Friday, February 17, 2006

Zweimal Iran

Zemestan, Rafi Pitts, 2005

Zemestan besteht aus zwei Arten von Bildern. Einmal gibt es da die, die dem Film das Prädikat "Neorealismus" eingebracht haben, was auch immer das - im allgemeinen und hier im speziellen - bedeuten mag. Es sind dies halbwegs naturalistische, freilich immer extrem komponierte Stadtansichten oder Bilder von /in Fabriken, immer begleitet von einem schrecklich aufdringlichen Klangteppich, der die einzelnen Einstellungen verbindet und ihnen entgültig jede dokumentarische Qualität raubt.
Die andere Bildsorte schreit schon von weitem Poesie. Oft befindet sich hier ein einzelner Mensch genau in der Mitte des Bildes, hat den Kopf gesenkt, während der Hintergrund sich dank Weichzeichnereinsatz aus dem Staub machen darf.
Zwischen diesen beiden, gleichermaßen widerlichen visuellen Ebenen blitzt manchmal eine dritte auf, eine, in der die Poesie spröde genug bleibt, um nicht von falscher Emotionalität erschlagen zu werden und die Darstellung der sozialen Realität des Iran mehr ist als nur Behauptung. Genau die Ebene also, die das iranische Kino vor allem in den 80er Jahren zu einem der fruchtbarsten überhaupt machte. Diese kurzen Ahnungen eines um so viel besseren Films tragen um so mehr dazu bei, Zemestan, dieses widerlich ästhetizistische Rührstück, zu dem unerträglichen Film zu machen, der er ist.
Überhaupt scheint das iranische Kino genau in dem Moment, in dem es von der Berlinale - natürlich viel zu spät - entdeckt wird, dazu überzugehen, typische Festivalfilme zu produzieren, die sich irgendwo im Niemandsland zwischen Sozialrealismus und Allerweltspoesie zu verlieren drohen. Auch der langweilige Forumsbeitrag Another Morning führt in eine ähnliche Richtung. Und selbst der eigentlich recht überzeugende Gradually... zeigt einige Besorgnis erregende Symptome.

Men at Work, Mani Haghighi, 2005

Umso schöner, dass immerhin ein iranischer Film neue Wege beschreitet und gleich beide Pole, zwischen denen sich das persische Kino seit langem bewegt, weiträumig umfährt. Men at Work ist digital produziert und bereits die alles andere als perfekte Technik des Films verhindern den Aufbruch in Richtung Poesie. Haghighi erzählt in extrem reduziertem Setting eine sehr effektive Geschichte. Eine Gruppe von Freunden will auf dem Weg in den Urlaub einen Felsen zu Fall bringen, der provokant erektiv in der Gegend herum steht. Die Freudschen Bezüge des Werkes sind unübersehbar, in ihrer Offensichtlichkeit aber durchaus interessant und auf überzeugende Weise mit den persönlichen Problemen der Männer verbunden. Men at Work zeichnet das Bild einer iranischen Mittelschicht, deren Probleme - Frauen, Autos und natürlich Potenz - sich nicht allzu sehr von denen der Pendants in anderen Ländern unterscheidet. Zwar gelingt es dem Regisseur nicht, seine Geschichte über die volle Laufzeit in Schwung zu halten und gegen Ende ist er gezwungen, eine allzu gewöhnliche Auflösung der Geschichte zu finden, doch insgesamt ist sein Werk sicherlich eines der gelungeneren - und vor allem überaschenderen - der diesjährigen Berlinale.

Thursday, February 16, 2006

Zweimal Afrika

L'Apell des Arenes, Cheikh Ndiaye, 2005

Deutlich an westlichen Boxer- / Gangsterepen angelehntes Drama im Ringermilieu. Insgesamt folgt der Plot etwas zu genau den vorgegebenen Schablonen, fügt nichts hinzu, nimmt nichts weg. Interessant ist der Film vor vor allem wegen seiner Körperbilder. Die Zelebrierung männlicher Kraft und Sinnlichkeit wird von Anfang an in den Mittelpunkt gestellt und nimmt manchmal recht extravagante Formen an. Die Körperlichkeit ist sich (soweit es die Männer betrifft) selbst genug, entlädt ihre Kräfte in der Spiritualität und dem Wettkampf, selten nur in der Sexualität. Denn Frauenkörper haben eine ganz andere Funktion, ihnen ist der Zugang zur spirituellen Ebene versagt, sie haben bestenfalls ornamentale Funktionen oder funktionalisieren sich selbst zu Sexobjekten. In gewisser Weise scheinen sie in der symbolischen Ordnung gefangen, die die Männer nicht einmal zu betreten versuchen.
Sexistisch ist der Film sicher, wenn man europäisch/amerikanisch geprägte Begriffe auf den Film anwenden möchte (und die an Europa und Amerika geschulte Filmform legt nahe, dass ein solcher Bezug nicht ganz abwegig ist), doch der Körperdiskurs führt L'Apell immerhin stellenweise über die Genregrenzen hinaus.

Conversations on a Sunday Afternoon, Khalo Matabane, 2005

Politische Dokumentationen gibt es auf der Berlinale mehr als genug, Kosslicks Politisierungsversuch darf quantitativ als gelungen gelten. Wenig jedoch findet sich, was seine Vorführung vor dem (nunmal politisch meist wenig aktiven) Berlinalepublikum wirklich rechtfertigt. Conversations... ist eine von wenigen Ausnahmen. Dieser dekonstruierte Interviewfilm mit Flüchtlingen aus Südafrika gewinnt genau aus den Momenten, in welchen seine Konstruktion (und deren Schwächen) sichtbar wird, wenn Gespräche scheitern, oder sich in die falsche Richtung entwickeln, wenn die Kamera Bilder nur aufgrund ihrer Optik einfängt und Matabane gar nicht daran denkt, sie hinterher zu rechtfertigen. Die meisten politischen Dokumentationen auf der Berlinale zeichnen ihr Bild vor sicherem Hintergrund, zwar manchmal aus mehreren Perspektiven, doch immer mit klaren Hierarchien. Mögen alle diese Filme (selbst der blöde Wal Mart...) in ihrem speziellen Fall alle Berechtigung der Welt besitzen und möglicherweise nicht einmal ganz umsonst gedreht worden sein, auf der Berlinale haben sie meiner Meinung nach nichts verloren, aber auch gar nichts. Conversations... dagegen gelingt es, die eigene Rolle als Dokument und als photografisches Bild zu hinterfragen und ähnliches sollte das Festivalpublikum vielleicht in Bezug auf so manch andere Dokumentation auch einmal versuchen.

Wednesday, February 15, 2006

Zweimal Amerika

One Way Boogie Woogie / 27 Years Later, James Benning, 2005

James Benning, dessen Filme 10 Skies und 13 Lakes bereits heute, ein Jahr danach, Berlinale-Legenden sind, bringt dieses Mal (etwas) leichter verdauliche Kost mit, er selbst verglich den Film im Gespräch mit Mtv. One Way Boogie Woogie aus den späten Siebzigern bietet eine Reihe von Momentaufnahmen aus ich glaube Baltimore, jeweils ungefähr eine Minute lang und jede mit einer Pointe versehen. Diese erschließt sich nicht immer im Bild selbst, manchmal erst im Verhältnis zweier Bilder oder in der Differenz zwischen Bild und Ton. Der Humor, der sich entfaltet, erinnert stellenweise an Tati, nur, dass Benning ungefähr 1000mal lustiger ist. Die Absurditätem des urbanen Alltags finden sich tatsächlich an jeder Straßenecke, vor jeder noch so erbärmlichen Fassade.
Nun hat er den gleichen Film noch einmal gedreht, mit den gleichen Kameraeinstellungen an den gleichen Orten, sogar mit demselben Soundtrack. Hier funktionieren die Bilder vor allem als Markierung einer Differenz, die es nicht gibt. Die warmen Farben des Originals, sind einer sterilen Fernsehoptik gewichen (was wohl auch am veränderten Filmmaterial liegt), sonst hat sich nicht viel geändert. Die Natur scheint wieder etwas Land zurück gewonnen zu haben, wo im ersten Teil kaum eine einzige Pflanze zu sehen war, wuchert es 27 Jahre später hier und da ganz ordentlich. Sonst jedoch bleibt alles öde, auch die Gabelstaplertechnik scheint sich in den letzten Jahrzehnten nicht allzu weit entwickelt zu haben.

Pine Flat, Sharon Lockhart, 2006

Wo Benning straight in Richtung MTV zu schreiten glaubt, übernimmt Lockhart sein altes Terrain, die 10minütige Einstellung für ihren gigantischen Film Pine Flat. Wo Benning sich in seinem neuen Werk ganz auf Urbanität konzentriert, übernimmt sie den Naturbezug seiner vorherigen Filme. Pine Flats Thema ist das Verhältnis von Mensch und Natur einerseits, Filmemacher und Schauspieler andererseits. In beiden Fällen ist diese Beziehung brüchig, Harmonie muss erkämpft werden, da ein Teil dieser Kombination stets versucht, den anderen an sich zu reißen. So in der zweiten einstellung, der besten von allen: ein Mädchen sitzt auf der Wiese und liest in einem Buch, gezählte neun Seiten lang. Um sie herum weht das Gras im Wind, hinter ihr die Zweige der Bäume. Sie jedoch bleibt still, innerlich, gespannt. Auch die Präsenz der Kamera ist immer spürbar. Die Kamera möchte das Mädchen erobern, gefangen nehmen, dieses versucht sich zu entziehen, indem es jeden Blickkontakt, mehr noch, sich jeder Bewegung, die nicht dem Lesen dient, zu enthalten. Einmal funktioniert es nicht, sie kratzt sich am Hals. In diesem Moment bricht das System zusammen, in dem sich Natur, Mädchen und Lockhart befinden, nur um sich im nächsten Moment wieder zu etablieren.
Nicht jede einstellung ist so fantastisch wie diese, in der zweiten Hälfte wird der Film fast zu komplex, da stets mehrere Personen im Bild sind. Dennoch ist Pine Flat sicherlich einer der ganz wenigen wirklich großen Filme dieser Berlinale.

Tuesday, February 14, 2006

Borei kaibyo yashiki, Nakagawa Nobuo, 1958

Das Katzenhorrorgenre hat in Japan mindestens zwei Meisterwerke hervorgebracht, die es durchaus mit Tourneurs Cat People (und Wises Curse of the Catpeople, obwohl der nichts mit Katzen zu tun hat), aufnehmen können. Zum einen Kaneto Shindos Kuroneko, zum anderen Nakagawas wunderbaren Katzenfilm, der seiner Zeit in vieler Hinsicht voraus wahr (und den ich in einer wunderbaren Kopie auf riesengroßer Leinwand sehen durfte).
Vieles verdankt der Film natürlich den angelsächsischen Vorbildern, die das Hounted House Genre schließlich zwischen den 20er und 50er Jahren bis zum Exzess durchgespielt hatten. Und dennoch weißt Nakagawas Werk weit darüber hinaus. Freilich nicht auf Inhaltsebene, die ist, trotz doppelter Rückblendung wenig originell. Stilistisch aber weiss der Film genau, was er macht. Unübersehbar ist der Quantensprung in der Filmtechnik, der dem regisseur irgendwann in der Mitte der 50er Jahre geklückt sein muss (ein Großteil des Qualitätszuwachses wird wohl auch auf die Proffessionalisierung des japanischen Filmgeschäfts insgesamt, die nun auch den Exploitationmarkt erfasste, zurückzuführen sein). Borei... steckt voller herrlicher Bildideen, die teilweise weit voraus weisen, auf den japanischen Horrorfilm unserer Tage und durchaus die These stützen, dass bestimmte Ikonographien eine kulturabhängige Wurzel aufweisen, die jenseits von intertextuellen Bezügen liegt (aber bitte nicht zu weit jenseits...).
Nakagawas film macht die Kamera auf sonderbare Art und Weise spürbar. Seine Besondere Spezialität in diesem Film ist die Bildschaukel. Die Kamera nähert sich in einer Kurvenbahn an und fährt auf derselben wieder zurück. Der Effekt ist gigantisch und korrespondiert mit anderen Kamerabewegungen ebenso wie mit den reduzierten Dekors und dem plötzlischen Einbruch des surrealen Anderen im letzten Drittel.
Nicht alles ist perfekt an diesem Film (und auch deshalb funktioniert er so hervorragend als Mitternachtkino). Der größte Schwachpunkt ist sicherlich die Musik, die 1:1 einem Universal-Horror-Epos entnommen zu sein scheint, was so gar nicht zu einem Film passen will, der eben ganz anders funktioniert, sich einen Dreck um seine Figuren (bzw das, was diese Repräsentieren) schert und seine Effekte bewusst auf der Oberfläche ansiedelt. Mit einem stärkeren Soundtrack, wage ich zu behaupten, wäre Borei... vielleicht tatsächlich besser als Cat People.

Container, Lukas Moodyson, 2006

Lukas Moodyson ist größenwahnsinnig geworden. Eine andere Schlussfolgerung kann man aus Container unmöglich ziehen. Dieser lyrisch-poetische Alptraum, kommentiert von einer Frauenstimme, deren Klangbild auf vorhergegangenen Drogenkonsum schließen lässt, verweist in erster Linie auf gar nichts und in zweiter auf einen Regisseur, der sich mindestens für einen neuen Kubrick hält. Nicht, dass der Film völlig reizlos wäre. Auf seine krude, paranoide Art entwickelt das zusammenhangslose Gestammel (was ist das visuelle Gegenstück zu "Gestammel"?), das sich auf der Leinwand entfaltet eine Sogwirkung, der zumindest ich mich nicht entziehen konnte (ein großer Teil des Restpublikums aber anscheinend schon, angeblich verließen bei der ersten Vorführung 2/3 der Zuschauer das Kino).
Die dekonstruierte Filmform als mimetische Darstellung eines schizoiden, sexuell desorientierten Subjekts? Wahrscheinlich, und soweit natürlich erstens banal und zweitens auch reichlich konservativ. Die Unordnung kommt immer von Innen, schon alleine deshalb, weil es kein aussen gibt, die Projektion des Geisteszustandes über die reale Welt entzieht der Kultur jede Bedeutung, aber geschenkt, Schluss mit der Ideologie, mir hat der Film ja dennoch gefallen, als Artefakt eines seltsam ungerichteten Genie-sein-wollens, als das Werk eines offensichtlich vollkommen durchgeknallten Möchtegernmodernisten, der doch bisher für - freilich auf ihre Art und Weise durchaus gelungene - Moralfilmchen wie Fucking Amal zuständig war. Schon alleine die Radikalität der Absage an jedwede Form von Unterhaltungskino bzw. Geld verdienen ddurch eintrittskarten statt durch Fördergelder, macht mich eigentlich fast schon zu einem fanatischen Fan des Films - auch wenn ich natürlich nicht verteidigen könnte ... denn dumm ist er schon.

Elementarteilchen, Oskar Röhler, 2006

Man hätte es sich ja denken können, spätestens nach dem Filmplakat.
Röhlers Elementarleichen ist nicht mehr als eine unter vielen Eichinger-Produktionen. Mag man dem Film auch zugute halten, dass ihm der Übergang zwischen dem komödiantischen ersten und dem melodramatischen zweiten Abschnitt leidlich gut gelingt (ein Übergang, der wieder einmal äußerst eindrucksvoll Röhlers Sexfeindlichkeit ausstellt), (Nachtrag Jahre später: hier stand was und jetzt ist es weg, für immer, hihi) so bleibt doch am Ende - nichts. Nun habe ich die Vorlage weder gelesen, noch weiss ich aus dem Stehgreif, wie sich der Autor schreibt, aber in diesem Fall bleibe ich gerne Kulturbanause, denn über diesen Film möchte ich nun kein Wort mehr verlieren...

Thursday, February 09, 2006

John & Jane, Ashim Ahluwalia, 2005

Ein seltsamer, kleiner Film, der im Festivalstrubel wahrscheinlich hoffnungslos untergehen wird und auch meine Aufmerksamkeit voll nur langsam erringen konnte. Ahluwalia erzählt von sechs Mitarbeitern eines amerikanischen Callcenters in Indien, beobachtet sie bei der Arbeit, lässt sie über ihre Zukunftspläne reden, zeigt sie in ihrer privaten Umgebung. Alle träumen sie von Amerika, wollen am liebsten Amerikaner werden, färben sich schon mal die Haare blond oder führen die Ehefrau in den wenigen gemeinsamen freien Minuten zu McDonalds.
Was den Film von anderen seiner Art abhebt, ist das Fehlen einer dritten Perspektive. Weder werden die Amerikaträume mit der sozialen Realität Indiens (oder auch Amerikas) abgeglichen, noch findet ein kultureller Diskurs statt - im ganzen Film fällt kein einziges Wort in Hindi, die Bilder der Stadt sind fast aller lokalen Zeichen beraubt, die Callcenterfirma und ihre Mitarbeiter scheinen tatsächlich bereits in einer Welt jenseits der Geschichte angelangt zu sein.
In John & Jane geht es nicht um innerindische Gesellschaftskritik oder Kulturimperialismus. Stattdessen zeigt der Film von der ersten bis zur letzten Minute capitalism at work. Die Callcenteragents leben die neoliberale Ideologie so überzeugend nach, dass John & Jane streckenweise tatsächlich als Kapitalismuswerbeclip funktionieren könnte. Anfangs werden zwei Arbeiter portätiert, die mit dem Alltag im Callcenter nicht zurecht kommen, der eine gibt gar die Stelle auf und wird Tanzlehrer. Doch im folgenden siegt Amerika, und zwar immer überzeugender bis zur blondierten Pseudoamerikanerin samt Pseudoemanzipation. Unterlegt ist das Ganze mit sphärischen, erfrischen dezenten Ambientklängen, die dem gleichen utopischen Fluchtpunkt entgegen zu streben scheinen wie die portätierten jungen Inder.
Was Ahluwalia durch die strikt subjektivierende Perspektive auf das Objekt erreicht, erscheint zumindest stellenweise nicht weniger zu sein als eine Phänomenologie des Kapitalismus, als dessen immanentes Strukturprinzip die Utopie deutlich hervortitt. John & Jane ist gerade angesichts Dutzender auf der Berlinale vertretener politischer Kampfdokus, die ebenso nutzlos verpuffen werden wie die Abertausenden vor ihnen, ein sehr bemerkenswerter Film.

Tuesday, February 07, 2006

Berlinale Hin- und Wegsehempfehlungen

Hinsehen:

Kaalpurush
Pflichtfilm 1. Siehe unten

We can't Go Home Again / Bokura mo kaeranai
Pflichtfilm 2. Siehe unten

Big Bang Love, Juvenile A
Pflichtfilm 3. Das einzig durchgängige an Miikes Werk bleibt seine Heterogenität. Nach seiner letzten, erstmals recht budgetintensiven Produktion geht es diesmal wieder in Richtung Underground. Big Bang Love wirkt teilweise mehr arsty als alles, was Miike bisher gemacht hat, ziehmlich sick ist es natürlich trotzdem...

In Between Days
Pflichtfilm 4. Trotz einiger Unsauberkeiten ein wunderschöner Film. Die Kamera geht extrem nah an die Figuren, die sich in den digitalen Bildern genauso zu verleiren drohen wie in ihren eigenen Spiegelungen.

Lucy
Berlinfilm einmal anders: nicht hippe Prenzlbergkünstler, sondern Menschen, die man vielleicht auch im echten Leben gern kennenlernen würde (zumindest teilweise).

De Particulier a Particulier
Der Mysterythriller erinnert in seinen besten Momenten tatsächlich an Rivette. Zwar konzentriert sich der Film eindeutig zu wenig auf die Thrillerhandlung und nicht jede der oft esoterischen Wendungen kann überzeugen, trotzdem: insgesamt sehr schön.

Dear Pyongyang
Politisch etwas naive, filmisch aber sehr überzeugende persönliche Sokumentation über einen Koreaner, der in Japan lebt und dessen Reisen nach Pyongyang. Vor allem die Bilder aus Zombieland Nordkorea sind einen Blick wert.

Brothers of the Head
Auch für Punkverächter wie zB mich sehenswerte Pseudodoku über britisch/siamesische Punkzwillinge.

Be ahestegi...
Qualitätskino aus dem Iran. Hochemotional wie immer mit starkem neorealistischem Einfluss.

Mal sehen:

Strange Circus
Der Berlinale-Nasty: Audition mit mehr Blut und ohne Hirn. sehr eklig und sehr dumm. Als Kontrastprogramm zum recht biederen Restprogramm unter Umständen trotzdem zu empfehlen.

Parineeta
Bollywood vom feinsten mit viel Gefühl, Musik, Tanz und einem Bösewicht, der doch tatsächlich Hitler heißt.

The Last Communist
Politmusical mit leicht zu durchschauender Struktur aber einigen recht interessanten Passagen.

Tertium non datur / Visul lui Liviu
Zweimal Kunstkino aus Rumänien: einmal realistisches Drama aus der verarmten Provinz, einmal Politavantgarde, deren Sinn mir bitte mal jemand erklärt. Aber nicht langweilig.

Host and Guest
Beginnt als ganz nette Komödie über einen Filmwissenschaftsloser und Möchtegernregisseur, endet aber als moralisierendes Traktat.

Close to Home
Eigentlich sehr guter Film über patroullierende weibliche Soldaten in Jerusalem, dem es jedoch nicht ganz gelingt, sein Thema zu transzendieren bzw. diesem etwas Substantielles hinzuzufügen.

Vacationland
Funktioniert am Anfang recht gut, vor allem über die Musik. Danach wird das Schwulendrama aber etwas öde, alles nimmt den gewohnten Verlauf, glüvklich darf keiner werden.

The Notorious Bettie Page
Wird dem Thema nicht gerecht. Was übrigbleibt ist ein ganz netter Unterhaltungsfilm, der vor allem aufgrund seiner Vergebenen Möglichkeiten ärgert.

Stay
Stylish wie Sau aber dumm wie Brot. Siehe unten.

Wegsehen:

37 Uses for A Dead Sheep
Theoretisch interessante Dokumentation über Kirgisen in der Türkei. Scheitert an Experimentierwut.

Kinetta
Erbärmlicher Kunstfilmversuch, der nüchtern kaum zu ertragen ist - unter Drogen eröffnen sich aufgrund der schrecklich nervösen Kameraarbeit eventuell ganz neue Perspektiven. Für Masochisten.

Inatteso
Wenig inspirierte Politdoku über Flüchtlinge und so.

The Peter Pan Formula
Typischer Arthaus Quatsch mit "schönen" Bildern (stimmt natürlich gar nicht, nicht einmal die Bilder sind schön). Das angesichts der gewaltigen koreanischen Filmproduktion ausgerechnet sowas ausgewählt wird, spricht nicht für das Forum.

Monday Morning Glory
Noch mehr langweiliges Politgefilme. Diesmal aus Malaysia.

Lenz
In ganz wenigen Momenten ist der Film lustig. Sonst nervt er nur, vor allem aufgrund des äußerst unsympathischen Hauptdarstellers (Typ: manisch-depressiver Künstler mit sexuellen Problemen)

4 etoiles
Mittelmäßige französische Komödie mit nerviger Hauptdarstellerin. Lieber zu hause bleiben und Louis de Funes schauen.

Derecho de familia
Hat den Panorama Publikumspreis wahrscheinlich schon sicher. Ist aber nur ein ödes, familialistisches Drama, das die Welt wirklich nicht braucht.

Wal-Mart: The High Cost Of Low Price
Und nochmal Politkino, diesmal aus Amerika. Als Anschauungsunterricht für Verblendete Neoliberale wahrscheinlich ebenso nutzlos wie in jeder anderen Hinsicht - zumindest auf der Berlinale.

4:30
Typisches asiatisches Arthaus Kino: Langsam, (fast) lautlos, langweilig

No.2
Öde Familienzusammenführungskomödie, die irgendwo in der Südsee spielt, dadurch aber nicht origineller wird.

Der Rote Kakadu
Ein Film über den Mauerbau. Was solls.

Sunday, February 05, 2006

Russ Meyer über europäische Arthausfilmchen

The new school of Bergman type film-makers had better lift up their Freud-fraught sex symbols and run for the hills. An American film-maker is hot on their tales with some "message" of his own.
zitiert nach: Jack Stevenson: And God createtd Europe. In: Fleshpot. Manchester: 2000

Dem ist eigentlich nur hinzuzufügen, dass heute die Gefahr wohl eher vom amerikanischen Film selbst ausgeht, wie man beim Betrachten von Qualitätsschrott wie Crash (2005) leidvoll erkennen muss. Eine ordentliche Re-Russ-Meyerisierung der amerikanischen Filmproduktion ist höchste Zeit.

Friday, February 03, 2006

Bokura wa mo kaeranai, Toshi Fujiwara, 2006

"In memoriam Nicholas Ray and Jean Renoir" - mit dieser Widmung endet das Spielfilmdebut des jungen japanischen Regisseurs Fujiwara Toshi. Der Verweis auf die beiden Cineastenlieblinge par excellence macht Bokura... nicht nur völlig zu Unrecht des Größenwahns hochgradig verdächtig, sondern führt auch in anderer Hinsicht in die vollkommen falsche Richtung. Denn Toshios Ambitionen erschöpfen sich nicht in der Nutzbarmachung der Filmgeschichte (obwohl diese durchaus eine wichtige Rolle innerhalb des Werkes spielt) oder truffouesker Cinephilie, sondern gehen viel weiter.
Bokura... erscheint streckenweise wie eine dreckige Low-Budget-Version eines Iwai Junji Films. Zwar sind die handelnden Figuren dezidiert uncool: hässliche, nerdige, verklemmte Loser, die es nie zu etwas bringen werden und ihr Glück immer nur in jämmerlich kurzen Momenten genießen können. Doch Toshi lässt ihnen ihr Leben genauso wie Iwai seinen coolen, aktiven Jugendlichen das ihre, ohne es unter das Diktat der Handlungslogik, oder, weit schlimmer, einer Moral zu stellen. Der ungelenke Filmfreak, der seine extrem unattraktive Freundin demütigt, wird nicht bestraft, bekommt keine Lektion erteilt, um am Ende bildungsromanmäßig vorangekommen zu sein. Stattdessen dreht er einen Film, und wahrscheinlich gar keinen schlechten.
Doch Toshis Werk - und auch hier ähnelt es denen Iwais - ist alles andere als ein typischer Episodenfilm, der aus mehreren Handlungssträngen ein gesellschaftliches Panorama oder ähnliches zu erstellen versucht. Die einzelnen Geschichten stehen hier nicht gleichberechtigt nebeneinander, im Grunde gleicht die Struktur des Werkes viel eher der des Slasherfilms. Eine Figur nach der anderen wird aus der Handlung eliminiert. Die beiden Überlebenden (das heißt, diejenigen, deren Leben es wert ist, verfolgt zu werden) sind denn auch die einzigen, denen es gelingt, ein Leben jenseits der alltäglichen Sinnzuweisungen zu führen, deren Willkürlichkeit Toshi eindrucksvoll vorführt.
In technischer Hinsicht scheint Bokura... auf den ersten Blick denkbar weit entfernt von den stylishen Hochglanzwerken Iwais. Die Bilder bleiben größtenteils naturalistisch dreckig, bilden das abwechslungsarme Leben der Figuren ab. Dass Toshis Filmsprache deswegen nicht weniger ambitioniert ist als die seines Kollegen, merkt man vor allem der Tonspur an, die ebenso dezent zauberhaft ist wie die Erzählstruktur. Aus Alltagsgeräuschen entstehen ebenso unmerklich Melodien, wie sie sich wieder in Nichts (oder in anderen Melodien) auflösen, dennoch bleiben die verschiedenen Ebenen des Soundtracks immer unterscheidbar. Die Konstruiertheit jeder sozialen Identität als eigentliches Thema des Films, wenn man denn eines definieren möchte, wird so auf subtile Weise auf der Tonspur reproduziert.
Kurz und gut: ein Meisterwerk.