Wednesday, November 29, 2023

Kaufe Zahngold (auch mit Zähnen)


Dominik Grafs Mein Falke (Buch: Beate Langmaack) ist ein schöner Film, der weiß, dass wir alle nur mit ein wenig Zivilisation angereicherte Biomasse sind; und dass das letztlich gar nicht so schlimm ist. Ich hoffe, dass seine aktuelle, mit Hanne begonnene und bereits letztes Jahr mit Gesicht der Erinnerung fortgeführte (Fernseh-)Werkphase der kleinformatigen, weiblich zentrierten, dramaturgisch wenig zugespitzten Gegenwartsdurchmessungen noch eine Weile weiterläuft.

Tuesday, October 31, 2023

Ein Buch: Schloss Gripsholm von Kurt Tucholsky

Ein Buch fürs an einem Tag durchlesen, ein Buch nach menschlichem Maß, ein Buch, das zu meiner Hand passt, wenn ich es halte. Gekauft habe ich es in Bamberg, in einer gut sortierten Buchhandlung, die Titelgrafik passt weder zu Stil noch zu Handlung, aber das alles dominierende Rot des Sonnenschirms gefällt mir. Schön auch, wie unneurotisch eine Erzählung sein kann, die 1931 in Deutschland verfasst ist und hier und da unter "Erotica" geführt wird. Was aber hatte Tucholsky gegen Wiener?



Friday, October 27, 2023

Füsun Onur

schöne ausstellung im museum ludwig, läuft noch eine weile. kunst, die einen einlädt, zeit mit ihr zu verbringen und erst einmal gar nicht mal so viel mehr will. die abstrakteren arbeiten, die eher den raum, in dem sie sich befinden, kennzeichnen, als auf etwas außer sich zu verweisen, machen einem das mit-ihnen-sein am leichtesten, aber auch die konkreteren, referentiellen öffnen sich nach und nach, ohne dass sich deshalb eine ehrfurchtsgebietende aura reinstallieren würde. die holzleisten, die im ludwig die einzelnen arbeiten umgrenzen, werden zur schwelle, die man überschreiten kann oder auch nicht.

Sunday, September 10, 2023

Ein Buch: Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze von Wilhelm Genazino

Genazinos letzter Roman. Nicht um einen Abschluss bemüht; warum sollte er auch. Vielleicht nicht mehr gar so sorgfältig redigiert, denke ich bisweilen, aber das ist vermutlich bösartig, ich finde mich da immer noch mehr wieder als überall sonst. Die Covergestaltung der dtv-Taschenbuchausgabe ist nicht ideal, weil sie einen groß-, statt kleinbürgerlichen Modus der melancholischen Einsamkeit aufruft.



Wednesday, July 26, 2023

Geruch der Gesellschaft

 

Niklas Luhmann, Das Recht der Gesellschaft, Fußnote 71. Plötzlich weht, ich traue meinen Augen kaum, nicht nur ein Geruch, sondern gar die Erinnerung an einen Geruch durch die ansonsten gemäß der Begrifflichkeiten von sich wechselseitig beobachtenden gesellschaftlichen Subsystemen konstruierten Hallen der Systemfunktionalität. Das ist eine Rekonstruktion wert: Das biologische System Niklas Luhmann wird, vermutlich irgendwann zwischen 1949 und 1953 während der Referendarausbildung in Lüneburg, von Duftmolekülen irritiert und gibt diese Irritation, intern verarbeitet, an das psychische System Niklas Luhmann weiter. Hier löst die Irritation kognitive Prozesse höherer Ordnung aus und verknüpft sich mit weiteren Sinneseindrücken: die gefetteten Stiefel der Grundbesitzer und gar die ländliche Umgebung verbinden sich mit der Geruchsimpression zu einer komplexen semantischen Struktur, die die Erinnerungsfunktion des psychischen Systems Niklas Luhmann im Anschluss zu vergessen vergisst. Und die noch viele Jahre später dazu in der Lage ist, die Kommunikation des Wissenschaftssystem zu irritieren. Heute wiederum, da das psychiche wie das biologische System Niklas Luhmann erloschen sind, schlägt sich diese Kaskade lediglich in der Tatsache nieder, dass ein soziologischer Klassiker momenthaft die Systemreferenz wechselt.

Wednesday, May 31, 2023

Ente unter Flamingos

Was schwimmst Du unter den Flamingos, Ente? Die großen rosa Vögel wollen nicht Dein Gutes. Mit ihren langen Hälsen und mächtigen Schnäbeln attackieren sie Dich wieder und wieder und Du kannst Dich nicht wehren. Hilflos streckst Du einmal Deinen eigenen Hals in ihre Richtung, wie um sie nachzuahmen, aber Du erreichst kaum die Hälfte ihrer langen, dünnen Beine. Du pickst nach oben, sie picken nach unten. Sie haben die Übersicht, Du schwimmst hilflos gegen ihre Beine. Dein Schnabel ist friedlich und genügsam, ihrer aggressiv und neugierig. An all dem wirst Du nichts ändern können.

 

Ist es wirklich die Nahrungssuche, die Dich hierher treibst, einsame Ente? Nicht weit entfernt schwimmen Deine Artsgenossen in einem weitaus größeren Teich, einem Teich ohne Flamingos. Aber es gibt auch Wiesen, gleich nebenan, die Du für Dich alleine hättest. Dich aber hat es zu den rosa Vögeln verschlagen. Warum nur? Was schwimmst Du unter den Flamingos, Ente?

 

 

(Der Schnabel der Ente: In seiner "natürlichen" und ja auch ikonischen Stellung ist er nicht exponiert, zur Welt hin orientiert, sondern ruht auf der Entenbrust. Er ist kein Werkzeug, sondern Teil einer Gesamtheit.)

Sunday, April 30, 2023

Eines der schönsten

Dass Autos, was auch immer sonst man von ihnen halten mag, stets auch ein Versprechen von Freiheit und Selbstbestimmung anhaftet, das möchte in meinem Umfeld kaum jemand sehen; und tatsächlich ist es angesichts der funktionalen Hektik moderner Verkehrsrealitäten leicht zu übersehen. Wiederfinden kann man das Versprechen zum Beispiel auf den Decks der Frachtschiffe, die den Rhein befahren, herauf und herunter, tagaus tagein. Dort, auf den Decks der langgestreckten, tiefliegenden Schiffen, steht nicht selten ein Auto, isoliert und seelenruhig. Es ist, nehme ich an, das Auto des Kapitäns, wo auch immer er anlegt, fährt er mit ihm an Land. Das Auto ist hier, fernab der Straße und der "Blechlawinen", immer noch, was es einst war und nie ganz zu sein aufhören wird: ein Zeichen der Autonomie seines Besitzers.

Unter den Fantasieleben, die ich (wie wohl jeder) neben dem echten führe, ist das eines Rheinfrachtschiffkapitäns eines der schönsten.

Friday, March 24, 2023

Bahnhofsbuchhandlung


Mehrere Wochen lang er da und ich habe ihm ein- bis zweimal die Woche einen Besuch abgestattet: einem einsamen Gegenstandpunkt in der Würzburger Bahnhofsbuchhandlung. Nicht, dass ich je in die Versuchung kommen würde, das Heft zu kaufen, aber der Gedanke hat doch etwas Tröstliches: er hält durch, der Gegenstandpunkt. Zwischen zwei Merkurs und vier Tumulten liegt eine Zeitschrift, deren Titel auch an jedem einzelnen anderen Ort der Bahnhofsbuchhandlung seine Rechtfertigung hätte. Vermutlich sogar an jedem einzelnen Ort am Würzburger Hauptbahnhof. Einen Gegenstandpunkt braucht es immer und überall, auch zwischen Brat- und Currywurst.

Das "Politik und Gesellschaft"-Regal der Bahnhofsbuchhandlung befand sich bis letzte Woche hinter einer Säule, einer die Bahnhofshalle tragenden vermutlich, denn eine schmückende kann es nicht sein. Um sie herum hatten die Ladeninhaber Regale trapiert, in denen Handschuhe, Schals und Ähnliches zum Kauf angeboten wurden. Halb verborgen und von den wenigen Interessenten, denen die Säule dann auch noch den direkten Zugriff verwehrte, in Unordnung gebracht, erschien mir die Auslage wie der Katzentisch des Ladens, als tragikomische Rahmung des gesteigerten Mitteilungsbedürnisses der hier ausgelegten Zeitschriften. Die ja nicht über die neue Produktreihe der Firma Audi oder Erdbeerkuchenrezepte Auskunft zu erteilen meinen, sondern zum Beispiel über den Krieg in der Ukraine. Einmal lag, das brachte mich fast zum lachen, die Sitzmatte "Krabbelkäfer" über der unteren Reihe der Auslage. Direkt vor, natürlich, dem Gegenstandpunkt.

Dieser Woche wurde die gesamte Auslage umgeräumt, "Politik und Gesellschaft" hat nun einen weithin sichtbaren Spitzenplatz, direkt neben den Getränken.

Sunday, March 05, 2023

2x10

I am not all that much invested in listmaking these days, but since this one special mega list only comes around once a decade ... here's my contribution to the 2022 Sight & Sound poll:

1. Johnny Flash (Werner Nekes, 1987)

2. Strange Days (Kathryn Bigelow, 1995)

3. Sylvie (Klaus Lemke, 1973)

4. The Smiling Lieutenant (Ernst Lubitsch, 1931)

5. A Moment of Romance (Benny Chan, 1990)

6. Danger: Diabolik (Mario Bava, 1968)

7. She Was Like a Wild Chrysanthemum (Keisuke Kinoshita, 1955)

8. History is Made at Night (Frank Borzage, 1937)

9. Vanessa (Hubert Frank, 1977)

10. Lac aux dames (Marc Allégret, 1934)

I was not part of the 2012 poll. The one time I compiled a similar list was a bit earlier, in 2011, for the by now defunct German film magazine Splatting image. This was my selection back then:

1. An Inn in Tokyo (Yasujiro Ozu, 1935)

2. Cheyenne Autumn (John Ford, 1964)

3. Europa ‘51 (Roberto Rossellini, 1952)

4. A Time to Live and a Time to Die (Hou Hsiao Hsien, 1985)

5. Death in the Land of the Encantos (Lav Diaz, 2007)

6. Obsession (Brian de Palma, 1976)

7. Orapronobis - Fight for us (Lino Brocka, 1989)

8. Kiss Me Deadly (Robert Aldrich, 1955)

9. Utopia (Sohrab Shahid Saless, 1983)

10. I Walked with a Zombie (Jacques Tourneur, 1943)

There obviously is zero overlap, not even in terms of directors (the only one of the older list I seriously considered for the new one was Lav Diaz, with Evolution of a Filipino Family this time). One might even ask if these lists were compiled by the same person. And yet, I still adore all 10 films I chose in 2011. (The only one I'm not 100% sure about anymore is EUROPA '51 - I clearly would go with a different Rossellini today; with a different de Palma too, to be sure).

So what happened? It certainly is true that to me "dark, devastating masterpieces" lost a bit of their appeal somewhere along the way, while what I might tentatively call the erotics of cinema and also the surfaces of pop filmmaking gained in importance. That's just what happened, I do not have any more thoughts about it right now. Also I'm afraid my taste for the ornamental often gets the better of me these days, because the 2022 selection had a lot to do with choosing ten film titles (rather than just ten films) that sound well together.

In fact, now that I read it again: a beautiful feature of my list is that the combination of almost any two titles promises an even better picture than the ones already on the list: "Johnny Flash - History Is Made at Night", "Danger: Diabolik. Lac aux dames" or "The Smiling Lieutenant in: A Moment of Romance" - who would not want to watch films like these?

Tuesday, February 14, 2023

Blessing and curse

Mapping of a Medium in Decline


Types of Cinephilia


11 Post-Cinephile Cinephilia


Auteurist obscurantist. Decentered version of Cinephage Cinephilia: In theory interested in everything, in practice mostly focussing on more recent popular cinema, especially disreputable forms. Not quite as adventurous when it comes to older and less approachable forms. Only type except Cinephage Cinephilia to consider pornography and non-Hollywood mainstream comedy, only type to celebrate those. Asymmetrical investment as a feature rather than a bug, film history no longer something in need of proper "representation", but rather a playground meant to be built and rebuilt at will. Invested in polemics of the "our cinema vs their cinema" type, but in principle everything can be salvaged.


Tends to build its own institutions, level of organisation usually low, though. At times approaching self-sufficiency, probably not as stable as Movie Nerd Cinephilia, though. Does make inroads into bigger institutions here and there.


Mostly enthusiasts, some spillover into journalism, less so into academia. Anti-woke sentiment present to limited degree, political alignment generally not a major factor though empirically mostly to the left.


Only true heir of MacMahonism. Also rooted in smaller, for example punkish strands of off cinephilia.


Writing tends to be free-form, sporadic and small scale, though huge singular efforts also are part of it. Most of it never leaves social media. Stylistic idiosyncracies as blessing and curse. Best when using freedom to draw from multiple, at times conflicting sources, worst when taken over by inner troll. Sometimes in dire need of copy editing. Only type to seriously challenge reality principle.


End of typology.