Tuesday, April 07, 2026

Gegenwartsliteratur, ein Sample (24)

Drei Kameradinnen, Shida Bazyar. Viel gerechte Wut, die die Erzählung und die Figuren überschäumt, dem Leser entgegen. Einem Leser, den sich das Buch doch allzu genau und statisch zurecht gelegt hat... nach der dritten Frontalattacke wider die antizipierte Rezeptionshaltung eines weiß-männlichen Mainstreamlesers reicht's für meine Begriffe dicke, es folgen aber circa 20 weitere, noch dazu ohne jede Variation. Wut, die zum rhetorischen Manöver verkommt, wie überhaupt rhetorische Manöver arg viel Raum einnehmen, auch ganz klassische, wie Foreshadowing. Schön sind manche Abhängszenen und Abhängerinnerungen, interessant ist, wie wenig greifbar die Erzählerin bleibt neben ihren beiden Kameradinnen, die sie teils wie Fühler benutzt, sie exponierter in die Erzählwelt hinausragen lässt als sich selbst. Weniger interessant: dass ich mit Saya sehr wenig, mit Hani sehr viel mehr anfangen kann. Genau da will mich das Buch ziemlich sicher haben, Den Gefallen, mich ertappt zu fühlen, tue ich Büchern allerdings selten gern; diesem, fürchte ich, schon gar nicht.

Emil, Mariam Kühsel-Hussaini. Den Reiz der Sache kann ich nachvollziehen: ein Naziroman nicht einfach ohne Moralisierung, sondern ohne Absicherung in der Struktur der Sprache. Das Irrationale nicht rahmen, kontextualisieren, verzwergen, sondern in seinen eigenen Worten exponieren. Nicht: Der böse Mann sagt, tut und so weiter, sondern: das Böse Sprache werden lassen, und zwar in all den Variationen, die es historisch gegeben haben muss, die es zweifellos auch heute noch gibt. Das tumbe Böse, das banale Böse, das smarte Böse, das delirierende Böse und so weiter. Das tumbe Böse macht sprachlich am meisten her, auch da kann ich gut mitgehen. Sätze wie Baumstümpfe in einem See von Blut. Rabiat verkürzte Selbstidentität, Denken, das sich euphorisch selbst beschneidet. Dass der Text die eigene Lust an der sprachlichen Enthemmung nicht mitdenkt, ist ihm sowieso nicht vorzuwerfen; Selbstreflexion wäre doch wieder nur eine Rahmung. Deutlich weniger gut nachvollziehen kann ich freilich, was Kühsel-Hussaini an Rudolf Diels interessiert.

22 Bahnen, Caroline Wahl. Der Titel passt: ein Buch, das sich aufs Strecke machen versteht, aufs Auswalzen der je aktuellen Befindlichkeit. Über teils gar nicht mal so wenige Seiten hinweg geht es dann, zum Beispiel, um die Hilflosigkeit der Schwester (schon rührend) oder die Alkoholikerlaunen der Mutter (schon recht eindringlich) oder die blauen Augen des feschen Russen im Schwimmbad (schon ein bisschen camp und New-Adult-affin und am Ende das Beste am Buch), in Sätzen, die alle mehr oder weniger dasselbe sagen. Das fieße daran: man ahnt es teils schon nach den ersten Worten eines wirklich verdammt langen Absatzes, dass es wieder einmal nicht so recht weiter gehen wird im Text, sondern sprachliches Wassertreten angesagt ist. Dazwischen dann zwecks Auflockerung Stakkatodialoge, die gleich eins zu eins ins Drehbuch der Verfilmung (nicht gesehen) übernommen werden können. Was soll ich sagen: kein böses Buch, gar nicht, aber Hera Lind knallt mehr.