Friday, August 07, 2026

Gegenwartsliteratur, ein Sample (29)

Mona Carsten, Coldworth City. Okayes Handwerk, I guess. Eine Fantasy-Abenteuergeschichte mir Herz, die in eine rudimentär ausstaffierte Endzeit-Welt hineingestellt wird. Die Schwester, die alles für ihren kleinen Bruder tut und ihre eigenen emotionalen Bedürfnisse nur ganz langsam wieder zu entdecken beginnt: Das ist der Kern der Sache, die übernatürlichen Kräfte, die die Schwester weniger besitzt, als dass sie von ihnen vor sich her getrieben wird, und auch der Guerilla-Bürgerkriegsplot, in den sie hineingerät, sind erst einmal nur Externalisierungen dieser psychologischen Grundstruktur. Sie nehmen freilich dennoch ziemlich viel Platz ein im Buch und orientieren sich in ihrer Seiten fressenden Ausformulierung an Superheldenfilmen, einschlägigen Young-Adult-Filmen und vermutlich auch an irgendwelchen Serien, die ich nicht kenne und nicht kennen will. Wer wann wo ist und was warum macht: das zu klären nimmt doch mehr Worte in Anspruch als dem Buch gut tut. Was gar nicht klappt: Comic Relief via Nebenfiguren, außer Schwester, Bruder und mit Abstrichen "bad boy" Love Interest gewinnt nichts und niemand Kontur. Andererseits ist das immerhin mal fantastische Literatur, die mit schon nicht wenig Aufwand eine eigengesetzliche Welt einrichtet, ohne sie gleich wieder in Richtung Gegenwartsallegorie kollabieren zu lassen. Insofern doch ein bisschen mehr zu holen für mich als bei Endres und Eschbach. Die Latte liegt tief.

Monika Maron, Artur Lanz. Ach herrje. Dogwhistle-Kulturkampfgeschreibe, das vor lauter verdruckstem Mitteilungsbedürfnis den Sprung in die Fiktion nicht mehr wirklich schafft. Schreiben kann sie schon immer noch, schreiben die Kritiker, und liegen damit durchaus richtig. Blöderweise macht es das in diesem Fall nur noch schlimmer. Zum einen, weil neben manchen fein gedrechselten selbstreflexiven Passagen und auch neben der einen oder anderen locker hingeklatschten lakonisch-melancholischen Tresen-Miniatur insbesondere der längliche und dann auch noch zerstückelte Artus-Exkurs im hingeschluderten Uni-Hausarbeit-Stil - geschrieben von einer Studentin, die auf das entsprechende Seminar aber sowas von keine Lust hatte - nicht bestehen kann. Zum anderen, weil es Maron zu Beginn gelingt, Interesse zu wecken mindestens an der Titelfigur und dem Blick der Erzählerin auf sie; nur um diesen zunächst sympathisch ziellos vor sich hin hadernden Artur Lanz im Anschluss in der Diskursmühle zu zermahlen. Letztlich scheitert das Buch daran, dass Maron sich ihre Figuren viel zu fein säuberlich zurecht legt, ziemlich nah ist das Buch da an seinem - gleichzeitig nervigeren und unterhaltsameren - ideologischen Antipoden Identitti.

D.C. Odesza, God of Night and Fury. "In meinen Romanen werde ich, bis auf wenige Passagen, auf Verhütungsmittel verzichten - was jedoch nicht heißen soll, dass sie im realen Leben nicht wichtig sind! Nur leider kommt es häufiger als gedacht vor, dass Leser einen fiktiven Roman mit der Realität verwechseln." New Adult ohne Gummi, "Dark Romance" heißt das Subgenre. Ich kannte das Genre von Netflix, von den "365 Tage"-Filmen. Mafiaprinzessinnen, die in Teufels Küche geraten, Mafiaprinzen mit Sixpack und Haarsträhnen, die sie sich aus dem Gesicht wischen. Und mit harten Schwänzen. Alle 20 Seiten eine Sexszene im Pornhub-Stil, allerdings stets aus weiblicher Perspektve. Im engeren Sinne konsensuell ist kaum eine. Der Thrill liegt wohl einerseits im mondän-abgründigen Hyperpatriarchat-Dekors, andererseits im Gebeuteltwerden bei gleichzeitig doch noch intaktem Liebesversprechen. Wenn der richtige Schwanz kommt, wirst Du's fühlen. Dass kaum ein gerader Satz im Buch steht, überrascht mich freilich doch. Insbesondere falsch angeschlossene Realtivsätze alle zwei Seiten. Für Lektorat ist kein Bedarf in der Branche, bald übernimmt ChatGPT.