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Wednesday, June 08, 2011

A Female Boss, Han Hyeong-mo, 1959

Eine elegante koreanische romantische Komödie aus den späten Fünfzigern; der Bürgerkrieg ist vorbei, bald wird die Wirtschaft boomen, schon jetzt ist einiges durcheinander geraten. In den letzten paar Minuten des Films wird die Hackordnung der Geschlechter wieder zurecht gerückt, in den gut eineinhalb Stunden davor aber gibt es ausgiebig zu bestaunen: selbstbewusste Frauen in Chefsesseln, duckmäuserische Männer, die in Vorstellungsgesprächen zu Objekten eines erotisierenden Blicks werden, die sich für die eigenen Essgewohnheiten entschuldigen müssen und fast bis zum Fußboden verbeugen, die sich mit misslungenen Golfschlägen lächerlich machen. Weite Teile des Films spielen in den Büroräumen der Zeitschrift "Modern Women". Über dem Schreibtisch der Chefin hängt ein Plakat: "Frauen sind den Männern überlegen". Am Ende wird es ausgetauscht: "Männer sind den Frauen überlegen". Wenn Ideologie immer so geradlinig operieren würde, würde so manches Problem gar nicht erst entstehen. Andererseits: Wenn am Ende wieder der Mann im Büro sitzt, dann liegt zuhause neben dem Sofa der Frau immer noch kein Menschen-, sondern weiterhin lediglich das Hundebaby, das den ganzen Film über als ein sonderbares, zwiespältiges Zeichen der prinzipiellen, aber nicht mehr konventionellen, von Anfang an vorauszusetzenden Zähmbarkeit und Mütterlichkeit der Hauptfigur fungiert. Gleich am Anfang versetzt ihr love interest dem Tier einen kräftigen, durch keinerlei special effects entschärften Tritt.


Vorerst ist die Frau Chefredakteurin und genießt ihre Macht über die Männer, die mehrere Meter leeren Raums durchschreiten müssen, um zu ihr zu gelangen.

Einmal legt sie sogar eine Bananenschale aus:

Im Vorzimmer setzt sich der Geschlechterkrieg fort, auch dort haben die Frauen lange die Überhand. Han Hyeong-mo (der in diesem Blog schon zweimal aufgetaucht ist) dreht dynamische eher denn organisch-runde Filme; A Female Boss desintegriert in der zweiten Hälfte ein wenig, einmal unternimmt die Belegschaft einen Ausflug zu einem Basketballspiel, das der Film ganze zehn Minuten lang beobachtet. Historisch ist das vielleicht lesbar als ein neugieriger Blick auf die Attraktionen der westlichen Moderne, die in die Gesellschaft eindringt, ähnliches gilt sicherlich für die Nachtclubszenen, die mir bereits in Madame Freedom begegnet waren und die hier mindestens genauso großartig sind.

Thursday, July 15, 2010

The Hand of Fate / Eunmyeongui son, Han Hyeong-mo, 1954

Den ersten Filmkuss Koreas gibt es in The Hand of Fate zu sehen, wie man hier nachlesen kann. Das ist eine sonderbare Sache schon deshalb, weil Han Heong-mos Film erst einmal alles andere als eine fröhlich-lebensbejaende Angelegenheit ist. Sondern vielmehr ein äußerst abstrakt gehaltener Agentenfilm. Die geopolitische Situation kurz nach dem Koreakrieg lastet schwer auf jedem einzelnen Bild und stellt selbst die Grundlagen filmischer Repräsentation in Frage.
Wie Deaf Sam-ryong beginnt auch The Hand of Fate mit der Großaufnahme einer Hand. In diesem Fall ist es nur eine einzige, sie hält eine Pfeife, später sieht man einen auffälligen Ring an einem ihrer Finger. Die Hand bleibt während der gesamten Titelsequenz im Bild, schließlich klopft sie an eine Tür. Was es mit dieser Hand auf sich hat, erfährt man im Lauf des Films erst langsam, das zur Hand gehörige Gesicht offenbart sich gar erst in der letzten Szene des Films.
Erstaunlich unkommunikativ ist der Film lange Zeit, selbst sein Genre offenbart er nur vorsichtig. Zunächst sind da lediglich ein Mann und eine Frau, er Tagelöhner, sie etwas wohlhabender, die Quellen ihres Wohlstands allerdings sind von Anfang an zwielichtige. Die schon im Entstehen erkaltende Liebesgeschichte der beiden könnte fast aus einem Antonionifilm zehn Jahre später stammen. Recht wenige koreanische Filme der Fünfziger sind erhalten, noch einmal weitaus weniger auf DVD verfügbar. Ob der erstaunliche Modernismus, der den Film - und durchaus auch einzelne szenische Auflösungen - durchzieht, typisch für die damalige Produktion war, ist so schwer zu erraten. Regisseur Han selbst hat zumindest zwei Jahre später mit Madame Freedom einen deutlich slickeren Film vorgelegt, dessen spezifische Modernität viel deutlicher beschrieben werden kann, nämlich als die der amerikanischen Konsumgesellschaft der Nachkriegsjahre.
Dass die Spannung, die in den düsteren, teilweise fast apokalyptischen Bildern enthalten ist, sich in der zweiten Hälfte in eine politische transformiert (und sich freilich gleichzeitig des sozialen Gegensatzes zwischen den beiden Protagonisten entledigt), damit kann man am Anfang nicht rechnen. Bis zu einem gewissen Grad scheint sie den Bildern äußerlich zu bleiben, "Nord" und "Süd" haften als bloße Label an den Figuren und man kommt nicht umhin, dem Film die Sehnsucht nach einer angemesseneren Etikettierung zu unterstellen.
Und abstrakt bleibt der Film auch in der zweiten Hälfte, wenn er vor plötzlich auftauchender romantisch-reduzierten Bergkulisse nüchterne Verfolgungsjagden inszeniert. Die reale Gechichte bleibt dem Film tendenziell immer die entkörperlichte Hand mit Pfeife, die aus dem Nichts kommt, an die Tür klopft und verhindert, dass aus dem ersten koreanischen Filmkuss gebührend Kapital geschlagen wird.

Sunday, September 23, 2007

Madame Freedom / Jayu buin, Han Hyeong-mo, 1956

Ein wunderschöner Film aus der klassischen Phase des koreanischen Kinos ist Han Hyeong-mos Melodrama Madame Freedom. Deutlich näher erscheint mir das Werk am Hollywoodkino derselben Periode als der Großteil des klassischen japanischen Films. Der Plot wird äußerst stringent erzählt - lediglich ein manchmal etwas ziellos im Gangstergenre wildernder Subplot mag nicht so recht ins Bild passen - und basiert auf solide auspsychologisierten Figuren. Einzig die szenische Auflösung tendiert eher in Richtung Japan (was nicht wundern darf, schließlich diente Korea bis zum Ende des zweiten Weltkrieges nicht nur als Absatzmarkt, sondern auch als ausgelagerte Produktionsstätte der japanischen Filmindustrie und es ist anzunehmen, dass die allermeisten in den 50er Jahren in Korea filmisch Tätigen ihr Handwerk bei Nikkatsu und Co gelernt haben).
Die Kamera ist sehr mobil und präzise. Von einer Bücherwand schwenkt sie in einer Szene zu Beginn des Films zu dessen Charakterisierungauf den Professor, komplementär findet sich am Ende dann ein Schwenk von seiner Frau, die mit ihrem Liebhaber tanzt aufs Bett. Han Hyeong-mo inszeniert subtil, effektiv und gleichzeitig immer wieder äußerst poetisch, und auch wenn am Ende Schattenwürfe wie Musik dramatischer werden, fällt der Film nie aus der Rolle und bleibt immer einem gewissen Realismusgedanken verhaftet, der freilich nie expliziert und eben deshalb auch nie aufdringlich wird.
Kernstück des Films ist eine großartige Nachtclubszene, die von einer schönen Kamerafahrt einmal durch den gesamten Raum und zurück eingeführt wird. Noch mehr als sonst zelebriert der Film hier flüssige Kamerabewegungen, die zwar nicht die Komplexität eines Ophüls aufweisen, aber ebenfalls dem sozialen Raum eine im Kino ungewöhnliche Vielschichtigkeit verleihen.
Bereits das erste Musikstück im Nachtclub ist eine wunderbare, leicht durchgeknallte Jazznummer, die alleine den Kauf des Soundracks lohnen würde, wenn ein solcher denn irgendwann einmal möglich sein sollte (bis dahin freilich ist es angesichts des Aufarbeitungsstandes der koreanischen Filmgeschichte noch ein weiter Weg...). Und dann folgt eine noch viel großartigere Mamboszene, die alleine den Kauf der DVD lohnen würde. ... und zu meiner großen Überaschung ist der Film tatsächlich, sogar mit englischen Untertiteln, auf DVD erschienen und hier käuflich zu erwerben.