bleibt in Schleifen depressiver Selbsterniedrigung und manischer Penisanhimmelung ("guter Sex" als einzige mögliche Belohnung, einziger möglicher Maßstab dafür: die kommerzielle Pornografie). Ein Buch über eine bipolare Störung ist das freilich dennoch nicht, dafür fehlt die Distanz. Ein Buch als bipolare Störung? Auch das nicht wirklich, dazu ist die Sprache, die mich erst nervt und dann immer mehr in ihren Bann zieht, zu kontrolliert. Fast ein Prosagedicht auf die Dauer, eine Anrufung, eine Beschwörung, aber von was? Kein Ausbruch, kein Horizont, nichts. Ein Endspiel nicht nur der Liebe und der Sexualität, sondern der Subjektivität. Vielleicht etwas hoch gegriffen, manche Passagen sind auch nur - allerdings ziemlich gutes - Boulevard. Jedenfalls ein Buch, das nach der Lektüre gewachsen ist.

Die Wölfe von Pripyat, Cordula Simon. Eine filigrane Science-Fiction-Konstruktion im Nebel einer unmöglichen Zukunft. Eine Doppelkonstruktion, genauer gesagt, zwei parallel geschaltete Auflehnungen gegen eine autoritäre Zurichtung, die auf ziemlich tolle Weise gleichermaßen allgegenwärtig und unspezifisch bleibt. Keineswegs laufen beide Auflehnungen aufeinander zu, eher streben sie radikal inkompatiblen Zielen zu: Komplettausstieg aus der Technogegenwart vs Ideologiekritik als immer schon systemkonformes Systemkorrektiv. Auf Plotebene teils ein Orwell-Update für politisch diffusere Zeiten (statt des Großen Bruders Überwachungsroutinen als Selbstzweck, statt Gleichschaltung geteilte Indifferenz in untereinander inkompatiblen Millieus), aber atmosphärisch ist das viel näher an Philip K. Dick: halluzinatorischer Radikalpessimismus, Figuren im finalen Kampf gegen die Zersetzung der eigenen Handlungsmacht. Und dann ist das alles womöglich auch noch eine Putinismusallegorie? Zwischendurch auch mal frustrierend opak, das Buch, aber immer ambitioniert wie nur was und in jedem Fall: eine Entdeckung.

Wolfszone, Christian Endress. Weiterhin ein großes Desiderat im Sample: gutes Genrehandwerk. Endress lockt mit Transformers-mäßigen Cyborg-Wölfen und liefert dann doch nur eine weitere brave Expolation nicht einmal wirklich unserer technologischen Gegenwart; sondern lediglich einiger soziologischer Allgemeinplätze rund um Kulturkampf, Prepper, Gutmenschentum, was weiß ich. Die multiperspektivische Erzählweise bringt hier und da tatsächlich ein wenig Schwung in die Handlung, ist aber zuvorderst ein extrem duchsichtiges Manöver, Diversität vorzutäuschen. Wobei das auch schon wieder egal ist, weil die zentrale weiß-männliche Ermittlerfigur ebenso sehr Klischee bleibt wie das weiblich-migrantische und sogar roboterwölfische Beiwerk. Das sehr awkwarde Geflirte des Ermittlers mit einer fast-schon-Femme-Fatale-Journalistin ist noch das Beste am Buch.

Friday, January 23, 2026

Gegenwartsliteratur, ein Sample (21)

Schön ist die Nacht, Christian Baron. Differentieller Determinismus: Zwei Seins bestimmen zwei Bewusstseins, auf jeweils ein bisschen andere Weise, und dann, da hätte es interessant werden können, geraten die beiden Bewusstseins sich auch noch gegenseitig in die Quere, weil sie sich nicht auf eine gemeinsame Version des Seins einigen können. Aber jeder Ansatz erzählerischen Wagemuts wird flink wieder abgeschliffen zu ostentativ klassenbewusstem kitchen sink aus den Kaiserslauterner Siebzigern. Verdammt gut gemeint, verdammt ungelenk imaginiert. Als Versuch der Errettung proletarischer Lebenswelten hier und da nicht ganz ohne Wert und Wucht, aber was an Autofiktionalität, oral history und anderen Recherchebemühungen ins Buch reingesteckt worden sein mag, wäre in einem klassischer dokumentarisch orientierten Projekt beileibe besser aufgehoben gewesen. Am schönsten sind noch die Kneipenszenen und überhaupt die sumpfigeren Passagen. Die kommunistische Oma liest sich hingegen so schlecht ausgedacht, dass es sie womöglich tatsächlich gegeben hat. Der lotterlinke Bankangestellte beim Schnapstrinken mit den Putzfrauen in der Betriebskantine: da überlege ich dann doch kurz, meinem Vorsatz untreu zu werden und das Buch wegzulegen. Aber nein, das Leben ist kein Zuckerschlecken, ich halte durch.

Serverland, Josefine Rieks. Die Wiederkehr der Gegenwart als Retroutopie als Sturm im Wasserglas. Dass der digital slob unserer Gegenwart, von Memes über Kommentarfeldzüge bis Pornografie, erst einmal gründlich unlesbar gemacht werden muss, bevor er irgendwann, in ferner Zukunft, wieder neu, anders, erstmals richtig lesbar werden wird: das ist ein Gedanke, der mit einleuchtet. Auch bekommt mich die jugendliche Subkultur-Lagerfeuerromantik, die sich bei Rieks an die Relikte der Social-Media-Netzkultur heftet. Angenehm offen bleibt das zunächst, den ihrem Kontext enthobenen files in der Serverfarm entspricht ein ungerichtetes, (sich selbst) unklares Begehren, eine in Maßen fluide Sozialstruktur auch. Wobei: Nerd bleibt Nerd, und aus seiner Haut kann nicht nur der interessant passive Erzähler nicht raus. Die Konsolidierungsbewegung am Ende des ein bisschen unfertig wirkenden Buches scheint mir voreilig. Dass utopische Projekte nach Art des Imaginierten zum Scheitern verurteilt sind weiß ich eh. Den Erschütterungen nachzuspüren, die sie gleichwohl im Einzelnen und auch zwischen Einzelnen hervorrufen können, ist dennoch ein würdiges, von Rieks eher vorskizziertes als ausgeführtes Unterfangen.

Vier Äpfel, David Wagner. Ein Gang durch den Supermarkt und die Sinnschichten, die sich in ihm ablagern. Mikrologischer Universalismus, das Universum in der Nussschale und so weiter. Fein gedrechselt, sich selbst genug. Es stimmt sicher eh nicht, aber gelegentlich denke ich mir beim Lesen: Das hätte ich auch selbst schreiben können, so ähnlich zumindest. Es ist so ziemlich - wenn nicht überhaupt - das erste Buch im Sample, das mich so denken lässt. Wobei ich den Gedanken vermutlich ehrlicherweise umformulieren sollte: Das hätte ich auch selbst schreiben wollen, so ähnlich zumindest. Das nicht expansive, sondern auf engem Raum sich selbst ausdifferenzierende Denken dieses Buches entspricht mir, oder jedenfalls: leuchtet mir ein, auch das Taschenspielerhafte daran, etwa die Art und Weise, wie nebenbei eine Liebesgeschichte in die Warenwelt eindringt. Freilich denke ich zwischendurch auch immer wieder an Wilhelm Genazino. Der aus einer sehr ähnlich passiv-lakonischen Reflexivität dann doch ganz etwas anderes und viel mehr macht. Letztlich fehlt mir bei Wagner das, was ich selbst schreibend auch nie zustande bringen würde: der Sprung in die Fiktion.

Saturday, January 03, 2026

Gegenwartsliteratur, ein Sample (20)

Offene Blende, Antje Rávik Strubel. Eine Liebe blüht auf dem geteilten Boden der Fremdheit, in einem New York, das durchweg fremd, kalt und vermittlungsbedürftig bleibt. Gleich zwei Medien schiebt der Text, mit einigem rhetorischen Aufwand, zwischen die Stadt und die beiden Subjektiven, die einander im Text abwechseln: das Theater und die Fotografie. Das Sozial- und Körpermedium Theater ist das Interessantere wenngleich schon auch Opakere der beiden, die Fotopassagen langweilen mich schnell, es geht um Zufallsfunde, die Magie des Nichtintentionale, das darin doch wieder aufscheinende Punktum subjektiver Wahrheit und so weiter; das sind allesamt Gedanken, die ein paarmal zu oft gedacht und oft und tendenziell auch hier mit etwas zu viel Pathos ausformuliert worden sind. Auch, dass die beiden, die sich in New York treffen und lieben, eine Ostdeutsche und eine Westdeutsche sein müssen, ist mir schon wieder zu viel konzeptueller Überbau. Dabei ist die Liebesgeschichte an sich toll. "An sich", das heißt, immer dann, wenn sie sich vom Überbau emanzipiert und da nur noch zwei begehrende, jedoch meist eben doch erst einmal ein begehrender und ein begehrter Körper sind, ungleiche Energien, die sich meist schmerzhaft verfehlen, nur immer mal wieder kurz zusammenfinden, und sei es nur für ein paar kostbare, in sich verschlungene Sätze.

Die Rassistin, Jana Scheerer. Da weiß man plötzlich, was man an "Identitti" hat. Dabei sind die wenigen Stärken und in diesem Fall besonders vielen Schwächen in beiden Fällen ähnlich verteilt. Auch Scheerer hat ein gewisses Gespür für das Screwball-Potential der akademikschen Bubble (den Sound überhitzt-professioneller Email-Kommunikation, in dem sich eitle Selbstdarstellung mit Höflichkeitsfloskeln und political-correctness-Hohlformeln verbinden hat sie zum Beispiel gut drauf), in diesem Fall verbunden mit einer kräftigen Dosis Cringe Comedy beziehungsweise Körperkomik - der Shitstorm auf dem Handy vermischt sich zwischendurch mit gynäkologischen Befindlichkeiten, aber die entsprechende Szene ist letztlich und andererseits genauso lauwarm zusammenkonstruiert wie der zentrale "Rassismus"-"Skandal" - die Anführungszeichen passen hier unbedingt, da realer Rassismus beziehungsweise die Erregung darüber bei Scheerer wirklich komplett hinter einem ausgedachten Sturm im Wasserglas verschwinden. Am Ende bleibt die Frage: Bücher über geisteswissenschaftliche Institute - gibt es da auch gute?

Schlafgänger, Dorothee Elminger. Hm, weiß nicht, nicht meins leider. Eine Reihe von opaken Erzählstimmen parallel geschaltet, quasi ein Multimonolog, der Raum lässt für allerhand Echos und Wiederholungen, ohne sich auch nur annähernd für dialogische Formen zu öffnen; oder gar so etwas wie einen Raum des geteilten Handelns und Erlebens zu öffnen. Radikal vor allem in seiner Verweigerung einer Entwicklung und sei es hin zu (noch) mehr Enthropie. Das Masterthema aller Monologe sind Migrationsbewegungen, Grenzen und ihre Überschreitung. Ein wenig wie in einem der abstrakteren Claire-Denis-Filme, aber leider komplett ohne deren sinnliche Wucht. Eine der Erzählstimmen gehört einem Logistiker und mir scheint, dass das Buch auch im Ganzen etwas zu sehr im Bann seiner eigenen Logistik steht.

Saturday, December 20, 2025

Gegenwartsliteratur, ein Sample (19)

Feuer, Chaim Noll. Ein Nachtrag, ist schon etwas länger her, dass ich das Buch gelesen habe. Warum ist mir ausgerechnet dieses durchgerutscht? Vielleicht, weil es wenig seinesgleichen gibt im Sample, wenig Bücher, die sich der Fiktion als etwas dezidiert Ausgedachtem, nicht eins zu eins an empirischen Erfahrungswelten Abgleichbarem nähern und sich gleichzeitig nicht in schnödem World Building verlieren. Fiktion ist keine Gegenwelt (mit Tendenz zur Verhärtung, Verkapselung im eigenen Regelwerk), sondern ein Sprachspiel. Das vor allem in der ersten Hälfte des Buches mich in seinem Bann hält: eine Gruppe von Menschen unterwegs in einem weitgehend abstrakten Endzeitszenario, der Text verzichtet komplett auf eine Masterperspektive, springt von einer Figur zur anderen und tatsächlich verschiebt sich die Konstellation mit jedem Sprung, jeder Blick bringt seine eigenen Erhellungen und Verdunklungen mit sich. Da der Welt um die Figuren herum alle Sicherheiten, alle fixen historischen Wegmarkierungen abhanden gekommen sind, könnte das immer so weiter gehen. Noll allerdings setzt einen harten Schnitt in die (strukturelle) Mitte seines Buches, die zweite Hälfte spielt in der Post-Postapokalypse und installiert ein freilich gleichermaßen abstraktes Kontrolldispositiv. Weiter springt der Text von Figur zu Figur, wird komplexer, verliert jedoch an Griffigkeit, denn es geht nicht mehr um differierende Weltprojektionen, sondern um die geteilte und doch nicht ganz geteilte Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies der temporären Freiheit. Ändert nichts dran: tolles Buch.

Land in Sicht, Ilona Hartmann. Kann ich nicht viel zu sagen. Eine Flussfahrt als biografischer Wiederganzmachungstrip. Wenn man sich aufs Programm einlässt, gibt es garantiert ein bisschen emotionalen Payoff. Ich konnte nicht, was zuvorderst an den despektierlichen Beschreibungen der Kreuzfahrtgäste und teils auch -besatzung liegt. Wirkt wie eine Aneinanderreihung von Facebook-, teils auch Twitterminiaturen, die auf like-Beifall von Gleichgesinnten spekuliert, nicht mal richtig edgy (sachte Inzest-Vibes zwischendurch, gibt sich schnell wieder), immer auf der geschmackssicheren Seite. Ein Buch, das geschrieben wurde um ein Buch zu schreiben.

Mandels Büro, Berni Meyer. Auch das hier: not for me, sorry. Geschrieben in einem rumkumpelnden Tonfall, der mich an Rita Falks Hannes erinnert und mich bei Meyer genauso nervt, beziehungsweise fast noch mehr, weil er in Mandels Büro weniger den Charakter einer eigengesetzlichen Kunstsprache erhält, bloße Ranschmeißerei bleibt. Interessant hingegen, dass der Erzähler selbst eine Nebenfigur ist, beziehungsweise ein klassischer Sidekick der Hauptfigur Mandel, zu dem er treu ergeben, fast eher ein Hündchen als ein Kumpel, aufblickt. Kein Aufbegehren, kein Versuch, sich selbst in den Mittelpunkt zu drängen, selbst eine zwischenzeitliche Sexgeschichte des Erzählers lässt ihn nicht zum Protagonisten werden. Das sprachliche Wie ist alles in allem dennoch spannender als das narrative Was - ein Krimi ist's, durchaus mit Whodunit-Qualitäten aber reichlich fahrigem Storytelling. Meyer gibt sich einigermaßen Mühe, das Popmusikmilieu, in dem das Buch spielt, erfahrungssatt auszugestalten und doch bleibt die Band, deren Sänger zu Beginn gekillt wird, ein sonderbares Zwischending aus Rammstein und, hm, Tote Hosen? Ton Steine Scherben? Egal. 

Friday, November 28, 2025

Gegenwartsliteratur, ein Sample (18)

Freiheitsgeld, Andreas Eschbach. Der Protagonist im neuen Pynchon heißt Hicks McTaggart, einfach weil Pynchon das so will; Andreas Eschbach hingegen macht jede Menge Aufhebens um die Tatsache, dass seine eigene Hauptfigur nicht Achim, sondern Ahmad Müller heißt. Beziehungsweise: er macht Aufhebens drum, wie wenig Aufhebens er drum macht, weil er ja künftige Normalität beschreiben will. Brave Exploration von soziodemografischen Entwicklungstendenzen: das und kein Jod mehr ist Science Fiction bei Eschbach. Allzu viel hat sich eh nicht verändert in dieser bloß projizierten (keineswegs: fabulierten) Zukunft, beruhigt uns das Buch gleich mehrmals. Immer wieder findet sich im Verlauf des für sich selbst okayen Spannungsplots außerdem Gelegenheit, Wissenslücken bezüglich der fiktionalen Timeline zu schließen. Lesen Sie doch im Folgenden, schlägt mir das Buch vor, ein seitenlanges Interview mit einem Politiker, der die Ereignisse der letzten 30 Jahre zusammenfasst! Ja gut, ich mach's, aber garantiert nur einmal in diesem Leben und nur weil ich mich nunmal auf dieses Sample-Spiel eingelassen habe. Amüsant immerhin: dass Frauen andauernd Sex wollen bei Eschbach, überhaupt sind die leichten Anflüge von Kink zwischendurch noch das Beste dran.

Identitti, Mithu M. Sanyal. Okay als screwball comedy I guess. Und auch ein bisschen als soap opera. Meine initiale Totalgenervtheit weicht jedenfalls bald einem gnädigeren Lektüremodus, der sich an den barockeren Aspekten des Buches erfreut, den Social-Media-Interludes, den Lifestyle-Kauzigkeiten lotter-akademischer Provenienz, auch an den zwischendrin eingeflochtenen und schön auf Krawall gebürsteten Liebes- und Sexeskapaden. Viel Lärm um Nichts: Das wäre die positive Lesart, aber mir ist da doch zuviel berechnendes something im Spiel. Allzu passgenau zusammenkonstruiert ist insbesondere die Dolezal-Wiedergängerin im Zentrum des letztlich scheint mir doch nicht allzu wirklichkeitssatt entworfenen Skandals (zumindest ist das Setting des Buches, dafür kann es natürlich erst einmal nichts, in ziemlich kurzer Zeit ziemlich schlecht gealtert), aber auch das sonstige Umfeld der Erzählerin wirkt arg "gebaut". Der Effekt ist eine ziemlich felsenfeste diskursive Verankerung der Erzählperspektive, die die behauptete ideologisch-identitäre Bedürftigkeit Niveditas ebenso konterkariert wie die referierten dekonstruktivistischen Denkmuster. Sicherlich kann man das Argument an dieser Stelle noch ein-, zweimal weiter drehen und etwa das Verlangen nach einem insbesondere moralisch stabilen Koordinatensystem als eine Kompensationsleistung lesen, die auf existenzielle Verletzlichkeit verweist... aber das Problem bleibt, aus meiner Sicht, dass Sanyals Text letztlich literarisch nicht funktioniert. Weil er die übervorsichtige Konstruiertheit (oder auch: sein mangelhaftes Vertrauen in die eigene Fiktion) unter einem Wirbelsturm der (meta-)textuellen Oberflächen zu verbergen versucht; und auch den schon immer wieder durchschimmernden sensualistischen Qualitäten der Prosa wenig Raum zur Entfaltung lässt.

Kurzmitteilung, Navid Kermani. Sich nachträglich in ein fremdes Leben hineinschreiben zu wollen ist das eine; nicht zu wissen und auch gar nicht wissen zu wollen, woher dieses Verlangen kommt, etwas ganz anderes. Was mich an dem Buch nachhaltig fasziniert ist Letzteres: die Reflexionsschranken, die Denken und Handeln des Erzählers bestimmen. Nicht unbedingt: einschränken. Vielleicht ermögliche sie ganz im Gegensatz manches; nicht zuletzt machen sie es möglich, einigermaßen fasziniert mit den Augen eines ziemlichen Unsympathen auf die Welt zu blicken. Wobei mir das Buch besser gefällt, solange der Erzähler seine Arschlochhaftigkeit auf eher unspektakuläre, vor allem folgenlose Art und Weise zelebriert. Wer denkt nicht selbst mal menschenfeindliches Zeug zusammen, wenn der Tag lang und das Land, in dem man lebt (ein ziemlich starkes Buch über das Unbehagen an Deutschland ist das ganz nebenbei und angenehm unaufdringlich auch), öde ist? Gegen Ende schlägt die Misanthropie, vor allem in Form einer ziemlich ekligen Sexszene, um in einen Exzess abjekter Männlichkeit, von dem man sich dann doch wieder recht leicht distanzieren kann. Wenn nicht muss. Da bin ich dann kurz raus, bevor mich die wirklich überraschende und wagemutige finale Volte wieder einfängt.

Saturday, November 22, 2025

Ahnen erahnen (Gegenwartsliteratur, ein Sample 17)

Anne Weber, Ahnen.

"Der Mann heißt Jens Niederhut. Ich merke mir den Namen (...) weil er mich an den Namen des deutschen Autors Jens Sparschuh erinnert, dem er gewissermaßen noch die Kopfbedeckung liefert."

Einer der Sätze, die mich auf die Palme bringen - aber warum? Was soll dagegen sprechen, Sprache als Spielmaterial aufzufassen, kurz zum Selbstzweck werden zu lassen? Was mir missfällt, ist, glaube ich, nicht das Spielerische, sondern, dass das Spielerische so schief im Satz sitzt, als aufgepfropfter Effekt, weil es Weber letztlich, wie im ganzen Buch, nicht ums Spiel, sondern um Selbststilisierung geht.

Genau wie die Annäherung Webers an ihren Ahnen Florens Christian Rang von Anfang an nichts zutage fördern soll außer der Unmöglichkeit einer solchen Annäherung. Die Form, die das Buch sich gibt, ist nicht die einer Recherche sondern die einer selbsterfüllenden Prophezeiung. Und ich werde den Verdacht nicht los: Was sich wirklich als unüberwindbare, gebirgshohe Hürde zwischen Weber und Florens auftürmt, ist nicht die deutsche Geschichte, sondern das Wort "ich". 

Nicht nur "ich" schreibt Weber mit Vorliebe, sondern am liebsten gleich "ich forsche", "ich schwöre", "ich spüre", "ich lese". Ist das ich erst einmal von der Leine gelassen, gibt es keine Ruhe mehr, kontaminiert alles, was es berührt, erhebt sich turmhoch über die Welt. "Schon mit vierzehn hat das ich verstanden, was Sanderling in einem seiner Bücher in die Welt hinausposaunt" posaunt das ich seinerseits in die Welt hinaus. Das ich als sprachautomatische Gnade der späten Geburt. Ist damit das Ende der Fahnenstange der Reflexivität erreicht, die Grenze, die eine vom ich gedachte Reflexivität nicht überschreiten kann?

Noch einmal radikalisiert: Vielleicht hat auch die behauptete und mit sehr viel Pathos umhüllte Scheu Webers, das Wort "Auschwitz" auszusprechen, in erster Linie ein Vorwand, bitte auch weiterhin auf der Ebene des ich zu verbleiben.

Wenn es die "Gesinnungskurve", nach der die Wissenschaft als eine Instanz, die es wagt, vom ich zu abstrahieren, sucht, "nicht gibt", sehr wohl aber, ausgerechnet, "Einzelne (...) mir ihren einzelnen Gesinnungen oder Gesinnungslosigkeiten, und in diesen Einzelnen (...) Stimmen ihres Gewissens"... dann liegt der Gedanke nicht fern, dass es auch die Geschichte nicht gibt. Sondern, eben, nur das ich, das hinter seinen "geschlossenen Lidern (...) unscharfe Gestalten" versammelt... und aber dennoch meint, uns eben davon Mitteilung machen zu müssen.

An anderer Stelle lässt sie in ein Stück Genremalerei, das in seiner Abgeschmacktheit - Strandschuppen an der Nomandie, Muscheln mit Pommes, irischer Pianist, Edith Piaf - ganz und gar nicht zum sonst dominierenden Tonfall investigativer Ernsthaftigkeit (der ja auch ein bestimmtes Dekors impliziert: Archivschreibtische, Schilderwald der Institutionen, verstaubte Aktenberger) passen will, das Horst-Wessel-Lied krachen.

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Das alles nicht mehr als ein paar hilflose Notizen, die einer Irritation nachspüren sollen, deren Rückseite ein nachhaltiges Getroffensein ist. Denn tatsächlich ist "Ahnen" das erste und bislang einzige Buch im Sample, das ich nicht lesen kann, ohne selbst ins ich zurück zu fallen.

Monday, October 20, 2025

Gegenwartsliteratur, ein Sample (16)

Bela B. Felsenheimer, Scharnow. Comfort food. Nicht nur, aber natürlich auch und besonders, weil gleich mehrere Joe-d'Amato-Filme auf VHS eine nicht unwichtige Rolle spielen im Plot. Erwartungen hatte ich keine großen nach den tristen Büchern von Felsenheimers Entertainmentbranchenkollegen Schamoni und Kamerun. Aber das hier ist wirklich ein völlig anderes Beast, eine enthusiastisch drauflos fantasierte Dunkeldeutschland-Provinzgrotestke, vielsträngig und höchstens pro forma linear, manche Handlungsstränge, zum Beispiel einer um eine Lovecraft-esques Terrorbuch, laufen mit voller Absicht ins Leere, die anderen ziehen sich ungefähr zur Halbzeit zu einer Klimax mit sanftem Tarantino-Einschlag zusammen, auf die im weiteren Verlauf keine zweite folgt. Stattdessen wird der Autor gegen Ende, meint man zu erfühlen, von einem geradezu rührenden Harmoniebedürfnis übermannt, Pärchen finden sich, Sexualitäten befreien sich, irgendwann wird sogar die siffigste Bude von allen gründlich ausgemistet. Elegant geschrieben ist das nicht immer, gelegentliche krumme Sätze würde ich aber eher dem mangelnden Lektorat anlasten, das vielleicht auch hier und da dem Autor einige weniger griffige Plotideen (ausgerechnet der fliegende Typ auf dem Cover ist leider so eine) hätte ausreden können. Aber genug gemäkelt, ein rundum schönes Buch ist das, ein Buch, mit dem man gerne befreundet wäre.

Kai Meyer, Der Schattenesser. Kein comfort food, eher eine überraschend reichhaltige Mahlzeit in einem abseits der üblichen Pfade gelegenen Restaurant; das ich auch weiterhin nicht allzu oft aufsuchen werde, fürchte ich - historical Fantasy ist schlicht nicht ganz mein Ding, auch bei Meyer fühlt sich manches, was an Realgeschichte in den Plot hinein ragt, nach halbverdauter Recherche an. Gut gefällt mir das world building hingegen, wo es kleine, eng am Figurenhandeln, insbesondere an physischen Bewegungsspielräumen entlang entworfene Modelle auf Größeres extrapoliert. Immer wieder turnen Leute seitenweise zwischen Balkengefügen und auf Dächern herum, und sonderbarerweise wird das nie langweilig. Ein immersives Action-Adventure-Game, das das routiniert-egale Melodram, in das es eingelassen ist, vergessen macht. Der Schattenesser ist eines der frühesten Meyer-Bücher, zum echten Vielschreiber scheint er erst danach avanciert zu sein. Vielleicht erstickt manches, was hier noch frisch und neugierig anmutet, schon wenig später in Routine.

Schwarzes Herz, Jasmina Kuhnke. Eine Überraschung, eine tour de force, eine Selbstzersplitterung, die gleichzeitig eine Aufwallung wie aus einem Guss ist - jedes der kurzen Kapitel setzt neu an, wie ein Atemholen, jedesmal eine frische, mit der Vorherigen nie direkt verbundene Perspektive auf allerdings stets dieselbe Misere. Wie als hätte die Erzählerin zwischendurch Fluchtversuche unternommen. Meileneit entfernt ist das jedenfalls von der juste-milieu-Slbstgerechtigkeit der Hotzheims, Safiers, Klings dieser Welt, durchaus auch von fein säuberlich ausgearbeiter, Bourdieu-geschulter from-rags-to-Kulturkritiker-Autofiktion. Gelegentlich ist es schon so, dass im ersten Satzteil eine schöne Beobachtung steht, oft mit poetischer Nonchalance einfach runtergeschrieben, und im zweiten eine blöde Hohlformel aus dem idpol-Baukasten (und auch hier wieder: kein gutes Redigat, wenn überhaupt eins). Aber dass beides so eng zusammensteht heißt eben auch, dass Kuhnke auf objektivierende Metasprache verzichtet. Kein souveräner Checkerblick aufs eigene Leben, vielmehr ein obsessiv-fiebriges Bohren in Wunden, das immer mal wieder fast ebenso obsessiv in self-help-Rhetorik umgebogen wird. Rassismus ist erst in zweiter Linie strukturell, in erster Linie ist es etwas, das die Erzählerin zwei Superarschlöchern (Schwiegervater und Ex) ausliefert, und der immer wieder gleichen, immer wieder gleich stumpfen Gewalt, die vor allem von einem der beiden ausgeht. Die Grenze zwischen Figur und Autorin: keine Spur davon im Buch zu finden, schlicht nicht von Interesse, was nicht heißt, dass es sie nicht gibt.

Tuesday, August 19, 2025

Gegenwartsliteratur, ein Sample (15)

Sebastian Hotzheim, Mindset. Ein Versuch in brand extension, der schlecht ausgedachte Figuren in einem einfallsarmen Setting platziert und nur mithilfe immer wieder eingestreuter, reichlich beliebiger "El Hotzo"-Weisheiten über, zum Beispiel, Spam-Mail und Uhren im Wandel der Zeit halbwegs ordentliche Romanlänge annimmt. Das Beste an der Geschichte ist noch, dass sie zwischen Gütersloh und Mühlheim spielt - tatsächlich tut es der deutschen Gegenwartsliteratur, scheint mir, fast immer gut, wenn sie sich von Metropolen (insbesondere Berlin und Hamburg) fern hält und sich ins Abgerockte und Abgehängte vergräbt. Mindset landet immerhin zwischendurch mal auf Drogeriefilialen-Parkplätzen und besonders ausgesucht tristen Provinzbahnhöfen, das hat schon was, selbst die schon recht bemühte ostwestfälische Schützenfestszene verrät ein gewisses Beobachtungstalent. Aber letztlich braucht Hotzheim das Provinzgrau nur als Erdung für die Bling-Bling-Fantasien seiner jungmännlichen Egoboost-Protagonisten. Genau wie er die lässig die Jungs durchschauende Hotelangestellte Yasmin Kara lediglich als Sprachrohr für seine eigene, moralisierende Checkerperspektive braucht.

David Safier, Miss Merkel - Mord in der Uckermark. Vielleicht ist mein Sample ja tatsächlich sowas wie der letzte Sommer der Literatur, vor dem ChatGPT-Takeover. Kaum vorstellbar, dass Bücher wie dieses in zehn, fünfzehn Jahren, oder halt nachdem Safier und seine Generation in Rente gehen, noch mit allzu viel menschlichem Input verfasst werden. Allzu viele Prompts braucht's hierfür jedenfalls nicht, jeder Figur besitzt eine sehr überschaubare Anzahl an Eigenschaften, die in am besten dialogförmig aufgearbeiteten Pointen verbraten werden. Immer wieder in denselben Pointen, die Variationen sind minimal, alle fünf Seiten darf ein Satz mal humoristisch über die Stränge schlagen. Stilblüten wie "Die Nähe zu dieser unausstehlichen Frau war ihr unangenehm" würden ChatGPT vermutlich eher nicht unterlaufen. Der Krimiplot beginnt sehr klassisch, locked room mystery, wird aber dadurch ausgebremst, dass wir andauernd in Miss Merkels Kopf reinschauen und mit ihr die einzelnen Verdächtigen durchgehen. So macht das zumindest mir keinen Spaß.

Marc-Uwe Kling, Qualityland. El Hotzo, Miss Merkel, Marc-Uwe Kling... damit ist offensichtlich eine dominante Tendenz in der zeitgenössischen deutschen Witzigkeit aufgerufen. Merkmale: Satirischer Tonfall, politisch auf eher pauschale Art links: kapitalismuskritisch, antirassistisch, feministisch, wenn eine Frau mit Migrationshintergrund auftaucht, weiß man sofort, dass sie eine von den Guten und womöglich gar Sprachrohr des Autors ist (ist in der Tat in allen drei Büchern so, bei Kling am penetrantesten), kritische Webkultur- und Technikaffinität (bei Miss Merkel am wenigsten), schrecklich verlaberter Stil. Kling ist der ambitionierteste, aber auch der nervigste der drei. Es stecken wirklich ziemlich viele Ideen in diesem Buch, aber halt leider: wirklich nur Ideen, keine Welt, kein Milieu, auch nicht wirklich Figuren, nur jede Menge Kling-Avatare. Stilistisch ein bisschen wie Douglas Adams, aber ohne britische Lässigkeit, dafür mit jeder Menge teutonischer Selbstgerechtigkeit. Ich muss gestehen, dass die Lektüre, so hart sie auch ist, auch ein bisschen wehmütig macht. So sehr der linksliberale Mainstream, der sich hier Bahn bricht, auch in seiner Engstirnigkeit, seinen Truismen usw nervt; was auf ihn folgen wird bzw schon ziemlich real folgt, wird garantiert viel schlimmer sein.

Jochen Distelmeyer, Otis. Metaliterarische City symphony, schwer verhoben am eigenen Anspruch, sprachlich oft so schief, dass es sich in der Tat nach einem ersten Draft liest, den vor der Veröffentlichung niemand mehr auch nur grob gegenlesen sollte. Auch das Taxifahrerkapitel zum Beispiel ist anders kaum erklärbar. Und doch... längst nicht das doofste Buch, nicht einmal die doofste Berliner City symphony des Samples. Distelmeyer Scheitern ist, scheint mir, zumindest auch ein Scheitern an der Stadt, über die er schreibt; was das Buch nicht rund (und leider auch nicht auf wirklch beglückende Weise unrund), aber um Längen interessanter macht als, sagen wir, Nagelschmidt oder Fricke, bei denen Berlin nichts ist als die Summe medial gut abgehangener Klischees. Tristan Funke als Dauerbegeisterter, der männliches Blendwerk selbst der übelsten Sorte konsequent beim Nennwert nimmt und parallel fast unbewusst durch Frauengeschichten driftet... die Frauen sehen, scheint mir, etwas an ihm, das er selbst nicht sieht, und wir halt auch nicht...

Saturday, August 16, 2025

Gegenwartsliteratur, ein Sample (14)

Eckhart Nickel, Hysteria. Viele eigensinnige, verspulte Schönheiten in einem kleinen, schrägen Buch. Ich lese mich mehr oder weniger "blind" durch das Sample, recherchiere wenn überhaupt, dann erst hinterher, dass Nickel unter "Popliteratur" geführt wird, wusste ich entweder nie oder hatte es vergessen. Das Label passt und es passt doch nicht. Toll an dem Buch finde ich vor allem, wie wenig es auf ein Autoren-Ich durchsichtig ist. Die Hauptfigur Bergheim, eher Chiffre für eine Haltung zur Welt, die alle Figuren des Buches teilen (gelegentlich ist das ein bisschen ein Problem, dieses Ineinanderfließen, inbesondere wozu es den Berheim-Sidekick Ansgar braucht, ist mir nicht ganz klar geworden), als ein Protagonist im engeren Sinne, ist nicht Herr der Distinktionen, aus denen seine Existenz sich zusammensetzt, sondern ihnen hilflos ausgeliefert. Es beginnt mit einem gar nicht mal so unliebevoll ausgearbeiteter Science-Fiction-Paranoia-Plot, der dann systematisch begraben wird unter endlos verfeinerten Befindlichkeiten, außerdem regelrecht überschwemmt wird von Rückblenden, die grundsätzlich und programmatisch zu lang und zu detailliert geraten; die zurückführen in die "Studienzeit" als eine in die Vergangenheit projizierte Utopie der völligen, idiosynkratischen Vergeistigung. Von hier aus kann es keinen Ausweg, kein Jenseits der Posen mehr geben, und so erweist sich auch die "Ökodiktatur" bald als ein eher ästhetisches denn politisches Projekt.

Schorsch Kamerun, Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens. Beim Nichtmitmachen war er immer der Erste. Weiß auch nicht. Der freihändige Stil, die offene, mosaikhaft-anektdotische Struktur, die beschworene Poetik eines undogmatisch-unperfekten Undercovergegenkunstschaffens... all das passt schon ganz gut zusammen. Und dass ihn die Romanform nicht so interessiert, schreibt Kamerun eh auch gleich selbst ins Buch rein. Aber es ist dann halt doch vor allem ein Versuch, die eigene Jugend noch einmal aufleben zu lassen, und das klappt für mich nicht, weil die Anektdoten zu unpräzise bleiben, die abgelehnte Spießerwelt zu sehr auf ihre Überwindung durch die Kunst eines besseren Lebens/das Leben einer besseren Kunst hin perspetiviert ist. Ganz selten mal Beobachtungen, die überraschen (und die nicht genauso in Rocko Schamonis Erinnerungsbuch stehen könnten und vielleicht auch stehen - schon wieder das meiste vergessen), der einsame, kategorisch abseits stehende Drogentyp im Heimatdorf zum Beispiel. Kurz und gut, mich hat's leider ziemlich genervt, das schon ziemlich Eitle daran, vor allem auch die andauernde Leutesortiererei, es ist in diesem Buch doch immer immens wichtig, wer die Guten und Angesagten und wer die Anderen sind. Sicher sind die Kriterien dafür weniger verbissen als bei Leuten wie Diederichsen (der nebenbei, wenn ich das richig entschlüssele, eine mitbekommt), aber es bleibt halt trotzdem der Geruch von mir egalen Schulhoffights in der Luft hängen.

Hera Lind, Das letzte Versprechen. Wahrscheinlich habe ich zu wenig Populär/Trivialliteratur ins Sample genommen. Das ist einer der wenigen Trivialromane reinsten Wassers und er ist ziemlich unfassbar. Ein Roman "basierend auf wahren Begebenheiten", die Tagebücher und Gedichte derjenigen, die die "wahren Begebenheiten" einst erlebte, sind in den Text montiert. Es handelt sich um eine Banater Schwäbin, die mit ihrer Familie am Ende des Zweiten Weltkriegs aus dem heutigen Serbien vertrieben wird. Die erste Hälfte ein doppeltes Martyrium: Unschuldige deutsche Mutter wird von sadistischen Russenkommies ins Gulag gesteckt, ihre strohblond-goldige Tochter (die Hauptfigur) wird von sadistischen Jugokommies ins Kinderlager gesteckt. Grausamkeit reiht sich an Grausamkeit, stets kontrastiert mit Erinnerungen an das gottesfürchtige deutsche Leben der Banatschwaben, die niemandem je ein Haar krümmen hätten können. Alle 50 Seiten ein kurzer Hinweis darauf, dass das Schicksal, das die Banater Schwaben ab 1945 erleiden, etwas mit "den Nazis" und ihren Untaten zu tun hatte, wobei "die Nazis" nicht nur mit den Banatschwaben, sondern überhaupt mit den Deutschen nichts zu tun zu haben scheinen. (Wenn irgendwo im Buch von Juden die Rede ist, habe ich's überlesen.) Sind diese kurze Hinweise alles, was das Buch von der Landser- und ähnlich revisionistischer Literatur unterscheidet? Nicht ganz, zeigt sich vor allem im zweiten Teil, der Mutter und Tochter in der Nachkriegs-BRD vereint und ein erstaunlich großformatiges Familienepos skizziert eher denn auserzählt. Fluchtpunkt ist, wird hier klar, nicht die kollektive, deutsche, sondern das individuelle, weibliche Leid, das zumindest literarisch jener psychologischen Behandlung zugeführt werden soll, die ihm zeithistorisch nicht vergönnt war. Lind, eine auf schon auch faszinierende Art schamlose Autorin, interessiert sich freilich stets vor allem für die melodramatischen Spitzen, haarscharf abgewendete medizinische Katastrofen vor allem: ein Motorradunfall des Sohnes verschlingt 100 Seiten, die sich über Jahrzehnte hinziehenden Eheprobleme der Tochter höchstens 10.

Wednesday, August 13, 2025

Gegenwartsliteratur, ein Sample (13)

Charlotte Gneuß, Gittersee. Darf Gneuß das, fragt die Literaturkritik: als westdeutsch Sozialisierte über eine ostdeutsche jugendliche Lebenswelt schreiben. Ich frage mich eher, warum sie das überhaupt will: schon im Debüt handwerklich astreine, aber schrecklich gediegene und überraschungsfreie Relevanz- und Buchpreisliteratur abliefern. Meine Frage mag nicht viel schlauer und vielleicht impertinent sein, was weiß ich schon über die Beweggründe hinter der Stoffwahl. Aber das Buch liest sich nunmal wie das literarische Äquivalent zu bravem Förderkino, zeithistorische Brisanz kanalisiert als sanft menschelndes Milieustück (DDR als Milieu, bisschen doof finde ich das in der Tat auch), das gegen Ende in eine Thrillermechanik kippt, die offenlegt, wie schematisch die Figurenkonstellation von Anfang an angelegt ist. Dass Gneuß oft tolle Sprachbilder gelingen, macht die Sache für mich, ungnädig wie ich wieder mal bin, eher noch schlimmer - die gar nicht wenigen schönen Sätze verweisen auf ein viel besseres Buch, das nicht sein darf.

Rita Falk, Hannes. Rita Falk scheint sehr zu mögen: Männer, die leiden; und Männer, die (sich gegenseitig) heilen. Frauen leiden und heilen eher am Rande mit. Männliche Mainstreamgefühle, artikuliert in der Ansprache des Hauptleidenden an den komatösen besten Freund, in der einerseits ein brüchiges Selbstverhältnis aufgehoben ist und anderseits wie nebenbei (aber natürlich geht's darum hauptsächlich) eine provinzielle Mainstreamlebenswelt zwischen Eishockey, Irish Pub, Baggersee, Rumgebaggere und aber auch Zivildienst im Pflegeheim aufgefaltet wird. Sprachlich grundsolide im ewig selben Plauderton gehalten, effektivste Geheimwaffe die immer wieder eingeflochtenen "na ja"s und "egal"s - echt sind nur die Gefüle, die Mann sich nicht eingestehen will. Gegen Ende komme ich fast auf den Geschmack, es ist dann aber doch ein bisschen zu viel fader Unsinn mit drin, Nichtpointen, die seitenlang zu Tode geritten werden, homophobes Gewitzel wie in deutschen Nullerjahrekomödien und so weiter.

Andrea Paluch, Robert Habeck, Hauke Haiens Tod. Schullektüre spukt erstaunlich/erschreckend oft durch das Sample, jetzt sogar der Schimmelreiter, der nun wirklich ewiges gelbes Reclamheft hätte bleiben sollen anstatt aufgedonnert zu werden zum Öko-Inzest-Sekten-Gegenwartskrimitohowabohu. Einige Mühe geben sich Paluch und Habeck, zugegeben, mit dem Settting (nach einem lieblosen Auftakt im Rotlicht-Hamburg): touristisch aufpoliertes Dorf in Schleswig-Holstein, von alten Eifersüchteleien, Sexgeschichten und überlieferten feudalen Sozialstrukturen angefressen - aber eben außerdem, warum auch immer, von einer evangelikalen Sekte unterwandert! Nicht viel ergibt hier Sinn und vor allem ist es wahnsinnig ungelenk erzählt. Völlig zu Recht gibt es das alles inzwischen auch als ARD-Fernsehfilm.

Sunday, August 10, 2025

Gegenwartsliteratur, ein Sample (12)

Nora Bossong, 36,9. Tragödie und Farce, parallel montiert. Die Leute auf goodreads bevorzugen die Tragödie: Antonio Gramsci und die geliebten Schwestern, der leidende Gerechte, der die Liebe als unverhoffte Gnade erfährt und sie doch nicht ganz annehmen kann. Ich bin eher für die Farce zu haben: Anton "Tonio" Stöver, Gramsci-Forscher und Hallodri, auf den Spuren einer Tatjana, die sich vielleicht mit Gramscis Tanja vermischt. Während zuhause Hedda nicht mal mehr unbedingt wartet, die Frau mit dem deutschesten aller Namen. Das ist oft umwerfend komisch, gerade wie das komplette Ausmaß der Erbärmlichkeit Antons sich erst nach und nach herausschält. Auch wie die krachenden Anton-Subjektiven die distanziertere, vielleicht etwas arg gediegene Antonio-Einfühlung zumindest ein bisschen desavouieren... Ein bisschen zu sehr ins eigene Konzept verliebt ist das Buch gelegentlich freilich schon.

Sebastian Fitzek, Amokspiel. Ich weiß nicht, was ich erwartet habe, aber sicher nicht derartig kruden Ultrastuss. Gerade auch sprachlich... Ist ein Frühwerk, vielleicht gibt sich das später, die Fitzek-Bücher können doch nicht alle derart windschief vollgeschrieben sein? Der Reiz besteht, nehme ich an, in den einerseits in halsbrecherischer Geschwindigkeit montierten, andererseits aber doch wieder schrecklich verlaberten Twists. Alle sind erst tot, dann wieder lebendig, dann wieder tot, jeder ein Verräter, jeder ein Agent, die meisten Doppelagenten, aber wer einmal als "überraschend sympathisch" beschrieben wird, dem darf man dann doch hinfort bedingungslos über den Weg trauen. Ein unüberblickbares Figurenarsenal und Plotgestrüpp, gewürzt mit ein bisschen sehr pubertärem Sex hier und lieblos reingeklatschter Comic-Gewalt da. Aus der einen guten Idee, die am Anfang steht - ein intimes "Therapie"-Gespräch wird bundesweit im Radio übertragen -, macht Fitzek ganz und gar überhaupt nichts. Am besten tatsächlich noch in der Action-Konkretion, in der ethusiastischen Evokation endloser billig-Ballerfilme-Showdowns. Es stellt sich wieder mal die Frage, warum das so selten gut geht: Pulp auf deutsch. Von Lee Child, Michael Connelly oder anderen guten Airport-Novel-Autoren ist Fitzek so weit entfernt wie der Potsdamer Platz, auf dem der Roman hauptsächlich spielt, von Times Square.

Martin Suter, Elefant. Gentechnik ist böse, aber ein rosa Minielefant, der im Dunkeln leuchtet, der ist halt trotzdem süß. Um diese letztlich nicht allzu ergiebige Paradoxie herum bastelt Suter einen mäßig erquicklichen Crowdpleaser-Roman, der sein Personal gemäß geläufiger moralischer Kategorien sortiert und in eine einigermaßen ungelenke Plotmechanik einspannt, in der alle immer gerade zur rechten Zeit einander treffen oder eben nicht. Ganz schön, wie unaufgeregt und zugewandt sich das Buch den Zürcher Randständigen nähert. Überhaupt ist die Äquidistanz, die Suter aller moralischen Kasuistik zum Trotz in sprachlicher Hinsicht zu seinen Figuren hält, in der Theorie interessant. Das hat etwas von einem kleinen helvetischen Welttheater, aufgeführt in lakonischen Aussagesätzen. Zumindest in diesem speziellen Fall ist da, auch wegen der penetrant antimodernen Bias, für mich trotzdem nicht viel zu holen.

Saturday, August 09, 2025

Gegenwartsliteratur, ein Sample (11)

Fatma Aydemir, Dschinns. Wiedererkennbarkeit und Typisierung, Wiedererkennbarkeit per Typisierung. Alle Figuren sind gleichzeitig erfahrungssatt ausgearbeitet, "aus dem Leben gegriffen" und perfekt ausgestanzte Puzzlesteine, die sich fugenlos zum schlüssigen Sozialpanorama fügen; das freilich von vorn herein gesetzt ist, durch die einzelnen Figurenerzählungen nur immer wieder neu bestätigt wird, nicht dynamisch gedacht ist oder gar entgleisen kann. Die Spannung, die es im Inneren der Figurenkonstellation nicht gibt, wird stattdessen von außen hinzu addiert, durch ein "geheimes Familienmitglied", eine Art materiellen Geist, an dem das Unbehagen aller anderen Figuren mit sich selbst fassbar wird, fast wie in einem viktorianischen Melodram. Wie das gesamte Buch kann man auch diese Volte bewundern; gleichermaßen ornamental und wuchtig geschrieben ist Dschinns allemal - nur bleibt der Horizont halt stets eine Ordnung des Repräsentationellen, die mich nicht interessiert.

Esther Kinsky, Am Fluss. Passagen entlang Londoner, rheinländischer, osteuropäischer, anderer Wasserwege, nature writing vielleicht, aber stets mit einem aufmerksamen Blick für Kontaminationen: der Natur mit Urbanität, der Urbanität mit Natur, der Subjektivität mit Äußerlichem, des Äußerlichen mit Subjektivität, der Beschreibung mit Erzählung, der Erzählung mit Beschreibung. Ein Buch über die Gegenden vor allem, in der die Stadt ihre Form verliert und dadurch anders lesbar wird, ein bisschen wie Bernhard Sallmanns Berlin JWD, aber Berlin ist natürlich nicht so sumpfig-modrig, so schlackig-träge, wie London es womöglich tatsächlich mancherorts ist. Berlin ist immer schon modern, auch da wo es schrecklich demode ist. Vielleicht gerade da. Kinsky treibt hingegen London die Modernität gründlich aus, und zielt doch nicht auf ein Heimisch- oder Heimeligwerden... sondern ganz im Gegenteil auf einen Abschied, auf ein Verblassen.

Sven Heuchert, Alte Erde. Es gibt nicht viele Pageturner in der deutschen Gegenwartsliteratur. Das hier ist einer. Und was für einer. Ein rheinischer Redneck-Western, mal alttestamentarisch wuchtig, mal unverschämt spekulativ wie gutes Grindhouse-Kino (warum nicht mal jenseits jeder erzählerischen Dringlichkeit einem random Paar beim Ficken im Waldsee zuschauen und heimleuchten) und doch immer geerdet in dichtem, perspektivlosem Provinzmief. Keine Exposition, nur schemenhafte Figuren in präzise beschriebenen Landschaften, immer wieder überraschende Sprünge in Subjektiven, die nichts erklären, schon gar nichts rechtfertigen. Subjektivität ist in dieser Welt nur ein Brandbeschleuniger, reine Kinetik. Libidinöse Übersprungshandlungen: Der Blick auf die Frau, die einem entgleitet und der Griff zur Waffe sind eins. So viele Waffen, so viele Patronen. Irgendwo geht ein Wolf um. Und das alles soll ein paar Kilometer neben Siegburg spielen? Fabelhaft. Deutscher Hard Boiled, ja, aber auch deutscher Cormac McCarthy. Natürlich schon unverschämte Männerliteratur irgendwie. Aber halt auch: sowas von mein Ding.

Friday, August 08, 2025

Gegenwartsliteratur, ein Sample (10)

Judith Schalansky, Der Hals der Giraffe. Was wahrscheinlich wirklich nur Literatur so kann: mich eintauchen lassen in eine mir fremde Welt, die gleichzeitig eine mir (nicht ganz so) fremde Gedankenwelt ist. Wie die ostdeutsche Provinz weder soziologisch auserklärt noch impressionistisch ausgeschmückt oder gar elendstouristisch ausgebeutet, sondern in einen gattungshistorischen Zusammenhang verschoben wird: wunderbar. Toll auch die immer wieder kollabierende Distanz zwischen Autorin und Figur, natürlich wird uns Inge Lohmark nicht als Identifikationsfigur anempfohlen, aber wer fiktionale Obsessionen derart liebevoll ausgestaltet, der muss sie einfach bis zu einem gewissen Grad teilen. Tolles Buch insgesamt, ein bildungsbürgerliches Schreiben, dass sich in die eigenen Abgründe stürzt, sich in ihnen verheddert; ein Verlangen nach Ordnung, das Unordnung schafft und aus dieser Unordnung dann doch auch wieder Ordnungsgewinne zu ziehen vermag. Letztlich ein System ohne Außen - vielleicht ja in der Tat immer ein Wesensmerkmal guter Literatur.

Lukas Bärfuss, Hagard. Ein Beobachter wird beobachtet, und wie kunstvoll die beiden Ordnungen der Beobachtung immer wieder neu geordnet werden, wie der sekundäre Beobachter (der Erzähler) manchmal ein Eigenleben erhält, manchmal aber auch ganz im primären Beobachter (dem Protagonist) verschwindet oder vielleicht nur zu verschwinden scheint: das trägt mich über einige manieristische bis postmoderne Fragwürdigkeiten hinweg. Zum Beispiel: Wie in einem Tykwer-Film bekommt eine Nebenfigur eine stenografische Kurzbiografie als eine Art Schattenroman hinter dem Roman aufgedrückt. Die Geschichte selbst, die Jagd des weitgehend eigenschaftslosen Mannes nach einer Frau, die nur Kontur und Lichtwesen ist, nicht über Gesicht und Geschichtlichkeit verfügen darf, ist wiederum etwas abgeschmackt. Sie weiß um ihre Abgeschmacktheit. Ob dieses Wissen sie weniger abgeschmackt macht, weiß ich nicht. Aber da ist schon viel in dem Buch, was mein Interesse wach hält.

Lucy Fricke, Das Fest. Eine womöglich in sich selbst schon irgendwie schlüssige Übung in einer Disziplin, die mir so gar nichts gibt. Ein Walk through memory lane unter den Vorzeichen einer generischen Midlife crisis im Kreuzberger Kreativen-Milieu. Kein Klischee wird ausgelassen: Wie schön war das damals, als wir die Nächte auf dem Flachdach beim letzten Bier ausklingen ließen. Dass das Ganze erzählarchitektonisch so modelliert ist, dass am Ende aus der memory lane doch wieder in Richtung Zukunft/Überwindung der crisis ausgeschert werden kann, wird allzu rasch klar. Dass die Hauptfigur ein desillusionierter deutscher Mainstreamkomödienregisseur ist, ergibt nur allzu viel Sinn; Sönke Wortmann könnte an der adretten Sozialmechanik des Fricke-Plots einigen Gefallen finden. Frederik Lau ist allerdings derzeit noch deutlich zu jung für die Hauptrolle. Nebenbeobachtung: Bisher noch kein auch nur einigermaßen interessantes Buch im Sample, das in Berlin spielt.

Thursday, August 07, 2025

Gegenwartsliteratur, ein Sample (9)

Lutz Seiler, Kruso

Jenny Erpenbeck, Kairos

Helga Schubert, Der heutige Tag: Ein Stundenbuch der Liebe


Es ist schon Monate her, dass ich die drei Bücher gelesen habe, aber ich konnte mich, bis jetzt gerade, nicht dazu durchringen, ihnen auch nur ein paar Zeilen zu widmen. Nicht, weil sie besonders schwach wären; zwei der drei gehören zu den interessanteren des Samples, selbst beim dritten (Erpenbeck) kann ich nachvollziehen, was einen daran reizen könnte. Eher ist das gesamte Projekt in die Krise geraten; die Gedanken und Energien sind anderswo gebunden, wenn sie nicht eh verpuffen, die Bücher mit ihren oft anstrengenden Agenden sind jedenfalls meist arg weit weg von dem, was mich sonst umtreibt.

Aber vielleicht kann ja gerade dieser Abstand Ansporn sein? Jedenfalls habe ich beschlossen, doch weiter zu lesen und nehme mir vor, immer erst einmal von der Annahme auszugehen, dass die deutsche Gegenwartsliteratur ein fremder Planet ist, auf dem ich mich wenn dann nur sehr zufällig heimisch (oder auch: auf produktive Weise nichtheimisch) fühlen kann. 

An Helga Schuberts Buch etwa habe ich nicht das Geringste auszusetzen, es nimmt unaufgeregt und kein bisschen eitel eine Perspektive des Alters und der emotionalen Sicherheit im Blick auf ein bereits gelebtes Leben ein, die mir imponiert und der ich bislang, glaube ich, nicht oft begegnet bin; und doch greife ich durch die Sätze hindurch und bekomme nichts zu fassen als ein ewiges in sich selbst Ruhen. Das ist natürlich arg vage und geht kaum auch nur als Beschreibung durch. Jedenfalls: hängengeblieben ist nichts. Die Löchrigkeit meiner Erinnerung als Maßstab für auch nur irgendwas zu nehmen ist allerdings erst recht unsinnig, also belasse ich es lieber dabei. 

Dass sowohl Seiler als auch Erpenbeck in ihren vom Erzählgestus her sonst so grundverschiedenen Büchern das Ende der DDR in verqueren Coming-of-Age-Erzählungen spiegeln, ist ein schöner Zufall. Bei Seiler macht sich die Allegorie, wenn es denn eine ist, selbstständig; bei Erpenbeck nicht. Bei Seiler führt sie in ein Off der Geschichte, in eine instabile Gegenwelt, die sich Satz für Satz gegen ihr eigenes Verschwinden wehrt; bei Erpenbeck führt sie zurück zur Welt und zur Geschichte, wie wir sie kennen, zu Sätzen, die so banal sind, dass ich nicht anders kann als mich zu fragen: dafür der Auwand?

Wednesday, January 08, 2025

Gegenwartsliteratur, ein Sample (8) (und erst einmal wieder Pause; weil, muss sein)

Matthias Jügler, Die Verlassenen. Die nüchterne Melancholie könnte was für mich sein, dachte ich zunächst. Schnell allerdings beginnen die ostentativen Brüche im Erzählfluss zu irritieren. Cliffhanger ins irgendwo, die, vermute ich, gleichzeitig eine "Blockade" gleichzeitig traumatischer und, als im Vordergrund lauernder Subtext, erinnerungspolitischer Natur (die aber schon arg gebaut wirkt) markieren und eine Spannungsdramaturgie etablieren sollen. Am Ende wird es eine Umschrift gewesen sein, die eine Jugenderzählung vom Kopf auf die Beine stellt. Nunja. Ich fürchte, für solche einigermaßen fein gedrechselten thematisch motivierten und sozusagen nur aus strategischen Gründen (um etwas "erzählbar" zu machen oder so) in Romanform gepressten Unternehmungen, literarische Bastelarbeiten im Grunde, fehlt mir die Muße.

Leif Randt, Schimmernder Dunst über Coby County. Gefallen hat mir, wie das Buch zunächst ganz im world building aufzugehen scheint (insbesondere darin, wie Hauptfigur und Welt sich ineinander spiegeln) und man eine Weile lang den Eindruck hat: Das könnte jetzt bis zum Schluss so weiter gehen, da braucht es gar keine Erzählung. Schließlich geht es dieser Zukunftsvision (und sicher nicht nur in dieser) gerade um die Fantasie eines Equlibriums, und wenn die Narration da zu sehr eingreift, widerlegt die Fantasie sich selbst. Wenn der Plot dann Fahrt aufnimmt, gibt sich Randt einige Mühe, ihn nicht zu direkt auf die Subjektivität der Hauptfigur zu beziehen. Eine langsam, wie von selbst kollaborierende Füllwörterwelt, das hat durchaus einigen Reiz, ist aber vielleicht in den Figurenanlagen nicht einfallsreich genug. Etwas mehr Varianz in Sachen Entlebendigung wäre angebracht gewesen.

Simone Buchholz, Revolverherz. Zum ersten Mal seit längerem wieder klassische Genreliteratur. Das fühlt sich zunächst durchaus an wie ein wärmendes Nachhausekommen. Ein Effekt, der sich allerdings leider schnell abnutzt, wenn die Genreliteratur nicht viel taugt. Mit Revolverherz konnte ich leider rein gar nichts anfangen. Die Krimihandlung läuft, früh erkennbar, auf geläufige, spannungsarme moralische Kasuistik hinaus, und die Kiezromantik, Himmel hilf. Herz am rechten Fleck. Geschnoddere Galore. Comichafte Überzeichnung schön und gut, aber die Nebenfiguren entstammen weniger einem hard-boiled Comic als einem Schlagerfilm der 1960er. Seriously, frage ich mich vor allem jedes Mal, wenn der italienische Polizist auftaucht, Panettone-Vergleiche anstellt und natürlich weiß, wo der beste Espresso der Stadt aufzutreiben ist. Alles zu gemein, was ich hier schreibe, sicher, ist kein böses Buch, gar nicht, nur eines, das mir nichts gibt.

Friday, January 03, 2025

Gegenwartsliteratur, ein Sample (7)

Mo, Frank Göhre. Zu kurz die Sätze, zu pauschal das zugrundeliegende Interesse. Mir scheint, dass beides miteinander zusammenhängt. Dass Friedrich Glauser (bin weder Kenner noch ganz unbedingt Fan, aber definitiv Sympathisant) gegen die Fliehkräfte seiner eigenen Biografie angeschrieben hat; dass seine Bücher also gerade keine Anverwandlung an den eigenen unsteten Lebenswandel, keine Drogenliteratur vor allem, sind; sondern vielmehr Versuche, auf die als falsch und unbarmherzig empfundenen Solidität der ihn umgebenden Welt (des Schweizerischen, des Bildungsbürgerlichen) mit einer anderen, menschlicheren, reflexiveren, notwendig imaginären Solidität zu antworten; dass der Komplex “Glauser und die Frauen” mit all dem zu tun hat, dass auch die Liebe und das Weibliche für Glauser immer wieder wie Alternativen zur selbstzerstörerischen Totalopposition erscheinen; dass allerdings eben dieser Erwartungsüberschuss, beziehungsweise das imaginäre Moment in Glausers Begehren, die Liebesbeziehungen immer wieder zum Entgleisen bringen muss… all dies ist soweit einigermaßen schlüssig. Allein, es ist letztlich doch nur eine analytische Schablone, die über ein Leben und ein Werk geworfen wird; als Grundlage einer Fiktion eigenen Rechts scheint sie mir nur von begrenztem Wert zu sein. Zu wenig Fleisch an den Knochen, könnte man sagen, und Göhre versucht dann, mit Recherche zu ersetzen, was Fiktion leisten müsste. Der suggestive Stil, die kurzen Sätze, die Stilisierung der Biografie vermittels Auslassungen und “filmischer” Settings soll dann, glaube ich, eben dies verdecken.

Das Wetter vor 15 Jahren, Wolf Haas. In Deutschland hat’s das Leichte schwer; in Österreich: nicht gar so sehr. Reim sich und es wird schon was dran sein, wobei mir das leichtfüßig Verlaberte zum Beispiel bei Schachinger und Präauer eher wenig gemundet hat. Bei Wolf Haas allerdings ist das Leichte nicht Gestus, sondern Form und Strukturprinzip: Textproduktion als Ornament, das keineswegs etwas ihm Vorgängiges veredelt, sondern sich so lange und so fein in sich selbst entfaltet, bis es ein Ganzes, Rundes, in sich Vollkommenes ergibt. Entzückend ganz besonders die Modulation von Zeit, die Kunst des immer-weiter-Herunterbremsens. Ebenso wie Zeit immer weiter teilbar ist, ein Intervall stets mindestens zwei noch kürzere enthält, passt zwischen zwei Wörtern stets noch ein drittes, und dann ein viertes, ein fünftes. Gibt man sich den Eigendynamiken der Zeit und des Schreibens hin, dann strebt man nicht frisch und zielstrebig in Richtung Zukunft, sondern produziert Unterscheidungen im Leerlauf. Gesicherte Rezepte, wie man trotzdem “vorwärts” kommt, gibt es nicht, allenfalls stets nur lokal anwendbare Heuristiken wie das Herunterzählen oder das Foreshadowing: Die Geschichte muss bei jenem Kuss enden, bei dem sie begonnen hat, koste es was es wolle.

Ein von Schatten begrenzter Raum, Emine Sevgi Özdamar. In Menschen, Dingen, Gefühlen leben, nicht in Städten, schon gar nicht in Ländern. Das heißt klarerweise: selbstgewählt leben, nicht fremdbestimmt; es heißt aber noch mehr, nämlich ungefähr: Leben in etwas/als etwas, das man sich persönlich aneignen kann, zumindest temporär, oder, vermutlich: immer nur temporär. Leben als ständige Anverwandlung an die eigene Zugewandtheit zur Welt. Ein solches Leben lässt sich als Liebesreigen auch dann erzählen, wenn es gleichzeitig ganz und gar nicht frei ist von Verletzung, Verlust, Trauer. Zwischendurch kleine persönliche Missstimmungen, die aber kaum irgendetwas besagen angesichts dieser Textwucht: Ein wenig arg differenzlos sind sie schon, diese vielen Lieben. Man spürt, dass in jeder Einzelnen etwas Spezifisches steckt, das aufgefaltet werden könnte; und doch bleibt es fast stets bei der wuchtigen, markanten Liebeserklärung; vielleicht irritiert mich freilich auch nur, dass es in der Welt dieses Buches die Kunst, die wahre Kunst, die Kunst der Moderne, und auch die Gemeinschaft, die die Kunst stiftet, noch eine Gesamtheit ist, die als Ganzes und allumfassend bezeichenbar und der Liebe würdig ist. Außerdem: Kitschfrei ist das alles nun nicht. Jedoch, manchmal ist ein Parisaufenthalt eben ein Kiki-de-Montparnasse-Leben, warum ihn dann nicht genau so aufschreiben. Und es geht danach ja eh anders, deutlich vielfach gebrochener weiter. Und über die Selbstbefragung, die in den Liebes- und Lebensreigen eingebettet ist (oder umgekehrt?) habe ich eh noch nicht geschrieben, eine Selbstbefragung, die nicht etwa nur die eines lyrischen Ichs ist, sondern eine des Texts selbst, der sich sozusagen selbst zur Wiedervorlage auffordert… Was soll ich auch schreiben, außer, es hat mich schwer beeindruckt und ich habe wirklich keine Begriffe dafür, was der Text da genau macht.

Thursday, November 14, 2024

Gegenwartsliteratur, ein Sample (6)

Stephanie Bart, Deutscher Meister Schön: Recherchearbeit, die komplett aufgeht in literarischer Form. Kein Überschuss an bloß Angelesenem bleibt zurück, die Figuren werden zu keinem Moment zu bloßen Krücken eines ihnen äußerlichen Mitteilungsdrang, sie sprechen eine Sprache, die nur die ihre ist und auch ihre Konstellierung wirkt nicht forciert. Ein Mosaik des Sozialen, tatsächlich ist der Effekt oftmals der einer Verräumlichung. Ein Buch wie gute Genremalerei. Erstaunlich nicht zuletzt, wie es Bart gelingt, einen komplett einseitigen Boxkampf zwölf Runden lang abwechslungsreich zu gestalten. Nicht ganz verfliegt bei alldem freilich der Eindruck des allzu Selbstzweckhaften. Ein Buch, das sich wie die Fiktion eines (ausgezeichneten) historischen Magazinbeitrags liest, der leider mehrere Jahrzehnte zu spät kommt.


Thorsten Nagelschmidt, Arbeit. Dass dieses Buch aber so was von gar nicht meins ist, merke ich schnell, bereits in der ersten längeren Episode mit dem Dealer. Genauer gesagt nervt mich die "filmische" Beschleunigungsmontage am Ende des Kapitels: wenn plötzlich nur noch einzelne Satzfetzen aneinander gereiht werden - und dann schnappt sich der vorher cleane Dealer den Stoff und pfeift ihn sich doch selbst rein. Auf rhetorische Aufdringlichkeiten wie diese stoße ich fortan an allen Ecken und Enden. "Arbeit" ist ein "toughes Berlinbuch" im Stil einer Geisterbahn - jeder einzelne Handlungsstrang von Anfang an auf billigen, melodramatischen Effekt gebürstet. Der kleinste gemeinsame Nenner von City Symphony und Soap Opera (ein Berliner "LA Crash"?) - und das alles, für mich macht das die Sache nur noch schlimmer, ziemlich genau in jenen Berliner Straßen, in denen ich selbst jahrelang fast täglich unterwegs war. Nun denn, ich weiß jetzt wenigstens ziemlich genau, was ich von Gegenwartsliteratur nicht will.


Dorfpunks, Rocko Schamoni. In diesem Fall: nothing whatsoever wrong with it aber schlicht nicht mein Bier. Weiß nicht, ob es an fehlenden persönlichen Bezüge zu Norddeutschland und Punk liegt, das meiste scheint doch auf eher niederschwelligere Formen von Wiedererkennbarkeit zu zielen: die inhärente Beengtheit homosozialen Abhängens, die trotzdem natürlich befreiende Entdeckung der eigenen Lust am Scheißebauens, halbbewusste Angst vor Sexualität und so weiter. Dazu, vielleicht ist das mein Problem, die mitschwingende Grundüberzeugung, dass das alles letztlich schon gut und richtig war damals. Gesten der autobiographischen Beglaubigung: da ist also der Ursprung von "Rollo Aller!", hier habe ich zum ersten Mal Campino und die Hosen getroffen. Viel zu selten und viel zu kurz die Ausflüge ins Phantasmagorische, in Unvernunft und Größenwahn, die doch zum Jungsein, wenn man es schon eins zu eins abbilden zu müssen meint, dazugehören.

Thursday, October 24, 2024

Gegenwartsliteratur, ein Sample (5)

Gerhard Henschel, Kindheitsroman. Erinnerung als Morast, in dem man feststeckt, der zum Textmorast wird, in dem dann ich feststecke. Wie schon bei Knausgard irritiert mich die Genauigkeit und Detailfülle, und ich denke mir: Erinnern alle so viel und nur ich so wenig? Oder würde ich auch so viel erinnern, wenn ich einmal mit einem solchen Schreibprojekt begonnen würde? Kommt dann alles wieder, jede Dummheit, jede Schönheit? Ein weiterer Grund, es nicht einmal zu versuchen, denke ich meistens (selbst die Schönheiten sollen, bitte, im Unspezifischen bleiben, nur so überleben sie), aber gelegentlich bin ich mir doch nicht gar so sicher. Jedenfalls: Ich erinnere wenig, aber ich erkenne viel wieder in diesem Buch. Redewendungen, Kindheitsdinge, Spiele. Die zwei Jahrzehnte biografischen Abstands scheinen keinen gar so großen Unterschied zu machen. Vielleicht ist schlicht die BRD der Urmorast? Ein Land, in dem man, noch Jahrzehnte später, nichts kann als festzustecken? Jedenfalls ein Buch, dessen Sog ich mich erst nicht entziehen kann und irgendwann auch nicht mehr erziehen mag. Trotzdem wirkt es manchmal, als würde es mich zu sich herunterziehen und da gewaltsam festhalten. Ja nicht raus aus der Hölle der ewigen Akkumulation. Ich glaube, die restlichen Schlosse-Bücher lasse ich erst einmal aus.


Sibylle Berg, GRM. Brainfuck. Ein Buch, das weniger den Zustand der Welt als eine bestimmte Art des Denkens über den Zustand der Welt weiterspinnt, eskaliert, ins Kraut schießen lässt und dabei auf erst einmal sehr sympatische Weise auf alle Gesetze des Maßstabs und der Verhältnismäßigkeit scheißt. Was freilich schon auch heißt, dass ich nicht nur ein, zwei, sondern Dutzende rants gegen Gott und die Welt beziehungsweise natürlich die Verhältnisse durchstehen muss. Selbst in den rants bleibt die Prosa variabel, das schon, Berg findet immer wieder neue Wege zur totalen Beschissenheitserkenntnis. Nur das obsessive im-Dreck-Suhlen, die kitchen kink teenie exploitation Passagen, die gehen mir doch ein wenig auf den Keks. Der Erzählmodus ist einer des rasenden Stillstands, die Figuren werden eher in den Text als in eine Welt hineingeworfen, existieren sie überhaupt, wenn von ihnen gerade nicht die Rede ist? Erstaunlich, wie sorgsam Berg dennoch immer wieder mit ihnen umgeht. Jede von ihnen muss eine Welt für sich sein, eben weil sie kein Halt mehr haben in einem Außen.


Tono Schachinger, Echtzeitalter. Benutzeroberflächenmetaphorisch gesprochen: Da scrollt sich einer entspannt durch die eigene Lebenswelt, und egal worauf er klickt, stets ergießt sich eine ausführliche Erläuterung im fein gewebten Plauderton; die freilich stets im eigenen, festgefügten bildungsbürgerlichen Koordinatensystem verbleibt. In einem reflektiert bildungsbürgerlichen Koordinatensystem, versteht sich, wobei die Reflexion vor allem darauf hinaus läuft, sich von einem älteren bildungsbürgerlichen Koordinantensystem abzuheben, für das Terrorlehrer Dolinar, der Bildung als Anhäufung von als bildungsbürgerlich markierten Faktoiden definiert, ein mustergültiges Abziehbild abgibt. Das reflektierte Bildungsbürgertum fordert hingegen: Bildung soll an die eigene Lebensrealität anschließen. Nun ja, solche Lehrer hatte ich auch, die nerven mindestens genauso sehr. Angenehm ist hingegen, dass EribonErnaux ausnahmsweise mal eher nicht Teil des Koordinatensystems zu sein scheinen, oder jedenfalls kein allzu relevanter, mir ist, als ob die Figuren allein dadurch lebendiger werden und mir näher rücken. Verglichen mit den Wiener Bobo-Büchern von Präauer und Marković ist das hier zudem näher an meiner höchstpersönlichen Subjektiv, weil es ein introvertiertes Buch ist, kein extrovertiertes. Und ja, sobald Feli und Fina auftauchen, wird's besser, viel besser. Dennoch: Wiener Bildungsbürger, schreibts doch mal über was andres als ausgrechnet über Wiener Bildungsbürger. Über was dann? Ja was wois den i. Denkts euch halt was aus.

Wednesday, October 16, 2024

Gegenwartsliteratur, ein Sample (4)

Albrecht Selge, Silence. Vielleicht hat mich Wilhelm Genazino für Bücher wie dieses verdorben. Für Bücher, die auf Introspektion und inneren Monolog setzen, aber zu eng am Autoren-Ich angesiedelt sind, die zwar viele Genazino-artige Worte wie "Abschiedszerstückelung" oder "Gebrechlichkeitsgegenstand" enthalten, die die Introspektion letztlich gleichwohl zu wenig stilisieren. Die keine (mich ansprechende) Form finden für die eigene Passivität. Denn darin ähneln sich Selge und Genazino: Introspektion ist Ersatz für Aktion. Man horcht in sich hinein, weil sich etwas zwischen das Ich und die Welt geschoben hat, eine Blockade, die man weder weg-, noch umschreiben kann. Die entstehende Hilflosigkeit kann ich teils schon nachfühlen, und doch scheint es mir, als flüchte sich Selge nur allzu gern in Angelesenes oder auch in mich anödendes Rumgemeine etwa über John Cage. Vielleicht liegt mir schlicht auch persönlich die Genazino'sche Traurigkeit, die im Kern kleinbürgerliche Unerlöstheit mehr als die Selge'sche Passivaggressivität, das gereizte Nichterfülltsein trotz eines nach außen hin und ein Stück weit durchaus auch in der Eigenwahrnehmung gelungenen, in der Trias Sex, Familie und Musik aufgehobenen bürgerlichen Lebens.



Feridun Zaimoğlu, Ruß. Einerseits als Diegese erfahrungsgesättigt und materialdicht, vollgestellt mit physischen und sozialen minutiae, überquellend fast im Versuch, Taktilität, Rauhheit, Abgegriffenheit einer Welt zu vermitteln, die ganz eindeutig nicht die ist, in der das Buch seine Leser vermutet, die aber auf ihrer prinzipiellen Vorfindbarkeit besteht; andererseits im Sprachfluss, von Satz zu Satz, durch und durch künstlich, Welt als Spracherfindung, nie bloß dem Volk vom Maul abgeschaut, jedes Wort gesetzt als literarischer Eigenwert ohne Eins zu Eins Entsprechung im Ruhrpott oder sonstwo, eine Sprache, die die, die sie sprechen, nicht beglaubigt, sondern irrealisiert. Die Spannung zwischen beidem ist nicht auflösbar, auch nicht durch die Erzählung, die Zaimoğlu in ihr in Gang setzt, erst langsam, dann immer schneller und bestimmter. Alles reißt sie mit, die Erzählung, das Ruhrgebiet ist plötzlich nicht mehr Schlacke und Schicksal, ein paar griffige Sätze und es ist verschwunden und wir sind plötzlich in einer kinetischen Alpenfantasie. Alles, inklusive der Kausalitäten, wird maximal beweglich, dynamisiert, läuft auf einen totalen Gefährdungspunkt zu. Hilflos gleiten nicht nur die Figuren, sondern auch die Sätze dem Untergang entgegen. Derart abschüssig fühlen sich die letzten Seiten an, dass man merkt: allzu viel Halt kann es schon vorher nicht gegeben haben in diesem sonderbaren Buch.



Teresa Präauer, Kochen im falschen Jahrhundert. Ich kann mir nicht helfen, mit einer bestimmten Form von kulturbürgerlicher Selbstbespiegelung, die ziemlich en vogue zu sein scheint im Sample, kann ich nicht das geringste anfangen. Siehe auch: Anke Stelling, Barbi Marković. Hier ist das Setting noch einmal etwas enger, klaustrophobischer - praktisch die literarische und sicherlich kritisch-subversiver gemeinte Version einer Detlef-Buck-Diskurskomödie. Genuinem Erkenntnisinteresse gehorcht das selten bis nie, selbst das Motiv "Kochen als segmentierte soziale Erfahrung" bleibt Gimmick, es geht lediglich um ein sanftes Rearrangement des in den eigenen Kreisen eh Vorausgesetzten. Sprachlich fließt die linksliberale Wohlstandsgesellschaftsaufstellung bei Präauer viel variabler, wendiger als bei Stelling und Marković, umso mehr ärgere ich mich über die schematischen, von Anfang an zum Abschuss freigegebenen Figuren. Es gibt einen Kurzschluss von beobachtetem Verhalten und Innerlichkeit in diesem Buch, der persönliche Freiheit ebenso knallhart einschränkt wie literarische.



Thursday, October 03, 2024

Gegenwartsliteratur, ein Sample (3)

Deniz Ohde, Streulicht. Erschreckend präzise Erinnerungs- oder besser Wiederbegegnungsbilder, plastische Prosa, die einem (mir) den Atem nimmt, insbesondere in den rein beschreibenden Passagen, den Wegen zu Fuß durch den Heimatort, gleich zu Beginn und dann immer wieder. Fast schon Phantomschmerzlesen: Ich kenne den Ort nicht, von dem Ohde erzählt, kenne nicht einmal wirklich Orte wie diesen Ort - Industrieparks nur vom mit dem Zug daran vorbeifahren zum Beispiel; und doch erkenne ich die Ver- und Gebundenheit, die schicksalshafte Verfallenheit wieder in der Be- und Erschreibung der Heimat. Nur in den “Außenszenen” allerdings; sobald der Text ins Innere des Elternhauses führt, bin ich von der Erfahrung, die er vermittelt, radikal abgeschnitten. Das hat sozialstrukturelle und biografische Gründe, klar, aber es verweist auch auf die Differenz von Außen und Innen, geteilter symbolischer Ordnung und den diversen Selbst- und Gruppenabkapselungen, die in sie eingelassen sind. Toll, wie souverän der Text von einem zum anderen schaltet, den Schmerz der Nichtvermittelbarkeit mitkommuniziert, ohne je ins Lamentieren zu geraten.


Tijan Silas, Tierchen Unlimited. Nur allzu verständlich, dass Silas die Balance zwischen deutschen Nazischläger- und Frauengeschichten auf der einen und einem bosnischen Bürgerkriegsbildungsroman auf der anderen Seite nicht hält, dass letzterer durchweg mehr Raum und Gewicht beansprucht und die ersteren teils fast ganz aus dem Buch zu verdrängen droht. Balance um der Balance Willen einzufordern wäre natürlich auch öde, eh klar. Es ist nur leider so, dass mir selbst die Deutschlandpassagen besser gefallen, insbesondere all diese nicht mehr gar so fest in autfiktionalen Realitätseffekten verankerten, eher als schwer durchschaubare erotische Geister den Erzähler heimsuchenden Sarahs, Melanies, Graces, Murcias; es sind dann die sich vervielfältigenden und dann allesamt in Bosnien zugrunde gehenden Nazibrüder dieser deutschen Frauen (oder jedenfalls Deutschlandfrauen, Frauen, die zur Deutschlanderfahrung gehören), die, in Verbund mit einem bosnischen Nazi, die Verbindung stiften zu den Bürgerkriegs- und Jugendpassagen. Eine obendrein sprachlich angenehm fesselfreie Migrationsgroteske mit nazibruderförmiger Verklammerung - das ist schon ziemlich brilliant; nur würde ich halt noch gerner eine Version des Buches lesen, die stärker ins Phantasmagorische ausschlägt.


Ronya Othmann, Die Sommer. Ein großartiges Buch, das ich zunächst unterschätzt hatte. Zu schnell schien der Text mir in den beschreibenden Passagen von einem Detail zum nächsten zu springen, wenig Tiefenschärfe, nicht allzu viel Topographie. Vom Ende des Buches betrachtet ergibt das Sinn: Was der Text uns in der ersten Hälfte gibt, ist, anders als etwa in Streulicht, keine betretbare Welt, sondern eine verschlossene, versiegelte. Eine Folge alter, vergilbter Fotografien, verkürzt auf ihr jeweiliges Punktum. Es würde nicht weit führen, diese Welt als eine gegenwärtige zu beschwören, erschließen lässt sie sich, wenn, dann nur (und stets nur ein bisschen) in der Vervielfältigung der Perspektiven: Entgrenzung des erzählenden Ich ins Familiennetzwerk, Lebensfäden, die sich verwirren, auf kein einzelnes, individuelles Erfahrungszentrum mehr zurückverweisen. In Deutschland dann die Entwirrung der Fäden, die Rekonstruktion des Ich in und als Isolation und Trauma. Das Leipzig-Kapitel lese ich weniger als zweiten Teil, denn als Epilog, als Resonanzraum.