Friday, May 29, 2026

Gegenwartsliteratur, ein Sample (27)

Stefan Gärtner, Putins Weiber. Doch arg gefällig geraten, diese Midlife-Schluffi-Odyssee auf der Suche nach dem weniger verlorenen als nie wirklich realisierten erotischen Wunderland - wenn Sexualität in der modernen Welt zu einem Möglichkeitsraum wird, dann impliziert das eben auch die Möglichkeit, alle Möglichkeiten ungenutzt verstreichen zu lassen. Wobei nicht-zum-Zug-Kommen keineswegs vor männlichem Narzismus schützt. Vor dem, wie auch immer ironisch verbrämt, trieft Gärtners Buch schon ziemlich. Jedenfalls bleiben Wunscherfüllungsfantasien unter Umständen durchaus auch dann Wunscherfüllungsfantasien, wenn die Wünsche nicht in Erfüllung gehen. Hier gibt es durchweg beides: willige Frauen, zu hot und lässig um wahr zu sein und self-deprecating cock-block-cringe. Zugegeben: Ein bisschen etwas von have your cake and eat it, too haben nicht-naive Bücher (und Filme und Lieder usw) über die Liebe vermutlich immer und vermutlich macht genau das ihren Reiz aus. Grundsätzlich ist mir sowieso sympathisch, wie monothematisch, fast monomanisch es bei Gärtner ums Zwischengeschlechtliche geht und das auch noch ganz ohne Gender-Essentialismen ob in traditioneller oder kritischer Manier. Es geht tatsächlich um viel Interessanteres, um Kommunikationsparadoxien, ums Nebeneinander von Selbst- und Fremdbildern, um den unüberwindbaren Graben zwischen Innen und Außen, Theorie und Praxis gerade im Romantischen. Nur, dass das alles sich so schrecklich fad liest. Hm.

Karen Duve, Taxi. Endlich mal wieder ein Pageturner, gibt wirklich nicht viele im Sample. Ein in variantenreicher Sprache gestaltetes Zeitbild, mariniert in gut abgehangenem Menschen- und Selbsthass. Auch in Männerhass. Frauen kommen, wo sie vorkommen (sie kommen nicht viel vor jenseits der Hauptfigur) nicht viel besser weg; aber eine Taxifahrerin im Hamburg der 1980er hat eben doch ein paar Gründe mehr, Männer zu hassen. Wobei das Männliche, denke ich mir bei der Lektüre gelegentlich, manchmal auch schlicht ein Modus ist, um aus der Welt zu fallen und deshalb bei allem Terz doch anziehend für die Taxifahrerin. Ein Buch, das aus autobiografischem Material kein Lehrstück bastelt, sondern aus Erinnerungsfragmenten eine eigene, eigengesetzliche Welt kreiert. Man kann sich irgendwann selbst kaum noch vorstellen, dass da draußen etwas anderes existiert als ranzige Taxifahrer, noch ranzigere Kunden, ranzige Wohnungen, Rotlichttristesse. Die stets geschickt am Klischee vorbei entworfenen Vignetten über einzelne Fahrgäste gefallen mir nur deshalb ein bisschen weniger, weil der große erzählerische Bogen, der alles umspannt, noch toller ist: ein Leben als eine einzige Einsumpfung, Selbstabschneidung aller Perspektiven, Warten auf die eine, große Veränderung bei gleichzeitiger radikaler Vermeidung von allem, was sie herbeiführen könnte. Wird das alles am Ende doch ein Bildungsroman gewesen sein? Vielleicht, aber wenn dann nur als glückliche Fügung, die man sich nicht erarbeiten, in die man höchstens unbewusst hineinstolpern kann. Auf niemandes Spuren.

Heinrich Steinfest, Der Umfang der Hölle. Ich sehe schon, was einem gefallen kann, an diesen ziselierten Sätzen, am unbedingten Willen, den mittleren Krimirealismus hinter sich zu lassen, die Kräfte der Fiktion zu entfesseln statt zu bändigen; an einer Geschichte, die sich allen Erzählökonomien widersetzt, die Spuren mit voller Absicht ins Nichts laufen lässt; an Figuren, die nicht als statische Träger von Eigenschaften konzipiert sind, sondern als Experimentierfelder; an einer literarischen Form, die nicht zuletzt jeglichen Moralismus unterläuft, indem sie nicht nur die Handlung, sondern auch deren Bewertung und Reflexion flexibel hält. Kurzum, ein Buch, das sich erzählerisch auf der Höhe der Zeit bewegt, das bizarre Krimi-Partikel zu einem bizarren Mosaik der attraktiven Idiosynkrasien zusammensetzt... und sich leider trotzdem ziemlich anstrengend beziehungsweise angestrengt liest. All diese Vergleiche vor allem, so schief wie ein Finger, den man allerdings selbst krümmen muss, damit das Sprachbild so einigermaßen passt. Eine Weile lang und zwischendurch auch später immer wieder mal macht das Buch schon Spaß, weil es tatsächlich einmal eines ist, bei dem man am Anfang eines Satzes dessen Ende nicht einmal erahnen kann. Bis klar wird, dass der überkandidelte Tonfall, in dem die Nichtselbstverständlichkeiten aneinander gereiht werden, seinerseits in sich doch wieder ziemlich stabil bleibt.

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