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Friday, September 18, 2026

Gegenwartsliteratur, ein Sample (30 und Schluss)

Ursula Krechel, Landgericht. Das Buch macht, was seine Hauptfigur macht: Es und sie arbeiten sich beide an einer historischen Ungerechtigkeit ab. An derselben: dem Umgang des demokratischen Nachkriegswestdeuschlands mit den überlebenden Verfolgten des Naziregimes, insbesondere mit Juden, die dem Holocaust entkommen sind. Konkret geht es um die ohnmächtige Wut des jüdischen Richters, der ein bisschen Karriere machen darf in der Nachkriegszeit, aber nur den Schatten der Karriere, die ihm ohne die NS-Judenverfolgung möglich gewesen wäre; und dessen Versuche, seinem Leid auf offiziellem Wege - es ist der einzige, den zu beschreiten er sich vorstellen kann - zumindest pro forma Anerkennung wiederfahren zu lassen, fast durchweg scheitern. Kann eine solche ohnmächtige Wut in der literarischen Bearbeitung in einen anderen, weniger ohnmächtigen Modus wechseln? Ich bin mir nicht sicher, und weiß auch nicht so recht, warum dieses fraglos elegant geschriebene Buch (von fern weckt es gelegentlich Erinnerungen an die Ästhetik des Widerstands) Romanform annehmen musste. Die "dokumentarischsten" Passagen, zum Beispiel über das Mainz der Nachkriegszeit, sind die stärksten im Buch, die fiktional durchgeformtesten, vor allem die lange Rückblende ins kubanische Exil, die schwächsten. Das Verhältnis von Recherche und Fiktion ist, scheint mir, überhaupt eines der größten Probleme im Sample. Fiktion ist nicht nur bei Krechel ein Mittel, das einem Recherchezusammenhang im Nachhinein aufgepropft wird und immer ein bisschen zu sehr Technik bleibt.

Joachim Bessing, Untitled. Verspätete Popliteratur, dachte ich zuerst, und das stimmt wahrscheinlich auch. Ermattete Popliteratur vielleicht sogar, aber auch: Popliteratur, die mit ihrer eigenen Ermattung kokettiert. Popmusik, Drogen, Mode und letztlich auch der gesamte zeitgeistige Digitalkommunikationskram werden freilich nur aufgerufen, um sie der alles verzehrenden Liebesgeschichte in den Rachen zu werfen. Einer amour fou, der die Hauptfigur ganz und gar nichts entgegenzusetzen hat, eine äußere Welt sowieso nicht, jede Handlung ist immer schon Ersatzhandlung, aber auch keine innere, so sehr sich das Buch auch in ein selbst zurück zu ziehen versucht. Es bleibt eine Introspektion ohne Objekt. Subjektverschlingende Liebe in Zeiten, in denen mit dem Subjekt womöglich von Anfang an nicht viel her ist. Das hat schon was, aber auch Längen.

Birgit Birnbacher, Wir ohne Wal. Ein Generationenporträt schreiben alle und das will das Buch offensichtlich in der Tat sein, wobei ich schon das Geburtsjahr der Autorin googlen muss, um herauszufinden, dass da mehr oder weniger meine eigene Generation porträtiert werden sollte. So spezifisch provinziell-linksbürgerlich die Welt des Buches in 1000 Details, so universell das Pathos eines immer nur halb gelebten Lebens, einer immer schon arrestierten Bewegung. Eine Reihe von Miniaturen jedenfalls, mal locker nebeneinander aufgestellt, mal mehr oder weniger elegant miteinander verknüpft. Anstrengend dran ist die serielle Subjektivierung: immer wieder sprachlich in eine neue Haut schlüpfen, bis zur nächsten bitter-melancholischen Einbisschen-Pointe. Ziemlich mechanisch fühlt sich das auf die Dauer an, das ostentative Bemühen, hier und da offene Enden herumstehen zu lassen, macht aus fragmentarischem Stimmungsschnitzkunsthandwerk noch keinen offenen Text.

Joachim Meyerhoff, Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke. Offenherzig und menschenfreundlich und geschmeidig geschrieben und doch nur halb mein Fall. Nämlich soweit es um die Großelternwelt geht, dieses abstruse, alkoholgetränkte Münchner Großbürgeruniversum, dem Meyerhoff schönerweise nicht autofiktional-analytisch, sondern retrospektiv einfühlend nähert; wie von selbst erweitert sich das autobiographische Material da zu einem altbundesrepublikanischen Fantasiestück, dem Imago einer streng geordneten, absolut unflexiblen und letztlich komplett irrationalen, aber gleichzeitig genuin eigensinnigen und deshalb unbedingt verteidigungswerten Gegenwelt. Was mir nur leider gar nicht taugt, ist die gesamte Schauspielschulenhälfte des Buches. Vermutlich liegt es schlicht an meiner nach wie vor virulenten Sprechtheaterallergie. Die sich, merke ich beim Lesen, keineswegs nur auf zeitgenössische Regietheater-Gespreiztheiten bezieht. Die altmodische Bretter-die-die-Welt-bedeuten-Romantik, die Meyerhoff in immer neuen/ollen Facetten aufleben lässt, geht mir mindestens genauso auf den Keks.

Ulrike Edschmid, Das Verschwinden des Philip S. Schwer beeindruckt hat mich vor inzwischen auch schon wieder einigen Jahren Philip Werner Saubers Der einsame Wanderer, ein Außenseiterfilm, wie er im Buche steht. Expressionistisch-esoterisch an jedem Zeitgeist vorbei gefilmt und doch vermutlich ein Film, wie er so streng und versponnen und absolutistisch nur Ende der 1960er Jahre in Westberlin gedreht werden konnte. Edschmid erzählt vom Regisseur des Films als einem gleichfalls einsamen Wanderer, der eine Zeitlang an ihrer, Edschmids, Seite wanderte; bis er schließlich andere, terroristische Wege ging. Edschmid macht sich Sauber nicht gleich, dessen Drang zum Absoluten erst in der Kunst und später in der Politik kontert sie mit einer Betonung des alltäglichen Fließen der Zeit und auch mit ihrer Aufmerksamkeit für die Fragilität sozialer Beziehungen. Tatsächlich ist gerade das Protokollarisch-Nüchterne am Buch nahegehend; aber ganz frei von Romantisierung und linksbewegtem Gesinnungskitsch ist diese Rückschau dann doch auch wieder nicht. Fast scheint es mir manchmal, als habe Sauber in Edschmids Augen lediglich eine falsche Lifestyle-Entscheidung getroffen. Aber das ist natürlich von meiner Seite auch wieder nur moralische Übergriffigkeit.

Ab sofort: endlich wieder andere Bücher lesen!

Friday, August 07, 2026

Gegenwartsliteratur, ein Sample (29)

Mona Carsten, Coldworth City. Okayes Handwerk, I guess. Eine Fantasy-Abenteuergeschichte mir Herz, die in eine rudimentär ausstaffierte Endzeit-Welt hineingestellt wird. Die Schwester, die alles für ihren kleinen Bruder tut und ihre eigenen emotionalen Bedürfnisse nur ganz langsam wieder zu entdecken beginnt: Das ist der Kern der Sache, die übernatürlichen Kräfte, die die Schwester weniger besitzt, als dass sie von ihnen vor sich her getrieben wird, und auch der Guerilla-Bürgerkriegsplot, in den sie hineingerät, sind erst einmal nur Externalisierungen dieser psychologischen Grundstruktur. Sie nehmen freilich dennoch ziemlich viel Platz ein im Buch und orientieren sich in ihrer Seiten fressenden Ausformulierung an Superheldenfilmen, einschlägigen Young-Adult-Filmen und vermutlich auch an irgendwelchen Serien, die ich nicht kenne und nicht kennen will. Wer wann wo ist und was warum macht: das zu klären nimmt doch mehr Worte in Anspruch als dem Buch gut tut. Was gar nicht klappt: Comic Relief via Nebenfiguren, außer Schwester, Bruder und mit Abstrichen "bad boy" Love Interest gewinnt nichts und niemand Kontur. Andererseits ist das immerhin mal fantastische Literatur, die mit schon nicht wenig Aufwand eine eigengesetzliche Welt einrichtet, ohne sie gleich wieder in Richtung Gegenwartsallegorie kollabieren zu lassen. Insofern doch ein bisschen mehr zu holen für mich als bei Endres und Eschbach. Die Latte liegt tief.

Monika Maron, Artur Lanz. Ach herrje. Dogwhistle-Kulturkampfgeschreibe, das vor lauter verdruckstem Mitteilungsbedürfnis den Sprung in die Fiktion nicht mehr wirklich schafft. Schreiben kann sie schon immer noch, schreiben die Kritiker, und liegen damit durchaus richtig. Blöderweise macht es das in diesem Fall nur noch schlimmer. Zum einen, weil neben manchen fein gedrechselten selbstreflexiven Passagen und auch neben der einen oder anderen locker hingeklatschten lakonisch-melancholischen Tresen-Miniatur insbesondere der längliche und dann auch noch zerstückelte Artus-Exkurs im hingeschluderten Uni-Hausarbeit-Stil - geschrieben von einer Studentin, die auf das entsprechende Seminar aber sowas von keine Lust hatte - nicht bestehen kann. Zum anderen, weil es Maron zu Beginn gelingt, Interesse zu wecken mindestens an der Titelfigur und dem Blick der Erzählerin auf sie; nur um diesen zunächst sympathisch ziellos vor sich hin hadernden Artur Lanz im Anschluss in der Diskursmühle zu zermahlen. Letztlich scheitert das Buch daran, dass Maron sich ihre Figuren viel zu fein säuberlich zurecht legt, ziemlich nah ist das Buch da an seinem - gleichzeitig nervigeren und unterhaltsameren - ideologischen Antipoden Identitti.

D.C. Odesza, God of Night and Fury. "In meinen Romanen werde ich, bis auf wenige Passagen, auf Verhütungsmittel verzichten - was jedoch nicht heißen soll, dass sie im realen Leben nicht wichtig sind! Nur leider kommt es häufiger als gedacht vor, dass Leser einen fiktiven Roman mit der Realität verwechseln." New Adult ohne Gummi, "Dark Romance" heißt das Subgenre. Ich kannte das Genre von Netflix, von den "365 Tage"-Filmen. Mafiaprinzessinnen, die in Teufels Küche geraten, Mafiaprinzen mit Sixpack und Haarsträhnen, die sie sich aus dem Gesicht wischen. Und mit harten Schwänzen. Alle 20 Seiten eine Sexszene im Pornhub-Stil, allerdings stets aus weiblicher Perspektve. Im engeren Sinne konsensuell ist kaum eine. Der Thrill liegt wohl einerseits im mondän-abgründigen Hyperpatriarchat-Dekors, andererseits im Gebeuteltwerden bei gleichzeitig doch noch intaktem Liebesversprechen. Wenn der richtige Schwanz kommt, wirst Du's fühlen. Dass kaum ein gerader Satz im Buch steht, überrascht mich freilich doch. Insbesondere falsch angeschlossene Realtivsätze alle zwei Seiten. Für Lektorat ist kein Bedarf in der Branche, bald übernimmt ChatGPT.

Thursday, July 30, 2026

Gegenwartsliteratur, ein Sample (28)

Peter Stamm, In einer dunkelblauen Stunde. Ein Buch über einen ungefilmten Film, dessen Bilder gleichwohl, eben als ungefilmte, gleich mehrere Leben verändern, eine gegenwärtige Beziehung beenden, eine andere, vergangene, sichtbar werden lassen, eine dritte, zukünftige, zumindest als Utopie greifbar werden lassen... Das sollte alles durchaus mein Ding sein, und elegant geschrieben ist es auch noch. Reflektiert, spielerisch, immer wieder Haken schlagend, in angenehmer Distanz von aller autofiktionaler Schwere... und trotzdem, was will man machen, nur halb mein Ding. Ganz mitgehen kann ich nur im ersten Teil, der Komödie einer Filmemacherin auf Abwegen, immer unentschlossener ein Filmprojekt verfolgend, das sich auf einmal schrecklich einengend und vorformatiert anfühlt im Vergleich mit dem erotischen Möglichkeits- und Erinnerungsraum, den sie zu erkundigen beginnt, während der Lebens- und Filmemacherpartner möglicherweise seine Assistentin in deren Hotelzimmer vögelt. Ganz nebenbei bringt Stamm dabei auch die ästhetischen Fallstricke eines "künstlerischen" Dokumentarfilmschaffens auf den Punkt: steht am Anfang keine konzeptuell schlüssige filmische Idee, sondern lediglich ein vages inhaltliches Interesse, ist die Gefahr groß, dass am Ende Bilder herauskommen, die auch dem Thema nicht gerecht werden. Es wäre vermutlich unfair, dem Buch vorzuwerfen, dass es nach dem famosen ersten Teil in dieselbe Falle geht. Aber tatsächlich gelingt es Stamm schon nach dem ersten Zeitsprung nicht mehr, seine - immer noch filigrane - metafiktionale Anordnung in griffige Zustände (innere wie äußere) zu übersetzen. Die Vergangenheit der verpassten Chancen nimmt Überhand, sie erdrückt die Gegenwart zwar nicht, aber entwertet sie.

Andreas Pflüger, Kälter. Die Suche nach einem guten aktuellen deutschen Mainstream-Thriller geht weiter. Pflüger ist, zugegeben, schon eine andere Liga als Endres, Fitzek und Konsorten, das zeigt bereits der Anfang auf Amrum: eine schön spezifische Provinz-Welt, in die dann wuchtig Gewalt fast schon im Blockbusterformat hineinkracht. Dass Heldin Lucy gleichzeitig die toughste und die rührseligste von allen sein soll, klappt freilich von Anfang an nicht so richtig, ihre Amrum-Idylle ist brauchbar als sentimentale Fassade, hinter der Machtpolitik und Gewaltgeschichte zum Vorschein kommen, als emotionaler Anker jedoch taugt sie kaum, weil Lucy stets allzu routiniert umschaltet zwischen eiskalter Profi und nah am Wasser. Es fehlt eine Vermittlung zwischen beidem - Lucy ist stets nur gleichzeitig toughe und gebeutelte Hauptfigur, keine eigenständige Erzählstimme. Später dann mehr Blockbuster-Setpieces, die für sich selbst teils gut funktionieren - sehr gut sogar: ein ziemlich exzessives Gemetzel in einem israelischen Hotel; die aber letztlich in Serie geschaltete Attraktionen bleiben, retardierende Elemente vor der von Anfang an feststehenden finalen Konfrontation. Es entsteht keine Welt um Lucy herum, es entsteht auch keine Welt in ihr. Sie wird mitsamt der sie umgebenden, recht statischen (letztlich wissen doch immer alle wo alle anderen gerade sind) Agentenfiktion in die Realgeschichte geworfen, als Anker, der keinen oder zumindest zu wenig Halt findet. Dabei bin ich politisch voll und ganz bei Pflüger und Lucy, merke ich als spätgeborener Kalter Krieger schnell. Aber hilft nicht viel, die westliche Moderne darf nun einmal nicht unter Niveau verteidigt werden.

Jonas Lüscher, Kraft. Wozu der Aufwand? Längst nicht das einzige Buch im Sample, bei dem ich mir diese Frage stelle, und doch leuchtet mir in diesem Fall besonders wenig ein, warum sich Lüscher mit einigem stilistischen Aufwand und vermutlich auch auf der Basis von gar nicht mal wenig Rechercheaufwand ausgerechnet in diese müde Geschichte verbissen hat. Immerhin ist das mal ein Buch, könnte man einwenden, das sich in die Nähe aktueller Diskurse begibt. Die Silicon Valley Disruption und ihre thatcheristische Vorgeschichte. Freilich mit jeder Menge Netze und doppelten Böden. Shooting fish in a barrel, aber gleichzeitig von hinten durch die Brust ins Auge. An gleich drei Frauen lässt Lüscher seinen neoliberalen Vorkämpfer scheitern, und auch sonst demütigt er ihn mit ornamentaler Inbrunst. Ein Slapstick-Wassersportunfall ohne Badehose, das ist immerhin ganz lustig. Ein denkbar pathetischer Selbstmord, den ich weder der Figur noch dem Buch abnehme. Was bleibt? Nicht viel, die Leiden eines Nonkonformisten, der erkennen muss, dass er plötzlich gar kein Nonkonformist mehr ist, sondern Wegbereiter eines neuen und dann auch noch ganz besonders uncoolen bzw. uneuropäischen Konformismus. Lebensstilkonflikte, die sich als politischer Dissenz tarnen und vielleicht auch umgekehrt. 

Friday, May 29, 2026

Gegenwartsliteratur, ein Sample (27)

Stefan Gärtner, Putins Weiber. Doch arg gefällig geraten, diese Midlife-Schluffi-Odyssee auf der Suche nach dem weniger verlorenen als nie wirklich realisierten erotischen Wunderland - wenn Sexualität in der modernen Welt zu einem Möglichkeitsraum wird, dann impliziert das eben auch die Möglichkeit, alle Möglichkeiten ungenutzt verstreichen zu lassen. Wobei nicht-zum-Zug-Kommen keineswegs vor männlichem Narzismus schützt. Vor dem, wie auch immer ironisch verbrämt, trieft Gärtners Buch schon ziemlich. Jedenfalls bleiben Wunscherfüllungsfantasien unter Umständen durchaus auch dann Wunscherfüllungsfantasien, wenn die Wünsche nicht in Erfüllung gehen. Hier gibt es durchweg beides: willige Frauen, zu hot und lässig um wahr zu sein und self-deprecating cock-block-cringe. Zugegeben: Ein bisschen etwas von have your cake and eat it, too haben nicht-naive Bücher (und Filme und Lieder usw) über die Liebe vermutlich immer und vermutlich macht genau das ihren Reiz aus. Grundsätzlich ist mir sowieso sympathisch, wie monothematisch, fast monomanisch es bei Gärtner ums Zwischengeschlechtliche geht und das auch noch ganz ohne Gender-Essentialismen ob in traditioneller oder kritischer Manier. Es geht tatsächlich um viel Interessanteres, um Kommunikationsparadoxien, ums Nebeneinander von Selbst- und Fremdbildern, um den unüberwindbaren Graben zwischen Innen und Außen, Theorie und Praxis gerade im Romantischen. Nur, dass das alles sich so schrecklich fad liest. Hm.

Karen Duve, Taxi. Endlich mal wieder ein Pageturner, gibt wirklich nicht viele im Sample. Ein in variantenreicher Sprache gestaltetes Zeitbild, mariniert in gut abgehangenem Menschen- und Selbsthass. Auch in Männerhass. Frauen kommen, wo sie vorkommen (sie kommen nicht viel vor jenseits der Hauptfigur) nicht viel besser weg; aber eine Taxifahrerin im Hamburg der 1980er hat eben doch ein paar Gründe mehr, Männer zu hassen. Wobei das Männliche, denke ich mir bei der Lektüre gelegentlich, manchmal auch schlicht ein Modus ist, um aus der Welt zu fallen und deshalb bei allem Terz doch anziehend für die Taxifahrerin. Ein Buch, das aus autobiografischem Material kein Lehrstück bastelt, sondern aus Erinnerungsfragmenten eine eigene, eigengesetzliche Welt kreiert. Man kann sich irgendwann selbst kaum noch vorstellen, dass da draußen etwas anderes existiert als ranzige Taxifahrer, noch ranzigere Kunden, ranzige Wohnungen, Rotlichttristesse. Die stets geschickt am Klischee vorbei entworfenen Vignetten über einzelne Fahrgäste gefallen mir nur deshalb ein bisschen weniger, weil der große erzählerische Bogen, der alles umspannt, noch toller ist: ein Leben als eine einzige Einsumpfung, Selbstabschneidung aller Perspektiven, Warten auf die eine, große Veränderung bei gleichzeitiger radikaler Vermeidung von allem, was sie herbeiführen könnte. Wird das alles am Ende doch ein Bildungsroman gewesen sein? Vielleicht, aber wenn dann nur als glückliche Fügung, die man sich nicht erarbeiten, in die man höchstens unbewusst hineinstolpern kann. Auf niemandes Spuren.

Heinrich Steinfest, Der Umfang der Hölle. Ich sehe schon, was einem gefallen kann, an diesen ziselierten Sätzen, am unbedingten Willen, den mittleren Krimirealismus hinter sich zu lassen, die Kräfte der Fiktion zu entfesseln statt zu bändigen; an einer Geschichte, die sich allen Erzählökonomien widersetzt, die Spuren mit voller Absicht ins Nichts laufen lässt; an Figuren, die nicht als statische Träger von Eigenschaften konzipiert sind, sondern als Experimentierfelder; an einer literarischen Form, die nicht zuletzt jeglichen Moralismus unterläuft, indem sie nicht nur die Handlung, sondern auch deren Bewertung und Reflexion flexibel hält. Kurzum, ein Buch, das sich erzählerisch auf der Höhe der Zeit bewegt, das bizarre Krimi-Partikel zu einem bizarren Mosaik der attraktiven Idiosynkrasien zusammensetzt... und sich leider trotzdem ziemlich anstrengend beziehungsweise angestrengt liest. All diese Vergleiche vor allem, so schief wie ein Finger, den man allerdings selbst krümmen muss, damit das Sprachbild so einigermaßen passt. Eine Weile lang und zwischendurch auch später immer wieder mal macht das Buch schon Spaß, weil es tatsächlich einmal eines ist, bei dem man am Anfang eines Satzes dessen Ende nicht einmal erahnen kann. Bis klar wird, dass der überkandidelte Tonfall, in dem die Nichtselbstverständlichkeiten aneinander gereiht werden, seinerseits in sich doch wieder ziemlich stabil bleibt.

Saturday, April 25, 2026

Gegenwartsliteratur, ein Sample (26)

Andreas Stichmann, Eine Liebe in Pjöngjang. Ein bisschen schamlos ist das Buch, aber das ist ja erst einmal nichts Schlechtes. Schamlos darin, wie Andreas Stichmann dieses sonderbare und schon auch sonderbar brutale Nordkorea in erster Linie und quasi ausschließlich als etwas benutzt, das sich literarisch ausbeuten lässt. Weil die hermetische Abgeschlossenheit des Landes eine Fallhöhe herstellt zwischen einer, über die wir viel zu wissen meinen, nur weil sie aus Deutschland kommt; und einer, über die wir gar nichts zu wissen können glauben, nur weil sie, eben, aus Nordkorea kommt. Es kann kein Gleichgewicht geben zwischen den Frauen, nicht in einer Liebesbeziehung und auch nicht literarisch, wir wissen das und Stichmann spielt mit unserem Wissen. Die Perspektive Stichmanns und seiner deutschen Hauptfigur fallen nicht ganz, aber weitgehend in eins, wenn dagegen gelegentlich die Koreanerin ins Zentrum rückt, bleibt die Distanz zu ihr unüberlesbar. Insgesamt bleibt das Buch bewusst eine Fantasie über Korea, was besonders dann deutlich wird, wenn als Buch im Buch das Gegenstück auftaucht: eine koreanische Fantasie über Deutschland. Die wird als so abenteuerlich und jenseitig beschrieben, dass Stichmanns Buch, so stark es phasenweise ist, mit der Imago dieses anderen Buches nicht ganz mithalten kann, vor allem am Ende nicht, wenn die Liebesgeschichte einem etwas zu final anmutenden Ende zugeführt wird. Vielleicht aber ist selbst noch diese Enttäuschung angesichts der Tatsache, dass wir das aufregende Buch im Buch nie werden lesen können, Teil des Spiels, das Stichmann spielt.

Christine Nössler, Morgen ohne gestern. Nicht das erste Buch im Sample, das umso schwächer wird, je mehr sich die Dinge klären. In diesem Fall kommt verschärfend hinzu, dass das Buch lange mit dem verlockenden Gedanken zu spielen scheint, dass sich die Dinge womöglich gar nicht klären werden. Dass also die Hauptfigur, Christine, das Gedächtnis, das sie verloren hat, schlicht überhaupt nicht wiedererlangen wird. Dass sie dauerhaft leben müssen wird mit dem Missverhältnis zwischen dem Leben, das sie in der Gegenwart lebt und dem, welches sie einst geführt hat - wie man ihr erzählt. Dass diesen Erzählungen nicht zu trauen ist, kann man sich beim Lesen recht schnell zusammenreimen, manchmal wird die meist nüchtern-lustige Sprache da gar ein bisschen plump und jemandem huscht eine Idee übers Gesicht oder Ähnliches, bevor er zu lügen beginnt. Es bleibt einem freilich eine Weile die Hoffnung, dass die Pointe in der Unsicherheit bestehen wird, die die Hauptfigur und mit ihr auch wir am Ende des Buches auszuhalten gezwungen sein werden. Und nicht in der Enttarnung der Vergangenheit, der Wiederganzwerdung der Erinnerung, der Entlarvung der Lügner und Lügnerinnen. Aber nun ja, eben auf Letzteres läuft das Buch hinaus und wenn man das einmal weiß, verleidet einem (mir) das auch rückwirkend den Lesespaß. So ist das mit der Erinnerung, sie schlägt gern Haken, wenn man sie lässt.

Enis Maci, Pascal Richmann, Pando. Als Gefangener meiner Vorurteile fühle ich mich mal wieder voll bestätigt nach einer Kurzrecherche über die Autoren: Wenn ich in Gedanken den Studiengang Kreatives Schreiben, den ich nie besucht habe, mit dem Regietheater der Gegenwart, dem ich ausschließlich gefiltert durch größtenteils öde Zeitungsbesprechungen begegne, multipliziere, kommt ziemlich genau diese Art gespreizt formlose, mir schon nach ein paar Seiten aber sowas von gegen den Strich gehende Bescheidwisserprosa heraus. Was in den Vorurteilen nicht aufgeht ist am ehesten noch die Liebesgeschichte, da leuchtet mir das forciert Präsentische am Text gelegentlich ein. Ansonsten: Was nicht bei drei auf den Bäumen ist, wird in dieses Buch gepackt und breitbeinig halbreflektiert, Multikrisen und Identitätskram, Kultur- und Zeitgeschichte der unbedingt global gedachten Art, schnoddrige Alltagsbeobachtungen, Theorieversatzstücke diverser Provenienz... Dieses und jenes kommt vor und dann auch noch Jürgen Elsässer und Nan Goldin. Eine besondere Vorliebe haben Maci und Richmann für ad-hoc-Zeitstrahlen, die einzelne Lebenslinien auf- und dann gleich wieder zusammenfalten. Der Kitt, der's (eher nicht) zusammenhält, ist linker Defätismus, immerhin ohne nostalgische Sehnsucht nach Kollektiven, aber letztlich ist am Schlamassel doch meistens irgendwie die westliche Moderne Schuld. Als Gegenwartsdiagnose kommt, vielleicht, etwas in der Art heraus: Alles hängt mit allem zusammen, meint man, aber gleichzeitig kollabiert alles in Gleichzeitigkeit, weshalb Kausalitäten nicht mehr so recht greifen. Kann schon sein, aber ich komme da eh nur drauf, weil ich das so ähnlich, nur viel schlüssiger, bei Luhmann gelesen habe... und überhaupt, was genau wäre dann die Aufgabe von Literatur? Das einfach abbilden? Was soll ich sagen, ist halt schlicht nichts für mich, das Buch. Alles Wissen ist Halbwissen, es kommt nicht drauf an, wieviel man davon hat, sondern was man draus macht.

Saturday, April 18, 2026

Gegenwartsliteratur, ein Sample (25)

Nils-Momme Stockmann, Der Fuchs. Ein Buch, das viel will, wenn nicht gleich alles, das Große und das Kleine (aber schon vor allem das Große), das Abstrakte und das Konkrete (aber schon vor allem das Abstrakte), das Wuchtige und das Zarte (aber schon vor allem das Wuchtige). Eine Jugend im hohen deutschen Norden multipliziert mal entgrenzte Endzeitfantasie mal entgrenzte Misanthropie mal entgrenzte Metaphysik. Nie ganz berechenbar und vor allem deshalb überwiegt bis zum Ende die Faszination, die aber schon einige Hürden überwinden muss. Vor allem, nachdem im zweiten Hälfte die Grundierung in einer präzisen Erinnerungsfiktion wegbricht: Dieser eine Tag in diesem einen Sommer, ich und meine Kumpels vertreiben uns die Zeit, da hinten ist der Deich und hinter dem lauern die tumben Schläger. Werde ich vor ihnen wegrennen können? Solange Stockmann seinen Textfluss immer mal wieder auf diese Provinzminiatur herunterbremst, stimmt die Balance. Andererseits hat Stockmann gar kein Interesse an einer stimmigen Balance und das ist natürlich sein gutes Recht. Warum sich jedoch das, was den Text aus der Balance bringt, immer wieder und gegen Ende ziemlich penetrant nach pubertärem Fundamentalpessimismus anfühlen muss? Die Frage kann ich doch nicht so ganz beantworten.

In einer Nacht, woanders, Katerina Poladjan. Ein Sprachfluss, dem ich mich solange gerne anvertraue, bis ich zu ahnen beginne, wohin er fließt, in was für eine Erzählung er münden wird. Eine Frau kommuniziert beim Besuch der alten russischen Heimat mit ihrer zur Vergegenwärtigung drängenden Vergangenheit, spricht ihr altes Ich wie auch das alte Ich der Mutter immer wieder direkt an - während ihr gegenwärtiges, nach Deutschland emigriertes, ein braves Lehrerdasein fristendes Ich ihr zunehmend fremd wird. Das gegenwärtige Ich der Mutter wiederum ist nicht nur fremd, sondern außerdem dement und schlicht nicht mehr sinnvoll ansprechbar. Als von Anfang an strategischer Störfaktor im Erinnerungsstrom platziert wird Pjotr, ein Typ, der der Welt der Vergangenheit zu entspringen scheint, aber gleichzeitig auch in der Gegenwart stur präsent bleibt, sich einfach nicht wegquasseln lässt. Eine Weile ist er - Prinzip der Männlichkeit eher als ein realer Mann - ein interessanter Widerstand im Text. Bis, eben, der lange offen und im besten Sinne hilflos anmutende Bewusstseinsstrom begradigt wird und Pjotr plötzlich vor allem ein Plot Point ist. Und zwar ein ziemlich wichtiger. Am Ende wird - hilft ja auch nichts, das Elend zu verschweigen - doch wieder einmal nur ein Familientrauma aufgearbeitet worden sein.

Kangal, Anna Yeliz Schentke. Wieder mal keine Ahnung, was das Feuilleton in diesem Buch sieht. Woher kommt dieser unstillbare Appetit auf flott-eingängige Diskursliteratur? In diesem Fall würde ich selbst schlicht sagen: Medium verfehlt. Als ein dokumentarischer Magazinartikel, oder meinetwegen eine Artikelserie (dafür würde das Material eventuell schon knapp werden) wäre das vielleicht aufgegangen. Erfahrungsdichte, nicht diskursive Stimmigkeit, das wär's gewesen. Was bleibt, ist außerdem wieder einmal der Eindruck: Ein Grundübel der deutschen Gegenwartsliteratur ist ihre Fixierung auf Montagetechnik: multiperspektivisches Erzählen heißt oft und hier ganz besonders nicht, am Reichtum der Welt zu partizipieren; ganz im Gegenteil wird dieser Reichtum immer schon zugunsten eines antizipierten dramaturgischen Payoffs zurecht gestutzt. Allzu viel Energie wird darauf verwendet, sich Menschen narrativ und ideologisch zurecht zu legen. Die Folge davon ist, dass keine der drei Hauptfiguren sich von der Funktion, die die Montage ihr zuteilt, emanzipiert. Ansätze dazu gibt es höchstens sehr gelegentlich bei Ayla; die freilich von der Geschichte, in die Schentke sie zu involvieren will, kaum auch nur ernsthaft aktiviert wird.

Tuesday, April 07, 2026

Gegenwartsliteratur, ein Sample (24)

Drei Kameradinnen, Shida Bazyar. Viel gerechte Wut, die die Erzählung und die Figuren überschäumt, dem Leser entgegen. Einem Leser, den sich das Buch doch allzu genau und statisch zurecht gelegt hat... nach der dritten Frontalattacke wider die antizipierte Rezeptionshaltung eines weiß-männlichen Mainstreamlesers reicht's für meine Begriffe dicke, es folgen aber circa 20 weitere, noch dazu ohne jede Variation. Wut, die zum rhetorischen Manöver verkommt, wie überhaupt rhetorische Manöver arg viel Raum einnehmen, auch ganz klassische, wie Foreshadowing. Schön sind manche Abhängszenen und Abhängerinnerungen, interessant ist, wie wenig greifbar die Erzählerin bleibt neben ihren beiden Kameradinnen, die sie teils wie Fühler benutzt, sie exponierter in die Erzählwelt hinausragen lässt als sich selbst. Weniger interessant: dass ich mit Saya sehr wenig, mit Hani sehr viel mehr anfangen kann. Genau da will mich das Buch ziemlich sicher haben, Den Gefallen, mich ertappt zu fühlen, tue ich Büchern allerdings selten gern; diesem, fürchte ich, schon gar nicht.

Emil, Mariam Kühsel-Hussaini. Den Reiz der Sache kann ich nachvollziehen: ein Naziroman nicht einfach ohne Moralisierung, sondern ohne Absicherung in der Struktur der Sprache. Das Irrationale nicht rahmen, kontextualisieren, verzwergen, sondern in seinen eigenen Worten exponieren. Nicht: Der böse Mann sagt, tut und so weiter, sondern: das Böse Sprache werden lassen, und zwar in all den Variationen, die es historisch gegeben haben muss, die es zweifellos auch heute noch gibt. Das tumbe Böse, das banale Böse, das smarte Böse, das delirierende Böse und so weiter. Das tumbe Böse macht sprachlich am meisten her, auch da kann ich gut mitgehen. Sätze wie Baumstümpfe in einem See von Blut. Rabiat verkürzte Selbstidentität, Denken, das sich euphorisch selbst beschneidet. Dass der Text die eigene Lust an der sprachlichen Enthemmung nicht mitdenkt, ist ihm sowieso nicht vorzuwerfen; Selbstreflexion wäre doch wieder nur eine Rahmung. Deutlich weniger gut nachvollziehen kann ich freilich, was Kühsel-Hussaini an Rudolf Diels interessiert.

22 Bahnen, Caroline Wahl. Der Titel passt: ein Buch, das sich aufs Strecke machen versteht, aufs Auswalzen der je aktuellen Befindlichkeit. Über teils gar nicht mal so wenige Seiten hinweg geht es dann, zum Beispiel, um die Hilflosigkeit der Schwester (schon rührend) oder die Alkoholikerlaunen der Mutter (schon recht eindringlich) oder die blauen Augen des feschen Russen im Schwimmbad (schon ein bisschen camp und New-Adult-affin und am Ende das Beste am Buch), in Sätzen, die alle mehr oder weniger dasselbe sagen. Das fieße daran: man ahnt es teils schon nach den ersten Worten eines wirklich verdammt langen Absatzes, dass es wieder einmal nicht so recht weiter gehen wird im Text, sondern sprachliches Wassertreten angesagt ist. Dazwischen dann zwecks Auflockerung Stakkatodialoge, die gleich eins zu eins ins Drehbuch der Verfilmung (nicht gesehen) übernommen werden können. Was soll ich sagen: kein böses Buch, gar nicht, aber Hera Lind knallt mehr.

Saturday, February 14, 2026

Gegenwartsliteratur, ein Sample (22)

Wie man mit einem Mann unglücklich wird, Ruth Herzberg. Ein Formexperiment, als hypersexualisierte Lifestyle-Troll-Literatur getarnt. Protokoll einer Beziehung, die keine ist, sondern ein dysfunktionales Selbstgespräch, das ein Gegenüber nicht einmal mehr wirklich zu imaginieren versucht. "Toxisch" ist deshalb auch nicht die Beziehung, sondern das Selbstverhältnis, das gefangen bleibt in Schleifen depressiver Selbsterniedrigung und manischer Penisanhimmelung ("guter Sex" als einzige mögliche Belohnung, einziger möglicher Maßstab dafür: die kommerzielle Pornografie). Ein Buch über eine bipolare Störung ist das freilich dennoch nicht, dafür fehlt die Distanz. Ein Buch als bipolare Störung? Auch das nicht wirklich, dazu ist die Sprache, die mich erst nervt und dann immer mehr in ihren Bann zieht, zu kontrolliert. Fast ein Prosagedicht auf die Dauer, eine Anrufung, eine Beschwörung, aber von was? Kein Ausbruch, kein Horizont, nichts. Ein Endspiel nicht nur der Liebe und der Sexualität, sondern der Subjektivität. Vielleicht etwas hoch gegriffen, manche Passagen sind auch nur - allerdings ziemlich gutes - Boulevard. Jedenfalls ein Buch, das nach der Lektüre gewachsen ist.

Die Wölfe von Pripyat, Cordula Simon. Eine filigrane Science-Fiction-Konstruktion im Nebel einer unmöglichen Zukunft. Eine Doppelkonstruktion, genauer gesagt, zwei parallel geschaltete Auflehnungen gegen eine autoritäre Zurichtung, die auf ziemlich tolle Weise gleichermaßen allgegenwärtig und unspezifisch bleibt. Keineswegs laufen beide Auflehnungen aufeinander zu, eher streben sie radikal inkompatiblen Zielen zu: Komplettausstieg aus der Technogegenwart vs Ideologiekritik als immer schon systemkonformes Systemkorrektiv. Auf Plotebene teils ein Orwell-Update für politisch diffusere Zeiten (statt des Großen Bruders Überwachungsroutinen als Selbstzweck, statt Gleichschaltung geteilte Indifferenz in untereinander inkompatiblen Millieus), aber atmosphärisch ist das viel näher an Philip K. Dick: halluzinatorischer Radikalpessimismus, Figuren im finalen Kampf gegen die Zersetzung der eigenen Handlungsmacht. Und dann ist das alles womöglich auch noch eine Putinismusallegorie? Zwischendurch auch mal frustrierend opak, das Buch, aber immer ambitioniert wie nur was und in jedem Fall: eine Entdeckung.

Wolfszone, Christian Endres. Weiterhin ein großes Desiderat im Sample: gutes Genrehandwerk. Endres lockt mit Transformers-mäßigen Cyborg-Wölfen und liefert dann doch nur eine weitere brave Expolation nicht einmal wirklich unserer technologischen Gegenwart; sondern lediglich einiger soziologischer Allgemeinplätze rund um Kulturkampf, Prepper, Gutmenschentum, was weiß ich. Die multiperspektivische Erzählweise bringt hier und da tatsächlich ein wenig Schwung in die Handlung, ist aber zuvorderst ein extrem duchsichtiges Manöver, Diversität vorzutäuschen. Wobei das auch schon wieder egal ist, weil die zentrale weiß-männliche Ermittlerfigur ebenso sehr Klischee bleibt wie das weiblich-migrantische und sogar roboterwölfische Beiwerk. Das sehr awkwarde Geflirte des Ermittlers mit einer fast-schon-Femme-Fatale-Journalistin ist noch das Beste am Buch.

Friday, January 23, 2026

Gegenwartsliteratur, ein Sample (21)

Schön ist die Nacht, Christian Baron. Differentieller Determinismus: Zwei Seins bestimmen zwei Bewusstseins, auf jeweils ein bisschen andere Weise, und dann, da hätte es interessant werden können, geraten die beiden Bewusstseins sich auch noch gegenseitig in die Quere, weil sie sich nicht auf eine gemeinsame Version des Seins einigen können. Aber jeder Ansatz erzählerischen Wagemuts wird flink wieder abgeschliffen zu ostentativ klassenbewusstem kitchen sink aus den Kaiserslauterner Siebzigern. Verdammt gut gemeint, verdammt ungelenk imaginiert. Als Versuch der Errettung proletarischer Lebenswelten hier und da nicht ganz ohne Wert und Wucht, aber was an Autofiktionalität, oral history und anderen Recherchebemühungen ins Buch reingesteckt worden sein mag, wäre in einem klassischer dokumentarisch orientierten Projekt beileibe besser aufgehoben gewesen. Am schönsten sind noch die Kneipenszenen und überhaupt die sumpfigeren Passagen. Die kommunistische Oma liest sich hingegen so schlecht ausgedacht, dass es sie womöglich tatsächlich gegeben hat. Der lotterlinke Bankangestellte beim Schnapstrinken mit den Putzfrauen in der Betriebskantine: da überlege ich dann doch kurz, meinem Vorsatz untreu zu werden und das Buch wegzulegen. Aber nein, das Leben ist kein Zuckerschlecken, ich halte durch.

Serverland, Josefine Rieks. Die Wiederkehr der Gegenwart als Retroutopie als Sturm im Wasserglas. Dass der digital slob unserer Gegenwart, von Memes über Kommentarfeldzüge bis Pornografie, erst einmal gründlich unlesbar gemacht werden muss, bevor er irgendwann, in ferner Zukunft, wieder neu, anders, erstmals richtig lesbar werden wird: das ist ein Gedanke, der mit einleuchtet. Auch bekommt mich die jugendliche Subkultur-Lagerfeuerromantik, die sich bei Rieks an die Relikte der Social-Media-Netzkultur heftet. Angenehm offen bleibt das zunächst, den ihrem Kontext enthobenen files in der Serverfarm entspricht ein ungerichtetes, (sich selbst) unklares Begehren, eine in Maßen fluide Sozialstruktur auch. Wobei: Nerd bleibt Nerd, und aus seiner Haut kann nicht nur der interessant passive Erzähler nicht raus. Die Konsolidierungsbewegung am Ende des ein bisschen unfertig wirkenden Buches scheint mir voreilig. Dass utopische Projekte nach Art des Imaginierten zum Scheitern verurteilt sind weiß ich eh. Den Erschütterungen nachzuspüren, die sie gleichwohl im Einzelnen und auch zwischen Einzelnen hervorrufen können, ist dennoch ein würdiges, von Rieks eher vorskizziertes als ausgeführtes Unterfangen.

Vier Äpfel, David Wagner. Ein Gang durch den Supermarkt und die Sinnschichten, die sich in ihm ablagern. Mikrologischer Universalismus, das Universum in der Nussschale und so weiter. Fein gedrechselt, sich selbst genug. Es stimmt sicher eh nicht, aber gelegentlich denke ich mir beim Lesen: Das hätte ich auch selbst schreiben können, so ähnlich zumindest. Es ist so ziemlich - wenn nicht überhaupt - das erste Buch im Sample, das mich so denken lässt. Wobei ich den Gedanken vermutlich ehrlicherweise umformulieren sollte: Das hätte ich auch selbst schreiben wollen, so ähnlich zumindest. Das nicht expansive, sondern auf engem Raum sich selbst ausdifferenzierende Denken dieses Buches entspricht mir, oder jedenfalls: leuchtet mir ein, auch das Taschenspielerhafte daran, etwa die Art und Weise, wie nebenbei eine Liebesgeschichte in die Warenwelt eindringt. Freilich denke ich zwischendurch auch immer wieder an Wilhelm Genazino. Der aus einer sehr ähnlich passiv-lakonischen Reflexivität dann doch ganz etwas anderes und viel mehr macht. Letztlich fehlt mir bei Wagner das, was ich selbst schreibend auch nie zustande bringen würde: der Sprung in die Fiktion.

Saturday, January 03, 2026

Gegenwartsliteratur, ein Sample (20)

Offene Blende, Antje Rávik Strubel. Eine Liebe blüht auf dem geteilten Boden der Fremdheit, in einem New York, das durchweg fremd, kalt und vermittlungsbedürftig bleibt. Gleich zwei Medien schiebt der Text, mit einigem rhetorischen Aufwand, zwischen die Stadt und die beiden Subjektiven, die einander im Text abwechseln: das Theater und die Fotografie. Das Sozial- und Körpermedium Theater ist das Interessantere wenngleich schon auch Opakere der beiden, die Fotopassagen langweilen mich schnell, es geht um Zufallsfunde, die Magie des Nichtintentionale, das darin doch wieder aufscheinende Punktum subjektiver Wahrheit und so weiter; das sind allesamt Gedanken, die ein paarmal zu oft gedacht und oft und tendenziell auch hier mit etwas zu viel Pathos ausformuliert worden sind. Auch, dass die beiden, die sich in New York treffen und lieben, eine Ostdeutsche und eine Westdeutsche sein müssen, ist mir schon wieder zu viel konzeptueller Überbau. Dabei ist die Liebesgeschichte an sich toll. "An sich", das heißt, immer dann, wenn sie sich vom Überbau emanzipiert und da nur noch zwei begehrende, jedoch meist eben doch erst einmal ein begehrender und ein begehrter Körper sind, ungleiche Energien, die sich meist schmerzhaft verfehlen, nur immer mal wieder kurz zusammenfinden, und sei es nur für ein paar kostbare, in sich verschlungene Sätze.

Die Rassistin, Jana Scheerer. Da weiß man plötzlich, was man an "Identitti" hat. Dabei sind die wenigen Stärken und in diesem Fall besonders vielen Schwächen in beiden Fällen ähnlich verteilt. Auch Scheerer hat ein gewisses Gespür für das Screwball-Potential der akademikschen Bubble (den Sound überhitzt-professioneller Email-Kommunikation, in dem sich eitle Selbstdarstellung mit Höflichkeitsfloskeln und political-correctness-Hohlformeln verbinden hat sie zum Beispiel gut drauf), in diesem Fall verbunden mit einer kräftigen Dosis Cringe Comedy beziehungsweise Körperkomik - der Shitstorm auf dem Handy vermischt sich zwischendurch mit gynäkologischen Befindlichkeiten, aber die entsprechende Szene ist letztlich und andererseits genauso lauwarm zusammenkonstruiert wie der zentrale "Rassismus"-"Skandal" - die Anführungszeichen passen hier unbedingt, da realer Rassismus beziehungsweise die Erregung darüber bei Scheerer wirklich komplett hinter einem ausgedachten Sturm im Wasserglas verschwinden. Am Ende bleibt die Frage: Bücher über geisteswissenschaftliche Institute - gibt es da auch gute?

Schlafgänger, Dorothee Elminger. Hm, weiß nicht, nicht meins leider. Eine Reihe von opaken Erzählstimmen parallel geschaltet, quasi ein Multimonolog, der Raum lässt für allerhand Echos und Wiederholungen, ohne sich auch nur annähernd für dialogische Formen zu öffnen; oder gar so etwas wie einen Raum des geteilten Handelns und Erlebens zu öffnen. Radikal vor allem in seiner Verweigerung einer Entwicklung und sei es hin zu (noch) mehr Enthropie. Das Masterthema aller Monologe sind Migrationsbewegungen, Grenzen und ihre Überschreitung. Ein wenig wie in einem der abstrakteren Claire-Denis-Filme, aber leider komplett ohne deren sinnliche Wucht. Eine der Erzählstimmen gehört einem Logistiker und mir scheint, dass das Buch auch im Ganzen etwas zu sehr im Bann seiner eigenen Logistik steht.

Saturday, December 20, 2025

Gegenwartsliteratur, ein Sample (19)

Feuer, Chaim Noll. Ein Nachtrag, ist schon etwas länger her, dass ich das Buch gelesen habe. Warum ist mir ausgerechnet dieses durchgerutscht? Vielleicht, weil es wenig seinesgleichen gibt im Sample, wenig Bücher, die sich der Fiktion als etwas dezidiert Ausgedachtem, nicht eins zu eins an empirischen Erfahrungswelten Abgleichbarem nähern und sich gleichzeitig nicht in schnödem World Building verlieren. Fiktion ist keine Gegenwelt (mit Tendenz zur Verhärtung, Verkapselung im eigenen Regelwerk), sondern ein Sprachspiel. Das vor allem in der ersten Hälfte des Buches mich in seinem Bann hält: eine Gruppe von Menschen unterwegs in einem weitgehend abstrakten Endzeitszenario, der Text verzichtet komplett auf eine Masterperspektive, springt von einer Figur zur anderen und tatsächlich verschiebt sich die Konstellation mit jedem Sprung, jeder Blick bringt seine eigenen Erhellungen und Verdunklungen mit sich. Da der Welt um die Figuren herum alle Sicherheiten, alle fixen historischen Wegmarkierungen abhanden gekommen sind, könnte das immer so weiter gehen. Noll allerdings setzt einen harten Schnitt in die (strukturelle) Mitte seines Buches, die zweite Hälfte spielt in der Post-Postapokalypse und installiert ein freilich gleichermaßen abstraktes Kontrolldispositiv. Weiter springt der Text von Figur zu Figur, wird komplexer, verliert jedoch an Griffigkeit, denn es geht nicht mehr um differierende Weltprojektionen, sondern um die geteilte und doch nicht ganz geteilte Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies der temporären Freiheit. Ändert nichts dran: tolles Buch.

Land in Sicht, Ilona Hartmann. Kann ich nicht viel zu sagen. Eine Flussfahrt als biografischer Wiederganzmachungstrip. Wenn man sich aufs Programm einlässt, gibt es garantiert ein bisschen emotionalen Payoff. Ich konnte nicht, was zuvorderst an den despektierlichen Beschreibungen der Kreuzfahrtgäste und teils auch -besatzung liegt. Wirkt wie eine Aneinanderreihung von Facebook-, teils auch Twitterminiaturen, die auf like-Beifall von Gleichgesinnten spekuliert, nicht mal richtig edgy (sachte Inzest-Vibes zwischendurch, gibt sich schnell wieder), immer auf der geschmackssicheren Seite. Ein Buch, das geschrieben wurde um ein Buch zu schreiben.

Mandels Büro, Berni Meyer. Auch das hier: not for me, sorry. Geschrieben in einem rumkumpelnden Tonfall, der mich an Rita Falks Hannes erinnert und mich bei Meyer genauso nervt, beziehungsweise fast noch mehr, weil er in Mandels Büro weniger den Charakter einer eigengesetzlichen Kunstsprache erhält, bloße Ranschmeißerei bleibt. Interessant hingegen, dass der Erzähler selbst eine Nebenfigur ist, beziehungsweise ein klassischer Sidekick der Hauptfigur Mandel, zu dem er treu ergeben, fast eher ein Hündchen als ein Kumpel, aufblickt. Kein Aufbegehren, kein Versuch, sich selbst in den Mittelpunkt zu drängen, selbst eine zwischenzeitliche Sexgeschichte des Erzählers lässt ihn nicht zum Protagonisten werden. Das sprachliche Wie ist alles in allem dennoch spannender als das narrative Was - ein Krimi ist's, durchaus mit Whodunit-Qualitäten aber reichlich fahrigem Storytelling. Meyer gibt sich einigermaßen Mühe, das Popmusikmilieu, in dem das Buch spielt, erfahrungssatt auszugestalten und doch bleibt die Band, deren Sänger zu Beginn gekillt wird, ein sonderbares Zwischending aus Rammstein und, hm, Tote Hosen? Ton Steine Scherben? Egal. 

Friday, November 28, 2025

Gegenwartsliteratur, ein Sample (18)

Freiheitsgeld, Andreas Eschbach. Der Protagonist im neuen Pynchon heißt Hicks McTaggart, einfach weil Pynchon das so will; Andreas Eschbach hingegen macht jede Menge Aufhebens um die Tatsache, dass seine eigene Hauptfigur nicht Achim, sondern Ahmad Müller heißt. Beziehungsweise: er macht Aufhebens drum, wie wenig Aufhebens er drum macht, weil er ja künftige Normalität beschreiben will. Brave Exploration von soziodemografischen Entwicklungstendenzen: das und kein Jod mehr ist Science Fiction bei Eschbach. Allzu viel hat sich eh nicht verändert in dieser bloß projizierten (keineswegs: fabulierten) Zukunft, beruhigt uns das Buch gleich mehrmals. Immer wieder findet sich im Verlauf des für sich selbst okayen Spannungsplots außerdem Gelegenheit, Wissenslücken bezüglich der fiktionalen Timeline zu schließen. Lesen Sie doch im Folgenden, schlägt mir das Buch vor, ein seitenlanges Interview mit einem Politiker, der die Ereignisse der letzten 30 Jahre zusammenfasst! Ja gut, ich mach's, aber garantiert nur einmal in diesem Leben und nur weil ich mich nunmal auf dieses Sample-Spiel eingelassen habe. Amüsant immerhin: dass Frauen andauernd Sex wollen bei Eschbach, überhaupt sind die leichten Anflüge von Kink zwischendurch noch das Beste dran.

Identitti, Mithu M. Sanyal. Okay als screwball comedy I guess. Und auch ein bisschen als soap opera. Meine initiale Totalgenervtheit weicht jedenfalls bald einem gnädigeren Lektüremodus, der sich an den barockeren Aspekten des Buches erfreut, den Social-Media-Interludes, den Lifestyle-Kauzigkeiten lotter-akademischer Provenienz, auch an den zwischendrin eingeflochtenen und schön auf Krawall gebürsteten Liebes- und Sexeskapaden. Viel Lärm um Nichts: Das wäre die positive Lesart, aber mir ist da doch zuviel berechnendes something im Spiel. Allzu passgenau zusammenkonstruiert ist insbesondere die Dolezal-Wiedergängerin im Zentrum des letztlich scheint mir doch nicht allzu wirklichkeitssatt entworfenen Skandals (zumindest ist das Setting des Buches, dafür kann es natürlich erst einmal nichts, in ziemlich kurzer Zeit ziemlich schlecht gealtert), aber auch das sonstige Umfeld der Erzählerin wirkt arg "gebaut". Der Effekt ist eine ziemlich felsenfeste diskursive Verankerung der Erzählperspektive, die die behauptete ideologisch-identitäre Bedürftigkeit Niveditas ebenso konterkariert wie die referierten dekonstruktivistischen Denkmuster. Sicherlich kann man das Argument an dieser Stelle noch ein-, zweimal weiter drehen und etwa das Verlangen nach einem insbesondere moralisch stabilen Koordinatensystem als eine Kompensationsleistung lesen, die auf existenzielle Verletzlichkeit verweist... aber das Problem bleibt, aus meiner Sicht, dass Sanyals Text letztlich literarisch nicht funktioniert. Weil er die übervorsichtige Konstruiertheit (oder auch: sein mangelhaftes Vertrauen in die eigene Fiktion) unter einem Wirbelsturm der (meta-)textuellen Oberflächen zu verbergen versucht; und auch den schon immer wieder durchschimmernden sensualistischen Qualitäten der Prosa wenig Raum zur Entfaltung lässt.

Kurzmitteilung, Navid Kermani. Sich nachträglich in ein fremdes Leben hineinschreiben zu wollen ist das eine; nicht zu wissen und auch gar nicht wissen zu wollen, woher dieses Verlangen kommt, etwas ganz anderes. Was mich an dem Buch nachhaltig fasziniert ist Letzteres: die Reflexionsschranken, die Denken und Handeln des Erzählers bestimmen. Nicht unbedingt: einschränken. Vielleicht ermögliche sie ganz im Gegensatz manches; nicht zuletzt machen sie es möglich, einigermaßen fasziniert mit den Augen eines ziemlichen Unsympathen auf die Welt zu blicken. Wobei mir das Buch besser gefällt, solange der Erzähler seine Arschlochhaftigkeit auf eher unspektakuläre, vor allem folgenlose Art und Weise zelebriert. Wer denkt nicht selbst mal menschenfeindliches Zeug zusammen, wenn der Tag lang und das Land, in dem man lebt (ein ziemlich starkes Buch über das Unbehagen an Deutschland ist das ganz nebenbei und angenehm unaufdringlich auch), öde ist? Gegen Ende schlägt die Misanthropie, vor allem in Form einer ziemlich ekligen Sexszene, um in einen Exzess abjekter Männlichkeit, von dem man sich dann doch wieder recht leicht distanzieren kann. Wenn nicht muss. Da bin ich dann kurz raus, bevor mich die wirklich überraschende und wagemutige finale Volte wieder einfängt.

Saturday, November 22, 2025

Ahnen erahnen (Gegenwartsliteratur, ein Sample 17)

Anne Weber, Ahnen.

"Der Mann heißt Jens Niederhut. Ich merke mir den Namen (...) weil er mich an den Namen des deutschen Autors Jens Sparschuh erinnert, dem er gewissermaßen noch die Kopfbedeckung liefert."

Einer der Sätze, die mich auf die Palme bringen - aber warum? Was soll dagegen sprechen, Sprache als Spielmaterial aufzufassen, kurz zum Selbstzweck werden zu lassen? Was mir missfällt, ist, glaube ich, nicht das Spielerische, sondern, dass das Spielerische so schief im Satz sitzt, als aufgepfropfter Effekt, weil es Weber letztlich, wie im ganzen Buch, nicht ums Spiel, sondern um Selbststilisierung geht.

Genau wie die Annäherung Webers an ihren Ahnen Florens Christian Rang von Anfang an nichts zutage fördern soll außer der Unmöglichkeit einer solchen Annäherung. Die Form, die das Buch sich gibt, ist nicht die einer Recherche sondern die einer selbsterfüllenden Prophezeiung. Und ich werde den Verdacht nicht los: Was sich wirklich als unüberwindbare, gebirgshohe Hürde zwischen Weber und Florens auftürmt, ist nicht die deutsche Geschichte, sondern das Wort "ich". 

Nicht nur "ich" schreibt Weber mit Vorliebe, sondern am liebsten gleich "ich forsche", "ich schwöre", "ich spüre", "ich lese". Ist das ich erst einmal von der Leine gelassen, gibt es keine Ruhe mehr, kontaminiert alles, was es berührt, erhebt sich turmhoch über die Welt. "Schon mit vierzehn hat das ich verstanden, was Sanderling in einem seiner Bücher in die Welt hinausposaunt" posaunt das ich seinerseits in die Welt hinaus. Das ich als sprachautomatische Gnade der späten Geburt. Ist damit das Ende der Fahnenstange der Reflexivität erreicht, die Grenze, die eine vom ich gedachte Reflexivität nicht überschreiten kann?

Noch einmal radikalisiert: Vielleicht hat auch die behauptete und mit sehr viel Pathos umhüllte Scheu Webers, das Wort "Auschwitz" auszusprechen, in erster Linie ein Vorwand, bitte auch weiterhin auf der Ebene des ich zu verbleiben.

Wenn es die "Gesinnungskurve", nach der die Wissenschaft als eine Instanz, die es wagt, vom ich zu abstrahieren, sucht, "nicht gibt", sehr wohl aber, ausgerechnet, "Einzelne (...) mir ihren einzelnen Gesinnungen oder Gesinnungslosigkeiten, und in diesen Einzelnen (...) Stimmen ihres Gewissens"... dann liegt der Gedanke nicht fern, dass es auch die Geschichte nicht gibt. Sondern, eben, nur das ich, das hinter seinen "geschlossenen Lidern (...) unscharfe Gestalten" versammelt... und aber dennoch meint, uns eben davon Mitteilung machen zu müssen.

An anderer Stelle lässt sie in ein Stück Genremalerei, das in seiner Abgeschmacktheit - Strandschuppen an der Nomandie, Muscheln mit Pommes, irischer Pianist, Edith Piaf - ganz und gar nicht zum sonst dominierenden Tonfall investigativer Ernsthaftigkeit (der ja auch ein bestimmtes Dekors impliziert: Archivschreibtische, Schilderwald der Institutionen, verstaubte Aktenberger) passen will, das Horst-Wessel-Lied krachen.

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Das alles nicht mehr als ein paar hilflose Notizen, die einer Irritation nachspüren sollen, deren Rückseite ein nachhaltiges Getroffensein ist. Denn tatsächlich ist "Ahnen" das erste und bislang einzige Buch im Sample, das ich nicht lesen kann, ohne selbst ins ich zurück zu fallen.

Monday, October 20, 2025

Gegenwartsliteratur, ein Sample (16)

Bela B. Felsenheimer, Scharnow. Comfort food. Nicht nur, aber natürlich auch und besonders, weil gleich mehrere Joe-d'Amato-Filme auf VHS eine nicht unwichtige Rolle spielen im Plot. Erwartungen hatte ich keine großen nach den tristen Büchern von Felsenheimers Entertainmentbranchenkollegen Schamoni und Kamerun. Aber das hier ist wirklich ein völlig anderes Beast, eine enthusiastisch drauflos fantasierte Dunkeldeutschland-Provinzgrotestke, vielsträngig und höchstens pro forma linear, manche Handlungsstränge, zum Beispiel einer um eine Lovecraft-esques Terrorbuch, laufen mit voller Absicht ins Leere, die anderen ziehen sich ungefähr zur Halbzeit zu einer Klimax mit sanftem Tarantino-Einschlag zusammen, auf die im weiteren Verlauf keine zweite folgt. Stattdessen wird der Autor gegen Ende, meint man zu erfühlen, von einem geradezu rührenden Harmoniebedürfnis übermannt, Pärchen finden sich, Sexualitäten befreien sich, irgendwann wird sogar die siffigste Bude von allen gründlich ausgemistet. Elegant geschrieben ist das nicht immer, gelegentliche krumme Sätze würde ich aber eher dem mangelnden Lektorat anlasten, das vielleicht auch hier und da dem Autor einige weniger griffige Plotideen (ausgerechnet der fliegende Typ auf dem Cover ist leider so eine) hätte ausreden können. Aber genug gemäkelt, ein rundum schönes Buch ist das, ein Buch, mit dem man gerne befreundet wäre.

Kai Meyer, Der Schattenesser. Kein comfort food, eher eine überraschend reichhaltige Mahlzeit in einem abseits der üblichen Pfade gelegenen Restaurant; das ich auch weiterhin nicht allzu oft aufsuchen werde, fürchte ich - historical Fantasy ist schlicht nicht ganz mein Ding, auch bei Meyer fühlt sich manches, was an Realgeschichte in den Plot hinein ragt, nach halbverdauter Recherche an. Gut gefällt mir das world building hingegen, wo es kleine, eng am Figurenhandeln, insbesondere an physischen Bewegungsspielräumen entlang entworfene Modelle auf Größeres extrapoliert. Immer wieder turnen Leute seitenweise zwischen Balkengefügen und auf Dächern herum, und sonderbarerweise wird das nie langweilig. Ein immersives Action-Adventure-Game, das das routiniert-egale Melodram, in das es eingelassen ist, vergessen macht. Der Schattenesser ist eines der frühesten Meyer-Bücher, zum echten Vielschreiber scheint er erst danach avanciert zu sein. Vielleicht erstickt manches, was hier noch frisch und neugierig anmutet, schon wenig später in Routine.

Schwarzes Herz, Jasmina Kuhnke. Eine Überraschung, eine tour de force, eine Selbstzersplitterung, die gleichzeitig eine Aufwallung wie aus einem Guss ist - jedes der kurzen Kapitel setzt neu an, wie ein Atemholen, jedesmal eine frische, mit der Vorherigen nie direkt verbundene Perspektive auf allerdings stets dieselbe Misere. Wie als hätte die Erzählerin zwischendurch Fluchtversuche unternommen. Meileneit entfernt ist das jedenfalls von der juste-milieu-Slbstgerechtigkeit der Hotzheims, Safiers, Klings dieser Welt, durchaus auch von fein säuberlich ausgearbeiter, Bourdieu-geschulter from-rags-to-Kulturkritiker-Autofiktion. Gelegentlich ist es schon so, dass im ersten Satzteil eine schöne Beobachtung steht, oft mit poetischer Nonchalance einfach runtergeschrieben, und im zweiten eine blöde Hohlformel aus dem idpol-Baukasten (und auch hier wieder: kein gutes Redigat, wenn überhaupt eins). Aber dass beides so eng zusammensteht heißt eben auch, dass Kuhnke auf objektivierende Metasprache verzichtet. Kein souveräner Checkerblick aufs eigene Leben, vielmehr ein obsessiv-fiebriges Bohren in Wunden, das immer mal wieder fast ebenso obsessiv in self-help-Rhetorik umgebogen wird. Rassismus ist erst in zweiter Linie strukturell, in erster Linie ist es etwas, das die Erzählerin zwei Superarschlöchern (Schwiegervater und Ex) ausliefert, und der immer wieder gleichen, immer wieder gleich stumpfen Gewalt, die vor allem von einem der beiden ausgeht. Die Grenze zwischen Figur und Autorin: keine Spur davon im Buch zu finden, schlicht nicht von Interesse, was nicht heißt, dass es sie nicht gibt.

Tuesday, August 19, 2025

Gegenwartsliteratur, ein Sample (15)

Sebastian Hotzheim, Mindset. Ein Versuch in brand extension, der schlecht ausgedachte Figuren in einem einfallsarmen Setting platziert und nur mithilfe immer wieder eingestreuter, reichlich beliebiger "El Hotzo"-Weisheiten über, zum Beispiel, Spam-Mail und Uhren im Wandel der Zeit halbwegs ordentliche Romanlänge annimmt. Das Beste an der Geschichte ist noch, dass sie zwischen Gütersloh und Mühlheim spielt - tatsächlich tut es der deutschen Gegenwartsliteratur, scheint mir, fast immer gut, wenn sie sich von Metropolen (insbesondere Berlin und Hamburg) fern hält und sich ins Abgerockte und Abgehängte vergräbt. Mindset landet immerhin zwischendurch mal auf Drogeriefilialen-Parkplätzen und besonders ausgesucht tristen Provinzbahnhöfen, das hat schon was, selbst die schon recht bemühte ostwestfälische Schützenfestszene verrät ein gewisses Beobachtungstalent. Aber letztlich braucht Hotzheim das Provinzgrau nur als Erdung für die Bling-Bling-Fantasien seiner jungmännlichen Egoboost-Protagonisten. Genau wie er die lässig die Jungs durchschauende Hotelangestellte Yasmin Kara lediglich als Sprachrohr für seine eigene, moralisierende Checkerperspektive braucht.

David Safier, Miss Merkel - Mord in der Uckermark. Vielleicht ist mein Sample ja tatsächlich sowas wie der letzte Sommer der Literatur, vor dem ChatGPT-Takeover. Kaum vorstellbar, dass Bücher wie dieses in zehn, fünfzehn Jahren, oder halt nachdem Safier und seine Generation in Rente gehen, noch mit allzu viel menschlichem Input verfasst werden. Allzu viele Prompts braucht's hierfür jedenfalls nicht, jeder Figur besitzt eine sehr überschaubare Anzahl an Eigenschaften, die in am besten dialogförmig aufgearbeiteten Pointen verbraten werden. Immer wieder in denselben Pointen, die Variationen sind minimal, alle fünf Seiten darf ein Satz mal humoristisch über die Stränge schlagen. Stilblüten wie "Die Nähe zu dieser unausstehlichen Frau war ihr unangenehm" würden ChatGPT vermutlich eher nicht unterlaufen. Der Krimiplot beginnt sehr klassisch, locked room mystery, wird aber dadurch ausgebremst, dass wir andauernd in Miss Merkels Kopf reinschauen und mit ihr die einzelnen Verdächtigen durchgehen. So macht das zumindest mir keinen Spaß.

Marc-Uwe Kling, Qualityland. El Hotzo, Miss Merkel, Marc-Uwe Kling... damit ist offensichtlich eine dominante Tendenz in der zeitgenössischen deutschen Witzigkeit aufgerufen. Merkmale: Satirischer Tonfall, politisch auf eher pauschale Art links: kapitalismuskritisch, antirassistisch, feministisch, wenn eine Frau mit Migrationshintergrund auftaucht, weiß man sofort, dass sie eine von den Guten und womöglich gar Sprachrohr des Autors ist (ist in der Tat in allen drei Büchern so, bei Kling am penetrantesten), kritische Webkultur- und Technikaffinität (bei Miss Merkel am wenigsten), schrecklich verlaberter Stil. Kling ist der ambitionierteste, aber auch der nervigste der drei. Es stecken wirklich ziemlich viele Ideen in diesem Buch, aber halt leider: wirklich nur Ideen, keine Welt, kein Milieu, auch nicht wirklich Figuren, nur jede Menge Kling-Avatare. Stilistisch ein bisschen wie Douglas Adams, aber ohne britische Lässigkeit, dafür mit jeder Menge teutonischer Selbstgerechtigkeit. Ich muss gestehen, dass die Lektüre, so hart sie auch ist, auch ein bisschen wehmütig macht. So sehr der linksliberale Mainstream, der sich hier Bahn bricht, auch in seiner Engstirnigkeit, seinen Truismen usw nervt; was auf ihn folgen wird bzw schon ziemlich real folgt, wird garantiert viel schlimmer sein.

Jochen Distelmeyer, Otis. Metaliterarische City symphony, schwer verhoben am eigenen Anspruch, sprachlich oft so schief, dass es sich in der Tat nach einem ersten Draft liest, den vor der Veröffentlichung niemand mehr auch nur grob gegenlesen sollte. Auch das Taxifahrerkapitel zum Beispiel ist anders kaum erklärbar. Und doch... längst nicht das doofste Buch, nicht einmal die doofste Berliner City symphony des Samples. Distelmeyer Scheitern ist, scheint mir, zumindest auch ein Scheitern an der Stadt, über die er schreibt; was das Buch nicht rund (und leider auch nicht auf wirklch beglückende Weise unrund), aber um Längen interessanter macht als, sagen wir, Nagelschmidt oder Fricke, bei denen Berlin nichts ist als die Summe medial gut abgehangener Klischees. Tristan Funke als Dauerbegeisterter, der männliches Blendwerk selbst der übelsten Sorte konsequent beim Nennwert nimmt und parallel fast unbewusst durch Frauengeschichten driftet... die Frauen sehen, scheint mir, etwas an ihm, das er selbst nicht sieht, und wir halt auch nicht...

Saturday, August 16, 2025

Gegenwartsliteratur, ein Sample (14)

Eckhart Nickel, Hysteria. Viele eigensinnige, verspulte Schönheiten in einem kleinen, schrägen Buch. Ich lese mich mehr oder weniger "blind" durch das Sample, recherchiere wenn überhaupt, dann erst hinterher, dass Nickel unter "Popliteratur" geführt wird, wusste ich entweder nie oder hatte es vergessen. Das Label passt und es passt doch nicht. Toll an dem Buch finde ich vor allem, wie wenig es auf ein Autoren-Ich durchsichtig ist. Die Hauptfigur Bergheim, eher Chiffre für eine Haltung zur Welt, die alle Figuren des Buches teilen (gelegentlich ist das ein bisschen ein Problem, dieses Ineinanderfließen, inbesondere wozu es den Berheim-Sidekick Ansgar braucht, ist mir nicht ganz klar geworden), als ein Protagonist im engeren Sinne, ist nicht Herr der Distinktionen, aus denen seine Existenz sich zusammensetzt, sondern ihnen hilflos ausgeliefert. Es beginnt mit einem gar nicht mal so unliebevoll ausgearbeiteter Science-Fiction-Paranoia-Plot, der dann systematisch begraben wird unter endlos verfeinerten Befindlichkeiten, außerdem regelrecht überschwemmt wird von Rückblenden, die grundsätzlich und programmatisch zu lang und zu detailliert geraten; die zurückführen in die "Studienzeit" als eine in die Vergangenheit projizierte Utopie der völligen, idiosynkratischen Vergeistigung. Von hier aus kann es keinen Ausweg, kein Jenseits der Posen mehr geben, und so erweist sich auch die "Ökodiktatur" bald als ein eher ästhetisches denn politisches Projekt.

Schorsch Kamerun, Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens. Beim Nichtmitmachen war er immer der Erste. Weiß auch nicht. Der freihändige Stil, die offene, mosaikhaft-anektdotische Struktur, die beschworene Poetik eines undogmatisch-unperfekten Undercovergegenkunstschaffens... all das passt schon ganz gut zusammen. Und dass ihn die Romanform nicht so interessiert, schreibt Kamerun eh auch gleich selbst ins Buch rein. Aber es ist dann halt doch vor allem ein Versuch, die eigene Jugend noch einmal aufleben zu lassen, und das klappt für mich nicht, weil die Anektdoten zu unpräzise bleiben, die abgelehnte Spießerwelt zu sehr auf ihre Überwindung durch die Kunst eines besseren Lebens/das Leben einer besseren Kunst hin perspetiviert ist. Ganz selten mal Beobachtungen, die überraschen (und die nicht genauso in Rocko Schamonis Erinnerungsbuch stehen könnten und vielleicht auch stehen - schon wieder das meiste vergessen), der einsame, kategorisch abseits stehende Drogentyp im Heimatdorf zum Beispiel. Kurz und gut, mich hat's leider ziemlich genervt, das schon ziemlich Eitle daran, vor allem auch die andauernde Leutesortiererei, es ist in diesem Buch doch immer immens wichtig, wer die Guten und Angesagten und wer die Anderen sind. Sicher sind die Kriterien dafür weniger verbissen als bei Leuten wie Diederichsen (der nebenbei, wenn ich das richig entschlüssele, eine mitbekommt), aber es bleibt halt trotzdem der Geruch von mir egalen Schulhoffights in der Luft hängen.

Hera Lind, Das letzte Versprechen. Wahrscheinlich habe ich zu wenig Populär/Trivialliteratur ins Sample genommen. Das ist einer der wenigen Trivialromane reinsten Wassers und er ist ziemlich unfassbar. Ein Roman "basierend auf wahren Begebenheiten", die Tagebücher und Gedichte derjenigen, die die "wahren Begebenheiten" einst erlebte, sind in den Text montiert. Es handelt sich um eine Banater Schwäbin, die mit ihrer Familie am Ende des Zweiten Weltkriegs aus dem heutigen Serbien vertrieben wird. Die erste Hälfte ein doppeltes Martyrium: Unschuldige deutsche Mutter wird von sadistischen Russenkommies ins Gulag gesteckt, ihre strohblond-goldige Tochter (die Hauptfigur) wird von sadistischen Jugokommies ins Kinderlager gesteckt. Grausamkeit reiht sich an Grausamkeit, stets kontrastiert mit Erinnerungen an das gottesfürchtige deutsche Leben der Banatschwaben, die niemandem je ein Haar krümmen hätten können. Alle 50 Seiten ein kurzer Hinweis darauf, dass das Schicksal, das die Banater Schwaben ab 1945 erleiden, etwas mit "den Nazis" und ihren Untaten zu tun hatte, wobei "die Nazis" nicht nur mit den Banatschwaben, sondern überhaupt mit den Deutschen nichts zu tun zu haben scheinen. (Wenn irgendwo im Buch von Juden die Rede ist, habe ich's überlesen.) Sind diese kurze Hinweise alles, was das Buch von der Landser- und ähnlich revisionistischer Literatur unterscheidet? Nicht ganz, zeigt sich vor allem im zweiten Teil, der Mutter und Tochter in der Nachkriegs-BRD vereint und ein erstaunlich großformatiges Familienepos skizziert eher denn auserzählt. Fluchtpunkt ist, wird hier klar, nicht die kollektive, deutsche, sondern das individuelle, weibliche Leid, das zumindest literarisch jener psychologischen Behandlung zugeführt werden soll, die ihm zeithistorisch nicht vergönnt war. Lind, eine auf schon auch faszinierende Art schamlose Autorin, interessiert sich freilich stets vor allem für die melodramatischen Spitzen, haarscharf abgewendete medizinische Katastrofen vor allem: ein Motorradunfall des Sohnes verschlingt 100 Seiten, die sich über Jahrzehnte hinziehenden Eheprobleme der Tochter höchstens 10.

Wednesday, August 13, 2025

Gegenwartsliteratur, ein Sample (13)

Charlotte Gneuß, Gittersee. Darf Gneuß das, fragt die Literaturkritik: als westdeutsch Sozialisierte über eine ostdeutsche jugendliche Lebenswelt schreiben. Ich frage mich eher, warum sie das überhaupt will: schon im Debüt handwerklich astreine, aber schrecklich gediegene und überraschungsfreie Relevanz- und Buchpreisliteratur abliefern. Meine Frage mag nicht viel schlauer und vielleicht impertinent sein, was weiß ich schon über die Beweggründe hinter der Stoffwahl. Aber das Buch liest sich nunmal wie das literarische Äquivalent zu bravem Förderkino, zeithistorische Brisanz kanalisiert als sanft menschelndes Milieustück (DDR als Milieu, bisschen doof finde ich das in der Tat auch), das gegen Ende in eine Thrillermechanik kippt, die offenlegt, wie schematisch die Figurenkonstellation von Anfang an angelegt ist. Dass Gneuß oft tolle Sprachbilder gelingen, macht die Sache für mich, ungnädig wie ich wieder mal bin, eher noch schlimmer - die gar nicht wenigen schönen Sätze verweisen auf ein viel besseres Buch, das nicht sein darf.

Rita Falk, Hannes. Rita Falk scheint sehr zu mögen: Männer, die leiden; und Männer, die (sich gegenseitig) heilen. Frauen leiden und heilen eher am Rande mit. Männliche Mainstreamgefühle, artikuliert in der Ansprache des Hauptleidenden an den komatösen besten Freund, in der einerseits ein brüchiges Selbstverhältnis aufgehoben ist und anderseits wie nebenbei (aber natürlich geht's darum hauptsächlich) eine provinzielle Mainstreamlebenswelt zwischen Eishockey, Irish Pub, Baggersee, Rumgebaggere und aber auch Zivildienst im Pflegeheim aufgefaltet wird. Sprachlich grundsolide im ewig selben Plauderton gehalten, effektivste Geheimwaffe die immer wieder eingeflochtenen "na ja"s und "egal"s - echt sind nur die Gefüle, die Mann sich nicht eingestehen will. Gegen Ende komme ich fast auf den Geschmack, es ist dann aber doch ein bisschen zu viel fader Unsinn mit drin, Nichtpointen, die seitenlang zu Tode geritten werden, homophobes Gewitzel wie in deutschen Nullerjahrekomödien und so weiter.

Andrea Paluch, Robert Habeck, Hauke Haiens Tod. Schullektüre spukt erstaunlich/erschreckend oft durch das Sample, jetzt sogar der Schimmelreiter, der nun wirklich ewiges gelbes Reclamheft hätte bleiben sollen anstatt aufgedonnert zu werden zum Öko-Inzest-Sekten-Gegenwartskrimitohowabohu. Einige Mühe geben sich Paluch und Habeck, zugegeben, mit dem Settting (nach einem lieblosen Auftakt im Rotlicht-Hamburg): touristisch aufpoliertes Dorf in Schleswig-Holstein, von alten Eifersüchteleien, Sexgeschichten und überlieferten feudalen Sozialstrukturen angefressen - aber eben außerdem, warum auch immer, von einer evangelikalen Sekte unterwandert! Nicht viel ergibt hier Sinn und vor allem ist es wahnsinnig ungelenk erzählt. Völlig zu Recht gibt es das alles inzwischen auch als ARD-Fernsehfilm.

Sunday, August 10, 2025

Gegenwartsliteratur, ein Sample (12)

Nora Bossong, 36,9. Tragödie und Farce, parallel montiert. Die Leute auf goodreads bevorzugen die Tragödie: Antonio Gramsci und die geliebten Schwestern, der leidende Gerechte, der die Liebe als unverhoffte Gnade erfährt und sie doch nicht ganz annehmen kann. Ich bin eher für die Farce zu haben: Anton "Tonio" Stöver, Gramsci-Forscher und Hallodri, auf den Spuren einer Tatjana, die sich vielleicht mit Gramscis Tanja vermischt. Während zuhause Hedda nicht mal mehr unbedingt wartet, die Frau mit dem deutschesten aller Namen. Das ist oft umwerfend komisch, gerade wie das komplette Ausmaß der Erbärmlichkeit Antons sich erst nach und nach herausschält. Auch wie die krachenden Anton-Subjektiven die distanziertere, vielleicht etwas arg gediegene Antonio-Einfühlung zumindest ein bisschen desavouieren... Ein bisschen zu sehr ins eigene Konzept verliebt ist das Buch gelegentlich freilich schon.

Sebastian Fitzek, Amokspiel. Ich weiß nicht, was ich erwartet habe, aber sicher nicht derartig kruden Ultrastuss. Gerade auch sprachlich... Ist ein Frühwerk, vielleicht gibt sich das später, die Fitzek-Bücher können doch nicht alle derart windschief vollgeschrieben sein? Der Reiz besteht, nehme ich an, in den einerseits in halsbrecherischer Geschwindigkeit montierten, andererseits aber doch wieder schrecklich verlaberten Twists. Alle sind erst tot, dann wieder lebendig, dann wieder tot, jeder ein Verräter, jeder ein Agent, die meisten Doppelagenten, aber wer einmal als "überraschend sympathisch" beschrieben wird, dem darf man dann doch hinfort bedingungslos über den Weg trauen. Ein unüberblickbares Figurenarsenal und Plotgestrüpp, gewürzt mit ein bisschen sehr pubertärem Sex hier und lieblos reingeklatschter Comic-Gewalt da. Aus der einen guten Idee, die am Anfang steht - ein intimes "Therapie"-Gespräch wird bundesweit im Radio übertragen -, macht Fitzek ganz und gar überhaupt nichts. Am besten tatsächlich noch in der Action-Konkretion, in der ethusiastischen Evokation endloser billig-Ballerfilme-Showdowns. Es stellt sich wieder mal die Frage, warum das so selten gut geht: Pulp auf deutsch. Von Lee Child, Michael Connelly oder anderen guten Airport-Novel-Autoren ist Fitzek so weit entfernt wie der Potsdamer Platz, auf dem der Roman hauptsächlich spielt, von Times Square.

Martin Suter, Elefant. Gentechnik ist böse, aber ein rosa Minielefant, der im Dunkeln leuchtet, der ist halt trotzdem süß. Um diese letztlich nicht allzu ergiebige Paradoxie herum bastelt Suter einen mäßig erquicklichen Crowdpleaser-Roman, der sein Personal gemäß geläufiger moralischer Kategorien sortiert und in eine einigermaßen ungelenke Plotmechanik einspannt, in der alle immer gerade zur rechten Zeit einander treffen oder eben nicht. Ganz schön, wie unaufgeregt und zugewandt sich das Buch den Zürcher Randständigen nähert. Überhaupt ist die Äquidistanz, die Suter aller moralischen Kasuistik zum Trotz in sprachlicher Hinsicht zu seinen Figuren hält, in der Theorie interessant. Das hat etwas von einem kleinen helvetischen Welttheater, aufgeführt in lakonischen Aussagesätzen. Zumindest in diesem speziellen Fall ist da, auch wegen der penetrant antimodernen Bias, für mich trotzdem nicht viel zu holen.

Saturday, August 09, 2025

Gegenwartsliteratur, ein Sample (11)

Fatma Aydemir, Dschinns. Wiedererkennbarkeit und Typisierung, Wiedererkennbarkeit per Typisierung. Alle Figuren sind gleichzeitig erfahrungssatt ausgearbeitet, "aus dem Leben gegriffen" und perfekt ausgestanzte Puzzlesteine, die sich fugenlos zum schlüssigen Sozialpanorama fügen; das freilich von vorn herein gesetzt ist, durch die einzelnen Figurenerzählungen nur immer wieder neu bestätigt wird, nicht dynamisch gedacht ist oder gar entgleisen kann. Die Spannung, die es im Inneren der Figurenkonstellation nicht gibt, wird stattdessen von außen hinzu addiert, durch ein "geheimes Familienmitglied", eine Art materiellen Geist, an dem das Unbehagen aller anderen Figuren mit sich selbst fassbar wird, fast wie in einem viktorianischen Melodram. Wie das gesamte Buch kann man auch diese Volte bewundern; gleichermaßen ornamental und wuchtig geschrieben ist Dschinns allemal - nur bleibt der Horizont halt stets eine Ordnung des Repräsentationellen, die mich nicht interessiert.

Esther Kinsky, Am Fluss. Passagen entlang Londoner, rheinländischer, osteuropäischer, anderer Wasserwege, nature writing vielleicht, aber stets mit einem aufmerksamen Blick für Kontaminationen: der Natur mit Urbanität, der Urbanität mit Natur, der Subjektivität mit Äußerlichem, des Äußerlichen mit Subjektivität, der Beschreibung mit Erzählung, der Erzählung mit Beschreibung. Ein Buch über die Gegenden vor allem, in der die Stadt ihre Form verliert und dadurch anders lesbar wird, ein bisschen wie Bernhard Sallmanns Berlin JWD, aber Berlin ist natürlich nicht so sumpfig-modrig, so schlackig-träge, wie London es womöglich tatsächlich mancherorts ist. Berlin ist immer schon modern, auch da wo es schrecklich demode ist. Vielleicht gerade da. Kinsky treibt hingegen London die Modernität gründlich aus, und zielt doch nicht auf ein Heimisch- oder Heimeligwerden... sondern ganz im Gegenteil auf einen Abschied, auf ein Verblassen.

Sven Heuchert, Alte Erde. Es gibt nicht viele Pageturner in der deutschen Gegenwartsliteratur. Das hier ist einer. Und was für einer. Ein rheinischer Redneck-Western, mal alttestamentarisch wuchtig, mal unverschämt spekulativ wie gutes Grindhouse-Kino (warum nicht mal jenseits jeder erzählerischen Dringlichkeit einem random Paar beim Ficken im Waldsee zuschauen und heimleuchten) und doch immer geerdet in dichtem, perspektivlosem Provinzmief. Keine Exposition, nur schemenhafte Figuren in präzise beschriebenen Landschaften, immer wieder überraschende Sprünge in Subjektiven, die nichts erklären, schon gar nichts rechtfertigen. Subjektivität ist in dieser Welt nur ein Brandbeschleuniger, reine Kinetik. Libidinöse Übersprungshandlungen: Der Blick auf die Frau, die einem entgleitet und der Griff zur Waffe sind eins. So viele Waffen, so viele Patronen. Irgendwo geht ein Wolf um. Und das alles soll ein paar Kilometer neben Siegburg spielen? Fabelhaft. Deutscher Hard Boiled, ja, aber auch deutscher Cormac McCarthy. Natürlich schon unverschämte Männerliteratur irgendwie. Aber halt auch: sowas von mein Ding.

Friday, August 08, 2025

Gegenwartsliteratur, ein Sample (10)

Judith Schalansky, Der Hals der Giraffe. Was wahrscheinlich wirklich nur Literatur so kann: mich eintauchen lassen in eine mir fremde Welt, die gleichzeitig eine mir (nicht ganz so) fremde Gedankenwelt ist. Wie die ostdeutsche Provinz weder soziologisch auserklärt noch impressionistisch ausgeschmückt oder gar elendstouristisch ausgebeutet, sondern in einen gattungshistorischen Zusammenhang verschoben wird: wunderbar. Toll auch die immer wieder kollabierende Distanz zwischen Autorin und Figur, natürlich wird uns Inge Lohmark nicht als Identifikationsfigur anempfohlen, aber wer fiktionale Obsessionen derart liebevoll ausgestaltet, der muss sie einfach bis zu einem gewissen Grad teilen. Tolles Buch insgesamt, ein bildungsbürgerliches Schreiben, dass sich in die eigenen Abgründe stürzt, sich in ihnen verheddert; ein Verlangen nach Ordnung, das Unordnung schafft und aus dieser Unordnung dann doch auch wieder Ordnungsgewinne zu ziehen vermag. Letztlich ein System ohne Außen - vielleicht ja in der Tat immer ein Wesensmerkmal guter Literatur.

Lukas Bärfuss, Hagard. Ein Beobachter wird beobachtet, und wie kunstvoll die beiden Ordnungen der Beobachtung immer wieder neu geordnet werden, wie der sekundäre Beobachter (der Erzähler) manchmal ein Eigenleben erhält, manchmal aber auch ganz im primären Beobachter (dem Protagonist) verschwindet oder vielleicht nur zu verschwinden scheint: das trägt mich über einige manieristische bis postmoderne Fragwürdigkeiten hinweg. Zum Beispiel: Wie in einem Tykwer-Film bekommt eine Nebenfigur eine stenografische Kurzbiografie als eine Art Schattenroman hinter dem Roman aufgedrückt. Die Geschichte selbst, die Jagd des weitgehend eigenschaftslosen Mannes nach einer Frau, die nur Kontur und Lichtwesen ist, nicht über Gesicht und Geschichtlichkeit verfügen darf, ist wiederum etwas abgeschmackt. Sie weiß um ihre Abgeschmacktheit. Ob dieses Wissen sie weniger abgeschmackt macht, weiß ich nicht. Aber da ist schon viel in dem Buch, was mein Interesse wach hält.

Lucy Fricke, Das Fest. Eine womöglich in sich selbst schon irgendwie schlüssige Übung in einer Disziplin, die mir so gar nichts gibt. Ein Walk through memory lane unter den Vorzeichen einer generischen Midlife crisis im Kreuzberger Kreativen-Milieu. Kein Klischee wird ausgelassen: Wie schön war das damals, als wir die Nächte auf dem Flachdach beim letzten Bier ausklingen ließen. Dass das Ganze erzählarchitektonisch so modelliert ist, dass am Ende aus der memory lane doch wieder in Richtung Zukunft/Überwindung der crisis ausgeschert werden kann, wird allzu rasch klar. Dass die Hauptfigur ein desillusionierter deutscher Mainstreamkomödienregisseur ist, ergibt nur allzu viel Sinn; Sönke Wortmann könnte an der adretten Sozialmechanik des Fricke-Plots einigen Gefallen finden. Frederik Lau ist allerdings derzeit noch deutlich zu jung für die Hauptrolle. Nebenbeobachtung: Bisher noch kein auch nur einigermaßen interessantes Buch im Sample, das in Berlin spielt.