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Wednesday, April 22, 2015

Several Friends, Charles Burnett, 1969

Was für ein wahnsinnig schöner Film, was für ein wahnsinnig schönes Debüt auch: ein Film, der sich ins Kino vortastet auf eine Weise, dass man das Tastende noch nachspüren kann, und dem doch schon alles gelingt. Vielleicht, weil es im Film um kleine Aufbrüche und mehr oder weniger Unternehmungen geht, die allesamt scheitern und trotzdem einen Wert haben - nicht "in sich selbst", sondern in dem, was statt dessen sichtbar wird: die Schönheit gesprochener Sprache in der Szene im Auto (auf der Suche nach Alkohol), später das Zusammengehörigkeitsgefühl der beiden Männer, die sich lieber an einer Waschmaschine zu schaffen machen, als den etwas souveräneren Kumpel zu den "white broads" zu begleiten.

Auch der "Seitenblick" auf die Interaktion der beiden Frauen ist schön. Einmal darin, wie er durch das plötzlich ganz anders sich anfühlende Schauspiel (ganze Sätze aufsagen) als Seitenblick markiert ist; dann auch darin, wie er ohne viel Aufhebens eine wechselseitige Neugier inszeniert, die es bei den Männerngesprächen, und auch bei den Begegnungen zwichen Männern und Frauen nicht gibt.

("Filmschulmäßig" wirkt nur die Sache mit den Schuhen. Und auch das ausschließlich im Guten.)

Schönstes Bild: Einer der Männer aus der Untersicht gefilmt, wie er vor der geöffneten Kühlerhaube seines Autos steht, unter dem er gerade noch schwitzend gelegen hatte, das jetzt aber, für einen Moment, nicht mehr ein Objekt seiner Arbeitskraft ist, sondern ein Rahmen für das Spektakel seines Körpers.

Sunday, February 10, 2008

Berlinale 2008: My Brother's Wedding, Charles Burnett, 1983

My Brother's Wedding ist der einzige Film, den Charles Burnett in den Achtziger Jahren verwirklichen konnte. Sieben lange Jahre verstrichen anschließend bis zu seinem Masterpiece To Sleep with Anger. Nur 81 Minuten Film konnte Burnett in einem ganzen Jahrzehnt realisieren. Doch diese 81 Minuten gehören zum großartigsten, was ich in diesem Jahr im Kino gesehen habe.
Wie in Burnetts Debutfilm Killer of Sheep (meinem Lieblingsfilm der letzten Berlinale) geht es um männlische afroamerikanische Subjektivität. Allerdings unternimmt der Regisseur nicht mehr den Versuch, diese quasi unvermittelt, via lyrischen, quasidokumentarischen Alltagsbeobachtungen und einer Third-Cinema-Ästhetik festzuhalten. Statt dessen wagt sich My Brother's Wedding an die Narration.
In mancher Hinsicht liegt der Film nicht nur zeitlich genau zwischen Killer of Sheep und To Sleep With Anger: Die poetische Introspektion weicht langsam der Gesellschaftsanalyse, im Zentrum steht aber weiterhin der Protagonist der ersteren. In einem ansonsten oft rührend unbeholfen wirkenden, dabei jedoch perfekt in Szene gesetzten Cast ist Everett Silas als Pierce eine kleine Offenbarung. Wie Henry G. Sanders in Killer of Sheep (und wie John Anderson in Haile Gerimas Ashes and Embers) reagiert Silas auf das soziopolitische Spannungsfeld, welches ihn umgibt, tendenziell resigiert und destruktiv. Die Arbeit im Reinigungsbetrieb der Eltern ist für ihn nützlich als Proletarierinszenierung, Zeit für kleine Flirts mit der (deutlich zu) jungen Nachbarstochter bleibt immer.
Verhandelt wird der Klassengegensatz innerhalb der schwarzen Bevölkerung der USA, der mit den Nachwirkungen der Politisierung der Sechziger und Siebziger Jahre ebenso kollidiert, wie mit traditionelleren, von Religiosität bestimmten, Lebensweisen.
Sichtbar wird jedoch noch viel mehr: Immer wieder bricht der Film auseinander, kleine Erzählungen treten herein und werden wieder fallengelassen. Pierces kleinkrimineller Kumpel spielt ein bisschen Blaxploitation und verrennt sich dabei in Windeseile, Pierces mutter verjagt unentschlossene Gangster aus der Reinigung, Pierces Oma schimpft über den teuflischen Fernsehapparat: In 81 Minuten erschafft Burnett erschafft Burnett mit einfachen, effektiven Mitteln einen ungemein umfassenden Blick auf die Gesellschaft, gegen den sich Hollywoods Sozialbehauptungen a la The Ice Storm erbärmlich ausmachen.
Weiterhin: Die Musik ist großartig. Das Schlussbild auch.

Saturday, February 17, 2007

Berlinale 2007: Killer of Sheep, Charles Burnett, 1977

Zwei Gruppen von Kindern bewerfen sich gegenseitig mit Schmutz und Steinen, während sie sich jeweils mittels eines Holzbretts gegen die Geschosse der jeweils anderen wehren. In den staubigen Straßen von South Central, zwischen verfallenen Häusern ergreifen die Kinder Besitz von all dem, was vom urbanen Raum noch übrig geblieben ist. Natürlich ist das Spiel gefährlich und schon bald fließen die ersten Tränen und das erste Blut.
Immer wieder verlässt Charles Burnetts Killer of Sheep seine erwachsenen Protagonisten und taucht in die Welt der Kinder ein. Die Bewegung zwischen diesen beiden Ebenen ist eine Gleitende, wenn etwa während eines Gesprächs über die Reparatur eines Motors die Tochter des Hauses den Tisch der verhandelnden Erwachsenen verlässt und draussen vor der Tür einer Freundin, die im Auto wartet, Gesellschaft leistet, oder wenn in einer wunderschönen Szene dieselbe Freundin vor dem Plattenspieler sitzt und die Klänge einer Soulplatte mit ihrer dünnen Stimme sowie ihren klatschenden Händen begleitet und die Kamera zu diesen zauberhaften Klängen zu ihrer Mutter wechselt, die im Haushalt beschäftigt ist.
In den zahlreichen Kindeszenen ist der Film ganz bei sich selbst, hier gelingen Burnett die genauesten Beobachtungen – kleine Jungen, die von einer Mädchengang verjagt werden; dieselben Jungen, die später vorbeilaufende Schülerinnen beschimpfen usw. Doch auch der Rest diese vergessenen Meisterwerks – Killer of Sheep konnte aufgrund der Soundtrackrechte zwanzig Jahre lang nicht aufgeführt werden – ist, trotz des episodischen Erzählstils, von ungemeiner Präzision. Situiert man das Werk historisch in einer Filmlandschaft, die für schwarze Befindlichkeit nur im – 1977 bereits im Verfall begriffenen – Blaxploitationsegment einen in vieler Hinsicht fragwürdigen Platz besaß, treten die Qualitäten des Films nur noch deutlicher zutage. Burnett porträtiert die untere Mittelschicht, hart arbeitende Familienväter, frustrierte Mütter und ihre Kinder inmitten eines noch relativ intakten sozialen Gefüges, das jedoch an allen Ecken und Enden auszufransen beginnt. Dem Gangster-P-Funk Chique der Genrefilme setzt Burnett einen lyrischen Realismus entgegen, der von einem elegischen Machismo durchzogen wird, jedoch nie im poetischen Klischee erstarrt.
Auch die Schlachthausszenen gerinnen nie zur Allegorie, wie sich überhaupt die politische Ebene des Films nur schwer isolieren lässt und sich nur ganz nebenbei, in den Differenzen zwischen Bild und Tonspur oder in dem begehrenden Blick einer (weissen) Ladenbesitzer auf den Protagonisten situiert.