One Way Boogie Woogie / 27 Years Later, James Benning, 2005
James Benning, dessen Filme 10 Skies und 13 Lakes bereits heute, ein Jahr danach, Berlinale-Legenden sind, bringt dieses Mal (etwas) leichter verdauliche Kost mit, er selbst verglich den Film im Gespräch mit Mtv. One Way Boogie Woogie aus den späten Siebzigern bietet eine Reihe von Momentaufnahmen aus ich glaube Baltimore, jeweils ungefähr eine Minute lang und jede mit einer Pointe versehen. Diese erschließt sich nicht immer im Bild selbst, manchmal erst im Verhältnis zweier Bilder oder in der Differenz zwischen Bild und Ton. Der Humor, der sich entfaltet, erinnert stellenweise an Tati, nur, dass Benning ungefähr 1000mal lustiger ist. Die Absurditätem des urbanen Alltags finden sich tatsächlich an jeder Straßenecke, vor jeder noch so erbärmlichen Fassade.
Nun hat er den gleichen Film noch einmal gedreht, mit den gleichen Kameraeinstellungen an den gleichen Orten, sogar mit demselben Soundtrack. Hier funktionieren die Bilder vor allem als Markierung einer Differenz, die es nicht gibt. Die warmen Farben des Originals, sind einer sterilen Fernsehoptik gewichen (was wohl auch am veränderten Filmmaterial liegt), sonst hat sich nicht viel geändert. Die Natur scheint wieder etwas Land zurück gewonnen zu haben, wo im ersten Teil kaum eine einzige Pflanze zu sehen war, wuchert es 27 Jahre später hier und da ganz ordentlich. Sonst jedoch bleibt alles öde, auch die Gabelstaplertechnik scheint sich in den letzten Jahrzehnten nicht allzu weit entwickelt zu haben.
Pine Flat, Sharon Lockhart, 2006
Wo Benning straight in Richtung MTV zu schreiten glaubt, übernimmt Lockhart sein altes Terrain, die 10minütige Einstellung für ihren gigantischen Film Pine Flat. Wo Benning sich in seinem neuen Werk ganz auf Urbanität konzentriert, übernimmt sie den Naturbezug seiner vorherigen Filme. Pine Flats Thema ist das Verhältnis von Mensch und Natur einerseits, Filmemacher und Schauspieler andererseits. In beiden Fällen ist diese Beziehung brüchig, Harmonie muss erkämpft werden, da ein Teil dieser Kombination stets versucht, den anderen an sich zu reißen. So in der zweiten einstellung, der besten von allen: ein Mädchen sitzt auf der Wiese und liest in einem Buch, gezählte neun Seiten lang. Um sie herum weht das Gras im Wind, hinter ihr die Zweige der Bäume. Sie jedoch bleibt still, innerlich, gespannt. Auch die Präsenz der Kamera ist immer spürbar. Die Kamera möchte das Mädchen erobern, gefangen nehmen, dieses versucht sich zu entziehen, indem es jeden Blickkontakt, mehr noch, sich jeder Bewegung, die nicht dem Lesen dient, zu enthalten. Einmal funktioniert es nicht, sie kratzt sich am Hals. In diesem Moment bricht das System zusammen, in dem sich Natur, Mädchen und Lockhart befinden, nur um sich im nächsten Moment wieder zu etablieren.
Nicht jede einstellung ist so fantastisch wie diese, in der zweiten Hälfte wird der Film fast zu komplex, da stets mehrere Personen im Bild sind. Dennoch ist Pine Flat sicherlich einer der ganz wenigen wirklich großen Filme dieser Berlinale.
Wednesday, February 15, 2006
Tuesday, February 14, 2006
Borei kaibyo yashiki, Nakagawa Nobuo, 1958
Das Katzenhorrorgenre hat in Japan mindestens zwei Meisterwerke hervorgebracht, die es durchaus mit Tourneurs Cat People (und Wises Curse of the Catpeople, obwohl der nichts mit Katzen zu tun hat), aufnehmen können. Zum einen Kaneto Shindos Kuroneko, zum anderen Nakagawas wunderbaren Katzenfilm, der seiner Zeit in vieler Hinsicht voraus wahr (und den ich in einer wunderbaren Kopie auf riesengroßer Leinwand sehen durfte).
Vieles verdankt der Film natürlich den angelsächsischen Vorbildern, die das Hounted House Genre schließlich zwischen den 20er und 50er Jahren bis zum Exzess durchgespielt hatten. Und dennoch weißt Nakagawas Werk weit darüber hinaus. Freilich nicht auf Inhaltsebene, die ist, trotz doppelter Rückblendung wenig originell. Stilistisch aber weiss der Film genau, was er macht. Unübersehbar ist der Quantensprung in der Filmtechnik, der dem regisseur irgendwann in der Mitte der 50er Jahre geklückt sein muss (ein Großteil des Qualitätszuwachses wird wohl auch auf die Proffessionalisierung des japanischen Filmgeschäfts insgesamt, die nun auch den Exploitationmarkt erfasste, zurückzuführen sein). Borei... steckt voller herrlicher Bildideen, die teilweise weit voraus weisen, auf den japanischen Horrorfilm unserer Tage und durchaus die These stützen, dass bestimmte Ikonographien eine kulturabhängige Wurzel aufweisen, die jenseits von intertextuellen Bezügen liegt (aber bitte nicht zu weit jenseits...).
Nakagawas film macht die Kamera auf sonderbare Art und Weise spürbar. Seine Besondere Spezialität in diesem Film ist die Bildschaukel. Die Kamera nähert sich in einer Kurvenbahn an und fährt auf derselben wieder zurück. Der Effekt ist gigantisch und korrespondiert mit anderen Kamerabewegungen ebenso wie mit den reduzierten Dekors und dem plötzlischen Einbruch des surrealen Anderen im letzten Drittel.
Nicht alles ist perfekt an diesem Film (und auch deshalb funktioniert er so hervorragend als Mitternachtkino). Der größte Schwachpunkt ist sicherlich die Musik, die 1:1 einem Universal-Horror-Epos entnommen zu sein scheint, was so gar nicht zu einem Film passen will, der eben ganz anders funktioniert, sich einen Dreck um seine Figuren (bzw das, was diese Repräsentieren) schert und seine Effekte bewusst auf der Oberfläche ansiedelt. Mit einem stärkeren Soundtrack, wage ich zu behaupten, wäre Borei... vielleicht tatsächlich besser als Cat People.
Vieles verdankt der Film natürlich den angelsächsischen Vorbildern, die das Hounted House Genre schließlich zwischen den 20er und 50er Jahren bis zum Exzess durchgespielt hatten. Und dennoch weißt Nakagawas Werk weit darüber hinaus. Freilich nicht auf Inhaltsebene, die ist, trotz doppelter Rückblendung wenig originell. Stilistisch aber weiss der Film genau, was er macht. Unübersehbar ist der Quantensprung in der Filmtechnik, der dem regisseur irgendwann in der Mitte der 50er Jahre geklückt sein muss (ein Großteil des Qualitätszuwachses wird wohl auch auf die Proffessionalisierung des japanischen Filmgeschäfts insgesamt, die nun auch den Exploitationmarkt erfasste, zurückzuführen sein). Borei... steckt voller herrlicher Bildideen, die teilweise weit voraus weisen, auf den japanischen Horrorfilm unserer Tage und durchaus die These stützen, dass bestimmte Ikonographien eine kulturabhängige Wurzel aufweisen, die jenseits von intertextuellen Bezügen liegt (aber bitte nicht zu weit jenseits...).
Nakagawas film macht die Kamera auf sonderbare Art und Weise spürbar. Seine Besondere Spezialität in diesem Film ist die Bildschaukel. Die Kamera nähert sich in einer Kurvenbahn an und fährt auf derselben wieder zurück. Der Effekt ist gigantisch und korrespondiert mit anderen Kamerabewegungen ebenso wie mit den reduzierten Dekors und dem plötzlischen Einbruch des surrealen Anderen im letzten Drittel.
Nicht alles ist perfekt an diesem Film (und auch deshalb funktioniert er so hervorragend als Mitternachtkino). Der größte Schwachpunkt ist sicherlich die Musik, die 1:1 einem Universal-Horror-Epos entnommen zu sein scheint, was so gar nicht zu einem Film passen will, der eben ganz anders funktioniert, sich einen Dreck um seine Figuren (bzw das, was diese Repräsentieren) schert und seine Effekte bewusst auf der Oberfläche ansiedelt. Mit einem stärkeren Soundtrack, wage ich zu behaupten, wäre Borei... vielleicht tatsächlich besser als Cat People.
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Container, Lukas Moodyson, 2006
Lukas Moodyson ist größenwahnsinnig geworden. Eine andere Schlussfolgerung kann man aus Container unmöglich ziehen. Dieser lyrisch-poetische Alptraum, kommentiert von einer Frauenstimme, deren Klangbild auf vorhergegangenen Drogenkonsum schließen lässt, verweist in erster Linie auf gar nichts und in zweiter auf einen Regisseur, der sich mindestens für einen neuen Kubrick hält. Nicht, dass der Film völlig reizlos wäre. Auf seine krude, paranoide Art entwickelt das zusammenhangslose Gestammel (was ist das visuelle Gegenstück zu "Gestammel"?), das sich auf der Leinwand entfaltet eine Sogwirkung, der zumindest ich mich nicht entziehen konnte (ein großer Teil des Restpublikums aber anscheinend schon, angeblich verließen bei der ersten Vorführung 2/3 der Zuschauer das Kino).
Die dekonstruierte Filmform als mimetische Darstellung eines schizoiden, sexuell desorientierten Subjekts? Wahrscheinlich, und soweit natürlich erstens banal und zweitens auch reichlich konservativ. Die Unordnung kommt immer von Innen, schon alleine deshalb, weil es kein aussen gibt, die Projektion des Geisteszustandes über die reale Welt entzieht der Kultur jede Bedeutung, aber geschenkt, Schluss mit der Ideologie, mir hat der Film ja dennoch gefallen, als Artefakt eines seltsam ungerichteten Genie-sein-wollens, als das Werk eines offensichtlich vollkommen durchgeknallten Möchtegernmodernisten, der doch bisher für - freilich auf ihre Art und Weise durchaus gelungene - Moralfilmchen wie Fucking Amal zuständig war. Schon alleine die Radikalität der Absage an jedwede Form von Unterhaltungskino bzw. Geld verdienen ddurch eintrittskarten statt durch Fördergelder, macht mich eigentlich fast schon zu einem fanatischen Fan des Films - auch wenn ich natürlich nicht verteidigen könnte ... denn dumm ist er schon.
Die dekonstruierte Filmform als mimetische Darstellung eines schizoiden, sexuell desorientierten Subjekts? Wahrscheinlich, und soweit natürlich erstens banal und zweitens auch reichlich konservativ. Die Unordnung kommt immer von Innen, schon alleine deshalb, weil es kein aussen gibt, die Projektion des Geisteszustandes über die reale Welt entzieht der Kultur jede Bedeutung, aber geschenkt, Schluss mit der Ideologie, mir hat der Film ja dennoch gefallen, als Artefakt eines seltsam ungerichteten Genie-sein-wollens, als das Werk eines offensichtlich vollkommen durchgeknallten Möchtegernmodernisten, der doch bisher für - freilich auf ihre Art und Weise durchaus gelungene - Moralfilmchen wie Fucking Amal zuständig war. Schon alleine die Radikalität der Absage an jedwede Form von Unterhaltungskino bzw. Geld verdienen ddurch eintrittskarten statt durch Fördergelder, macht mich eigentlich fast schon zu einem fanatischen Fan des Films - auch wenn ich natürlich nicht verteidigen könnte ... denn dumm ist er schon.
Elementarteilchen, Oskar Röhler, 2006
Man hätte es sich ja denken können, spätestens nach dem Filmplakat.
Röhlers Elementarleichen ist nicht mehr als eine unter vielen Eichinger-Produktionen. Mag man dem Film auch zugute halten, dass ihm der Übergang zwischen dem komödiantischen ersten und dem melodramatischen zweiten Abschnitt leidlich gut gelingt (ein Übergang, der wieder einmal äußerst eindrucksvoll Röhlers Sexfeindlichkeit ausstellt), (Nachtrag Jahre später: hier stand was und jetzt ist es weg, für immer, hihi) so bleibt doch am Ende - nichts. Nun habe ich die Vorlage weder gelesen, noch weiss ich aus dem Stehgreif, wie sich der Autor schreibt, aber in diesem Fall bleibe ich gerne Kulturbanause, denn über diesen Film möchte ich nun kein Wort mehr verlieren...
Röhlers Elementarleichen ist nicht mehr als eine unter vielen Eichinger-Produktionen. Mag man dem Film auch zugute halten, dass ihm der Übergang zwischen dem komödiantischen ersten und dem melodramatischen zweiten Abschnitt leidlich gut gelingt (ein Übergang, der wieder einmal äußerst eindrucksvoll Röhlers Sexfeindlichkeit ausstellt), (Nachtrag Jahre später: hier stand was und jetzt ist es weg, für immer, hihi) so bleibt doch am Ende - nichts. Nun habe ich die Vorlage weder gelesen, noch weiss ich aus dem Stehgreif, wie sich der Autor schreibt, aber in diesem Fall bleibe ich gerne Kulturbanause, denn über diesen Film möchte ich nun kein Wort mehr verlieren...
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Thursday, February 09, 2006
John & Jane, Ashim Ahluwalia, 2005
Ein seltsamer, kleiner Film, der im Festivalstrubel wahrscheinlich hoffnungslos untergehen wird und auch meine Aufmerksamkeit voll nur langsam erringen konnte. Ahluwalia erzählt von sechs Mitarbeitern eines amerikanischen Callcenters in Indien, beobachtet sie bei der Arbeit, lässt sie über ihre Zukunftspläne reden, zeigt sie in ihrer privaten Umgebung. Alle träumen sie von Amerika, wollen am liebsten Amerikaner werden, färben sich schon mal die Haare blond oder führen die Ehefrau in den wenigen gemeinsamen freien Minuten zu McDonalds.
Was den Film von anderen seiner Art abhebt, ist das Fehlen einer dritten Perspektive. Weder werden die Amerikaträume mit der sozialen Realität Indiens (oder auch Amerikas) abgeglichen, noch findet ein kultureller Diskurs statt - im ganzen Film fällt kein einziges Wort in Hindi, die Bilder der Stadt sind fast aller lokalen Zeichen beraubt, die Callcenterfirma und ihre Mitarbeiter scheinen tatsächlich bereits in einer Welt jenseits der Geschichte angelangt zu sein.
In John & Jane geht es nicht um innerindische Gesellschaftskritik oder Kulturimperialismus. Stattdessen zeigt der Film von der ersten bis zur letzten Minute capitalism at work. Die Callcenteragents leben die neoliberale Ideologie so überzeugend nach, dass John & Jane streckenweise tatsächlich als Kapitalismuswerbeclip funktionieren könnte. Anfangs werden zwei Arbeiter portätiert, die mit dem Alltag im Callcenter nicht zurecht kommen, der eine gibt gar die Stelle auf und wird Tanzlehrer. Doch im folgenden siegt Amerika, und zwar immer überzeugender bis zur blondierten Pseudoamerikanerin samt Pseudoemanzipation. Unterlegt ist das Ganze mit sphärischen, erfrischen dezenten Ambientklängen, die dem gleichen utopischen Fluchtpunkt entgegen zu streben scheinen wie die portätierten jungen Inder.
Was Ahluwalia durch die strikt subjektivierende Perspektive auf das Objekt erreicht, erscheint zumindest stellenweise nicht weniger zu sein als eine Phänomenologie des Kapitalismus, als dessen immanentes Strukturprinzip die Utopie deutlich hervortitt. John & Jane ist gerade angesichts Dutzender auf der Berlinale vertretener politischer Kampfdokus, die ebenso nutzlos verpuffen werden wie die Abertausenden vor ihnen, ein sehr bemerkenswerter Film.
Was den Film von anderen seiner Art abhebt, ist das Fehlen einer dritten Perspektive. Weder werden die Amerikaträume mit der sozialen Realität Indiens (oder auch Amerikas) abgeglichen, noch findet ein kultureller Diskurs statt - im ganzen Film fällt kein einziges Wort in Hindi, die Bilder der Stadt sind fast aller lokalen Zeichen beraubt, die Callcenterfirma und ihre Mitarbeiter scheinen tatsächlich bereits in einer Welt jenseits der Geschichte angelangt zu sein.
In John & Jane geht es nicht um innerindische Gesellschaftskritik oder Kulturimperialismus. Stattdessen zeigt der Film von der ersten bis zur letzten Minute capitalism at work. Die Callcenteragents leben die neoliberale Ideologie so überzeugend nach, dass John & Jane streckenweise tatsächlich als Kapitalismuswerbeclip funktionieren könnte. Anfangs werden zwei Arbeiter portätiert, die mit dem Alltag im Callcenter nicht zurecht kommen, der eine gibt gar die Stelle auf und wird Tanzlehrer. Doch im folgenden siegt Amerika, und zwar immer überzeugender bis zur blondierten Pseudoamerikanerin samt Pseudoemanzipation. Unterlegt ist das Ganze mit sphärischen, erfrischen dezenten Ambientklängen, die dem gleichen utopischen Fluchtpunkt entgegen zu streben scheinen wie die portätierten jungen Inder.
Was Ahluwalia durch die strikt subjektivierende Perspektive auf das Objekt erreicht, erscheint zumindest stellenweise nicht weniger zu sein als eine Phänomenologie des Kapitalismus, als dessen immanentes Strukturprinzip die Utopie deutlich hervortitt. John & Jane ist gerade angesichts Dutzender auf der Berlinale vertretener politischer Kampfdokus, die ebenso nutzlos verpuffen werden wie die Abertausenden vor ihnen, ein sehr bemerkenswerter Film.
Tuesday, February 07, 2006
Berlinale Hin- und Wegsehempfehlungen
Hinsehen:
Kaalpurush
Pflichtfilm 1. Siehe unten
We can't Go Home Again / Bokura mo kaeranai
Pflichtfilm 2. Siehe unten
Big Bang Love, Juvenile A
Pflichtfilm 3. Das einzig durchgängige an Miikes Werk bleibt seine Heterogenität. Nach seiner letzten, erstmals recht budgetintensiven Produktion geht es diesmal wieder in Richtung Underground. Big Bang Love wirkt teilweise mehr arsty als alles, was Miike bisher gemacht hat, ziehmlich sick ist es natürlich trotzdem...
In Between Days
Pflichtfilm 4. Trotz einiger Unsauberkeiten ein wunderschöner Film. Die Kamera geht extrem nah an die Figuren, die sich in den digitalen Bildern genauso zu verleiren drohen wie in ihren eigenen Spiegelungen.
Lucy
Berlinfilm einmal anders: nicht hippe Prenzlbergkünstler, sondern Menschen, die man vielleicht auch im echten Leben gern kennenlernen würde (zumindest teilweise).
De Particulier a Particulier
Der Mysterythriller erinnert in seinen besten Momenten tatsächlich an Rivette. Zwar konzentriert sich der Film eindeutig zu wenig auf die Thrillerhandlung und nicht jede der oft esoterischen Wendungen kann überzeugen, trotzdem: insgesamt sehr schön.
Dear Pyongyang
Politisch etwas naive, filmisch aber sehr überzeugende persönliche Sokumentation über einen Koreaner, der in Japan lebt und dessen Reisen nach Pyongyang. Vor allem die Bilder aus Zombieland Nordkorea sind einen Blick wert.
Brothers of the Head
Auch für Punkverächter wie zB mich sehenswerte Pseudodoku über britisch/siamesische Punkzwillinge.
Be ahestegi...
Qualitätskino aus dem Iran. Hochemotional wie immer mit starkem neorealistischem Einfluss.
Mal sehen:
Strange Circus
Der Berlinale-Nasty: Audition mit mehr Blut und ohne Hirn. sehr eklig und sehr dumm. Als Kontrastprogramm zum recht biederen Restprogramm unter Umständen trotzdem zu empfehlen.
Parineeta
Bollywood vom feinsten mit viel Gefühl, Musik, Tanz und einem Bösewicht, der doch tatsächlich Hitler heißt.
The Last Communist
Politmusical mit leicht zu durchschauender Struktur aber einigen recht interessanten Passagen.
Tertium non datur / Visul lui Liviu
Zweimal Kunstkino aus Rumänien: einmal realistisches Drama aus der verarmten Provinz, einmal Politavantgarde, deren Sinn mir bitte mal jemand erklärt. Aber nicht langweilig.
Host and Guest
Beginnt als ganz nette Komödie über einen Filmwissenschaftsloser und Möchtegernregisseur, endet aber als moralisierendes Traktat.
Close to Home
Eigentlich sehr guter Film über patroullierende weibliche Soldaten in Jerusalem, dem es jedoch nicht ganz gelingt, sein Thema zu transzendieren bzw. diesem etwas Substantielles hinzuzufügen.
Vacationland
Funktioniert am Anfang recht gut, vor allem über die Musik. Danach wird das Schwulendrama aber etwas öde, alles nimmt den gewohnten Verlauf, glüvklich darf keiner werden.
The Notorious Bettie Page
Wird dem Thema nicht gerecht. Was übrigbleibt ist ein ganz netter Unterhaltungsfilm, der vor allem aufgrund seiner Vergebenen Möglichkeiten ärgert.
Stay
Stylish wie Sau aber dumm wie Brot. Siehe unten.
Wegsehen:
37 Uses for A Dead Sheep
Theoretisch interessante Dokumentation über Kirgisen in der Türkei. Scheitert an Experimentierwut.
Kinetta
Erbärmlicher Kunstfilmversuch, der nüchtern kaum zu ertragen ist - unter Drogen eröffnen sich aufgrund der schrecklich nervösen Kameraarbeit eventuell ganz neue Perspektiven. Für Masochisten.
Inatteso
Wenig inspirierte Politdoku über Flüchtlinge und so.
The Peter Pan Formula
Typischer Arthaus Quatsch mit "schönen" Bildern (stimmt natürlich gar nicht, nicht einmal die Bilder sind schön). Das angesichts der gewaltigen koreanischen Filmproduktion ausgerechnet sowas ausgewählt wird, spricht nicht für das Forum.
Monday Morning Glory
Noch mehr langweiliges Politgefilme. Diesmal aus Malaysia.
Lenz
In ganz wenigen Momenten ist der Film lustig. Sonst nervt er nur, vor allem aufgrund des äußerst unsympathischen Hauptdarstellers (Typ: manisch-depressiver Künstler mit sexuellen Problemen)
4 etoiles
Mittelmäßige französische Komödie mit nerviger Hauptdarstellerin. Lieber zu hause bleiben und Louis de Funes schauen.
Derecho de familia
Hat den Panorama Publikumspreis wahrscheinlich schon sicher. Ist aber nur ein ödes, familialistisches Drama, das die Welt wirklich nicht braucht.
Wal-Mart: The High Cost Of Low Price
Und nochmal Politkino, diesmal aus Amerika. Als Anschauungsunterricht für Verblendete Neoliberale wahrscheinlich ebenso nutzlos wie in jeder anderen Hinsicht - zumindest auf der Berlinale.
4:30
Typisches asiatisches Arthaus Kino: Langsam, (fast) lautlos, langweilig
No.2
Öde Familienzusammenführungskomödie, die irgendwo in der Südsee spielt, dadurch aber nicht origineller wird.
Der Rote Kakadu
Ein Film über den Mauerbau. Was solls.
Kaalpurush
Pflichtfilm 1. Siehe unten
We can't Go Home Again / Bokura mo kaeranai
Pflichtfilm 2. Siehe unten
Big Bang Love, Juvenile A
Pflichtfilm 3. Das einzig durchgängige an Miikes Werk bleibt seine Heterogenität. Nach seiner letzten, erstmals recht budgetintensiven Produktion geht es diesmal wieder in Richtung Underground. Big Bang Love wirkt teilweise mehr arsty als alles, was Miike bisher gemacht hat, ziehmlich sick ist es natürlich trotzdem...
In Between Days
Pflichtfilm 4. Trotz einiger Unsauberkeiten ein wunderschöner Film. Die Kamera geht extrem nah an die Figuren, die sich in den digitalen Bildern genauso zu verleiren drohen wie in ihren eigenen Spiegelungen.
Lucy
Berlinfilm einmal anders: nicht hippe Prenzlbergkünstler, sondern Menschen, die man vielleicht auch im echten Leben gern kennenlernen würde (zumindest teilweise).
De Particulier a Particulier
Der Mysterythriller erinnert in seinen besten Momenten tatsächlich an Rivette. Zwar konzentriert sich der Film eindeutig zu wenig auf die Thrillerhandlung und nicht jede der oft esoterischen Wendungen kann überzeugen, trotzdem: insgesamt sehr schön.
Dear Pyongyang
Politisch etwas naive, filmisch aber sehr überzeugende persönliche Sokumentation über einen Koreaner, der in Japan lebt und dessen Reisen nach Pyongyang. Vor allem die Bilder aus Zombieland Nordkorea sind einen Blick wert.
Brothers of the Head
Auch für Punkverächter wie zB mich sehenswerte Pseudodoku über britisch/siamesische Punkzwillinge.
Be ahestegi...
Qualitätskino aus dem Iran. Hochemotional wie immer mit starkem neorealistischem Einfluss.
Mal sehen:
Strange Circus
Der Berlinale-Nasty: Audition mit mehr Blut und ohne Hirn. sehr eklig und sehr dumm. Als Kontrastprogramm zum recht biederen Restprogramm unter Umständen trotzdem zu empfehlen.
Parineeta
Bollywood vom feinsten mit viel Gefühl, Musik, Tanz und einem Bösewicht, der doch tatsächlich Hitler heißt.
The Last Communist
Politmusical mit leicht zu durchschauender Struktur aber einigen recht interessanten Passagen.
Tertium non datur / Visul lui Liviu
Zweimal Kunstkino aus Rumänien: einmal realistisches Drama aus der verarmten Provinz, einmal Politavantgarde, deren Sinn mir bitte mal jemand erklärt. Aber nicht langweilig.
Host and Guest
Beginnt als ganz nette Komödie über einen Filmwissenschaftsloser und Möchtegernregisseur, endet aber als moralisierendes Traktat.
Close to Home
Eigentlich sehr guter Film über patroullierende weibliche Soldaten in Jerusalem, dem es jedoch nicht ganz gelingt, sein Thema zu transzendieren bzw. diesem etwas Substantielles hinzuzufügen.
Vacationland
Funktioniert am Anfang recht gut, vor allem über die Musik. Danach wird das Schwulendrama aber etwas öde, alles nimmt den gewohnten Verlauf, glüvklich darf keiner werden.
The Notorious Bettie Page
Wird dem Thema nicht gerecht. Was übrigbleibt ist ein ganz netter Unterhaltungsfilm, der vor allem aufgrund seiner Vergebenen Möglichkeiten ärgert.
Stay
Stylish wie Sau aber dumm wie Brot. Siehe unten.
Wegsehen:
37 Uses for A Dead Sheep
Theoretisch interessante Dokumentation über Kirgisen in der Türkei. Scheitert an Experimentierwut.
Kinetta
Erbärmlicher Kunstfilmversuch, der nüchtern kaum zu ertragen ist - unter Drogen eröffnen sich aufgrund der schrecklich nervösen Kameraarbeit eventuell ganz neue Perspektiven. Für Masochisten.
Inatteso
Wenig inspirierte Politdoku über Flüchtlinge und so.
The Peter Pan Formula
Typischer Arthaus Quatsch mit "schönen" Bildern (stimmt natürlich gar nicht, nicht einmal die Bilder sind schön). Das angesichts der gewaltigen koreanischen Filmproduktion ausgerechnet sowas ausgewählt wird, spricht nicht für das Forum.
Monday Morning Glory
Noch mehr langweiliges Politgefilme. Diesmal aus Malaysia.
Lenz
In ganz wenigen Momenten ist der Film lustig. Sonst nervt er nur, vor allem aufgrund des äußerst unsympathischen Hauptdarstellers (Typ: manisch-depressiver Künstler mit sexuellen Problemen)
4 etoiles
Mittelmäßige französische Komödie mit nerviger Hauptdarstellerin. Lieber zu hause bleiben und Louis de Funes schauen.
Derecho de familia
Hat den Panorama Publikumspreis wahrscheinlich schon sicher. Ist aber nur ein ödes, familialistisches Drama, das die Welt wirklich nicht braucht.
Wal-Mart: The High Cost Of Low Price
Und nochmal Politkino, diesmal aus Amerika. Als Anschauungsunterricht für Verblendete Neoliberale wahrscheinlich ebenso nutzlos wie in jeder anderen Hinsicht - zumindest auf der Berlinale.
4:30
Typisches asiatisches Arthaus Kino: Langsam, (fast) lautlos, langweilig
No.2
Öde Familienzusammenführungskomödie, die irgendwo in der Südsee spielt, dadurch aber nicht origineller wird.
Der Rote Kakadu
Ein Film über den Mauerbau. Was solls.
Sunday, February 05, 2006
Russ Meyer über europäische Arthausfilmchen
The new school of Bergman type film-makers had better lift up their Freud-fraught sex symbols and run for the hills. An American film-maker is hot on their tales with some "message" of his own.
zitiert nach: Jack Stevenson: And God createtd Europe. In: Fleshpot. Manchester: 2000
Dem ist eigentlich nur hinzuzufügen, dass heute die Gefahr wohl eher vom amerikanischen Film selbst ausgeht, wie man beim Betrachten von Qualitätsschrott wie Crash (2005) leidvoll erkennen muss. Eine ordentliche Re-Russ-Meyerisierung der amerikanischen Filmproduktion ist höchste Zeit.
zitiert nach: Jack Stevenson: And God createtd Europe. In: Fleshpot. Manchester: 2000
Dem ist eigentlich nur hinzuzufügen, dass heute die Gefahr wohl eher vom amerikanischen Film selbst ausgeht, wie man beim Betrachten von Qualitätsschrott wie Crash (2005) leidvoll erkennen muss. Eine ordentliche Re-Russ-Meyerisierung der amerikanischen Filmproduktion ist höchste Zeit.
Friday, February 03, 2006
Bokura wa mo kaeranai, Toshi Fujiwara, 2006
"In memoriam Nicholas Ray and Jean Renoir" - mit dieser Widmung endet das Spielfilmdebut des jungen japanischen Regisseurs Fujiwara Toshi. Der Verweis auf die beiden Cineastenlieblinge par excellence macht Bokura... nicht nur völlig zu Unrecht des Größenwahns hochgradig verdächtig, sondern führt auch in anderer Hinsicht in die vollkommen falsche Richtung. Denn Toshios Ambitionen erschöpfen sich nicht in der Nutzbarmachung der Filmgeschichte (obwohl diese durchaus eine wichtige Rolle innerhalb des Werkes spielt) oder truffouesker Cinephilie, sondern gehen viel weiter.
Bokura... erscheint streckenweise wie eine dreckige Low-Budget-Version eines Iwai Junji Films. Zwar sind die handelnden Figuren dezidiert uncool: hässliche, nerdige, verklemmte Loser, die es nie zu etwas bringen werden und ihr Glück immer nur in jämmerlich kurzen Momenten genießen können. Doch Toshi lässt ihnen ihr Leben genauso wie Iwai seinen coolen, aktiven Jugendlichen das ihre, ohne es unter das Diktat der Handlungslogik, oder, weit schlimmer, einer Moral zu stellen. Der ungelenke Filmfreak, der seine extrem unattraktive Freundin demütigt, wird nicht bestraft, bekommt keine Lektion erteilt, um am Ende bildungsromanmäßig vorangekommen zu sein. Stattdessen dreht er einen Film, und wahrscheinlich gar keinen schlechten.
Doch Toshis Werk - und auch hier ähnelt es denen Iwais - ist alles andere als ein typischer Episodenfilm, der aus mehreren Handlungssträngen ein gesellschaftliches Panorama oder ähnliches zu erstellen versucht. Die einzelnen Geschichten stehen hier nicht gleichberechtigt nebeneinander, im Grunde gleicht die Struktur des Werkes viel eher der des Slasherfilms. Eine Figur nach der anderen wird aus der Handlung eliminiert. Die beiden Überlebenden (das heißt, diejenigen, deren Leben es wert ist, verfolgt zu werden) sind denn auch die einzigen, denen es gelingt, ein Leben jenseits der alltäglichen Sinnzuweisungen zu führen, deren Willkürlichkeit Toshi eindrucksvoll vorführt.
In technischer Hinsicht scheint Bokura... auf den ersten Blick denkbar weit entfernt von den stylishen Hochglanzwerken Iwais. Die Bilder bleiben größtenteils naturalistisch dreckig, bilden das abwechslungsarme Leben der Figuren ab. Dass Toshis Filmsprache deswegen nicht weniger ambitioniert ist als die seines Kollegen, merkt man vor allem der Tonspur an, die ebenso dezent zauberhaft ist wie die Erzählstruktur. Aus Alltagsgeräuschen entstehen ebenso unmerklich Melodien, wie sie sich wieder in Nichts (oder in anderen Melodien) auflösen, dennoch bleiben die verschiedenen Ebenen des Soundtracks immer unterscheidbar. Die Konstruiertheit jeder sozialen Identität als eigentliches Thema des Films, wenn man denn eines definieren möchte, wird so auf subtile Weise auf der Tonspur reproduziert.
Kurz und gut: ein Meisterwerk.
Bokura... erscheint streckenweise wie eine dreckige Low-Budget-Version eines Iwai Junji Films. Zwar sind die handelnden Figuren dezidiert uncool: hässliche, nerdige, verklemmte Loser, die es nie zu etwas bringen werden und ihr Glück immer nur in jämmerlich kurzen Momenten genießen können. Doch Toshi lässt ihnen ihr Leben genauso wie Iwai seinen coolen, aktiven Jugendlichen das ihre, ohne es unter das Diktat der Handlungslogik, oder, weit schlimmer, einer Moral zu stellen. Der ungelenke Filmfreak, der seine extrem unattraktive Freundin demütigt, wird nicht bestraft, bekommt keine Lektion erteilt, um am Ende bildungsromanmäßig vorangekommen zu sein. Stattdessen dreht er einen Film, und wahrscheinlich gar keinen schlechten.
Doch Toshis Werk - und auch hier ähnelt es denen Iwais - ist alles andere als ein typischer Episodenfilm, der aus mehreren Handlungssträngen ein gesellschaftliches Panorama oder ähnliches zu erstellen versucht. Die einzelnen Geschichten stehen hier nicht gleichberechtigt nebeneinander, im Grunde gleicht die Struktur des Werkes viel eher der des Slasherfilms. Eine Figur nach der anderen wird aus der Handlung eliminiert. Die beiden Überlebenden (das heißt, diejenigen, deren Leben es wert ist, verfolgt zu werden) sind denn auch die einzigen, denen es gelingt, ein Leben jenseits der alltäglichen Sinnzuweisungen zu führen, deren Willkürlichkeit Toshi eindrucksvoll vorführt.
In technischer Hinsicht scheint Bokura... auf den ersten Blick denkbar weit entfernt von den stylishen Hochglanzwerken Iwais. Die Bilder bleiben größtenteils naturalistisch dreckig, bilden das abwechslungsarme Leben der Figuren ab. Dass Toshis Filmsprache deswegen nicht weniger ambitioniert ist als die seines Kollegen, merkt man vor allem der Tonspur an, die ebenso dezent zauberhaft ist wie die Erzählstruktur. Aus Alltagsgeräuschen entstehen ebenso unmerklich Melodien, wie sie sich wieder in Nichts (oder in anderen Melodien) auflösen, dennoch bleiben die verschiedenen Ebenen des Soundtracks immer unterscheidbar. Die Konstruiertheit jeder sozialen Identität als eigentliches Thema des Films, wenn man denn eines definieren möchte, wird so auf subtile Weise auf der Tonspur reproduziert.
Kurz und gut: ein Meisterwerk.
Tuesday, January 31, 2006
I Love Maria, David Chung, 1988
Die "Hero Gang" überfällt mit einem Kampfroboter Juweliergeschäfte, ihr Anführer lässt von seiner Geliebten ein exaktes, vollmechanisches Abbild herstellen, was dem Original gar nicht gefällt. Der feminine Roboter fällt in die Hände eines vertrottelten Polizisten und seiner zwei noch vertrottelteren Sidekicks. Gemeinsam mit der mechanischen Maria bringen sie die Diebesbande zur Strecke.
Mit so einem Stoff kann man natürlich nicht viel falsch machen, ein wirkliches Meisterwerk kann daraus aber nur in Hong-Kong entstehen, und auch dort wahrscheinlich nur, wenn ein Meister seines Fachs, hier der Produzent Tsui Hark, seine Figer im Spiel hat. Denn I Love Maria, eine komplett durchgeknallte Mischung aus Science-Fiction-Gangsterfilm und Buddymovie ist in der Tat ein echtes Meisterwerk. Anstatt Blade Runner oder ähnlichen Filmen, deren Einflüsse unverkennbar sind, in die metaphysischen Abgründe auf der Suche nach dem Menschlichen oder was zu folgen, gibt Chungs Film von Anfang an Gas und nimmt alle möglichen Mensch-Maschine- und vor allem Genderdiskurse praktisch im Vorübergehen mit.
I Love Maria zeigt, was populäres Kino im Idelfall leisten kann. Diese aus tausend verschiedenen Filmen zusammengeklaute, dennoch nie postmodern-ironische Story, die in keinem Moment auf einen tieferen Sinn pocht und ihr Material so ernst nimmt, wie es es verdient, kann so unendlich viel mehr aussagen, als halbgares, gequält philosöfelndes Messagekino. Dass der Film außerdem ungefähr tausendmal so viel Spass macht, braucht wohl nicht mehr erwähnt zu werden.
Mit so einem Stoff kann man natürlich nicht viel falsch machen, ein wirkliches Meisterwerk kann daraus aber nur in Hong-Kong entstehen, und auch dort wahrscheinlich nur, wenn ein Meister seines Fachs, hier der Produzent Tsui Hark, seine Figer im Spiel hat. Denn I Love Maria, eine komplett durchgeknallte Mischung aus Science-Fiction-Gangsterfilm und Buddymovie ist in der Tat ein echtes Meisterwerk. Anstatt Blade Runner oder ähnlichen Filmen, deren Einflüsse unverkennbar sind, in die metaphysischen Abgründe auf der Suche nach dem Menschlichen oder was zu folgen, gibt Chungs Film von Anfang an Gas und nimmt alle möglichen Mensch-Maschine- und vor allem Genderdiskurse praktisch im Vorübergehen mit.
I Love Maria zeigt, was populäres Kino im Idelfall leisten kann. Diese aus tausend verschiedenen Filmen zusammengeklaute, dennoch nie postmodern-ironische Story, die in keinem Moment auf einen tieferen Sinn pocht und ihr Material so ernst nimmt, wie es es verdient, kann so unendlich viel mehr aussagen, als halbgares, gequält philosöfelndes Messagekino. Dass der Film außerdem ungefähr tausendmal so viel Spass macht, braucht wohl nicht mehr erwähnt zu werden.
Labels:
Cyborg,
David Chung,
Feminismus,
Hongkong,
I love Maria,
Komödie,
Science Fiction,
Tsui Hark
Tuesday, January 24, 2006
Neoästhetizismus in Hollywood
Angesichts dreier neuer Hollywoodfilme, von mit zufällig in sehr kurzen Abständen gesehen, lässt sich die Frage, wie denn der Mainstreamfilm sich entwickeln könnte, ausgezeichnet behandeln. Will man einen gemeinsamen Nennen, bzw Fluchtpunkt finden, ist vor allem der Einsatz digitaler Techniken zu beachten und ihre Funktionsverschiebung, weg vom ausgestellten Effekt, hin zum Ornament. Erstes Zwischenresultat meinerseits: es blubbert, und zwar gewaltig.
Tony Scotts Domino ist sicherlich der sympatischste der drei Filme, eine rücksichtslose, aber selbstverständlich vollkommen naive und harmlose Actionkomödie, die mit pumpendem Gangsta-Soundtrack und Post-Mtv Cutting zumindest in einzelnen Abschnitten fast alles richtig macht. Verschiedenste Bildtypen werden wild ineinander montiert und erzeugen zumindest in den besten Momenten ein vom Plot denkbar weit entferntes hypnotisches Ensemble, dessen Organisationsprinzip aus der wechselseitigen Anziehung und Abstoßung der einzelnen Elemente zu bestehen scheint. Scott versucht gar nicht mehr, die Nebensächlichkeit der Handlungsebene zu kaschieren, die wichtigsten Plotpoints werden dem Zuschauer, der daran interessiert ist (ich wars nicht) mithilfe funktionaler Grafiken beigebracht. Diese innerhalb des Mainstreamkinos doch auch heute noch überraschend radikale Absage an das Kontinuitätsmodell korrespondiert mit dem anarchischen, auf größtmöglichste Heterogenität setzenden Montagemodell, sowohl auf der Bild- als auch auf der Tonebene. Zugegeben, der Film hat auch jede Menge Schwächen und deutlich mehr Sequenzen, die eben nicht nach obigem Prinzip funkäcnieren. Dennoch kann Domino als Beispiel gelten für den Bereich des Kinos, der seine Lektion aus MTV und dem Hong-Kong Film gelernt hat und sich anfühlt wie der kleinste gemeinsame Nenner aus "Viva La Bam", Hype Williams und Naked Killer.
Doch die neuen Gestaltungsmöglichkeiten können auch zu ganz anderen Zwecken gebraucht werden. Ein diesbezüglicher Ansatz kann man in Rob Marshalls Asienschnulze Memoirs of a Geisha beobachten. Ganz abgesehen von kolonialistisch/imperialistischen Fragestellungen, welchen sich der Film natürlich nicht entziehen kann, ist auch sein bildästhetisches Konzept fragwürdig. Der größte Teil des Films geht sowieso unter in dem Krieg, den amerikanische Kadrierung mit japanischer Ausstattung führt, doch in einigen Sequenzen ist tatsächlich ein spezifischer Stilwillen zu spüren. Und zwar in den Szenen, die im Garten spielen, in wundervoll bunten Farben, eingebettet in spiuegelnde Teiche und sanft rauschende Sträucher... Zugegeben, es sieht wirklich fantastisch aus, (wenn es auch immer noch nicht mehr bieten kann als eine sehnsüchtige Erinnerung an den Beginn von House of Flying Daggers, diese atemberaubenste Filmszene der letzten Jahre). Interessant ist jedoch der genaue Präsentationsmodus. Der Hintergrund wird oftmals so bearbeitet, dass das Bild wirklich exakt die impressionistische Malerei (bzw deren klischeeisierte Seerosenbilder etc) zu reproduzieren scheint, bevor es sich wieder in anderen - gleichfalls spektakulären Optiken auflöst. In Memoirs of a Geisha wird die digitale Technik also vorrangig dazu benutzt, neue Dimensionen des Kunsthandwerks zu erkunden. Dies ist natürlich auch keine neue Entwicklung, siehe etwa Mathilde, doch die Nonchalance, mit der Marshall in einem vorgeblich asiatischen Film eine europäische Kunsttraditionen in ihren konventionalisiertesten Ikonographien verwurstet, scheint mir doch in diesem Zusammenhang erwähnenswert. Die neue Freiheit in der ikonischen Ausgestaltung des Bildraums kann ohne Zweifel auch in einem Sammelsurium piktorialer Klischees enden, die wieder weit hinter die postmoderne Intertextualität zurück reicht.
Als vorläufiger Höhepunkt des neuen hollywoodianischen Ästhetizismus ist jedoch Marc Fosters Stay zu werten, ein inhaltlich recht öder, weil/obwohl verworrener Mysterythriler, dem es gelingt, die neuartigen ästhetischen Techniken tatsächlich in das Zentrum des Textes zu stellen (im Gegensatz zu Geisha, wo diese letzten Endes doch nur eine Nebenrolle spielen) und diesen dennoch im Rahmen der vom Narrativ dominierten Signifikantenketten zu belassen (im Gegensatz zum deterritorialisierten Domino). Der Anteil digital nachbearbeiteter Bilder ist wahrscheinlich noch höer als in Domino (wenn er nicht in beiden Fällen bereits bei 100% liegt), doch die Technik geht eine (unheinvolle?) Allianz mit den Filmcharakteren ein. Die stilisierten, jeder Dreidimensionalität beraubten Hintergründe - selbst eine Treppe verwandelt sich in Sekundenbruchteilen in ein abstraktes Muster - erscheinen als Funktionen der Figuren, bzw. deren Innerlichkeit und so als Strukturnotwendigkeit des Films. Am Ende, in den letzten Einstellungen, ist das Bild von digitalen Schlieren überzogen, die aber seltsamerweise davor zurückschrecken zu scheinen, die Filmfiguren zu konsumieren, die ja eigentlich aus anderem Stoff sind, anachronistisch.
Wie auch immer man zu dem Film stehen mag (ich mag ihn nicht): Stay ist sicherlich unter den drei besprochenen Filmen derjenige, anhand welchem sich am ehesten Aussagen über das Kino der Zukunft treffen lassen. Während Domino eine Ästhetik kultiviert, die doch etwas zu anarchisch ist, um dauerhaft im Mainstream bestand zu haben und Marshalls vulgär kunstgeschichtlicher Ansatz ist wohl nur in begrenztem Maße fruchtbar zu machen. In Stay dagegen behält die Menschheit auf groteke Weise die Deutungshoheit, die digitalen Welten werden wieder auf den Status von Projektionen zurück gebunden und damit rein funktional. Dieses Konzeot dürfte anschlussfähig genug sein.
Tony Scotts Domino ist sicherlich der sympatischste der drei Filme, eine rücksichtslose, aber selbstverständlich vollkommen naive und harmlose Actionkomödie, die mit pumpendem Gangsta-Soundtrack und Post-Mtv Cutting zumindest in einzelnen Abschnitten fast alles richtig macht. Verschiedenste Bildtypen werden wild ineinander montiert und erzeugen zumindest in den besten Momenten ein vom Plot denkbar weit entferntes hypnotisches Ensemble, dessen Organisationsprinzip aus der wechselseitigen Anziehung und Abstoßung der einzelnen Elemente zu bestehen scheint. Scott versucht gar nicht mehr, die Nebensächlichkeit der Handlungsebene zu kaschieren, die wichtigsten Plotpoints werden dem Zuschauer, der daran interessiert ist (ich wars nicht) mithilfe funktionaler Grafiken beigebracht. Diese innerhalb des Mainstreamkinos doch auch heute noch überraschend radikale Absage an das Kontinuitätsmodell korrespondiert mit dem anarchischen, auf größtmöglichste Heterogenität setzenden Montagemodell, sowohl auf der Bild- als auch auf der Tonebene. Zugegeben, der Film hat auch jede Menge Schwächen und deutlich mehr Sequenzen, die eben nicht nach obigem Prinzip funkäcnieren. Dennoch kann Domino als Beispiel gelten für den Bereich des Kinos, der seine Lektion aus MTV und dem Hong-Kong Film gelernt hat und sich anfühlt wie der kleinste gemeinsame Nenner aus "Viva La Bam", Hype Williams und Naked Killer.
Doch die neuen Gestaltungsmöglichkeiten können auch zu ganz anderen Zwecken gebraucht werden. Ein diesbezüglicher Ansatz kann man in Rob Marshalls Asienschnulze Memoirs of a Geisha beobachten. Ganz abgesehen von kolonialistisch/imperialistischen Fragestellungen, welchen sich der Film natürlich nicht entziehen kann, ist auch sein bildästhetisches Konzept fragwürdig. Der größte Teil des Films geht sowieso unter in dem Krieg, den amerikanische Kadrierung mit japanischer Ausstattung führt, doch in einigen Sequenzen ist tatsächlich ein spezifischer Stilwillen zu spüren. Und zwar in den Szenen, die im Garten spielen, in wundervoll bunten Farben, eingebettet in spiuegelnde Teiche und sanft rauschende Sträucher... Zugegeben, es sieht wirklich fantastisch aus, (wenn es auch immer noch nicht mehr bieten kann als eine sehnsüchtige Erinnerung an den Beginn von House of Flying Daggers, diese atemberaubenste Filmszene der letzten Jahre). Interessant ist jedoch der genaue Präsentationsmodus. Der Hintergrund wird oftmals so bearbeitet, dass das Bild wirklich exakt die impressionistische Malerei (bzw deren klischeeisierte Seerosenbilder etc) zu reproduzieren scheint, bevor es sich wieder in anderen - gleichfalls spektakulären Optiken auflöst. In Memoirs of a Geisha wird die digitale Technik also vorrangig dazu benutzt, neue Dimensionen des Kunsthandwerks zu erkunden. Dies ist natürlich auch keine neue Entwicklung, siehe etwa Mathilde, doch die Nonchalance, mit der Marshall in einem vorgeblich asiatischen Film eine europäische Kunsttraditionen in ihren konventionalisiertesten Ikonographien verwurstet, scheint mir doch in diesem Zusammenhang erwähnenswert. Die neue Freiheit in der ikonischen Ausgestaltung des Bildraums kann ohne Zweifel auch in einem Sammelsurium piktorialer Klischees enden, die wieder weit hinter die postmoderne Intertextualität zurück reicht.
Als vorläufiger Höhepunkt des neuen hollywoodianischen Ästhetizismus ist jedoch Marc Fosters Stay zu werten, ein inhaltlich recht öder, weil/obwohl verworrener Mysterythriler, dem es gelingt, die neuartigen ästhetischen Techniken tatsächlich in das Zentrum des Textes zu stellen (im Gegensatz zu Geisha, wo diese letzten Endes doch nur eine Nebenrolle spielen) und diesen dennoch im Rahmen der vom Narrativ dominierten Signifikantenketten zu belassen (im Gegensatz zum deterritorialisierten Domino). Der Anteil digital nachbearbeiteter Bilder ist wahrscheinlich noch höer als in Domino (wenn er nicht in beiden Fällen bereits bei 100% liegt), doch die Technik geht eine (unheinvolle?) Allianz mit den Filmcharakteren ein. Die stilisierten, jeder Dreidimensionalität beraubten Hintergründe - selbst eine Treppe verwandelt sich in Sekundenbruchteilen in ein abstraktes Muster - erscheinen als Funktionen der Figuren, bzw. deren Innerlichkeit und so als Strukturnotwendigkeit des Films. Am Ende, in den letzten Einstellungen, ist das Bild von digitalen Schlieren überzogen, die aber seltsamerweise davor zurückschrecken zu scheinen, die Filmfiguren zu konsumieren, die ja eigentlich aus anderem Stoff sind, anachronistisch.
Wie auch immer man zu dem Film stehen mag (ich mag ihn nicht): Stay ist sicherlich unter den drei besprochenen Filmen derjenige, anhand welchem sich am ehesten Aussagen über das Kino der Zukunft treffen lassen. Während Domino eine Ästhetik kultiviert, die doch etwas zu anarchisch ist, um dauerhaft im Mainstream bestand zu haben und Marshalls vulgär kunstgeschichtlicher Ansatz ist wohl nur in begrenztem Maße fruchtbar zu machen. In Stay dagegen behält die Menschheit auf groteke Weise die Deutungshoheit, die digitalen Welten werden wieder auf den Status von Projektionen zurück gebunden und damit rein funktional. Dieses Konzeot dürfte anschlussfähig genug sein.
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