Tuesday, March 31, 2026

Gegenwartsliteratur, ein Sample (23)

Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß, Manja Präkels. Schon wieder das Ende der DDR, zum wievielten Mal inzwischen im Sample? Diesmal ganz und gar nicht verklausuliert-metaphoristisch, stattdessen geradlinige Erinnerungsprosa, eher journal- als romanhaft, wörtliche Rede vor allem ziemlich konsequent nicht szenisch, sondern als quasijournalistischer O-Ton genutzt. Die vergilbt und abgeblättert anmutenden DDR-Passagen interessieren mich wenig, aber sie sind vielleicht eh nur dazu da, jemanden wie mich (Wessi, pampered) einzulullen, auf dass was folgt umso härter knallt: die stumpfe Brutalität der "Baseballschlägerjahre"; ein viel zu harmloses Etikett für diesen geduldeten, kaum irgendwie - außer in solcher hilflosen, in ihrer Hilflosigkeit großen Prosa - aufgearbeiteten Zivilisationsbruch; ganz egal btw, von welcher Seite des vorher geteilten Deutschlands man drauf blickt, da bricht etwas auf und weg und außerhalb Ostdeutschlands hat es niemand interessiert. Neben dem dunklen Zentrum des Buches kann nichts bestehen, nicht der realsozialistische Anfang und auch nicht das zentrifugale Ende, das einige vielleicht (überlebens-)notwendigen, aber das Buch schon ein wenig normalisierende Hoffnungsschimmer einbaut.

Alte Liebe, Elke Heidenreich & Bernd Schroeder. In sich selbst ruhende Totalödnis. Technisch betrachtet gut gemachte Mittelklasse-Soap I guess, die dialogische Form gibt der Sache einen gewissen, freilich hochgradig artifiziellen Drive und dem Romantiker in mir gefällt, dass Heidenreich und Schroeder die Harmoniepassagen besser hinbekommen als die kleinen Nicklichkeiten zwischen den alternden Liebenden zwischendrin. Aber es bleibt doch Plotklappern als Selbstzweck, quälend lang und quälend mechanisch. Literarischer Middlebrow ist, scheint mir mit Blick aufs Sample, dann am besten, wenn er entweder verkappter Highbrow (Ruth Herzberg) oder verkappter Lowbrow, im Idealfall (Wolf Haas) sogar beides zugleich ist. Wenn Middlebrow bei sich selbst bleibt, im mittleren Plauderton, dann braucht es mindestens ein bisschen Spezifik (Ulrike Nüchtern, Josefine Rieks... verglichen mit Heidenrich und Schroeder selbst: Martin Suter, Daniel Kehlmann), sonst wird's sehr schnell sehr schlimm.

Drehtür, Katja Lange-Müller. Drehtür im Transitraum Flughafen, eine Verdopplung von Kontingenz, in der dann Vertrautes aufscheint, dem man nicht trauen kann. Rafiniert gebaut ist die Rahmung, wobei die Raffinesse womöglich nur verhüllen soll, dass die veschiedenen Episoden, die sie einrahmt, letztlich doch sehr wenig miteinander zu tun haben. Um Männergespenster eines Frauenlebens geht es zumeist, aber jeder Mann spukt auf andere Weise, und in der Indienepisode spukt gar keiner beziehungsweise höchstens das Terrorpatriarchat im Hintergrund. Schön, wie verschiedene Erinnerungsmodi aufgefaltet werden: manche Gespenster, wie der gescheiterte Ostkünstler, lassen sich nicht mehr so recht, ließen sich vielleicht nie wirklich greifen, andere wie der boyfriend from hell in der ziemlich komische Tunesien-Episode erweisen sich als zäh und klebrig, frau bekommt sie sich einfach nicht vom Leib geschrieben. Dass dann mit Che Guevara auch noch ein realhistorisches Gespenst auftaucht, ist mir eventuell doch ein bisschen zu viel Kontingenz. So ganz warm werde ich bis zum Schluss nicht mit dem Buch. Vielleicht mal etwas anderes, dichteres von Lange-Müller lesen.

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